CoronaGesellschaft

Was wir in Luxemburg JETZT tun sollten

Ich habe am 4. Juli 2020 unter dem Titel Quo vadis, Luxemburg? einen Artikel veröffentlicht, der auf ein ziemlich geteiltes Echo gestoßen ist. Während ein Großteil meiner Leser mit meinen Schlussfolgerungen durchaus einverstanden war, habe ich doch auch einige Vorwürfe zu „Panikmache“ und „ungenügender Berücksichtigung der Kliniksituation“ bekommen.

Eigentlich sollte sich dieser Artikel mit genau diesen Kommentaren befassen und über einige Irrtümer aufklären, als Titel war ursprünglich „Die Verjüngung der Corona-Fälle in Luxemburg“ geplant.

Aber die Entwicklung der Neu-Infektionen in Luxemburg lässt sich mittlerweile kaum noch beschönigen oder kleinreden. Luxemburg wird mittlerweile von vielen anderen Ländern als Risikogebiet angesehen, und diese Einschätzung ist leider nicht ungerechtfertigt. Deswegen hat sich der Kontext dieses Artikels entsprechend verändert, ich möchte jetzt eher beleuchten, warum es tatsächlich so schlimm gekommen ist.

Die aktuellen Zahlen

Schon vor einer guten Woche sah die Entwicklung in Luxemburg wie der Beginn einer zweiten Pandemie-Welle aus. An diesem Bild hat sich seither nichts geändert, der Eindruck hat eher zugenommen.

Neu-Infektionen Luxemburg – 04.07.2020
Neu-Infektionen Luxemburg – 14.07.2020

Hinzu kommt ein zweiter Effekt. Denn im Zeitverlauf ist ziemlich deutlich sichtbar, dass sich die Altersstruktur der aktiv Infizierten in Luxemburg geändert hat.

In der folgenden Tabelle sehen Sie die Altersstruktur der aktiv Infizierten in Luxemburg, jeweils für den Montag der jeweiligen Woche vom 25. Mai 2020 (ganz rechts) bis zum 13. Juli 2020. Die Anteilszahlen in % sind mit dem Anteil der jeweiligen Altersgruppe in der Bevölkerung gewichtet, der Wert gibt also an, ob die jeweilige Altersgruppe der Infizierten unterproportional (Werte unter 100 %) oder überproportional (Werte über 100 %) betroffen ist.

Seit Mitte Juni nimmt der Wert der älteren Personen (über 70 Jahre) ständig ab, der Schwerpunkt des Infektionsgeschehens verschiebt sich zu jüngeren Personen. Besonders betroffen sind hier die Altersgruppen zwischen 15 und 39 Jahren.

Anmerkung: Die vom luxemburgischen Gesundheits-Ministerium herausgegebenen Zahlen sind leider nicht exakt und enthalten teils starke Rundungsfehler, besonders in der täglich aktualisierten Grafik. Eine bessere Datenqualität gibt es auf der Seite donnéeën.lu von Ben Elsen, bei dem ich mich auf diesem Wege herzlich für die geleistete Arbeit bedanken möchte. Interessanter als die Daten zu den aktiven Infektionen wäre eine Aufteilung nach Altersgruppen für alle bisherigen Infizierten, die vom Gesundheits-Ministerium aber leider nicht zur Verfügung gestellt wird.

Was lässt sich aus diesen Zahlen folgern

Aus den oben genannten Zahlen und aus der Entwicklung ergeben sich nahezu zwangsläufig einige Schlussfolgerungen, die den meisten Lesern (wie übrigens auch mir selbst) nicht im Mindesten gefallen werden.

