Corona

Könnten wir vielleicht wenigstens die Risiko-Gruppen schützen?

Nachdem viele europäische Regierungen (unter anderem auch die deutsche und die luxemburgische) ganz offensichtlich beschlossen haben, den bisher ungeschützten Teil der Bevölkerung mithilfe von laschen Abwehrmaßnahmen und geöffneten Schulen zu durchseuchen, scheint nun das Erstaunen über die steigenden Fallzahlen groß zu sein.

Erstaunt müsste darüber eigentlich niemand sein, vor den Folgen der Entspannungs-Politik des letzten Sommers haben viele Wissenschaftler schon früh gewarnt (siehe beispielsweise im Artikel Durchseuchung – Dummheit, Arroganz oder Vorsatz? vom 11. April 2021 hier im Blog). Und auch die Mechanismen der unentdeckten Verbreitung eines Virus in der Bevölkerung, die gerade für die ansteigenden Zahlen sorgen, sind schon lange bekannt (nachlesen können Sie das beispielsweise im Artikel Das Infektions-Geschehen im Hintergrund wird gerade zum Problem vom 27. Mai 2021 hier im Blog).

Wir wissen auch schon seit langem, dass wir bei der aktuellen Delta-Variante des SARS-CoV-2-Virus eigentlich eine Impfquote von deutlich über 90 Prozent benötigen würden, um das Infektions-Geschehen unter Kontrolle behalten zu können. Da wir diese Impfquote aufgrund vieler Impf-Unwilliger aber nicht erreichen, lassen wir halt jetzt bei einer Impfquote von EU-weit rund 64 Prozent (laut ECDC, Stand 03.11.2021) ein hochinfektiöses und brandgefährliches Atemwegs-Virus durch die Bevölkerung rauschen und nehmen dabei die Infektion von Millionen ungeschützter Menschen in Kauf (aktuell habe ich mich mit dem Thema im Artikel Die Durchseuchung von Kindern und Jugendlichen muss aufhören befasst).

Leider beinhaltet die jetzige Politik den gefährlichen Denkfehler, man könne bei ansteigenden Fallzahlen die Risiko-Gruppen schützen (die Idee gab’s schon mal in der Great Barrington Declaration des letzten Jahres, und sie war damals schon falsch). Denn die Verbreitung des Virus über die Schulen in die Familien und von dort in die Arbeitswelt sorgt dafür, dass das Virus eben auch irgendwann in die Risiko-Gruppen (Kliniken, Altersheime usw.) gelangt.

Deswegen müssen wir jetzt angesichts einer nicht ausreichenden Impfquote und der hochinfektiösen Delta-Variante ein paar unerfreulichen Wahrheiten ins Auge sehen ein paar Maßnahmen durchsetzen. Wenn wir das weiterhin nicht tun und uns weiterhin vor unpopulären Entscheidungen drücken, dann könnten uns einige sehr unangenehme Pandemie-Monate bevorstehen.

Wir werden die Durchseuchung nicht verhindern können

Leider gibt’s aber keine einfache Lösung dieses Problems. Kein Bildungs-Politiker wird die Schulen erneut schließen (da bleibt’s beim Narrativ „die Schulen sind sicher“), die Impfquote werden wir nicht innerhalb weniger Wochen deutlich erhöhen können und ein Lockdown, der auch Geimpfte betrifft, wäre schon rein rechtlich (wegen der nachweislich hohen Wirksamkeit der Impfstoffe) kaum machbar und gesellschaftlich sowieso nicht durchsetzbar.

Damit wären wir eigentlich in einer Situation, in der man vom „sozialen Ende“ einer Pandemie reden könnte, man also beschließt, mit „dem Virus zu leben“ (genauer erklärt finden Sie’s in diesem Artikel). Aber leider können wir uns dieses Ignorieren des SARS-CoV-2-Virus im Moment noch nicht leisten, weil es in unserer Bevölkerung Millionen von ungeschützten Menschen gibt, von denen einige unseren Schutz verdient hätten.

