Corona

Omikron ist eine Chance zum Lockern, aber nicht das Ende der Pandemie

Wir werden gerade munter durchseucht. Nachdem Länder wie Dänemark (mit ausreichend hoher Impfquote) beschlossen haben, dass es keine Corona-Maßnahmen mehr geben soll, wird auch in anderen europäischen Ländern (mit nicht ausreichender Impfquote) der Wunsch der pandemiemüden Bevölkerung nach einer Aufhebung der Maßnahmen immer größer.

Dafür verantwortlich sind hauptsächlich drei Narrative, die ständig weiterverbreitet werden und dafür sorgen, dass dem aktuellen Durchseuchungskurs kaum noch etwas entgegengesetzt wird.

  • Omikron verursacht nur milde Verläufe
  • Eine Infektion verleiht Immunität
  • Wir werden uns sowieso alle infizieren

Leider sind diese drei Aussagen in dieser verkürzten Form falsch oder zumindest irreführend. Denn die Entwicklung, die uns in den nächsten paar Monaten bevorsteht, könnte für ungeimpfte Menschen (bzw. für Menschen mit Vorerkrankungen und/oder schlecht funktionierendem Immunsystem) problematisch werden und sie könnte auch immer noch zu einer starken Belastung des Gesundheitswesens führen (wenn auch wahrscheinlich nicht mehr zu einer Überlastung).

Warum das so ist und warum eine Lockerung der Maßnahmen jetzt trotz aller Bedenken der richtige und einzige Weg sein dürfte, möchte ich Ihnen in diesem Artikel erklären. Lassen Sie mich aber zunächst einmal kurz auf die bisherige und aktuelle Lage eingehen.

Die bisherige und aktuelle Lage

Im Prinzip hat die Politik mit dem Auftauchen der Alpha-Variante im Dezember 2020 und der damals absehbaren Verfügbarkeit der Covid-19-Impfstoffe mit einer kontrollierten Durchseuchung der Bevölkerung begonnen. Das Ziel war damals die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage, der Fokus wechselte von der Eindämmung der Neu-Infektionen zur Kontrolle der Lage in den Kliniken.

Anmerkung: damit setzt die Politik seit damals, sei es nun bewusst oder unbewusst, die viel kritisierte Great Barrington Declaration um (mehr darüber finden Sie  Artikel Natürliche Durchseuchung führt zu gezielter Ausgrenzung vom 5. November 202). Auch die Tendenz der Politik hin zu dieser bewussten Durchseuchung ist schon lange bekannt, ich habe darauf schon im April 2021 im Artikel Durchseuchung – Dummheit, Arroganz oder Vorsatz? hingewiesen.

Die Wissenschaft hat damals laut und deutlich davor gewarnt, solche Lockerungen zu frühzeitig (also vor Erreichen einer vernünftigen Impfquote) vorzunehmen. Die Politik hat allerdings nicht mehr auf diese Warnungen gehört, sondern sich von einer evidenzbasierten Politik verabschiedet (nachlesen können Sie das beispielsweise im Artikel Corona und was gerade falsch läuft vom 24. Dezember 2020) und die beabsichtigten Lockerungen trotz aller Warnungen durchgesetzt (und besonders durch die damaligen Schulöffnungen bewusst die breite Verteilung des Virus gefördert, nachzulesen im Artikel Sind die Lockerungen und die Schulöffnung in Luxemburg verantwortungslos? vom 7. Januar 2021).

There is no excuse in a few weeks or months from now to claim that this was unexpected, could not have been foreseen or prevented. All the necessary information & urgent steps to take are on the table. The time to act is now.

Isabella Eckerle auf Twitter am 30. Dezember 2020

Diese bewusste Hinnahme einer „kontrollierten Durchseuchung“ durch die Politik hat dazu geführt, dass Länder wie Luxemburg und Deutschland es bis weit in den Sommer 2021 hinein versäumt haben, die durch die Alpha-Variante ausgelöste Pandemie-Welle zu brechen. Wir haben uns darauf verlassen, dass der Sommer es schon richten würde und die „Kollateralschäden“ im Form von Krankheit und Tod akzeptiert (auch das übrigens durchaus bewusst, nachzulesen beispielsweise im Artikel Das Infektions-Geschehen im Hintergrund wird gerade zum Problem vom 27. Mai 2021).