Luxemburg ist in einer gefährlichen Situation

Die Entscheidung des Staatsrates zur Ablehnung der Einschränkungen im privaten Bereich, die in den ursprünglich vorgelegten COVID-Gesetzen enthalten waren, mag aus den damaligen Zahlen heraus begründet gewesen sein. Besonders durchdacht war diese Entscheidung (und der Applaus der luxemburgischen Opposition für diese Entscheidung) allerdings nicht, weil die Folgen schon damals durchaus absehbar gewesen sind. Der luxemburgische Staatsrat hat sich hier entgegen dem Rat der Experten für die Freiheit des Einzelnen und den Datenschutz eingesetzt und dies offenbar höher bewertet als die Abwendung einer Pandemie. Diese Entscheidung hat dazu geführt

  • dass die Einschränkungen im privaten Bereich vollständig entfallen sind und durch Empfehlungen ersetzt wurden,
  • dass die Ordnungskräfte in vielen Fällen nicht mehr gegen fehlende Schutzmaßnahmen vorgehen konnten, weil diese Verstösse im privaten Bereich (auch in privatisierten Gaststätten) stattfanden,
  • dass sich in einem großen Teil der Bevölkerung eine völlige Sorglosigkeit hinsichtlich des nach wie vor kursierenden SARS-CoV-2-Virus breitgemacht hat.

Was dann wiederum insgesamt zu einem Verhalten von Teilen der Bevölkerung geführt hat, das man, vorsichtig ausgedrückt, als recht idiotisch und egoistisch bezeichnen könnte.

Private Feiern

Zunächst einmal haben sich viele (meist jüngere) Personen nicht mehr um die verbleibenden Schutzmaßnahmen gekümmert, das Gefühl „Wir haben’s überstanden“ wurde zum Leitmotto. Infolgedessen wurden dann zunächst einmal die bisher verbotenen Partys und Treffen nachgeholt. Denn aufgrund der Entscheidung des Staatsrats war dies (und ist es prinzipiell bis heute) zumindest im Privatbereich ganz nach Lust und Laune möglich.

Auf vielen dieser privaten Feiern und in vielen Gaststätten wurde ganz offenbar auf alle Schutzmaßnahmen verzichtet, gerade in Innenräumen stellt so etwas für ein hochinfektiöses Atemwegs-Virus wie SARS-CoV-2 eine nahezu ideale Verbreitungs-Möglichkeit dar.

Wozu übrigens recht gut eine aktuelle Meldung von N-TV passt: „Mehrere junge Menschen wollen bei einer Party in Texas herausfinden, ob das Corona-Virus wirklich existiert – für einen 30-Jährigen endet dieses gefährliche „Experiment“ tödlich. Der Mann hatte das Virus für einen „Schwindel“ gehalten und sich selbst für „unbesiegbar“.“ Den gesamten Artikel finden Sie bei Interesse hier bei N-TV.

Das Large-Scale-Testing ist alleine nicht ausreichend

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass ein vermehrtes Testen eine gute Idee darstellt. Aber, das habe ich auch schon im Artikel Corona-Tests als Basis für eine Exit-Strategie vom 2. Mai 2020 in diesem Blog so dargestellt, PCR-Tests alleine können keine Basis für eine Exit-Strategie sein.

Sicherlich werden mit diesen Tests asymptomatische Personen in der Bevölkerung gefunden, die ansonsten andere Personen anstecken könnten. Aber sie werden eben nicht schnell genug gefunden. Denn diese Personen sind nur innerhalb der ersten zwei bis drei Tage nach Auftreten des Virus im Rachenraum hochinfektiös, das Testresultat dürfte nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit daher eher zu spät vorliegen. Und die eventuelle Nachverfolgung der potentiellen Kontakte gestaltet sich schwierig bis unmöglich, weil sich die meisten Menschen kaum an ihre Kontakte der letzten Tage erinnern können und es so etwas wie eine Tracing-App in Luxemburg nicht gibt.

Die vorliegenden Zahlen weisen jedenfalls klar auf das Problem hin. Nur rund 10-12 % der positiven Testresultate kommen aus den Large-Scale-Testing, dass allerdings rund 75 % der insgesamt durchgeführten Tests ausmacht. Heruntergerechnet auf die Zahlen von heute (13. Juli 2020) würde das so ungefähr folgendes bedeuten:

  • Mit rund 211.000 Tests wurden im Large-Scale-Testing um die 500 Infizierte entdeckt (das entspricht einer Positivrate um 0,25 %)
  • Mit rund 70.000 Tests wurden in den restlichen Tests um die 4.500 Infizierte entdeckt (das entspricht einer Positivrate von um die 6,4 %)

Diese Zahlen sind annähernd und alles andere als genau, aber sie liefern einen weiteren Anhaltspunkt für die Folgerung, dass Massentests auf Basis von PCR-Tests als Mittel zur Kontrolle einer Pandemie eben nicht sonderlich geeignet sind.

