Corona

Die Auffrischungs-Impfung löst nicht alle Probleme

Nachdem Israel es mit Auffrischungs-Impfungen (die manchmal auch Booster-Impfungen genannt werden, obwohl der Begriff zu Missdeutungen einlädt) geschafft hat, die vierte Corona-Welle in ein paar Monaten zu beenden, ist das Thema Auffrischungs-Impfung in aller Munde. Dabei schwingt die Hoffnung mit, dass es auch den europäischen Ländern gelingen könnte, mit Auffrischungs-Impfungen und ohne weitere Maßnahmen die aktuelle Pandemie-Welle unter Kontrolle zu halten.

Das dürfte allerdings ein Trugschluss sein, die Auffrischungs-Impfungen alleine werden uns nicht retten. Das wiederum liegt in der Hauptsache daran, dass derzeit die Situation in den Kliniken schon prekär ist und katastrophal zu werden droht, weil viel zu viele (hauptsächlich ungeimpfte) Menschen wegen einer Covid-19-Erkrankungen in den Kliniken landen und dort dringend benötigte Krankenhausbetten für einen langen Zeitraum belegen.

Ich möchte Ihnen in diesem Artikel einen Überblick über Auffrischungs-Impfungen und deren Wirksamkeit geben und gleichzeitig noch einmal darauf eingehen, welche Maßnahmen wir außerdem noch brauchen werden. Aber zunächst einmal zu den Auffrischungs-Impfungen.

In Israel wurde im Juli 2021 mit Auffrischungs-Impfungen begonnen, weil sich eine neue Pandemiewelle anbahnte. Durch diese Entscheidung (als erstes Land der Welt) sollte zunächst einmal der Impf-Schutz für die Bevölkerung ab 65 Jahren verbessert werden. Nachdem die Auffrischungs-Impfung tatsächlich für ein rückläufiges Infektions-Geschehen sorgte, wurde die Auffrischung allen Geimpften ab 12 Jahren ermöglicht.

Mittlerweile haben vier von neun Millionen Israelis eine dritte Impfung erhalten – das entspricht 42 Prozent der Gesamtbevölkerung. Eine aktuelle Studie der Harvard-Universität zeigt anhand von Daten der größten israelischen Krankenversicherung deutlich, dass die Auffrischungs-Impfung dem Immunsystem noch einmal einen Schubs gibt und für erheblich höhere Antikörper-Spiegel sorgt.

So weit, so gut. Leider werden dabei in aller Regel gerne einmal ein paar Dinge übersehen:

  • Israel hat sich bereits sehr früh genügend Impfstoff gesichert, um seine Bevölkerung komplett impfen zu können. Wäre diese vollständige Impfung geglückt, wäre es wohl nie zu der vierten Pandemie-Welle gekommen. Leider gibt’s in Israel eine Menge Impfgegner (hauptsächlich ultraorthodoxe Juden und arabische Israelis), die Impfquote verharrt daher bei rund 64 Prozent. Die vierte Pandemie-Welle wurde von diesen Ungeimpften angetrieben.
  • Die Auffrischungs-Impfung sorgt zwar für einen besseren Immunschutz, aber sie erhöht den Schutz vor schweren Verläufen bei jüngeren Menschen mit normal arbeitendem Immunsystem nur unwesentlich. Allerdings sorgt sie für einen besseren Schutz der Risikogruppen und der Ungeimpften, indem sie dafür sorgt, dass diese jüngeren (und sozial aktiven) Menschen besser vor einer Infektion geschützt sind und das SARS-CoV-2-Virus damit auch seltener weitergeben können.
  • Bei Menschen mit einem geschwächten Immunsystem (das betrifft ältere Menschen ebenso wie Menschen, deren Immunsystem durch eine Erkrankung oder eine Therapie geschwächt ist) sorgt die Auffrischungs-Impfung in vielen Fällen tatsächlich für einen erheblich besseren Schutz gegen einen schweren Verlauf und sorgt bei manchen überhaupt erst für den Aufbau eines nennenswerten Immunschutzes.

