Corona

Die Durchseuchung von Kindern und Jugendlichen muss aufhören

Zuletzt aktualisiert am 1. November 2021 von Claus Nehring

In Deutschland geht gerade durch die Medien, dass der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Dr. med. Thomas Fischbach, sich für eine Abschaffung der regelmäßigen Corona-Tests an Schulen ausgesprochen hat. Die Begründung dafür ist nicht ganz neu: „Kinder erkranken selten schwer an Covid-19“ (siehe beispielsweise hier beim RND).

Ganz ähnlich hat es der luxemburgische Bildungsminister Claude Meisch zum Schulanfang nach den Sommerferien (in Luxemburg immer am 15. September) in einem Interview mit dem Tageblatt ausgedrückt. Er sagte dort unter anderem „Generell höre ich immer noch, dass es keine größeren gesundheitlichen Risiken für Kinder und Jugendliche gibt, die positiv sind. Wenn wir die Schulen weiter einem sanitären Konzept unterwerfen, ist dies vor allem, um auch neue Infektionen in anderen Bevölkerungskategorien zu vermeiden. Dazu zählen Erwachsene ab 40 Jahren, die nicht geimpft sind. Diese sanitären Maßnahmen an den Schulen sind nicht primär gedacht, um die jungen Leute zu schützen.“.

Solche und ähnliche Sprüche hört man von Politikern und Funktionären recht oft. Wahr sind sie deswegen noch lange nicht, Covid-19 kann auch bei jungen Menschen zu schweren Verläufen führen und auch ein milder Krankheitsverlauf kann zu schweren Folgeschäden führen.

Hier werden Gefahren bewusst heruntergespielt, damit nur ja keine Eltern auf die Idee kommen, dass die Schule in irgendeiner Form gefährlich sein könnte. Denn vernünftige Maßnahmen wie eine Maskenpflicht im Unterricht, ein vernünftiges Lüftungskonzept oder regelmäßige Tests und Quarantäne-Anordnungen für ganze Klassen (weil eine Quarantäne einzelner Schüler eher wenig Sinn macht) könnten ja vielleicht dazu führen, dass Eltern sich Sorgen um die Gesundheit ihrer Kinder machen. Und dann möglicherweise Maßnahmen fordern, die entweder Geld kosten (tägliche Tests wären so ein Beispiel) oder der Wirtschaft schaden (die Quarantäne einer ganzen Klasse könnte dazu führen, dass manche Eltern nicht arbeiten können).

Der oben zitierte Präsident des BVKJ möchte übrigens erreichen, dass die Arztpraxen nicht bei „jedem Schnupfen einen Abstrich“ machen müssen, wie aus diesem Twitter-Tweet des BVKJ hervorgeht. Diese Tests mögen zwar zeitaufwändig sein, aber sie sind alternativlos. Denn Kinder und Jugendliche sind infektiös und bringen andere Menschen (besonders ungeimpfte, von denen es noch viel zu viele gibt) in Gefahr, wenn man die Infektion nicht frühzeitig entdeckt.

Wohlgemerkt, es geht hier nicht darum, dass Schulen geschlossen werden sollten. Das ist weder wünschenswert, weil es für Kinder und Jugendliche viel zu viele Probleme schafft, noch ist es zielführend. Aber wir dürfen auch nicht alle Hygiene-Maßnahmen wegfallen lassen, dazu ist die Delta-Variante viel zu gefährlich und dazu sind noch viel zu viele ungeschützte Menschen unter uns.

Dieser Artikel befasst sich mit den Denkfehlern in den aktuellen Entscheidungen der Politik, mit den Gefahren, die dadurch für die Gesamt-Gesellschaft und jeden Einzelnen entstehen und mit unseren Möglichkeiten, diese Gefahren möglichst gering zu halten. Ich wünsche viel Spaß bei der Lektüre.

Die Denkfehler dieses Konzepts

Der Verzicht auf einige der bisherigen Eindämmungs-Maßnahmen ist noch nicht einmal das Hauptproblem. Die Denkfehler im aktuellen Konzept der Politik liegen vielmehr darin begründet, dass das neue Corona-Virus für Kinder und Jugendliche leider nicht so ungefährlich ist, wie es da angenommen wird und dass dieses Konzept aufgrund der unzureichenden Impfquote viel zu viele Menschen in Gefahr bringt.