Andererseits ist es aber auch so, dass in Luxemburg durch das großflächige Testen mehr infizierte Personen entdeckt werden, als dies in den Nachbarländern der Fall ist. Das zeigt ein Blick auf die sogenannte Fallsterblichkeit (CFR), die in Luxemburg mit 2,2 % deutlich unterhalb der der Nachbarländer liegt. In Deutschland beträgt die CFR 4,5 %, in Frankreich 14,3 % und in Belgien 15,6 %. Bei einer gleichen Anzahl von Tests sollte dieser Wert in allen Ländern eigentlich ähnlich hoch liegen, ein höherer CFR spricht für eine geringere Testanzahl. Man kann das auch durchaus proportional sehen und sagen, dass in Luxemburg wohl rund doppelt so viel wie in Deutschland und sechsmal so viel wie in Frankreich getestet wird.

Allerdings heißt das nicht, das Luxemburg nur aufgrund des Large-Scale-Testing jetzt in dieser Situation wäre. Durch das Testprogramm werden nur 10 % der Infektionen entdeckt, 90 % der positiv getesteten Menschen lassen sich aus eigenem Antrieb testen. Selbst ohne das großflächige Testen wäre die Situation also auch nicht erheblich besser.

Damit ist das Large-Scale-Testing sicher noch immer nicht das perfekte Mittel zur Kontrolle dieser Pandemie. Aber es trägt durch die Entdeckung ansonsten unerkannter Infizierter trotzdem zumindest mit dazu bei. Deswegen ist eine breite Teilnahme an diesen Tests nach wie vor sehr wichtig. Denn jeder auf diese Weise entdeckte aktiv Infizierte trägt mit dazu bei, dass sich das Infektionsgeschehen ein wenig verlangsamt. Deswegen kann das Large-Scale-Testing in Luxemburg durchaus den Unterschied zwischen „Katastrophe“ und „beherrschbarem Verlauf“ ausmachen. Aber dafür müssen auch wirklich alle, gerade auch die Jüngeren mitmachen. Also lassen Sie sich bitte testen, wenn Sie die Möglichkeit dazu haben.

Die Schulen als mögliche Pandemie-Treiber

Die derzeitige Verlagerung des Infektionsgeschehens in die jüngeren Altersgruppen, speziell in die Gruppe der 15 – 19-jährigen, wirft einige Fragen bezüglich der erfolgten Schulöffnungen auf. Denn die Wissenschaft ist sich relativ einig darüber, dass Menschen ab ungefähr 14 – 15 Jahren ein ähnliches Ansteckungsverhalten wie Erwachsene aufweisen.

In Luxemburger Schulen sind bislang mindestens 60 Schüler und sieben Lehrkräfte positiv auf Covid-19 getestet worden, mindesten 15 Klassen befinden sich in Quarantäne. Die Zahlen entstammen einer Pressekonferenz von Claude Meisch am 10. Juli 2020 und spiegeln den Stand des Vortags wieder, sie dürften mittlerweile wohl deutlich höher sein.

Laut Angaben des Bildungsministers in der oben erwähnten Pressekonferenz hat sich keiner dieser Schüler in den jeweiligen Schulen infiziert, die Infektionen seien von außen in die Schulen hineingetragen worden. Woher der Minister diese Sicherheit nimmt, geht aus der Presskonferenz leider nicht hervor.

Normalerweise erfolgt die Nachverfolgung einzelner Infektionsketten durch Testung aller möglichen Kontakte und durch Genomanalysen bei den positiv getesteten Personen. Weder eine umfassende Kontaktnachverfolgung noch eine Genomanalyse ist allerdings in wenigen Tagen machbar. Insofern erscheint die Versicherung des Ministers, dass keine Infektionen in Schulen vorkommen würden, zumindest etwas voreilig und vielleicht zu beruhigend.

