Corona

Über Europa und die Frage, ob das Vereinigte Königreich gut für den Winter gerüstet ist…

Dies ist eine Übersetzung eines englischsprachigen Artikels von Prof. Christina Pagel, die ich mit ihrer freundlichen Genehmigung hier im Blog veröffentliche. Sie können (und sollten) ihr auf Twitter unter https://twitter.com/chrischirp folgen. Etwaige Übersetzungsfehler und Ungereimtheiten in der Übersetzung gehen allein auf mein Konto.

Große Teile Europas befinden sich derzeit in einer schwierigen Lage. Aber das Vereinigte Königreich befindet sich seit Juni in einer schwierigen Lage, in der es viel mehr Krankheiten und Todesfälle gibt, und das ist immer noch so.

Konzentrieren wir uns auf Westeuropa, wo die Impfquoten und das Umfeld ähnlicher sind – Osteuropa befindet sich in einer eigenen Welt des Schmerzes, vor allem aufgrund einer Bevölkerung mit bestehenden Gesundheitsproblemen und einer niedrigen Impfquote, insbesondere bei gefährdeten Personen.

Viele Länder in Westeuropa erleben einen schlimmen Covid-Anstieg – sowohl bei den Fällen als auch bei den Todesfällen – jedes aus einer eigenen Kombination von Gründen wie Maßnahmen, Verhaltensweisen, Impfraten und nachlassendem Impfschutz.

Die meisten dieser Länder haben ähnliche Impfquoten wie das Vereinigte Königreich, aber sie sind mit den Auffrischungs-Impfungen später dran (sie haben allerdings auch später mit den Impfungen begonnen, so dass der Impfschutz später nachlässt).

Im Vereinigten Königreich gibt es keine so großen Steigerungen. ABER das liegt daran, dass wir den Infektionsgipfel bereits im Juli überschritten haben und seitdem auf dem Infektionskamm geblieben sind.

Daraus ergibt sich eine sehr große Belastung durch vermeidbare Erkrankungen und Todesfälle.

Im Vergleich zu Nachbarländern ähnlicher Größe (Italien 60 Mio., Spanien 47 Mio., Frankreich 67 Mio., Deutschland 83 Mio., Vereinigtes Königreich 67 Mio.) hatten wir weit mehr bestätigte Infektionen – über 5 Millionen seit dem 1. Juli gegenüber 1,7 Millionen im nächstgrößeren Deutschland.

Dies ist zwar zum Teil auf Unterschiede bei den Tests zurückzuführen, aber sicher nicht ausschließlich. Das Vereinigte Königreich hat seit dem 1. Juli fast 16.000 Todesfälle gemeldet, gegenüber 8.000 in Deutschland und 5.700 in Italien.

6.000 Todesfälle im Vereinigten Königreich betrafen Menschen über 60 Jahre, die zwischen dem 1. Juli und dem 30. September 2021 starben. Allein im Oktober starben beinahe 3.000 weitere Menschen über 60 Jahre.

Viele hätten von einer Auffrischungsimpfung in diesem Herbst profitiert und wären noch am Leben, aber sie bekamen keine Chance, weil wir so viele Fälle toleriert haben.

Seit dem 1. Juli hatten wir in England über 100.000 Krankenhauseinweisungen. 45.000 davon betrafen die über 65-Jährigen. Sie hätten mit der Auffrischungsimpfung größtenteils verhindert werden können.

24.000 Krankenhauseinweisungen alleine im Juli und August betrafen 18- bis 64-Jährige – wie viele davon betrafen jüngere Erwachsene, die noch keine Gelegenheit hatten, sich doppelt impfen zu lassen?

Was ist mit Kindern?

Seit dem 1. Juli gab es fast 3 000 Neuaufnahmen bei den 6- bis 17-Jährigen. Viele davon hätten durch die Impfung von Teenagern verhindert werden können.

Die Zahl der Neuaufnahmen bei den 6- bis 17-Jährigen ist nach wie vor relativ hoch – wie viele mehr hätten verhindert werden können, wenn wir die Fallanzahl gedrückt hätten, bis auch die 5- bis 11-Jährigen sich hätten impfen lassen können?