In den nächsten Absätzen möchte ich daher zunächst einmal auf die Gefahren für die gesamte Gesellschaft durch die Durchseuchung von Kindern und Jugendlichen eingehen. Mehr zu den Gefahren für die Kinder und Jugendlichen selbst finden Sie dann weiter unten im Abschnitt „Die Gefahren für Kinder und Jugendliche“.

  1. Kinder und Jugendliche können durchaus schwere Covid-19-Verläufe haben, auch wenn das sehr selten vorkommt.
  2. Bei Kindern und Jugendlichen kann es auch bei milden Covid-19-Verläufen zu Folgeschäden, auch schweren, kommen.
  3. Kinder und Jugendliche können andere Menschen infizieren, und zwar auch dann, wenn sie selbst die Erkrankung nicht einmal bemerken. Das macht das Leben für ungeimpfte Erwachsene um einiges gefährlicher und die Kinder und Jugendlichen zu erstklassigen Multiplikatoren.

Die Gefahr für die Gesellschaft

Die Rolle von Schulen (damit meine ich in diesem Artikel die Gesamtheit der Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für junge Menschen) in dieser Pandemie ist mittlerweile eigentlich ziemlich klar. Das Infektions-Niveau in ihnen entwickelt sich leicht überproportional zu dem in der Gesamt-Bevölkerung, jüngere Menschen stellen deswegen zwar keinen Pandemie-Treiber dar, sorgen aber für eine leichte und schnelle Verbreitung des Virus in die Familien- und Freundeskreise hinein.

Das wird sich auch im jetzigen Herbst nicht ändern, weil sich hierzulande unter den bis zu 12- bis 17-Jährigen immer noch rund 17.000 nicht vollständig geimpfte Menschen befinden (in Deutschland sind’s 2,85 Millionen), dazu kommen dann noch einmal über 78.000 Unter-12-Jährige (in Deutschland 6,77 Millionen), die sich mangels zugelassenen Impfstoff momentan nicht impfen lassen können.

Für ein hochinfektiöses respiratorisches Virus wie die Delta-Variante von SARS-CoV-2 stellt so etwas eine ideale Gelegenheit zur Weiterverbreitung dar. Einige Millionen nicht-immuner Menschen, die über Stunden hinweg in den immer gleichen Innenräumen sitzen und die das Virus jeden Tag aufs Neue unbemerkt (weil diese Menschen eben jung sind und meist kaum Symptome zeigen werden) in ihren Familien- und Freundeskreis tragen können.

Sicher, die Kinder selbst werden in den allermeisten Fällen keinen Schaden davontragen. Aber sie können durchaus die ungeimpften Älteren infizieren (in Deutschland gibt’s rund 13,6 Millionen ungeimpfte Über-18-Jährige, in Luxemburg sind’s rund 130.000), die im Falle einer Infektion deutlich gefährdeter sind.

Zur richtigen Einordnung: in Luxemburg haben sich seit Beginn der Epidemie rund 80.000 Menschen nachgewiesenermaßen mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert. Wir haben also derzeit immer noch mehr ungeimpfte Menschen als sich seit Beginn der Pandemie überhaupt infiziert haben und wir haben mit der Delta-Variante ein erheblich infektiöseres Virus als während der letzten Wellen.

Und was man dagegen tun kann

Leider gibt es kein Allheilmittel, bei einer hohen Inzidenz in der Bevölkerung lassen sich Infektionen nicht vermeiden. Man kann nur versuchen, die Anzahl dieser Infektionen so niedrig wie möglich zu halten. Um das zu erreichen, gibt es mehrere Ansatzpunkte (hier in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit).

Möglichst viele geimpfte Menschen

Umso mehr Menschen sich impfen lassen, desto kleiner wird das Problem für uns alle. Denn wir wissen, dass Geimpfte das Virus weniger stark weitergeben als Ungeimpfte, sie schützen mit der Impfung also nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Umfeld.

Eine hohe Impfquote in der Gesamt-Bevölkerung ist folglich sehr wichtig für uns alle, weil nur sie uns zu einem Ende der Beschränkungen verhelfen kann. Und gerade für jüngere (und damit meist auch sozial sehr aktive) Menschen ist die Impfung wichtig, weil sie neben dem unbestreitbaren Nutzen für den Geimpften selbst auch die Infektiösität verringert und damit auch die Mitmenschen schützt.

Mund-Nasen-Schutz

Den größten Einfluss auf das Infektions-Geschehen in den Schulen (mit dem Begriff meine ich die Gesamtheit der Bildungs- und Betreuungs-Einrichtungen für junge Menschen) dürfte neben der Impfung das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes haben.