Nur zur Erinnerung: In Israel wurde bei der gerade grassierenden zweiten Pandemie-Welle die Öffnung der Schulen als einer der Haupttreiber der Pandemie benannt.

Hierzulande ist es nun leider zu spät, um noch irgend etwas an den Tatsachen zu ändern, zumindest dieses Problem wird sich kurzfristig durch den Beginn der Sommerferien von ganz alleine lösen. Aber das Thema wird spätestens zum Beginn des nächsten Schuljahres wieder aktuell werden, denn diese Pandemie wird uns noch eine ganze Weile beschäftigen. Bleibt zu hoffen, dass bis dahin zumindest aussagekräftige und nachvollziehbare Informationen über das bisherige Infektionsgeschehen in den Schulen in den zwei Wochen der vollständigen Öffnung vorliegen.

Mehr über das Thema finden Sie bei Interesse in mehreren Artikeln in diesem Blog:

Die großflächige Verbreitung

Mittlerweile ist das SARS-CoV-2-Virus in Luxemburg wieder weit verbreitet. Dafür spricht zunächst einmal der Fakt, dass die jetzt festgestellten Infektionen nicht aus größeren Clustern zu stammen scheinen. Erhärtet wird diese Annahme durch die vom Luxembourg Institute of Science and Technology (LIST) im Rahmen der Studie Coronastep durchgeführten landesweiten Abwassertests.

Diese Tests beruhen auf der schon länger bekannten Tatsache, dass das SARS-CoV-2-Virus im Stuhlgang des Menschen nachweisbar ist (übrigens handelt es sich hierbei nach aktuellem Wissensstand um totes Virenmaterial, eine Ansteckungsgefahr besteht daher nicht).

Während das SARS-CoV-2-Virus zwischenzeitlich nahezu aus dem Abwasser verschwunden war, ist es seit dem 25. Juni wieder landesweit im Abwasser nachweisbar. Das LIST gibt an, dass ungefähr 20 infizierte Personen im Einzugsgebiet einer Kläranlage ausreichen, um das Virus im Abwasser zweifelsfrei nachzuweisen.

Der vermehrte Nachweis des Virus in den luxemburgischen Kläranlagen weist mehr als deutlich darauf hin, dass es mittlerweile bereits zur Bildung unentdeckter (landesweiter) Infektionsketten gekommen sein muss.

Die Situation in den Kliniken

Eine Folge des vermehrten Auftretens von Neu-Infektionen dürfte darin bestehen, dass stark symptomatische Fälle vermutlich erst mit einer gewissen Verzögerung auftreten. Das liegt ganz einfach daran, dass jüngere Menschen weniger häufig schwer an Covid-19 erkranken.

Allerdings wird die Anzahl der Neu-Infektionen trotzdem einen Einfluss auf die Belegung der Klinikbetten haben. Denn auch einige jüngere Menschen werden Symptome entwickeln, die einen Klinikaufenthalt nach sich ziehen werden. Allerdings treten schwere Symptome im Allgemeinen erst dann auf, wenn das SARS-CoV-2-Virus nicht mehr im Rachenraum, sondern im Lungenbereich repliziert. Und dieses Stadium der Krankheit wird erst ungefähr ein bis zwei Wochen nach einem positiven PCR-Test erreicht (abhängig vom Zeitpunkt des PCR-Tests).

Außerdem, und das wiegt schwerer, sorgt das asymptomatische (oder von nur geringfügigen Symptomen begleitete) Krankheitsbild bei jüngeren Menschen vielfach dafür, dass sie eine Corona-Infektion nicht einmal bemerken. Wenn diese asymptomatischen Träger nicht zufällig durch einen Test (siehe oben) entdeckt werden, verbreiten sie das Virus völlig unbemerkt ständig weiter. Und bis dann auch wieder vermehrt die Risiko-Personen infiziert werden, die wir ja eigentlich schützen wollten, ist wohl leider nur eine Frage der Zeit.