Es ist dabei sehr wichtig zu verstehen, dass diese beiden Folgen der Impfung (also der langanhaltende Schutz vor schweren Verläufen und die Verringerung der Infektiösität) auf zwei verschiedenen Funktionen des Immunsystems, nämlich der humoralen und der zellulären Immunantwort, beruhen. Dieser Faktor geht in Presseartikeln und Kommentaren gerne einmal unter, dort wird vielfach (und fälschlicherweise) die Antikörper-Antwort mit der Immunität gleichgesetzt.

Deswegen möchte ich hier noch einmal kurz erklären, was es mit diesen zwei Teilen der Immunantwort eigentlich auf sich hat und warum Auffrischungs-Impfungen für alle bei einer hohen Impfquote noch nicht einmal unbedingt notwendig wären.

Die Funktionsweise des Immunsystems

Das SARS-CoV-2-Virus hat auf der Oberfläche Proteine (sogenannte Spike-Proteine), mit deren Hilfe es sich an körpereigene Zellen bindet und in sie eindringt. Die Impfung mit einem mRNA-Impfstoff sorgt nun durch die Einbringung eines biologischen Bauplans (der mRNA) in bestimmte körpereigene Zellen (sogenannte dendritische Zellen) dafür, dass diese Zellen einen Teil eben dieses Spike-Proteins herstellen.

Die humorale Immunantwort

Diese dendritischen Zellen präsentieren anschließend die aufgrund der mRNA hergestellten Spike-Proteine auf ihrer Oberfläche. Dort werden sie von anderen Zellen des Immunsystems (den sogenannten T-Helferzellen) als körperfremde Eindringlinge erkannt. Diese T-Helferzellen veranlassen nun wieder andere Zellen des Immunsystems (die sogenannten B-Zellen) dazu, Antikörper gegen das Spike-Protein herzustellen.

Diese von den B-Zellen hergestellten Antikörper binden an das Spike-Protein des SARS-CoV-2-Virus und machen es dadurch funktionsunfähig. Das Virus kann durch dieses „verkleben“ seiner Andockstellen nicht mehr in andere Zellen eindringen und wird dadurch vermehrungsunfähig. Gleichzeitig werden die Viren dadurch markiert und können von sogenannten Killerzellen aus dem Organismus entfernt werden.

Diese Antikörper gibt es in verschiedenen Ausformungen, hier interessieren uns hauptsächlich die Immunglobuline der Klassen A (IgA) und G (IgG). IgA findet sich unter anderem auf den Schleimhäuten, es kann also Viren wie SARS-CoV-2 direkt im Rachenraum bekämpfen (und senkt damit das Risiko einer Infektion und damit auch einer Weitergabe des Virus). IgG ist hingegen im Blutkreislauf präsent und senkt damit das Risiko eines schweren Verlaufs (weil das SARS-CoV-2-Virus dadurch nicht weiter in den Organismus vordringen kann, sondern sofort bekämpft wird).

Diese Antikörper werden nach einer Impfung (oder einer Infektion) gebildet und im Laufe der Zeit abgebaut. IgA haben dabei eine Halbwertzeit von ungefähr 5 Tagen (das heißt nach 5 Tagen ist die Hälfte von ihnen abgebaut), bei IgG beträgt die Halbwertzeit ungefähr 20 Tage. Das ist der Grund dafür, warum der Antikörperspiegel stetig abnimmt und damit auch der Grund dafür, warum der Antikörperschutz nach einer Impfung (oder nach einer Infektion) innerhalb einiger Wochen oder Monate geringer wird und nahezu ganz verschwindet.