Spätestens das Auftauchen der Delta-Variante im April/Mai 2021 hat dann endgültig dafür gesorgt, dass die Durchseuchung ohne drastische Maßnahmen (die in den europäischen Ländern kaum durchsetzbar gewesen wären) nicht mehr aufzuhalten war (nachzulesen beispielsweise im Artikel Könnten wir vielleicht wenigstens die Risiko-Gruppen schützen? vom 5. November 2021). Aber mit der Delta-Variante wäre zumindest noch ein gewisser Schutz von Risiko-Gruppen möglich gewesen, weil die Covid-19-Impfung zumindest noch einen deutlichen Einfluss auf die Infektiösität geimpfter Personen hatte, der sich durch eine Auffrischungs-Impfung noch verstärken ließ.

Die Omikron-Variante hat dann die Karten völlig neu gemischt und die Situation deutlich verschlechtert, weil ihr Immun-Escape dafür gesorgt hat, dass auf einmal auch geimpfte Menschen wieder am Infektions-Geschehen teilgenommen haben (auch wenn bei ihnen der Schutz vor einem schweren Verlauf durch die Impfung immer noch sehr ausgeprägt ist). Die dadurch explodierenden Fallzahlen und die enorm hohe Anzahl aktiv Infizierter haben zwar nicht (dank des Schutzes durch die Impfung) zu einer starken Zunahme der Hospitalisierungen gesorgt, aber dafür den Schutz der Risiko-Gruppen nahezu unmöglich gemacht.

Wir wiederholen gerade einen alten Fehler

Im Prinzip tun wir gerade das, was wir schon im letzten Jahr getan haben. Wir zwingen Kinder und Jugendliche per Präsenzpflicht in unzureichend belüfteten Klassenräumen zur Infektion und lassen dadurch die schnelle Verbreitung eines hochgradig infektiösen Virus in die Familien hinein zu. Aus diesen Familien heraus verbreitet sich SARS-CoV-2 dann durch private oder berufliche Kontakte im Rest der Gesellschaft. Die Narrative, mit denen die Politik die Bevölkerung beruhigen möchte, haben sich ebenfalls nicht groß geändert. Zu „Schulen sind sicher“ und „Für Kinder ist Covid ungefährlich“ ist allenfalls noch „Omikron geht nicht in die Lunge“ hinzugekommen, wahrer sind die Aussagen deswegen nicht geworden.

Wir hatten im letzten Herbst/Winter mit der Alpha-Variante ziemlich viele Neu-Infektionen, weil zu Beginn der Welle noch kaum jemand geimpft war. Die Hochphase der damaligen Alpha-Welle war zwischen Mitte Oktober 2020 und Anfang Januar 2021, danach hat die ansteigende Impfquote, die exzellente Wirksamkeit der Impfstoffe und die wärmeren Monate dafür gesorgt, dass die Situation (trotz des Auftauchens der Delta-Variante) auch ohne großartige Eindämmungsmaßnahmen kontrollierbar blieb. Also sind wir weiterhin auf Sicht gefahren und haben eine recht hohe Inzidenz das ganze Jahr 2021 hinüber akzeptiert (das haben wir übrigens auch dann noch getan, als die Neu-Infektionen und die Todesfallzahlen aufgrund des Auftauchens der Delta-Variante wieder anzusteigen begannen).

Anmerkung: In den Schulen hat es in dieser Zeit allenfalls ein paar Alibi-Maßnahmen gegeben. Um evidenzbasiertes Handeln oder Gesundheitsschutz für Kinder und Jugendliche ging’s dabei übrigens nie, ansonsten hätte man ja zumindest ein paar evidenzbasierte Maßnahmen (wie beispielsweise die Anschaffung von Luftreinigern, die Beibehaltung der Maskenpflicht, die Aussetzung der Präsenzpflicht für Risikopersonen oder die Entzerrung der Transportwege) umsetzen können. Mit dem Begriff „Schulen“ meine ich im Kontext dieses Artikels übrigens die Gesamtheit der Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche.

Seit Anfang 2022 die Omikron-Variante aufgetaucht ist, geht’s mit der Durchseuchung rasant voran, weil diese Variante (im Gegensatz zu den Varianten bis Delta) auch geimpfte Menschen recht problemlos infizieren kann und damit erneut zu Überträgern des Virus macht. Die Impfung verhindert zwar glücklicherweise auch bei der neuen Variante zuverlässig schwere Verläufe, aber die Anzahl der Neu-Infektionen nimmt durch die stark angestiegene Zahl der Überträger natürlich sehr schnell zu.