Die Risiko-Gruppen in der Bevölkerung

Grob betrachtet haben wir drei Risiko-Gruppen in unsrer Bevölkerung:

  1. Kinder unter 12 Jahren, für die es derzeit keinen zugelassenen Impfstoff gibt, mit dem wir sie schützen könnten
  2. Immungeschwächte Menschen, also Ältere und Menschen, deren Immunsystem durch eine Krankheit oder durch Medikamente, geschwächt ist. Diese Personen sind zwar größtenteils vollständig geimpft, aber bei ihnen fällt der Immunschutz schwächer aus
  3. Menschen, die sich bisher nicht haben impfen lassen, obwohl sie es könnten. Diese Gruppe stellt unser größtes Problem dar, weil sie zahlenmäßig so groß ist, dass eine Durchseuchung unser Gesundheits-System überlasten könnte

Also sehen wir uns diese Gruppen und unsere Möglichkeiten, sie zu schützen, doch einmal genauer an.

Kinder unter 12 Jahren

Wir wissen, dass es bei Kindern eher selten zu schweren Verläufen kommt und wir wissen auch, dass es für sie keinen zugelassenen Impfstoff gibt (allenfalls ist eine Impfung im sog. Off-Label-Use möglich, siehe beispielsweise hier beim Bayerischen Rundfunk). Glücklicherweise wissen wir aber auch, dass das kindliche Immunsystem Viren sehr gut bekämpfen kann und das Risiko eines schweren Verlaufs für Kinder deswegen geringer ist (siehe beispielsweise hier bei Spektrum). Wobei gering eben immer noch nicht „null“ bedeutet, wie man unter anderem hier sehen kann:

Ob man also aufgrund des geringen Risikos eines schweren Verlaufs eine Durchseuchung der Kinder zulassen darf oder nicht, ist eine sehr schwer zu beantwortende Frage, weil es junge Menschen betrifft, die sich nicht dagegen wehren können. Aber eine, die sich in der derzeitigen Situation nicht unbedingt stellt, weil wir diese Durchseuchung letztlich kaum aufhalten können bzw. wollen (wie sich ja auch deutlich in der Inzidenz-Entwicklung bei den jüngeren Alters-Gruppen, hier für Luxemburg, zeigt).

Wir können allenfalls das Risiko etwas verringern, indem wir Kinder unter 12 Jahren nach wie vor Masken tragen lassen und indem wir möglichst wenig Kontakt mit ungeimpften bzw. ungetesteten Menschen zulassen. Damit können wir die Ausbreitung des Virus zwar nicht verhindern, aber zumindest verlangsamen (in der Hoffnung, dass möglichst bald ein Impfstoff verfügbar sein wird).

Immungeschwächte Menschen

Leider gibt es recht viele Menschen, bei denen das Immunsystem nicht ganz so reagiert, wie es das eigentlich sollte. Das sind zum einen ältere Menschen, bei denen das Immunsystem schwächer reagiert. Zum anderen sind es Menschen, die aufgrund einer Erkrankung oder einer Therapie verminderte Immunreaktionen haben.

Einem Großteil dieser Menschen können wir durch eine Auffrischungs-Impfung (oder Booster-Impfung) zu einer besseren Immunantwort und einem besseren Schutz vor schweren Verläufen verhelfen. Das größte Risiko für diese Menschen stellt aber leider immer noch der Kontakt zu ungeimpften Menschen dar (Berichte wie der untenstehende machen mich immer wieder fassungslos).

Menschen, die sich nicht impfen lassen möchten

Die letzte Gruppe besteht aus Menschen, die sich zwar impfen lassen könnten, dies aber aus irgendeinem Grund nicht möchten. Das Problem liegt dabei noch nicht einmal darin, dass sich diese Menschen ziemlich unweigerlich irgendwann in den nächsten Monaten mit dem SARS-CoV-2-Virus infizieren werden (schließlich haben sie sich aus freien Stücken gegen die Impfung und für die natürliche Infektion entschieden), es liegt eher an ihrer großen Zahl (in Luxemburg gibt es rund 125.000 von ihnen, in Deutschland sind es über 13 Millionen).