Deswegen sollte der Mund-Nasen-Schutz eigentlich überall dort getragen werden, wo Menschen über längere Zeit in einem Raum zusammenkommen oder wo viele Menschen auf engem Raum zusammen sind.

Regelmäßige Tests

Wenn man Infektionen in einer Bevölkerungsgruppe entdecken möchte, die üblicherweise keine oder kaum Symptome aufweist, dann geht das nur durch möglichst regelmäßige Tests. Denn nur so lassen sich eventuelle Infizierte auffinden und damit die Verbreitung eindämmen.

Leider gibt es aber kein perfektes Mittel, um das zu erreichen. Die beste Methode findet sich vermutlich in täglichen gepoolten Gurgel-PCR-Tests, die beispielsweise in Deutschland verwendet werden. Diese Tests sind leicht anwendbar, entdecken Infektionen zuverlässig und lassen sich flächendeckend nutzen (siehe beispielsweise hier im Ärzteblatt). Damit stellen sie vermutlich den einzig gangbaren Weg zu täglichen Tests dar.

Eine perfekte Lösung ist aber auch das nicht, und das liegt am Zeitfaktor. Denn es handelt sich im Prinzip um klassische PCR-Tests, die einige Stunden dauern. Bei einer Probenentnahme am Morgen liegt das Ergebnis also frühestens nachmittags vor. Außerdem werden alle Proben zusammen getestet, im Falle eines positiven Ergebnisses muss also jede Probe noch einmal einzeln getestet werden, was dann noch einmal mehrere Stunden in Anspruch nimmt.

Ob es einen positiven Fall in einer Klasse geben sollte, weiß man also erst einige Stunden später (und einer bestimmten Person zuordnen lässt sich das Ergebnis nochmals einige Stunden danach). Die Zeitlücke zwischen Probenentnahme und positivem Ergebnis beträgt also im besten Fall wenigstens 12 Stunden, in den meisten Fällen wohl eher mehr.

Die zweitbeste Lösung dürften tägliche Antigen-Schnelltests darstellen. Aber auch hier gibt’s ein Problem. Diese Tests zeigen zwar bereits nach wenigen Minuten ein Ergebnis, haben aber zu Beginn der infektiösen Phase eine Erkennungslücke von ungefähr drei Tagen (mehr über die Gründe dafür finden Sie im Artikel Antigen-Schnelltests und die Illusion der Sicherheit vom 18. April 2021 hier im Blog).

Man wird mit Antigen-Schnelltests also vermutlich Infektionen in den ersten drei Tagen übersehen. Dummerweise handelt es sich bei diesen ersten drei Tagen nun aber um die hochinfektiöse Phase der Erkrankung. Ein eventuelles positives Ergebnis käme in diesem Fall also ungefähr drei Tage zu spät.

Die ideale Lösung wären übrigens tägliche Einzel-PCR-Tests, mit denen man auf eine Zeitlücke zwischen Probenentnahme und positivem Ergebnis auf 4 bis 6 Stunden kommen könnte. Aber diese Lösung ist leider nicht umsetzbar, weil der Aufwand dazu (Probenentnahme und Laborarbeit) viel zu hoch ist.

Jeder weitere Tag zwischen den Tests verlängert logischerweise die jeweilige Erkennungslücke, außerdem müsste für ein wirklich ideales Ergebnis auch eine Pflicht zur Teilnahme an diesen Tests bestehen (von der man vollständig geimpfte Personen durchaus entbinden könnte, um den Aufwand zu begrenzen). Das wiederum ist politisch aber wohl kaum erwünscht, weil es der Schulpflicht entgegenwirken könnte (zur Nichtteilnahme am Unterricht würde dann die Verweigerung eines Tests ausreichen).

In Luxemburg gibt’s übrigens zweimal pro Woche Antigen-Schnelltests in den Schulen, allerdings auf freiwilliger Basis. Außerdem entfällt hierzulande entgegen aller Ratschläge der Wissenschaft die generelle Maskenpflicht in den Klassenräumen (mehr über die aktuellen Regelungen finden Sie beispielsweise hier im Luxemburger Wort)

Ein striktes Quarantäne-Reglement

Egal, welches Test-System man verwendet, die Sinnhaftigkeit steht und fällt mit dem dahinterstehenden Quarantäne-Reglement. Wenn man sich nämlich bewusst ist, dass man mit jedem der Testmodelle mindestens den ersten Tag der infektiösen Phase übersehen wird, muss man davon ausgehen, dass zum Zeitpunkt eines positiven Tests bereits Infektionen stattgefunden haben.