Warum aber wirkt eine Covid-19-Impfung dann trotzdem langfristig gegen schwere Verläufe und senkt die Infektiosität? Einer der Gründe dafür liegt darin, dass die Antikörper nicht komplett verschwinden. Ein minimaler Basis-Spiegel wird aufrecht erhalten, um im Falle des Eindringens eines Antigens die spezifische Immunantwort auszulösen (für eine sterile Immunität reicht das allerdings nicht aus). Der zweite Grund ist etwas, dass man als Immungedächtnis bezeichnet und dass ein Teil der zellularen Immunität ist.

Zellulare Immunität und Immungedächtnis

Einige der T- und B-Zellen, die für die Erzeugung von Antikörpern zuständig sind, verwandeln sich in sogenannte Gedächtniszellen und verbleiben langfristig im Organismus (normalerweise über 10 Jahre oder mehr). Diese verbleibenden Zellen sorgen dafür, dass beim erneuten Auftreten eines bekannten Virus die oben genannten Antikörper nach wenigen Tagen neu gebildet werden können (bei einer Erstinfektion kann das mehrere Wochen dauern, weil das Immunsystem das Virus zunächst einmal „kennenlernen“ muss).

Genau dieser Mechanismus sorgt nun dafür, dass man sich nach einer Impfung oder einer durchgemachten Infektion zwar durchaus noch mit dem SARS-CoV-2-Virus infizieren und es auch weitergeben kann, die Abwehrreaktion des Immunsystems aber weitaus schneller einsetzt.

Das passiert so schnell, dass sich das Virus zwar noch einige Tage im Rachenraum vermehren kann, es aber nach wenigen Tagen bereits durch IgA-Antikörper im Rachenraum und IgG-Antikörper im Blut neutralisiert werden kann. Und diese Reaktion sorgt nun dafür, dass eine geimpfte Person weniger infektiös ist (weil das Virus im Rachenraum viel schneller als bei einer ungeimpften Person bekämpft wird) und kaum ein Risiko für einen schweren Verlauf besteht (weil die Viren, die dem IgA entgehen und es in den Organismus schaffen, dort sofort von IgG-Antikörpern neutralisiert werden).

Immungeschwächte Menschen

Leider funktioniert das Immunsystem nicht bei allen Menschen so gut. Zum einen lässt das Immunsystem mit zunehmendem Alter immer mehr nach, zum anderen haben manche Menschen aufgrund einer Vorerkrankung oder aufgrund von Medikamenten schwächere Immunreaktionen.

Das oben Gesagte trifft daher auf jüngere Menschen mit normal arbeitendem Immunsystem zu. Bei immungeschwächten Menschen ist die Immunreaktion geringer, diese Menschen bauen deswegen einen schwächeren (oder sogar überhaupt keinen) Immunschutz auf und sind dementsprechend weniger geschützt. Diese Menschen brauchen unbedingt eine Auffrischungs-Impfung, um überhaupt einen adäquaten Schutz aufbauen bzw. halten zu können.

Eine genauere Erklärung des Immunsystems finden Sie bei Interesse übrigens auch im Artikel Ein paar Worte zu Impfung und Immunität hier im Blog.

Auffrischungs-Notwendigkeit beim Janssen-Impfstoff

Dazu kommen noch die Menschen, die sich (meist aufgrund der Einzeldosis) für die Impfung mit dem Janssen-Impfstoff entschieden haben. Wir wissen mittlerweile, dass der Schutz vor der Delta-Variante bei diesem Impfstoff nur sehr ungenügend ausfällt, hier sollte deswegen die Auffrischungs-Impfung für ein gültiges Impfzertifikat obligatorisch sein.

Der Effekt der Auffrischungs-Impfungen

Diese Informationen erlauben uns jetzt eine etwas genauere Abschätzung der Wirkung von Auffrischungs-Impfungen auf verschiedene Teile der Population.