Daraus ergeben sich zwei große Probleme, eines für das Gesundheitswesen und eines für die Risiko-Gruppen. Denn wir wissen, dass im Falle einer Infektion rund 10 Prozent dieser Menschen schwerere Symptome haben werden und es bei 4 bis 6 Prozent zu einer Hospitalisierung kommen wird. Wenn sich also viele dieser Menschen in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum infizieren (und darauf deutet leider vieles hin), dann kann das durchaus zu einer Überlastung der Klinikkapazitäten führen.

Das zweite Problem ergibt sich aus den restlichen 90 Prozent, die im Falle einer Infektion eben nur leichte oder gar keine Symptome haben werden. Denn die Betroffenen werden sich in vielen Fällen von sich aus nicht testen lassen (weil sie die Infektion gar nicht bemerken) und können so das Virus für rund 2 bis 3 Wochen ungehemmt verbreiten. Wenn ein solcher Infizierter dann mit Menschen aus einer der Risiko-Gruppen zusammenkommt (weil er oder sie beispielsweise in einem Altersheim arbeitet), geht schon von einer einzigen infizierten Person ein sehr hohes Gefährdungs-Potential aus.

Anmerkung: in Diskussionen wird diesbezüglich gerne argumentiert, dass von geimpften Menschen ja auch eine Gefährdung ausginge, weil sie sich ja auch infizieren und das Virus weitergeben würden. Diese Argumentation ist falsch, es gibt zwar Impfdurchbrüche, aber das von einem geimpften Infizierten ausgehende Gefährdungs-Potential ist deutlich geringer. Zum einen hat ein Geimpfter ein um deutlich geringeres Ansteckungs-Risiko (3- bis 4-mal geringer), zum zweiten gibt im Falle eines Impfdurchbruchs die betroffene Person eine geringere Virenlast über einen deutlich kürzeren Zeitraum (rund 4 Tage im Gegensatz zu 2 bis 3 Wochen) ab.

Weitere Erklärungen zu den Gründen dafür finden Sie bei Interesse übrigens auch im Artikel Ein paar Worte zu Impfung und Immunität hier im Blog und in diesem Artikel auf The Atlantic gibt’s eine sehr gute Einschätzung eines amerikanischen Spezialisten.

Diese Maßnahmen brauchen wir jetzt dringend

Wir werden die aktuelle Pandemiewelle meiner Meinung nach nicht aufhalten können, weil das nur mit einem kompletten Lockdown ginge, der aber weder gesellschaftlich noch rechtlich durchsetzbar wäre. Deswegen brauchen wir jetzt andere Maßnahmen, um zumindest weniger Neu-Infektionen zu erreichen und eine mögliche Überlastung der Kliniken zu verhindern.

Im Moment lässt sich das Infektions-Geschehen möglicherweise noch mit ein paar kleineren Maßnahmen einfangen (von denen eine zumindest hierzulande auch tatsächlich schon umgesetzt wurde). Aber wir brauchen die folgenden Maßnahmen jetzt sofort, das Zeitfenster zum Reagieren wird von Tag zu Tag kleiner. Wenn die Politik wieder einmal abwarten will, um zu sehen, ob’s wirklich so schlimm kommt, könnten kleine, punktuelle Maßnahmen nicht mehr ausreichen.

Booster-Impfungen ermöglichen

Auffrischungs- bzw. Booster-Impfungen können sowohl den Schutz von immungeschwächten Personen steigern als auch den Schutz von bereits geimpften Menschen mit normal funktionierendem Immunsystem erhöhen. Daraus ergibt sich, dass eine Booster-Impfung für die folgenden Personengruppen jetzt vorrangig sein muss.