Deswegen müsste auf einen positiven Test in einer Gruppe eigentlich eine sofortige Quarantäne aller Mitglieder dieser Gruppe (und idealerweise auch der ungeimpften Familien-Mitglieder) erfolgen, die erst nach wenigstens 3 Tagen (besser 7 Tagen) durch einen negativen PCR-Test wieder aufgehoben werden kann. Auch hier könnte man vollständig Geimpfte durchaus von einer solchen Quarantänepflicht ausschließen. Einen ähnlichen Vorschlag hat übrigens schon Karl Lauterbach im Deutschlandfunk gemacht und erklärt.

Aber auch hier gilt leider wieder, dass einer solchen Regelung vermutlich politische Überlegungen entgegenstehen, weil sich dadurch Nachteile für die Wirtschaft durch den Ausfall von Arbeitskräften ergeben würden.

Andere mögliche Maßnahmen

Daneben lassen sich selbstverständlich auch noch andere Maßnahmen treffen, die einer starken Aerosolbelastung in Innenräumen vorbeugen können. Da gibt es einmal diverse Maßnahmen zur Luftverbesserung, dazu zählen beispielsweise das Lüften der Räumlichkeiten oder der Einsatz von Luftfilter- bzw. Luftreinigungs-Anlagen. Zumindest das Lüften lässt sich recht einfach umsetzen, wenn der Wille dazu vorhanden ist.

Zum anderen kann man natürlich auch die Personenanzahl in den Räumen verringern, indem man wieder auf eine Kohortenbildung oder ein A/B-System mit Wechselunterricht zurückgreift. Das sollte allerdings nur ein „letzter Strohhalm“ sein, falls alle anderen Maßnahmen fehlschlagen, weil es dann eben doch wieder einen teilweisen Unterrichtsausfall bedingt.

Die Gefahr für die Kinder und Jugendlichen

Vor dem Hintergrund, dass es bisher keine zugelassene Impfung für Unter-12-Jährige gibt und dass die Impfquote bei den 12- bis 17-Jährigen nur ziemlich langsam zunimmt, haben wir im Grunde nur zwei Optionen. Wir können entweder warten, bis sich alle Kinder impfen lassen können und halten so lange die Inzidenzen niedrig, um die Kinder zu schützen. Oder wir heben die Maßnahmen an den Schulen weitgehend auf und setzen darauf, dass sich die Kinder natürlich infizieren.

Die Politik scheint sich momentan eher auf die zweite dieser Optionen zu konzentrieren. Leider ist aber eine Covid-19-Erkrankung auch für die Kinder und Jugendlichen selbst nicht ganz so harmlos, wie sich das anhand der Kommentare und Denkmuster der zuständigen Politiker darstellt. Um diese Gefahren geht es in den nächsten Absätzen.

Das PIMS-Syndrom

Bei älteren Kindern trat in einigen Fällen nach einer SARS-CoV-2-Infektion das sogenannte PIMS-Syndrom auf. Die Abkürzung steht für das „Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome“. Es handelt sich dabei um eine schwere multisystemische Entzündungsreaktion des Körpers, die auch nach leichten und symptomlosen Verläufen aufgetreten ist. Der Verlauf der Krankheit ist unterschiedlich, viele Kinder sind nur wenig krank, bei anderen sind sehr viele Organe betroffen.

Sowohl in Deutschland als auch in den USA gibt es Meldesysteme und Datensammlungen zu PIMS, die Sie hier (für Deutschland) und hier (für die USA) finden können.

Zum PIMS-Syndrom gibt es allerdings auch ein paar gute Nachrichten: das Syndrom ist selten, es ist sehr gut behandelbar und es scheint bei der Delta-Variante, zumindest in den USA und Großbritannien, seltener aufzutreten (da ist die Studienlage allerdings noch äußerst dünn).

Durch Corona verursachte Arterienschäden

Eine Studie der Appalachian State University in den USA hat schon im April darauf hingewiesen, dass junge Erwachsene nach einer SARS-CoV-2-Infektion mit leichtem Verlauf ein höheres Risiko für eine Versteifung der Arterien aufweisen. Schlimmstenfalls kann sich daraus eine Arteriosklerose (dabei versteifen und verengen sich Arterien langsam) entwickeln, durch die der Blutfluss zum Herzen und zu den Organen eingeschränkt oder sogar ganz unterbrochen werden kann. 