  • Bei Menschen unter 50 Jahren mit einem normal arbeitenden Immunsystem soll die Auffrischungs-Impfung primär den Antikörper-Spiegel für einige Monate noch einmal erheblich erhöhen und damit sowohl das Ansteckungs- als auch das Weitergabe-Risiko vermindern (dient also eher dem Schutz der Gesellschaft). Der langfristige Schutz vor schweren Verläufen (die zelluläre Immunantwort) wird auch noch einmal verbessert, aber dieser Schutz ist auch ohne Auffrischungs-Impfung schon ziemlich hoch.
  • Bei Menschen ab 50 Jahren und immungeschwächten jüngeren Menschen soll die Auffrischungs-Impfung hingegen primär für einen besseren Immunschutz der betroffenen Person selbst sorgen, weil das Immunsystem noch einmal stimuliert wird (und damit für einen höheren Schutz vor schweren Verläufen sorgt). Für diese Menschen ist die Impfauffrischung für den Eigenschutz wichtig, der zusätzlich ansteigende Fremdschutz durch die erhöhten Antikörper-Spiegel ist ein zusätzlicher Vorteil.
  • Bei Berufsgruppen mit ständigem Kontakt zu Risikogruppen (beispielsweise Personal im medizinischen oder pflegerischen Bereich) ist eine Auffrischungs-Impfung nahezu unverzichtbar. Denn zum einen mus bei Ihnen sichergestellt werden, dass sie die ihnen anvertrauten Menschen einem möglichst geringen Risiko aussetzen. Und zum anderen ist dieser Personenkreis ständig dem Risiko einer Infektion ausgesetzt und benötigt deswegen den bestmöglichen Schutz. Beides lässt sich durch eine Auffrischungs-Impfung erreichen (hinzu kommt noch, dass gerade dieser Personenkreis häufig mit AstraZeneca geimpft worden ist und dass die Auffrischgungs-Impfung mit einem der mRNA-Impfstoffe gerade dann exzellente Ergebnisse vorweisen kann).

Das soll nun übrigens nicht heißen, dass man auf eine Auffrischungs-Impfung bei gesunden Menschen unter 50 Jahren verzichten sollte, ganz im Gegenteil. Letztlich zeigen Studiendaten einen so deutlich erhöhten Immunschutz nach einer Auffrischungs-Impfung, dass man letztlich wohl (wie bei vielen anderen Impfungen auch) auf ein 2+1-Impfschema übergehen wird.

Übrigens: In den Zulassungs-Studien für die aktuellen Impfstoffe sind Schemata mit mehr als 2 Impfdosen nicht berücksichtigt worden, weil das viel zu viel Zeit gekostet hätte und die Wirksamkeit der Impfstoffe (gegen die ursprüngliche Variante von SARS-CoV-2) auch mit einem 2-Dosen-Impfschema schon extrem gut war. Und diese Zeit hatten wir damals schlicht nicht, wir haben die Impfungen so schnell wie möglich gebraucht. Deswegen werden diese Daten mit der Empfehlung für ein 2+1-Impfschema jetzt erst nachgereicht.

Bei einer Auffrischungs-Impfung steigen die Antikörper-Pegel erheblich stärker an als bei der ursprünglichen Impfung mit einem 2-Dosen-Schema (das gilt sowohl bei der Erstimpfung mit AstraZeneca als auch mit BioNTech/Pfizer). Auch hier bauen sich die Antikörper natürlich auch wieder ab, aber dieser Abfall beginnt auf einem weitaus höheren Niveau und sorgt damit für eine lang anhaltende (vermutlich für 3 bis 6 Monate) nahezu sterile Immunität. Und auch danach bleibt man besser vor schweren Verläufen geschützt, als das nach der ursprünglichen Grundimmunisierung der Fall war.