  • Menschen ab 60 Jahren, Bewohner von Alters- und Pflegeheimen und immungeschwächte Personen zur Stärkung des Immunschutzes und Absenken der Infektiosität (zumal bei vielen dieser Menschen die zweite Impfdosis schon lange zurückliegt, weil sie aufgrund der Impf-Priorisierung schon früh geimpft worden sind)
  • Menschen, die beruflich mit Risiko-Gruppen in Kontakt kommen, hauptsächlich also Personen, die im Gesundheits- und Pflege-Bereich und bei den Ordnungskräften tätig sind. Dabei geht es nicht so sehr um den Schutz vor schweren Verläufen, der ist bei den Impfstoffen von BioNTech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca auch nach sechs und mehr Monaten immer noch sehr hoch. Aber die Booster-Impfung bewirkt einen höheren Antikörper-Schutz und damit ein geringeres Infektions- und Übertragungs-Risiko, schützt also die diesem Personenkreis anvertrauten Menschen.
  • Menschen, die mit dem Janssen-Impfstoff geimpft worden sind. Diese Menschen haben nur eine Impfstoffdosis bekommen und wir wissen mittlerweile, dass die Schutzwirkung dieser Impfung gerade gegen die Delta-Variante nicht besonders gut ausfällt.

Diese Personengruppen sollten möglichst umgehend die Möglichkeit zur Auffrischung erhalten. Man sollte meiner Meinung nach in diesen Fällen sogar darüber nachdenken, bei Ablehnung der Booster-Impfung das Impfzertifikat zu annullieren, weil sich Patienten aus den Risikogruppen auf den bestmöglichen Schutz bei dem sie betreuenden Personal verlassen können müssen (ob es in dieser Hinsicht hilfreich ist, dass luxemburgische Patienten von häuslichen Pflegediensten nicht das Recht haben, den Impfstatus der sie betreuenden Personen zu erfahren, wie die luxemburgische Familienministerin gerade bestätigte, mag jeder für sich selbst entscheiden).

Bei allen anderen Menschen mit normal arbeitendem Immunsystem ist der Schutz vor schweren Verläufen (zumindest bei den Impfstoffen von BioNTech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca) auch nach sechs und mehr Monaten immer noch sehr hoch. Trotzdem ist eine Booster-Impfung aus medizinischer und epidemiologischer Sicht durchaus sinnvoll, weil sie den Immunschutz noch einmal steigert und auch die Gefahr von Impfdurchbrüchen verringert. Zielführender im Hinblick auf das Infektions-Geschehen wäre allerdings die Impfung von Menschen, die noch über gar keinen Impfschutz verfügen.

Angesichts des derzeitigen Überschusses an Impfstoffen in den europäischen Ländern sollten wir trotzdem allen Menschen ab 18 Jahren die Gelegenheit zur Auffrischungs-Impfung geben, sobald die oben genannten Gruppen die Möglichkeit zur Booster-Impfung erhalten haben und solange die Impfstoff-Vorräte das zulassen.

Die Vorteile der Booster-Impfung für alle Erwachsenen (und da besonders die jungen und sozial aktiven) kann man sehr schön am Beispiel von Israel sehen, das durch das Booster-Angebot an alle seine aktuelle Infektions-Welle brechen konnte (siehe beispielsweise hier bei Nature Medicine).

Impfpflicht für Personal im Gesundheits- und Pflegewesen

Das Wort „Impfpflicht“ liest und spricht sich nicht gut, und eigentlich ist sie auch nicht gut. Eine verpflichtende Impfung ist und bleibt ein Eingriff, der weit über andere verpflichtende Schutzmaßnahmen hinausgeht. Aber irgendwann muss Solidarität und Verständnis auch einmal ein Ende haben. Und zwar spätestens dann, wenn das unsolidarische Verhalten einiger Menschen die Gesundheit der ihnen anvertrauten Personen in Gefahr bringt.