Aber die Lage in den Kliniken bleibt stabil, weil die aktuelle Omikron-Variante BA.1 nicht so sonderlich gut in der Lunge replizieren kann. Leider scheint deswegen aber ein erheblicher Teil von Politik und Gesellschaft daran zu glauben, dass Corona jetzt so eine Art Erkältung geworden sei. Die Wissenschaft glaubt übrigens weder, dass Covid-19 mit Omikron jetzt eine „milde“ Erkrankung sei noch, dass das SARS-CoV-2-Virus jetzt immer harmloser werden würde. Aber die Warnungen der Wissenschaft möchte ein Großteil der Politik schon lange nicht mehr hören, die Forderung nach Aufhebung aller Maßnahmen und einem „Freedom Day“ ist zwar nicht sonderlich intelligent, kommt dafür aber bei vielen Menschen gut an (und macht deswegen Politiker glücklich).

Erschwerend kommt hinzu, dass wir derzeit wahrscheinlich ziemlich viele Infektionen übersehen. Das liegt daran, dass die meisten Omikron-Infektionen ohne oder fast ohne Symptome ablaufen (hauptsächlich übrigens aufgrund der vorherigen Impfung und nicht aufgrund der „milden“ Verläufe, dazu weiter unten mehr) und sich die Betroffenen meist gar nicht erst testen lassen. Wir finden also in der Hauptsache die Infektionen, in denen es (mit oder ohne Impfung) zu deutlichen Symptomen kommt (man sieht das ziemlich gut in den Kliniken und Schulen, in denen bei den regelmäßig durchgeführten Tests immer mehr asymptomatische positive Fälle auftauchen). Wir dürften also momentan eine recht starke Untererfassung der Neu-Infektionen sehen.

Anmerkung: Speziell in Luxemburg fällt diese Untererfassung eher noch stärker aus, die Wochen-Inzidenz fällt gerade rapide. Aber das dürfte zu einem Großteil daran liegen, dass hierzulande gerade Karnevalsferien sind (für die Primärschulen vom 12. bis zum 20. Februar, für die Sekundärschulen schon seit dem 5. Februar). Dadurch entfallen die Tests in den Schulen, die damit verbundenen Urlaubsreisen sorgen für eine nochmals geringere Testanzahl. Ein halbwegs verlässlicher Trend dürfte hierzulande erst wieder ab Anfang März sichtbar werden.

Gleichzeitig haben wir die neue Omikron-Variante namens BA.2, die sich gerade durchzusetzen beginnt und die vermutlich gefährlicher als die bisherige Omikron-Variante BA.1 ist (mehr dazu finden Sie weiter unten).

Und das ist eine relativ gefährliche Situation, weil wir immer noch eine ziemlich große Impflücke in unserer Gesellschaft haben und weil ungeimpfte Menschen, die sich gerade mit der Omikron-Variante BA.1 infiziert haben, offenbar keinen sehr starken Immunschutz aufbauen und damit trotz überstandener Infektion nach wie vor gefährdet sind.

Wie geht es jetzt weiter?

Wenn wir einmal davon ausgehen, dass in den nächsten 6 bis 8 Wochen keine neue SARS-CoV-2-Variante auftaucht, dann ist die Situation bis zum Beginn der wärmeren Jahreszeit hauptsächlich von zwei Faktoren abhängig, und zwar vom Wetter und von der tatsächlichen Durchsetzungsfähigkeit der Omikron-Variante BA.2.

Aufgrund der aktuellen Lockerungen nehmen wieder vermehrt ungeimpfte Menschen am öffentlichen Leben teil. Wie viele von ihnen sich bei diesem Experiment wie schnell infizieren werden, hängt in starkem Maße von den Wetterverhältnissen ab. Wird’s schon im März frühlingshaft warm, könnten wir den schlimmsten Teil der Welle bereits hinter uns haben. Bleibt’s hingegen windig und nasskalt, dürfte uns die vermehrte Interaktion in den Innenräumen noch einmal ansteigende Infektionszahlen bescheren.

Neues zu BA.2

Der zweite (und wahrscheinlich erheblich wichtigere) Faktor ist die Omikron-Variante BA.2, die vielen Virologen gerade Kopfzerbrechen bereitet. Sicher ist mittlerweile, dass sich BA.2 gegenüber BA.1 in vielen Ländern durchsetzen kann. Nach einer aktuellen (noch nicht begutachteten) Studie liegt das nicht an einem erheblich stärkeren Immun-Escape, der Hauptgrund für die Ausbreitung von BA.2 dürfte danach eine höhere (intrinsische) Übertragbarkeit sein. BA.2 ist also nochmals infektiöser als BA.1.