Die Ergebnisse der Studie deuten auf eine veränderte arterielle Steifheit bei jungen Erwachsenen hin, die sich kürzlich mit SARS-CoV-2 infiziert haben. Das könnte langfristig bedeuten, dass junge und ansonsten gesunde Erwachsene mit leichtem Covid-19-Verlauf auch nach ihrer Genesung noch ein höheres Risiko für Herzprobleme aufweisen.

Neurologische Probleme

Eine aktuelle Studie der University of Liverpool hat ein breites Spektrum neurologischer Komplikationen bei Kindern identifiziert. Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass diese Komplikationen bei Kindern mit möglicherweise häufiger als bei Erwachsenen auftreten. Für die Studie wurden 1.334 Kinder, die zwischen April 2020 und Januar 2021 mit COVID-19 ins Krankenhaus eingeliefert wurden, untersucht.

Dabei wurden 52 Fälle von Kindern unter 18 Jahren mit neurologischen Komplikationen gefunden, was einer geschätzten Prävalenz von 3,8 % entspricht (bei Erwachsenen liegt die geschätzten Prävalenz bei 0,9 %). Ob diese Studienergebnisse, bei denen 1 von 20 Kindern betroffen war, repräsentativ sind, ist unklar. Aber die Ergebnisse stehen im Einklang mit anderen Studien, die ebenfalls auf mögliche neurologische Probleme nach einer Covid-19-Infektion hinweisen.

Long-Covid könnte ein riesiges Problem werden

Das größere Problem bei der durch die Politik vorangetriebenen Durchseuchung junger Menschen dürfte allerdings in einer Ansammlung langanhaltender Symptome liegen, die als Long-Covid bekannt geworden sind. Die Symptome sind vielfältig, sie betreffen die Atemwege, das Herz-Kreislauf-System, den Muskelapparat, das Nervensystem und auch den Stoffwechsel. Eine genaue Definition gibt es ebenso wenig wie aussagekräftige Studienergebnisse.

Die Symptome von Long-Covid

Ein Teil der Long-Covid-Patienten mit schwerem oder lebensbedrohlichem Verlauf einer Covid-19-Erkrankung hat während der Rekonvaleszenz-Zeit mit stark eingeschränkter Leistungsfähigkeit, Nieren- oder Herzproblemen, Problemen in der Atemmechanik und Hyperventilation zu kämpfen.

Bei einem anderen (größeren) Teil handelt sich um Patienten mit einem leichten bis mittelschweren Verlauf ohne Krankenhausaufenthalt, bei denen es ein bis vier Monate nach der eigentlichen Covid-19-Erkrankung wieder zu Symptomen kommt. Im Vordergrund stehen dabei Leistungsminderung durch Einschränkungen der Lungenfunktion und ein Erschöpfungszustand (Fatigue-Symptomatik), aber auch neurologisch-kognitive Einschränkungen wie Wortfindungsstörungen oder Gedächtnisstörungen bis hin zu dementiellen Symptomen und Depressionen (im englischsprachigen Raum wird der Begriff „brain fog“ verwendet, der einen Zustand der leichten „Vernebelung“ bezeichnet).

Anmerkung: Eine bei The Lancet veröffentlichte Studie der Uniklinik Köln könnte übrigens eine Erklärung dafür liefern, warum Long-Covid vermehrt bei leichten Verläufen auftritt. Dabei wurde festgestellt, dass einer der Risikofaktoren für die Entwicklung von Langzeit-Symptomen ein niedrigerer Ausgangswert von Antikörpern (IgG) war. Wenn man der These (mehr dazu hier) folgt, dass ein Zusammenhang zwischen der Schwere des Krankheits-Verlaufs und der aufgenommenen Menge an Viren besteht, dann könnte eine niedrigere aufgenommene Viren-Menge eine geringere Stimulanz des Immunsystems und in Folge einen geringeren IgG-Titer und damit einen zusätzlichen Risikofaktor für Long-Covid bedeuten.

Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom

Vieles deutet außerdem darauf hin, dass eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus die sogenannte Myalgische Enzephalomyelitis, auch bekannt als Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS), auslösen kann. Die Bezeichnung Chronisches-Fatigue-Syndrom ist dabei etwas verharmlosend, weil das primäre Symptom der Erkrankung nicht eine anhaltende Müdigkeit (Fatigue) ist, sondern eine ausgeprägte und anhaltende Verstärkung aller Symptome nach geringer körperlicher und geistiger Anstrengung, die als Post-Exertional Malaise (PEM) bezeichnet wird.