Vermutlich haben wir alle einmal angenommen, dass sich das Personal in den Gesundheits- und Pflegeberufen an die Pflicht zum Schutz der ihm anvertrauten Menschen denken und sich deshalb (auch trotz eigener Bedenken) ziemlich zeitnah impfen lassen würde. Leider sieht es so aus, als sei diese Annahme falsch gewesen.

Wenn ich lesen muss, dass sich Bewohner von Pflegeheimen oder Patienten in Krankenhäusern (beispielsweise hier, hier oder hier) mit dem SARS-CoV-2-Virus infizieren und daran versterben, weil Teile des Personals nicht geimpft sind, dann ist für mich die Grenze des Akzeptablen weit überschritten.

Und wenn Vernunft nicht mehr ausreicht und wenn sich beispielsweise in Luxemburg gut 15 % der Mitarbeiter im Gesundheits-Sektor (Quelle: ECDC) bisher nicht haben impfen lassen, dann hat der Gesetzgeber letztlich die Pflicht, die Gesundheit der Patienten zu schützen. Nachdem es mit dem Setzen auf die Vernunft offenbar nicht geklappt hat, wird es leider ohne eine Pflicht zur Covid-19-Impfung für bestimmte Berufsgruppen nicht gehen können.

Strikte 3G- oder 2G-Regelungen

Ob man jetzt 2G- oder 3G-Regelungen bevorzugt, sicher ist, dass wir ungeimpfte Personen aus dem Infektions-Geschehen herausnehmen müssen, um die Bettenbelegung in den Kliniken in einem erträglichen Rahmen zu halten (die Klinikbetten mit Covid-Patienten sind übrigens zu rund 90 Prozent mit Ungeimpften belegt, bei den Intensivbetten sind es an die 99 Prozent).

Dieses Ziel kann man durchaus mit strikten 3G-Regelungen erreichen, indem man zertifizierte PCR-Tests oder Antigen-Schnelltests vorschreibt und deren Gültigkeitsdauer möglichst stark einschränkt.

Politisch gesehen sind solche Regelungen problematisch, weil sie auch darauf abzielen, ungeimpften Menschen die Teilnahme am öffentlichen Leben schwieriger zu machen (manche reden gerne plakativ vom „Impfzwang durch die Hintertür“). Aber leider bleibt uns kaum eine Wahl, weil es noch viel zu viele ungeimpfte Menschen gibt und die Risiken für das Gesundheitswesen zu hoch werden, wenn wir die sozialen Interaktionen dieser Menschen nicht einschränken bzw. ihre Impfbereitschaft erhöhen (mit Aufklärung und Vertrauen in die Vernunft der Menschen hat’s ja leider nicht funktioniert).

Sollten Tests kostenpflichtig sein?

Zu diesem Thema gibt es zwei Sichtweisen. Die eine besagt, dass Tests für aus eigenem Willen ungeimpfte Personen kostenpflichtig sein sollten, weil auf diese Weise die Teilnahme am sozialen Leben teurer wird und dadurch ein zusätzlicher Impfanreiz geschaffen werde.

Aber, und das ist ein großes aber, dadurch sinkt auch die Anzahl der freiwilligen Tests und der Blick auf das Infektions-Geschehen wird getrübt. Gerade Infizierte mit keinen oder nur leichten Symptomen werden sich bei kostenpflichtigen Tests kaum testen lassen und werden so nicht entdeckt. Damit ist dann auch keine Kontaktnachverfolgung möglich und das Infektions-Geschehen im Hintergrund nimmt ganz automatisch zu.

Der Idealfall würde also eher darin bestehen, dass jedem Menschen, egal ob geimpft oder ungeimpft, die Möglichkeit zum täglichen kostenfreien Testen gegeben wird, damit Infektions-Ketten schnell identifiziert werden können und Superspreading-Events nach Möglichkeit vermieden werden können.