Eine Auffrischungs-Impfung für alle ist daher derzeit sehr sinnvoll, wenn es wie in Luxemburg oder Deutschland überzählige Impfstoff-Dosen gibt. Denn sie sorgt durch den hohen Antikörper-Spiegel für eine über Monate andauernde nahezu sterile Immunität und senkt damit das Infektions-Niveau signifikant ab. Damit trägt die Auffrischungs-Impfung für alle erheblich zum Schutz der Risikogruppen und des ungeimpften Teils der Bevölkerung bei (was gerade in Ländern mit niedriger Impfquote sehr wichtig ist).

Allerdings sollte man bei allen Vorteilen einer Auffrischungs-Impfung für alle nicht aus den Augen verlieren, dass für das gesamte Infektions-Geschehen die Impfung der bisher ungeimpften Menschen wichtiger als die Auffrischungs-Impfungen für gesunde Menschen unter 50 Jahren ist.

Mehr Informationen über die Effektivität der Auffrischungs-Impfungen gibt es in diesem sehr guten Thread:

Das größte Problem sind ungeimpfte Menschen

Die Auffrischungs-Impfung für alle kann uns also durchaus dabei helfen, das Infektions-Geschehen in den nächsten Monaten besser kontrollieren zu können (gerade das Beispiel Israel zeigt das überdeutlich). Aber sie ändert nichts daran, dass wir zur endgültigen Beherrschung dieser Pandemie eine erheblich höhere Grundimmunisierung in der (weltweiten) Bevölkerung brauchen, als wir sie heute haben.

Momentan gerät das gesamte Gesundheits-System in vielen europäischen Ländern erheblich unter Druck, weil eine große Zahl ungeimpfter Menschen nach wie vor schwer erkranken kann. Das liegt zum einen an der Delta-Variante, die den Immunschutz geimpfter Menschen viel leichter als die bisherigen Varianten durchdringen kann (was zwar deren Risiko für schwere Verläufe nicht erhöht, aber für die Weitergabe des Virus bis in die gefährdeten Gruppen sorgt). Und zum anderen liegt es halt leider daran, dass eine große Zahl von Menschen die Covid-19-Impfung verweigert und damit die gesamte Gesellschaft in Gefahr bringt.

Zu Beginn der Pandemie dachte ich, dass der Kampf gegen den neuen Erreger daran scheitert, dass man keinen wirksamen Impfstoff entwickeln kann oder dass Pflegepersonal und Ärztinnen und Ärzte überfordert sind. (…) Aber tatsächlich sind wir bisher an den vermeintlich einfachen Dingen gescheitert. Die größten Probleme tauchten in der politischen Führung auf, in der Kommunikation und dabei, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. (…) Das Gesundheits-System hat sich an diese Extremsituation angepasst. Ärztinnen, Krankenpfleger, Verwaltungsangestellte in Kliniken, Hilfsarbeiter: Sie alle haben bis zur Erschöpfung gearbeitet. Daher ist es für mich umso enttäuschender, wie die Politik versagt hat.

Dr. Mike Ryan, WHO, im ZEIT-Interview

Was man jetzt tun kann

Leider haben wir bei den derzeit explodierenden Infektions-Zahlen nicht mehr wirklich eine Wahl. Sicherlich gibt es unter den Ungeimpften viele Menschen, die keine Impfgegner sind, sondern sich aufgrund von Ängsten und Zweifeln nicht impfen lassen möchten. Diese Menschen kann man wahrscheinlich erreichen und vielfach auch überzeugen. Aber das hätte schon vor Monaten passieren müssen, in der jetzigen Lage fehlt uns für diese Sensibilisierung schlicht die Zeit (und offenbar vielfach auch der politische Wille). Deswegen bleiben uns im Moment nur noch harte Maßnahmen, um das Infektions-Geschehen unter Kontrolle zu bekommen.