Die tatsächlichen Auswirkungen des Infektionsgeschehens auf die Situation in den Kliniken lässt sich deswegen derzeit noch kaum beurteilen, erst in ein bis zwei Wochen werden die Resultate vollständig sichtbar werden. Der Trend einer stärkeren Bettenbelegung als Folge der Neu-Infektionen ist allerdings, ebenso wie die Verzögerung bei der Bettenbelegung, in der Grafik deutlich sichtbar.

Der Einfluss der Dunkelziffer der aktiv Infizierten

Aus den ersten Resultaten der Antikörper-Tests aus der luxemburgischen ConVince-Studie ergibt sich eine Seroprävalenz (Häufigkeit der Antikörper im Blut) von 3,01 %. Das würde bedeuten, das rund 18.000 Menschen in Luxemburg bereits eine Covid-19-Erkrankung durchgemacht haben (das Luxemburger Wort berichtete hier).

Ein ähnliches Bild ergibt sich aus einer Hochrechnung der Anzahl der Infizierten auf Basis einer angenommenen Infektionssterblichkeit von 0,60 %, wie Sie aus der untenstehenden Grafik ersehen können. Auch hier ergeben sich um die 18.000 tatsächlich Infizierte für Luxemburg.

Man kann also nach beiden Prognosen davon ausgehen, dass die Dunkelziffer der Infizierten irgendwo zwischen zwei- und dreimal höher liegt, als die offizielle Zahl der positiv getesteten Personen.

Wenn wir also von der offiziellen Zahl von 728 aktiv Infizierten (Stand: 12. Juli 2020) ausgehen, dann sollten dazu noch einmal 1.500 bis 2.000 unerkannte aktive Infizierte kommen.

Genau diese unerkannten Infizierten stellen unser Problem dar. Die bekannten Infizierten sind nämlich positiv getestet worden, sind deswegen in Quarantäne und können keinen anderen mehr anstecken. Aber die restlichen 1.500 bis 2.000 derzeit infektiösen Personen gehen munter auf Partys, in Schulen oder in Geschäfte und stecken andere Menschen an. Und zwar, weil sie gar nichts von ihrer Infektion wissen.

Wie sollte Luxemburg reagieren?

Eine persönliche Bemerkung vorab: es ist mir durchaus bewusst, dass mich einige Leute aufgrund dieses Artikels erneut der Panikmache bezichtigen werden. Das ist mir schon deswegen relativ egal, weil wir uns meiner Ansicht nach in einem gefährlichen Stadium dieser Pandemie befinden. Und ich möchte mir nicht vorwerfen müssen, dass ich meine Meinung zum Thema nicht laut und deutlich gesagt und geschrieben hätte. Daher werde ich diese schon heute absehbare Kritik gerne in Kauf nehmen.

Und ich möchte auch nicht groß um das Problem herumreden. Denn die Situation in Luxemburg ist kritisch und wir riskieren gerade eine möglicherweise nicht mehr kontrollierbare Verbreitung des neuen Corona-Virus. Und ich denke, das uns nicht mehr allzu viel Zeit bleibt, um dieses Problem in den Griff zu bekommen.

Deswegen möchte ich jeden Einzelnen von Ihnen um Folgendes bitten:

  • Lassen Sie sich testen, wenn Sie die Möglichkeit haben. Denn jeder einzelne asymptomatische Infizierte, den wir frühzeitig erkennen, macht das Problem ein klein wenig kleiner.
  • Beschränken Sie ihre Kontakte auf das Notwendigste. Denn nur dann, wenn Sie wissen, mit wem Sie in letzter Zeit engeren Kontakt hatten, ist im Falle des Falles eine Nachverfolgung möglich. Und diese Nachverfolgung ist wichtig, denn Sie kann Leben retten.
  • Unterlassen Sie Feiern mit vielen Personen. Sicher, feiern macht Spaß und es fehlt uns allen. Aber größere Menschenmengen in Feierlaune passen nicht in die jetzige Zeit. Also lassen Sie es bitte bleiben und nehmen Sie etwas Rücksicht auf die anderen Menschen, die Sie sonst möglicherweise anstecken werden.
  • Tragen Sie die verdammte Maske. Mir macht das Ding auch kein Vergnügen. Aber ein Mund-Nasen-Schutz kann auch dann Menschenleben retten, wenn er nur teilweise wirksam ist. Sie tun es für andere, nicht für sich selbst, deswegen ist das Nichttragen ein Zeichen von purem Egoismus.
  • Hören Sie auf mit dem Populismus. Ein Virus ist kein politischer Gegner, es schert sich einen Dreck um Sie und ihre politischen Einstellungen. Und es ist auch kein Modellfall für angewandte Oppositionsarbeit. Sehen Sie sich die USA und Brasilien an und stellen Sie sich einmal die Frage, ob Sie für so etwas verantwortlich sein möchten.
  • Treten Sie Falschaussagen entschieden entgegen. Diskussion ist gut und muss ein. Aber diskutieren Sie nicht mit Leuten, die nur Behauptungen aufstellen und keine Fakten anbieten. Treten Sie Menschen entgegen, die die derzeitige Situation verharmlosen möchten. Weil irgendjemand anders diesen Menschen vielleicht glauben könnte, wenn niemand auf solche Kommentare antwortet.
  • Wenn Sie in einem Café oder Restaurant arbeiten, dann stellen Sie bitte sicher, dass sich Ihre Gäste an die Richtlinien halten. Vielleicht werden Sie deswegen den einen oder anderen Gast verlieren und das eine oder andere Getränk weniger verkaufen. Aber Sie werden auch Ihren Teil dazu beitragen, dass es im Hotel- und Gaststättengewerbe nicht wieder zu neuen Schließungen kommt. Und ein Getränk weniger zu verkaufen, wird Sie vermutlich weniger Geld kosten, als es eine erneute Schließung täte.
  • Vermeiden Sie längere Aufenthalten in Innenräumen. Die Aerosol-Übertragung stellt ein zu Beginn dieser Pandemie stark unterschätztes Problem dar, mittlerweile scheint sich dieser Übertragungsweg zu einem der Haupttreiber der Infektion zu entwickeln. Wenn Sie längere Zeit in einem Innenraum mit ungenügender Belüftung und vielen Menschen verbringen, setzen Sie sich einem nicht unerheblichen Infektionsrisiko aus. Weitere Informationen dazu finden Sie im Artikel Die Übertragungswege und ihre Folgen in diesem Blog.
  • Wenn Sie zur jüngeren Bevölkerung zählen und für sich selbst kein Risiko sehen, sollten Sie sich zwei Dinge vor Augen führen. Einerseits stimmt es nicht, dass für Sie kein Risiko besteht. Denn auch jüngere Menschen können durchaus ernsthaft an Covid-19 erkranken und auch daran sterben. Und andererseits könnten Sie als asymptomatisch Erkrankter unwissentlich andere Menschen (Eltern, Großeltern, Bekannte) infizieren, bei denen die Krankheit dann schwerer verläuft als bei Ihnen selbst und an deren Tod Sie vermutlich nicht schuld sein möchten.

Letztlich läuft alles darauf hinaus, dass wir alle JETZT NOCH die Wahl haben. Wir können uns entweder so gut wie möglich an die Empfehlungen (Distanz, Maske, Hygiene usw.) halten und versuchen, ein wenig solidarisch zu sein. Oder wir können es lassen und uns schon einmal seelisch auf den nächsten Lockdown vorbereiten.

Ich würde mich wirklich freuen, wenn wir alle uns FÜR Solidarität und Zivilcourage und GEGEN den Egoismus entscheiden würden.

Die Alternative dürfte darin bestehen, dass die Regierung wieder neue und strikte Einschränkungen beschließen muss. Oder dass Luxemburg doch irgendwie zu einer Insel wird, weil andere Länder Menschen aus einem Hochrisikoland schlicht nicht mehr einreisen lassen möchten. Und beides wollen wir doch nicht wirklich, oder?