Deswegen könnten Testzentren, in denen für jeden kostenfreie Antigen-Schnelltests angeboten werden, durchaus lohnen und dabei helfen, das Infektions-Geschehen unter Kontrolle zu halten.

Die Situation in Luxemburg

In Luxemburg gilt seit dem 1. November 2021 eine strikte 3G-Regelung, die zwei Wochen zuvor angekündigt wurde, was dann auch tatsächlich zu einer merklichen Erhöhung der Anzahl der Impfungen geführt hat. Der Zutritt zu vielen Bereichen des sozialen Lebens (die Schulen leider ausgenommen) ist seitdem nur noch für Geimpfte, Genesene und Getestete (mit Zertifikat/QR-Code) möglich. Zertifizierte Antigen-Schnelltests bekommt man bei Gesundheits-Dienstleistern (Apotheken, Physiotherapeuten, Ärzten etc.) zum Preis von € 20.

Diese Regelung sollte neben einer erhöhten Sicherheit ganz bewusst auch einen Impfanreiz schaffen, indem die Teilnahme am öffentlichen Leben für Ungeimpfte teurer und komplizierter wird. Und das hat dem Impffortschritt nach zu urteilen auch durchaus funktioniert.

Allerdings sollte man bei solchen Entscheidungen dann aber wenigstens konsequent vorgehen. Das sich hierzulande ausgerechnet die Landeshauptstadt dazu entschieden hat, den Preis dieser Schnelltests mit Testgutscheinen auf € 5 zu drücken, kann man eigentlich nur als idiotisch und kontraproduktiv bezeichnen (mehr über die Folgen findet sich hier im L’Essentiel).

Denn solche Zugangsregelungen machen nur dann Sinn, wenn sie tatsächlich ausnahmslos in allen Bereichen des öffentlichen Lebens angewendet werden. Weder Testgutscheine noch die Ausnahme der Schulen von strikten 3G-Regelungen, um auch ungeimpften und ungetesteten Schülern die Teilnahme am Unterricht zu ermöglichen, sind zielführend. Auf dem Papier mag so etwas gut aussehen und sich in Politiker-Reden auch gut verkaufen lassen, aus epidemiologischer Sicht ist es brandgefährlich, weil es einem hochinfektiösen respiratorischen Virus wie SARS-CoV-2 die freie und schnelle Verbreitung in große Bevölkerungskrise ermöglicht.

Ständige Tests und Maskenpflicht für Unter-12-Jährige

Kinder unter 12 Jahren können derzeit nicht geimpft werden. Deswegen besteht unsere einzige Möglichkeit zu ihrem Schutz darin, die Zirkulation des Virus in Schulen und Betreuungs-Einrichtungen für diese Altersgruppe so gering wie möglich zu halten.

Das effektivste Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, besteht im ständigen Tragen des Mund-Nasen-Schutzes und in ständigen (idealerweise täglichen) und verpflichtenden Tests. Wichtig ist dabei vor allem zweierlei. Zum einen darf bei der Verweigerung eines Tests der Zutritt zur Schule nicht ermöglicht werden. Und zum zweiten müssen im Fall eines positiven Resultats auch nur einer Person alle Kontaktpersonen als potentiell infiziert betrachtet und sofort unter Quarantäne gestellt werden.

Diese strikte 3G-Regelung muss natürlich auch das Personal der Schul- und Betreuungs-Einrichtungen einbeziehen.

Impfquote steigern

Die Impfquote lässt sich durchaus dadurch steigern, dass man die Teilnahme am sozialen Leben für Ungeimpfte so schwierig wie möglich gestaltet. Und da es immer noch so viele Ungeimpfte gibt, ist das im Moment leider auch der einzige Weg, den wir einschlagen können, weil uns das Virus für alles andere nicht die Zeit lässt.