Bei einer genügend hohen Impfquote wäre die Situation mehr oder weniger unter Kontrolle, wie wir in Ländern wie Portugal oder Spanien deutlich sehen können (um dem Argument vorzubeugen: ja, es gibt auch geimpfte Menschen in den Kliniken, nur eben erheblich weniger). Deswegen gibt es in vielen Ländern mit niedriger Impfquote einen immer größer werdenden Konsens, dass eventuelle Einschränkungen genau die Menschen treffen sollten, die sich bis heute nicht haben impfen gelassen und so das aktuelle Problem zum größten Teil verursacht haben.

2G-Regelungen

In den meisten europäischen Ländern gelten derzeit noch 3G-Regelungen, die den Zutritt zu vielen Bereichen des öffentlichen Lebens neben Geimpften und Genesenen auch ungeimpften, aber negativ getesteten Menschen erlauben. Damit dürfte allerdings bei weiter steigenden Infektionszahlen in den Ländern mit niedriger Impfquote in allernächster Zeit Schluss sein.

Fast überall wird ernsthaft über 2G-Regelungen diskutiert, mit denen für Ungeimpfte der Zutritt zu den meisten Teilen des öffentlichen Lebens nicht mehr möglich sein würde. Den Beginn hat Österreich gemacht, dort dürfen Ungeimpfte ab 12 Jahren seit dem 15. November 2021 ihr Haus oder ihre Wohnung nur noch aus dringenden Gründen verlassen, dazu gehören Lebensmittel-Einkäufe, Arbeit oder Ausbildung sowie körperliche Erholung. Das Einkaufen über den täglichen Bedarf hinaus sowie der Besuch von Gastronomie und Freizeiteinrichtungen ist hingegen für Ungeimpfte nicht mehr erlaubt, Zuwiderhandlungen werden mit Strafen bis zu € 1.450 geahndet.

Auch in Deutschland denken die möglichen Ampel-Koalitionspartner laut über Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte nach. Grünen-Chef Robert Habeck sagte dazu beispielsweise in der ARD: „Kontaktuntersagung oder 2G-Regelung heißt in weiten Teilen: Lockdown für Ungeimpfte. Das ist die Vulgärübersetzung.“. Vorreiter sind derzeit die Bundesländer Sachsen, Brandenburg und Berlin, Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Thüringen dürften zeitnah folgen.

Nachdem sich beispielsweise in Österreich und Sachsen gezeigt hat, dass die Einführung einer 2G-Regelung zu einer deutlich erhöhten Impfbereitschaft führt und nachdem mittlerweile Institutionen wie die WHO, das Robert-Koch-Institut und der Weltärztebund die Einführung von 2G-Regeln fordern, dürften solche Regelungen in den allermeisten europäischen Ländern mit niedriger Impfquote in allernächster Zukunft eingeführt werden.

Impfpflicht

Daneben dürfte es in bestimmten Bereichen (beispielsweise im Gesundheits- und Pflegewesen) zeitnah zu einer Impfpflicht kommen, weil sich anders kaum noch für die Sicherheit der Patienten und Bewohner garantieren lässt (zum Beispiel in Italien, Frankreich und Griechenland gibt es solche Impfpflichten bereits).

Mehr zum Thema finden Sie übrigens bei Interesse auch im Artikel Wir brauchen Maßnahmen – UND ZWAR SOFORT!!!! hier im Blog. Ich möchte allerdings an dieser Stelle trotzdem noch einmal kurz auf das Reiz-Thema Schulen zu sprechen kommen.

Schulen

Ein besonderes Problem stellen nach wie vor die Schulen und Betreuungs-Einrichtungen für junge Menschen dar. In den meisten von der aktuellen Pandemie-Welle stark betroffenen Ländern sind die Wochen-Inzidenzen bei den Unter-20-Jährigen am höchsten (in Luxemburg beispielsweise bei über 280 für die Unter-10-Jährigen und bei über 230 für die Altersgruppe von 10 bis 19 Jahre, in Deutschland je nach Bundesland noch deutlich höher). Die jeweiligen Bildungspolitiker(innen) scheinen sich darüber nicht allzu viele Gedanken zu machen, anstelle auf den Ernst der Lage hinzuweisen und entsprechend zu agieren. So kommunizierte die nordrhein-westfälische Bildungsministerin Yvonne Gebauer noch am 9. November 2021 „Durch die regelmäßigen Testungen und unsere wöchentliche Umfrage (…) haben wir zu jeder Zeit einen Überblick über das Infektionsgeschehen an unseren Schulen. (…) Durch die wöchentlich zwei beziehungsweise drei verpflichtenden Testungen sind die Schülerinnen und Schüler die am besten überwachte gesellschaftliche Gruppe“ (Quelle: Landesportal NRW).