Die PEM führt neben der als Fatigue bezeichneten Müdigkeit zu ausgeprägter Schwäche, Muskelschmerzen, grippalen Symptomen und der Verschlechterung des allgemeinen Zustands, die schon nach geringer Belastung wie wenigen Schritten Gehen auftreten. Für Betroffene können bereits kleine Aktivitäten wie Duschen, Kochen oder Einkaufen nahezu unmöglich sein.

Neben PEM können Betroffene unter Symptomen des autonomen Nervensystems (beispielsweise Herzrasen, Schwindel, Benommenheit und Blutdruckschwankungen), immunologischen Symptomen (schmerzhafte und geschwollene Lymphknoten, Halsschmerzen, Atemwegsinfekte, erhöhte Infektanfälligkeit), ausgeprägten Muskel-, Gelenk- und Kopfschmerzen sowie massiven Schlafstörungen und neurokognitive Symptome (Konzentrations-, Merk- und Wortfindungsstörungen und Überempfindlichkeit auf Sinnesreize) leiden.

Die Vielzahl der Symptome von ME/CFS und das Fehlen eines Biomarkers bzw. Tests, der ME/CFS eindeutig bestätigen könnte, machen die Diagnose schwierig. Die Einordnung (wie auch bei Long-Covid) kann nur durch eine Ausschlussdiagnose erfolgen, also durch den Ausschluss anderer Krankheiten und anhand eines etablierten Kriterienkatalogs.

Auch die genauen Ursachen der Erkrankung sind bisher noch ungeklärt. Neben anderen Möglichkeiten werden vor allem Infektionen als Auslöser vermutet. Bekannt ist, dass ungefähr 10 Prozent der Menschen, die sich mit dem Epstein-Barr-Virus (dem Auslöser des Pfeiffer’schen Drüsenfiebers), dem Ross-River-Virus (dass das Ross-River-Fieber auslöst) oder Coxiella burnetti (ein Bakterium, dass das Q-Fieber auslöst) infizieren, eine Reihe von ME/CFS-Symptomen entwickeln.

Wie viele Menschen sind betroffen?

Die Studienlage ist diffus, verschiedene Studien kommen zu Anteilen zwischen 3 und 70 Prozent. Hauptsächlich liegen die Unterschiede wohl an der Auswahl der Studienteilnehmer und an der verwendeten Definition von Long-Covid und dem damit verbundenen Ein- bzw. Ausschluss von leichten Fällen. Außerdem umfasst Long-Covid auch psychosomatische Symptome, die auch aufgrund anderer Faktoren (beispielsweise Stress der Eltern, Schulschließungen, Kontaktverbote) auch auftreten können und sich daher nicht zwangsläufig auf die Infektion zurückführen lassen.

Deswegen ist es schwierig, die Häufigkeit des Auftretens von Long-Covid nach einer überstandenen Infektion zu bestimmen. Viele Experten gehen aber davon aus, dass zwischen 10 und 20 Prozent aller Infizierten in irgendeiner Form betroffen sein könnten. Bei Kindern und Jugendlichen dürften bis zu 5 Prozent aller Infizierten langfristig Symptome zeigen, schwere und langanhaltende Folgeerkrankungen könnten bis zu 1 Prozent betreffen.

Auf den ersten Blick klingt das nach keinem allzu großem Problem. Wenn man sich allerdings die absolute Zahl der ungeimpften Kinder und Jugendlichen und die derzeitigen Inzidenzen in diesen Altersgruppen ansieht, sieht das etwas anders aus. Denn auf dieser Basis könnten bei einer vollständigen Durchseuchung in Deutschland und Luxemburg zusammen rund 100.000 Kinder und Jugendliche von langfristigen Beeinträchtigungen betroffen sein.

Anmerkung: mehr zum Thema finden Sie übrigens auch im Artikel Die versteckte Pandemie – Long-Covid vom 8. August 2021 hier im Blog.

Kinder und Jugendliche können schwere Verläufe haben

Derzeit gibt es in Deutschland rund 6,77 Millionen Kinder unter 12 (die sich nicht impfen lassen können), Luxemburg sind es rund 78.000. Dazu kommen in Deutschland rund 2,85 Millionen ungeimpfte Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 12 und 17 Jahren (die sich impfen lassen könnten, es aber aus irgendeinem Grund bisher nicht getan haben), in Luxemburg sind es rund 17.000.