Besser wäre natürlich Aufklärung und Diskussion gewesen, weil viele Ungeimpfte gar keine strikten Impfverweigerer sind, sondern sich einfach nur Sorgen machen, die man in einer offenen Diskussion vielleicht hätte zerstreuen können. Leider haben Politik und Medien uns diesen Weg enorm erschwert.

Die Medien deswegen, weil sie aufgrund der Suche nach der „schnellen Schlagzeile“ manches zu schnell und nicht ausreichend geprüft veröffentlichen. Da wird dann über ungeprüfte Studien berichtet, die sich später als falsch herausstellen oder es wird irgendwelchen fachfremden Menschen die Verbreitung ihrer eigenen (und leider oft falschen oder irreführenden) Meinung zugebilligt. Das, liebe Medien, ist keine Meinungsvielfalt, es ist die Veröffentlichung von nachweislichen Falsch-Information und die zusätzliche Desinformation eines sowieso schon verunsicherten Publikums.

Und die Politik deswegen, weil sie ständig auf der Jagd nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner ist, es möglichst jedem recht machen will und auch völlig abstruse Informationen als diskussionswürdig akzeptiert. Als Resultat zwingt dann beispielsweise ein nordrhein-westfälischer Gesundheitsminister die Stadt Krefeld dazu, gegen ihren Willen die Maskenpflicht in den Klassenräumen an Krefelder Schulen aufzuheben und begründet diese Anweisung mit E-Mails, in denen von durch Masken erstickenden Kindern die Rede sei (nachzulesen beispielsweise hier).

Das, liebe Politik, ist kein Eingehen auf andere Meinungen, es ist die Verbreitung von nachweislich falschen Informationen, von Schwachsinn. Würden Sie auch ernsthaft darüber diskutieren wollen, ob die Erde eine Scheibe oder 1+1=3 ist? Würden wir einen Mittelweg suchen, in dem die Erde dann quadratisch und 1+1=2,5 wäre? Glauben Sie eigentlich immer noch, dass Sie mit einem Virus diskutieren können?

Wenn wir wirklich Aufklärung betreiben und ernstzunehmende Sorgen diskutieren wollen, dann sollten wir zunächst einmal die Verbreitung von nachweislichen Falsch-Informationen einstellen und sie als das brandmarken, was sie sind. Nämlich Schwachsinn, der einer Diskussion schlicht nicht würdig ist.

Gleichzeitig könnten wir damit beginnen, mit den Menschen zu diskutieren, die sich wirklich Sorgen machen und die wir erreichen können. Dazu brauchen wir niedrigschwellige Impf- und Informationsangebote und müssen auf die Menschen zugehen (hierzulande sind beispielsweise der Impfbus, die mobilen Teams in Diskotheken oder die Aktionen für Obdachlose sehr gute Ideen). Was wir hingegen absolut nicht brauchen sind besserwisserische Politiker und Journalisten, die mit nicht durchdachten Aussagen die Menschen aufs Neue verunsichern.

Fazit

Wenn wir unsere Gesundheits-Systeme vor einer „Welle der Ungeimpften“ und gleichzeitig die Gesundheit der Risiko-Gruppen in der Bevölkerung schützen wollen, dann brauchen wir jetzt ein paar unpopuläre Entscheidungen. Jetzt, nicht erst in ein paar Wochen!

Diese Entscheidungen werden dazu führen, dass Menschen, die sich nicht impfen lassen möchten, einige Einschränkungen hinnehmen müssen. Nicht um sie selbst zu schützen (sie haben sich schließlich aus freien Stücken gegen die Impfung und damit für die Infektion entschieden), sondern um unsere Gesundheits-Systeme und das dort arbeitende Personal vor den Folgen dieser Impf-Verweigerung zu schützen.

Sicher, auch Geimpfte können sich immer noch mit dem SARS-CoV-2-Virus infizieren und das Virus auch weitergeben und andere Menschen infizieren. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist erheblich geringer. Wichtiger ist, dass die Covid-19-Impfung vor den schweren Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion in fast allen Fällen einen exzellenten Schutz bietet.