Unterdessen warnt das Robert-Koch-Institut in seinem epidemiologischen Bulletin vor einem Durchseuchungskurs gegenüber Kita-Kindern und Schülern: „Je mehr Kinder infiziert werden, desto höher würde dann auch die Anzahl der schweren Krankheitsverläufe ausfallen“ und die Liste der Landkreise mit Wochen-Inzidenzen von über 500 wird immer länger (siehe beispielsweise hier auf Twitter).

Anmerkung: Zumindest für das luxemburgische Bildungsministerium scheint das Thema Corona kaum noch Relevanz zu besitzen. Man überlässt die Kommunikation über Fälle in den Schulen großzügig dem Gesundheits-Ministerium, in dessen Wochenbericht man dann Informationen wie die folgende findet: „In der Grundschule Millermoaler wurden zwischen dem 25.Oktober und dem 8.November 29 positive Fälle festgestellt. 14 von 29 Klassen waren betroffen. Aufgrund der Allerheiligenferien hatte die Mehrzahl der positiven Fälle keinen Einfluss auf die Organisation des Unterrichts.“ (Quelle: Ministère de Santé). Die bis zu den Sommerferien regelmäßig veröffentlichte Übersicht über das Infektions-Geschehen in den Schulen wird seit dem Ende der Sommerferien am 15. September 2021 nicht mehr veröffentlicht, vom Bildungsministerium heißt es dazu lapidar „Mit der Abschaffung des Large Scale Testings, der Einführung der Schnelltests an den Schulen sowie der Impfung eines Großteils der Lehrer und Sekundarschüler hat sich die Ausgangslage in den Schulen im Vergleich zum letzten Schuljahr grundlegend geändert. Deshalb wurde beschlossen, die Zahlen nunmehr nur nach Alterskategorien zu veröffentlichen, so wie das in der wöchentlichen Pressemitteilung des Gesundheitsministeriums der Fall ist.“.

Fazit

Ob die oben angesprochenen Maßnahmen ausreichen werden, hängt maßgeblich von der Schnelligkeit ihrer Umsetzung ab. Wir erleben gerade in nahezu allen europäischen Ländern mit niedriger Impfquote eine explosive Fallentwicklung, die sich ohne weitere Maßnahmen fortsetzen wird.

Selbst heute beschlossene Maßnahmen werden sich aber erst in einigen Wochen auswirken, die schweren Verläufe der nächsten Wochen resultieren aus dem aktuellen Infektions-Geschehen, an dem wir nichts mehr ändern können. Deswegen wird das Zeitfenster zum entschlossenen Handeln jeden Tag etwas kleiner.

Zumindest die 2G-Regelung und die Impfpflicht (vermutlich auch eine Pflicht zur Auffrischungs-Impfung) für Berufsgruppen, die ständig Kontakt mit Risikogruppen haben, dürften sich kaum vermeiden lassen, ebenso wenig die Wiedereinführung der Maskenpflicht in den Schulen und Betreuungseinrichtungen für junge Menschen. Dazu werden wir niederschwellige Angebote sowohl zur Erstimpfung als auch zur Auffrischungs-Impfung brauchen.

Wenn all das schnell umgesetzt werden kann, dann könnten wir damit (und, zugegeben, mit etwas Glück) das Infektions-Geschehen soweit unter Kontrolle bekommen, dass wir keine weiteren Maßnahmen brauchen.