Wir reden also alleine für diese beiden Länder von rund 10 Millionen Kindern und Jugendlichen zwischen 0 und 17 Jahren, die über keinen vollständigen Impfschutz verfügen (tatsächlich dürften es etwas weniger sein, weil einige dieser Kinder wahrscheinlich durch eine unbemerkte Infektion zumindest teilimmunisiert sind).

Die Hospitalisierungsrate dürfte bei den 0- bis 17-Jährigen bei ungefähr 0,3 Prozent liegen (zumindest deuten darauf diverse Studien hin). Würde man also in Kauf nehmen, dass sich alle ungeimpften Kinder und Jugendlichen natürlich infizieren, könnte das im schlimmsten Fall zu rund 30.000 Krankenhauseinweisungen führen.

Bezüglich der Infektionssterblichkeit von Covid-19 ergibt sich aus diversen Analysen ein Wert zwischen 0,001 und 0,002 Prozent für Kinder und Jugendliche. Dementsprechend wären bei vollständiger Durchseuchung aller Kinder im schlimmsten Fall zwischen 100 und 200 Todesfälle zu erwarten.

WICHTIG: nicht eingerechnet ist hier, dass die Delta-Variante ersten Anzeichen nach eine ungefähr doppelt so hohe Hospitalisierungsrate zur Folge haben könnte, die dann in der Folge wohl auch zu einer höheren Sterberate führen könnte. Außerdem beziehen sich diese Zahlen nur auf Kinder und Jugendliche von 0 bis 17 Jahren, die Risiken für die ungeimpften älteren Bevölkerungsteile (siehe oben) sind erheblich größer.

Was man gegen diese Gefahren tun kann

Die möglichen Folgen der und die Eindämmungsmaßnahmen gegen die von der Politik hingenommene Durchseuchung der Kinder habe ich oben bereits beschrieben. Hier möchte ich darauf eingehen, was jedes Kind und jede(r) Jugendliche selbst tun kann, um sich gegen die möglichen Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion zu schützen.

Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren

Für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren gibt es zugelassene Impfstoffe und es gibt kein vernünftiges Argument gegen eine Impfung. Denn wir wissen, dass die Covid-19-Impfung auch bei jungen Menschen das Infektions-Risiko drastisch senkt und darüber hinaus auch das Risiko für Long-Covid ungefähr halbiert (zumindest laut einer aktuellen britischen Studie).

Deswegen hat auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren eindringlich aufgefordert, sich gegen Corona impfen zu lassen.

Kinder unter 12 Jahren

Für Kinder unter 12 Jahren gibt es leider noch keinen zugelassenen Impfstoff und das wird wohl auch noch für einige Monate so bleiben (siehe beispielsweise hier beim Deutschlandfunk). Deswegen können wir sie momentan nur schützen, indem wir auch weiterhin auf konsequentes Tragen des Mund-Nasen-Schutzes in den Schulen und Betreuungs-Einrichtungen bestehen und dafür sorgen, dass die absoluten Fallzahlen möglichst gering bleiben.

Denn mit einer geringen Anzahl an Neu-Infektionen sinkt auch die Zahl der aktiv Infizierten in der Gesellschaft und damit das Infektions-Risiko für ungeschützte Menschen. Das wiederum erreichen wir am besten dadurch, dass sich alle, die die Möglichkeit dazu haben, auch tatsächlich möglichst zeitnah impfen lassen.

Deswegen sollten wir alle unser Möglichstes tun, um andere Menschen von den Vorteilen einer Impfung zu überzeugen. Um diejenigen zu schützen, die sich nicht impfen lassen können und um unsere gesamte Gesellschaft vor neuen Einschränkungen zu bewahren.

Bei Kindern trifft das Virus auf wachsende Zellen im Gehirn. Wenn Kinder nach Covid nicht riechen oder schmecken ist das Gehirn betroffen. Will man das? Wer von den Verharmlosern kann garantieren, dass diese Kinder nicht in 5 Jahren neurologische Auffälligkeiten haben?

Auch höre ich immer wieder, dass selbst bei der Delta Variante „nur“ 1% der Kinder ins Krankenhaus müssten. Wäre das bei Schulbusunfällen die Quote wäre die Hölle los. Unterricht darf nicht ausfallen. Aber ein Freedom Day mit Durchseuchung der Kinder wäre falsch, zu früh.