Das deutsche Robert-Koch-Institut hat deswegen in seinem aktuellen Wochenbericht die Risiko-Einschätzung für ungeimpfte und nicht vollständig geimpfte Menschen von „hoch“ zu „sehr hoch“ geändert, für vollständig Geimpfte ist weiterhin von einem „moderaten“ Risiko die Rede. Und die Weltgesundheits-Organisation WHO hat am 4. November angesichts der alarmierend steigenden Zahlen in vielen europäischen Ländern Kurskorrekturen angemahnt und gefordert, dass sämtliche Schutzmaßnahmen wie Maske tragen und Abstand halten rigoros umgesetzt werden müssen, um sicherzustellen, dass die Gesundheitssysteme in den nächsten Monaten nicht an die Belastbarkeitsgrenze kommen.

Im Moment scheinen wir versessen darauf zu setzen, dass (….) wir nur noch ein paar Leute impfen müssen und dann ist alles vorbei. Das ist aber nicht der Fall. (….) Um den Kurs zu halten, muss man auch manchmal den Kurs ändern. (….) Dies ist ein Warnschuss für die ganze Welt, was in Europa trotz der Verfügbarkeit von Impfungen geschieht

Mike Ryan, Nothilfe-Koordinator der WHO, am 04.11.2021

Wer das bis heute immer noch nicht begriffen hat (oder es nicht begreifen oder wahrhaben will) und mit irgendwelchen fadenscheinigen Argumenten die Impfung verweigert, der verdient wahrscheinlich den Schutz durch die Gesellschaft nicht mehr. Aber die Gesellschaft, und besonders das Personal im Gesundheitswesen, verdient vor diesen Impf-Verweigerern geschützt zu werden.

Ein Blick auf die Entwicklung der Klinik-Auslastung in Deutschland oder Luxemburg sollte eigentlich schon genügen, um das zu verstehen. Derzeit sorgt die Impfverweigerung dafür, dass diese Klinikbetten mit Covid-19-Patienten gefüllt sind, die nicht in den Kliniken wären, wenn sie sich für die Impfung entschieden hätten. Und damit leider auch dafür, dass andere Menschen unnötig leiden, weil eigentlich notwendige Operationen abgesagt werden müssen, weil das dafür notwendige Personal einfach nicht zur Verfügung steht.

Also sollten Impfverweigerer und -skeptiker vielleicht noch einmal drüber nachdenken, dass gerade ihr Verhalten andere Menschen in Gefahr bringt und dafür sorgt, dass wir uns keine Lockerungen leisten können. Oder an die Worte der deutschen Virologin Jana Schroeder glauben, die mit ihrer Einschätzung der Lage für ungeimpfte Menschen in nicht allzu ferner Zukunft durchaus recht haben könnte:

Wir werden früher oder später ein neues ‚3G‘ bekommen: Geimpfte, Genesene – und die sind nicht immer gesund – und Gestorbene

Jana Schroeder im Interview

Und die Politik sollte endlich aufhören, dem „Prinzip Hoffnung“ zu folgen. Möglichst lange abzuwarten, die Warnungen (von Seiten der Wissenschaft gibt’s davon ja wahrlich genug) zu ignorieren und zu hoffen, dass es vielleicht doch nicht so schlimm wird, wird uns nicht weiterhelfen. Liebe PolitikerInnen, denkt einfach mal daran, dass es bisher jedes Mal schlimmer wurde! Und handelt endlich!

In eigener Sache: Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, dann können Sie mir das Schreiben und Recherchieren gerne mit einem Kaffee oder einer kleinen Spende versüßen. Eine Möglichkeit dazu finden Sie auf der Seite Buy me a coffee.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu diesem Thema, aus verschiedenen anderen Wissenschafts-Bereichen und aus dem Bereich Internet & Gesellschaft,

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