Auch die Zahl der Long-Covid-Fälle ist stark angestiegen, insbesondere bei jungen Menschen, die im Juli und August die Hauptlast der Infektionen trugen.

Das wird sich in diesem Herbst nur noch verschlimmern.

Verfügt das Vereinigte Königreich jetzt also über einen recht guten Schutz durch ein hohes Maß an infektionsbedingter Immunität plus Impfung plus Auffrischung? Ja, das tut es.

Aber nur deshalb, weil wir die hohe Belastung durch Krankheiten, Krankenhauseinweisungen und Todesfälle FÜNF MONATE lang hingenommen haben.

Andere Länder tolerieren das nicht und ergreifen Maßnahmen zur Reduzierung. Währenddessen klopfen wir uns selbst auf die Schulter – und wofür?

Buchstäblich Tausende von Menschen mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden oder starben, bevor sie die Chance auf eine Auffrischungsimpfung oder (bei jungen Menschen) die Erst- und Zweit-Impfung hatten.

Je mehr Immunität ein Land hat, desto besser sind seine Chancen.

Aber es gibt einen sicheren Weg (Impfung) und einen unsicheren Weg (Infektion), um zu dieser Immunität zu gelangen.

Wir hatten Zugang zum sicheren Weg, aber wir beglückwünschen uns, dass wir den unsicheren Weg gewählt haben. Das ist Wahnsinn!

Und wir haben den NHS (Anm.: der National Health Service ist das staatliche Gesundheitssystem in Großbritannien und Nordirland) nicht geschützt – wenn Sie glauben, dass der NHS gut zurechtkommt, dann sprechen Sie mit jemandem, der in letzter Zeit in der Notaufnahme war, auf seine Behandlung wartet oder dort arbeitet. Die Lage ist wirklich sehr schlecht.

@ShaunLintern hat großartig darüber berichtet.

In vielen (aber nicht in allen) europäischen Ländern herrscht im Moment ebenfalls ein echtes Chaos. Wir werden sehen, was in den nächsten Monaten mit ihnen geschieht. Ihre Probleme entschuldigen in keiner Weise die Belastung durch vermeidbare Krankheit und Tod, die das Vereinigte Königreich in den letzten FÜNF Monaten toleriert hat.

An diejenigen, die sagen, dass Impfstoffe erstaunlich sind und uns in diesem Winter retten werden: ja, sie sind erstaunlich und sie werden Tausende von Leben retten. Aber Tausende starben in diesem Sommer, bevor sie die Chance hatten, diese Impfstoffe zu bekommen.

Und zumindest für die nächsten Monate reichen Impfstoffe allein NICHT aus, um die Zahl der Fälle zu senken. Ich halte es für falsch, sich mit zehntausenden neuen Fällen pro Tag abzufinden.

Unsere Situation bedeutet, dass wir nur sehr wenig brauchen, um die Zahl der Fälle zu senken. Heimarbeit, Masken, sicherere Schulen, Kinderimpfungen, Auffrischungsimpfungen für alle Erwachsenen – all das wird Auswirkungen haben.

England ist so ziemlich das einzige Land, das nichts tut.

Anmerkung: ich möchte an dieser Stelle auf meinen aktuellen Artikel Die Hütte brennt und wir sehen das Feuer nicht verweisen, aus dem klar werden sollte, dass auch einige europäische Länder (zu denen unglücklicherweise auch Deutschland und Luxemburg gehören) viel zu wenig gegen eine absehbare Entwicklung übernehmen. Wir müssen JETZT handeln, wenn wir nicht in eine ähnliche Problematik wie Großbritannien (oder schlimmer, weil diese Entwicklung bei uns in den Herbst- und Wintermonaten passiert kommen möchten.

Den Original-Thread mit allen Kommentaren gibt’s übrigens hier :

Christina Pagel

Prof. Christina Pagel ist Professorin für Operational Research und Leiterin der Clinical Operational Research Unit am University College London (UCL) und Mitglied von Independent SAGE, einer Gruppe von Wissenschaftlern, die die britische Regierung und die Öffentlichkeit unabhängig bezüglich der Bewältigung der COVID-19-Krise berät.

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