Karl Lauterbach am 14. Oktober 2021 auf Twitter

Fazit

Bei der derzeitigen Impfquote und der enormen Anzahl an ungeschützten Menschen in unserer Gesellschaft können wir uns keine ungebremste Durchseuchung leisten. Alleine in Deutschland sind in der Altersgruppe von 12 bis 17 Jahren 2,85 Millionen Menschen ohne vollständigen Impfschutz (Luxemburg: gut 16.400), dazu kommen 13,6 Millionen in der Altersgruppe über 18 Jahren (Luxemburg: gut 129.500) und 6,77 Millionen Kinder unter 12 Jahren (Luxemburg: rund 78.500).

Die Anzahl der nicht vollständig geimpften Menschen in beiden Ländern übersteigt also immer noch deutlich die Zahl derer, die sich seit dem Beginn der Pandemie nachweislich mit dem Corona-Virus infiziert haben (in Deutschland sind das 4,43 Millionen, in Luxemburg gut 80.000). Dazu kommen noch die Menschen, die zwar vollständig geimpft sind, wegen ihres Alters oder aufgrund von Immundefiziten aber keinen umfassenden Impfschutz aufbauen können.

Damit haben wir jetzt zwei Optionen. Wir können entweder dafür sorgen, dass die Impfquote möglichst rasch steigt (die dazu nötigen Impfstoffe sind vorhanden) oder wir können mit immer neuen Maßnahmen dafür sorgen, dass die Zahl der Neu-Infektionen sinkt. Alles andere wird in absehbarer Zeit dafür sorgen, dass wir uns in einer neuen Herbstwelle mit den bekannten Konsequenzen wiederfinden und uns in Zukunft die Frage gefallen lassen müssen, warum wir nicht auf den Schutz der Schwächsten in unserer Gesellschaft geachtet haben.

Daneben ist die Politik gefordert. Anstelle ständig das längst widerlegte Narrativ von den „sicheren Schulen“ zu wiederholen, brauchen wir jetzt vernünftige Maßnahmen zum Schutz der Kinder unter 12 Jahren und einen möglichst niedrigschwelligen Zugang zu Impfstoffen für alle (Luxemburg stellt sich in Bezug auf die Impfstoffe mit der Wiedereröffnung von Impfzentren, Impfbus und mobilen Impfteams in Schulen und Altersheimen übrigens gerade recht gut auf).

Bezüglich der Aufhebung der Maskenpflicht an den Schulen sollten die zuständigen Politiker vielleicht einmal über die ziemlich eindeutigen Worte der deutschen Virologin Melanie Brinkmann nachdenken:

Wenn man etwas abschaffen möchte, dessen Nutzen wissenschaftlich erwiesen ist und dass fast nichts kostet, kann man das machen. Die Frage ist nur, ob es klug ist. Bei der hohen Anzahl an Nicht-Geimpften, und hierzu zählen die Kinder, halte ich diese Entscheidung für verfrüht – und ehrlich gesagt auch für ziemlich dumm.

Prof. Melanie Brinkmann in der Rheinischen Post

Daneben müssen wir endlich ein Mittel gegen die Corona-Leugner, Impfgegner und sogenannten Querdenker in manchen Bereichen der Gesellschaft finden. Natürlich ist so etwas von der Meinungsfreiheit gedeckt (und sollte es auch sein), aber in Bereichen wie dem Bildungs- und Gesundheitswesen werden dadurch andere Menschen in Gefahr gebracht. Infektions-Cluster mit Beteiligung ungeimpfter Mitarbeiter wie die aus dem Altersheim „Waassertrap“ in Belvaux in Luxemburg oder die aus einer Palliativ-Station in Schwerin sind völlig inakzeptabel.

Deswegen zum Schluss dieses Artikels eine Bitte an Sie alle: setzen Sie sich für die Impfung und für die Beibehaltung der Maskenpflicht in den Schulen (zumindest für Kinder unter 12 Jahren) ein. Wir brauchen die Hilfe jedes einzelnen, um die Politik endlich davon zu überzeugen, dass die Schwächsten in unserer Gesellschaft geschützt werden müssen.

Und hier noch ein Twitter-Thread zum selben Thema, mit dem der Hashtag #SchuetztDieKinder in die Trends gebracht werden soll. Schließen Sie sich doch einfach an, um zu helfen. Jede Weiterverbreitung ist wichtig.

In eigener Sache: Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, dann können Sie mir das Schreiben und Recherchieren gerne mit einem Kaffee oder einer kleinen Spende versüßen. Eine Möglichkeit dazu finden Sie auf der Seite Buy me a coffee.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu diesem Thema, aus verschiedenen anderen Wissenschafts-Bereichen und aus dem Bereich Internet & Gesellschaft,

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