Falls der Anstieg der Fälle in Luxemburg in dieser Form weitergehen sollte, wäre eventuell auch ein Nachdenken über das Vorgehen von Kalifornien angeraten, über das beispielsweise hier in der FAZ berichtet wird. Dort wurde durch den Gouverneur aufgrund der ansteigenden Fallzahlen gerade die Schließung von Bars, Kinos, Zoos und Museen angeordnet, Gaststätten müssen darüberhinaus die Bewirtung in geschlossenen Räumen einstellen. Einige Schulbezirke haben bereits jetzt angekündigt, dass der gesamte Unterricht nach den Sommerferien zunächst einmal online ablaufen wird.

Ich hoffe nicht, dass wir es in Luxemburg so weit kommen lassen, aber ausschließen lassen sich solche neuerlichen Einschränkungen in der derzeitigen Situation sicherlich nicht.

Übrigens warnt auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gerade wieder mit klaren Worten vor dem Unterschätzen der Gefahren durch verschiedene Länder. Der Chef der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, sagte vor Reportern in Genf „Das Virus bleibt Staatsfeind Nummer eins, doch die Aktionen vieler Regierungen und Menschen spiegeln das nicht wider“ (einen Bericht darüber finden Sie beispielsweise hier in der WELT). Luxemburg gehört momentan nicht zu den hier angesprochenen Ländern, und wenn wir jetzt alle gemeinsam an einem Strang ziehen, dann wird das hoffentlich auch in Zukunft so bleiben.

Mehr Informationen über die Einteilung von Luxemburg als Risikogebiet und warum diese Einteilung grundfalsch ist, finden Sie übrigens auch im Artikel Warum Luxemburg kein Risiko für seine Nachbarn ist in diesem Blog.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Der Autor ist freiberuflicher Autor, Texter und Web-Entwickler mit Sitz in Luxemburg. Er ist diplomierter Informatiker und Statistiker und verfügt über jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Er publiziert Artikel zu Themen rund um Gesellschaft, Internet und verschiedene Wissenschaftsgebiete in seinem eigenen Blog und in verschiedenen Foren.

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2 Comments

  1. Schon mal aufgefallen, dass in Luxemburg 17 mal mehr getestet wird als in Deutschland? Natürlich gehen dann die Infiziertenzahlen nach oben. Außerdem wird in Luxemburg landesweit u d in Deutschland nur in Krisengebieten getestet.
    Mal ne simple Rechnung:
    Deutschland testet 0,9% der Bevölkerung pro Tag
    Luxemburg im gleichen Zeitraum 1,5% der Bevölkerung
    Also müssten in Luxemburg 17-mal weniger Fälle gefunden werden, würde Luxemburg so wenig Testen wie Deutschland.
    Also:
    In Luxemburg liegt die Rate momentan bei 130 Infizierte pro 100 000 EW kumulativ über die letzten sieben Tage. Umgerechnet imt dem Faktor 17 wären das 7,5 Fälle pro 100 000 Einwohner über die letzte Woche.

    In Deutschland dagegen liegt die Rate momentan bei 4 Fälle pro 100 000 EW. Würde Deutschland so viel Testen wie Luxemburg, hätte Deutschland auch eine hohe Rate von ca. 67 Fällen pro 100 000EW.

    Also müsste man Luxemburg aus der Liste der Kriesengebiete streichen, oder mann müste Deutschland und andere Staaten auch hinzufügen.

    Ich glaube das bekommt auch das Robert-Koch Institut hin.

    Also zu behaubten, dass alle in Luxemburg jetzt feiern gehn oder zu dumm sind, die Masken aufzusetzen ist also mehr als nur ungerechtfertigt und eine regelrechte Beleidigung gegen alle, die sich in den letzten Monaten bemüht haben. Aus eigener Erfahrung muss ich auch sagen, dass in Luxemburg generall eine hohe Bereitschaft für Teste und Corona-Maßnamen gibt, und von illegalen Feiern keine Spur herrscht.

    Danke für ihr Verständnis

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