Bisher hat die Politik immer abgewartet, ob es wirklich so schlimm kommen würde und erst reagiert, nachdem es dann tatsächlich so schlimm kam (was es, nebenbei bemerkt, bisher immer tat). In diesem Fall dürfte die Folge eines zu langen Abwartens eine Überlastung der Gesundheits-System bedeuten. Und das würden wir dann nur noch mit wirklich harten Maßnahmen wieder unter Kontrolle bekommen können (wenn Sie sich an die letztjährigen Bilder aus Bergamo erinnern, dürften Sie wissen, was da auf uns zukommen könnte).

Falls Sie übrigens wie die Politik der Ansicht sein sollten, dass es so schlimm schon nicht werden wird und ich mit dem Beispiel Bergamo übertreibe, empfehle ich Ihnen einen Blick in diese aktuelle Modellierung von Dirk Paessler (diese Modellierung bezieht sich auf Deutschland, aber wir steuern in Luxemburg gerade in eine ähnliche Richtung).

Deshalb wird uns die Impfauffrischung alleine jetzt nicht mehr retten, wir müssen auch die viel zu hohe Zahl von Ungeimpften aus dem Infektions-Geschehen herausnehmen (und sie gleichzeitig möglichst schnell von den Vorteilen einer Impfung überzeugen) und die Risikogruppen schützen. Und auch das wird nur dann reichen, wenn wir die notwendigen Maßnahmen sehr zeitnah umsetzen.

Was man jetzt noch machen könnte, wäre, mit großem Elan eine Booster-Aktion durchzuführen, eine Kampagne für Drittimpfungen bei allen, die jetzt schon geimpft sind, beginnend bei den Alten. Damit würde man wahrscheinlich zumindest für die Dauer des Winters den Herdenschutz gewährleisten. (…) Neben dem Schutz der Alten würde man wahrscheinlich den Übertragungsschutz wieder zurückerobern, dann wird die Inzidenz rapide sinken. Besser wäre es noch, wenn man beides machen würde: boostern und Impflücken schließen. (…)

Immunitätslücken schließen ist ein mittelfristiges Ziel. Kurzfristig muss man die Zahl der Neuansteckungen verringern. (…) Mangels Alternativen wird man wegen der Ungeimpften wieder in kontakteinschränkende Maßnahmen gehen müssen. (…) Übrig bleibt dann das 2G-Modell, also ein Lockdown für Ungeimpfte. Ob das noch im November die Inzidenz senkt – ich habe da meine Zweifel. In jedem Fall hoffe ich, dass man nicht wieder Schulen schließt. Das wäre eine verhältnismäßig leicht umsetzbare Maßnahme. (…) Ich halte es für sicher, dass man kontakteinschränkende Maßnahmen braucht. Wie genau die aussehen werden, ist, wie gesagt, eine Sache der Politik.

Prof. Dr. Christian Drosten im ZEIT-Interview

Danksagung: Zum Abschluss möchte ich mich an dieser Stelle noch bei Prof. Dr. Meier-Augenstein von der Robert-Gordon-Universität in Aberdeen bedanken, der mir mit seinen Anmerkungen und seinen Twitter-Tweets unendlich viel beim Verständnis der Immunreaktionen geholfen hat. Wenn Sie sich für Wissenschaft interessieren, dann sollten Sie ihm unbedingt auf Twitter folgen, Sie finden ihn unter dem Benutzernamen @WolfmannotJack.

In eigener Sache: Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, dann können Sie mir das Schreiben und Recherchieren gerne mit einem Kaffee oder einer kleinen Spende versüßen. Eine Möglichkeit dazu finden Sie auf der Seite Buy me a coffee.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu diesem Thema, aus verschiedenen anderen Wissenschafts-Bereichen und aus dem Bereich Internet & Gesellschaft,

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