Allerdings ist die Wissenschaft bislang davon ausgegangen, dass BA.2 keine schwereren Verläufe als BA.1 hervorruft, also nicht pathogener ist. Eine aktuelle Studie aus Japan (bisher nicht begutachtet) kommt in dieser Hinsicht jetzt leider auf andere Ergebnisse und stuft BA.2 als deutlich gefährlicher als BA.1 ein, weil diese Variante deutlich mehr in der Lunge repliziert. In diesem Fall wäre BA.2 also auch deutlich pathogener als BA.1.

Wenn sich diese Studienergebnisse als korrekt erweisen sollten, dann wäre das eine sehr schlechte Nachricht für alle ungeimpften Menschen (und leider auch für alle mit einem geschwächten Immunsystem). Für geimpfte Menschen mit Auffrischungs-Impfung ändert sich hingegen wenig. Denn aus den aktuellen Studien geht auch hervor, dass der Schutz der Covid-19-Impfung gegen schwere Verläufe auch bei BA.2 bestehen bleibt.

Alles in allem sieht es momentan leider eher danach aus, als würden die Wissenschaftler, die vor verfrühtem Optimismus und dem Auftauchen gefährlicherer Varianten gewarnt haben, wohl recht behalten. Und als hätten sich die Politiker, die seit Monaten zugunsten der Wirtschaft eine Durchseuchung billigend in Kauf nehmen, ein weiteres Mal getäuscht. Vielleicht sollten sich einige von uns so langsam mal die Frage stellen, auf welche Stimmen man sinnvollerweise hören sollte!

Es könnte sein, dass diejenigen, die noch gar keine Immunität haben, sich zwar mit diesem Omikron-Virus, wie es jetzt im Moment ist, infizieren könnten, ohne einen sehr schweren Verlauf zu kriegen, aber es könnte auch sein, dass innerhalb von wenigen Wochen plötzlich eine Omikron-Virusvariante da ist, die wieder eine höhere Virulenz, eine höhere krankmachende Wirkung mitbringt. Und gegen die hätten diejenigen, die gar nicht geimpft sind, dann gar keinen Immunschutz. Da könnte man auch so schnell nicht dagegen animpfen.

Prof. Christian Drosten im Interview mit dem Deutschlandfunk

Eine Omikron-Infektion ersetzt keine Impfung

Die Idee hinter jeder Durchseuchungs-Strategie war immer die Herstellung einer Herden-Immunität und die Omikron-Variante schien den Weg dahin beschleunigen zu können. Wenn eine Infektion mit Omikron nur einen milden Verlauf verursachen und trotzdem zu einer Immunität verhelfen würde, dann wäre die Durchseuchung von Menschen, die sich aus irgendeinem Grunde nicht impfen lassen wollen, auch tatsächlich ein möglicher Weg zu dieser Herden-Immunität und damit in einen endemischen Zustand gewesen.

Aber dem ist leider nicht so. Immer mehr Studien (beispielsweise hier, hier oder hier) legen nahe, dass nach einer Omikron-Infektion nur ein geringer Schutz gegen eine erneute Infektion mit Omikron und nahezu überhaupt kein Schutz gegen andere Varianten aufgebaut wird.

Quelle: Twitter
Quelle: Twitter

Anmerkung: das war übrigens nicht immer so. Eine Infektion mit den vorherigen Varianten bis hin zu Delta hat durchaus zu einer recht guten Immunantwort geführt, bei Omikron ist das leider nicht mehr der Fall. Deswegen werden in vielen Kommentaren gerne einmal Studien erwähnt, die diese guten Immunschutz durch eine Infektion bestätigen. Solche Studien gibt es auch durchaus, nur beziehen sie sich nicht auf Omikron, sondern auf andere Varianten, bei denen das tatsächlich der Fall war.

Nein, Genesene haben keinen sonderlich guten Immunschutz

Auf dieser Basis wird dann gerne einmal behauptet, dass Genesene einen sehr guten Schutz vor einem schweren Verlauf hätten und dass deswegen eine Impfpflicht mit fortschreitender Durchseuchung nicht mehr notwendig sei. Nur war das leider schon vor Omikron falsch (weil die Qualität der Immunantwort von der aufgenommenen Viruslast abhängig ist, das war auch bei den vorherigen Varianten schon so) und ist jetzt noch viel falscher.

Eine Studie aus Großbritannien für den Zeitraum von Januar 2020 bis Anfang Mai 2021 (also noch vor dem Auftauchen der Delta-Variante) kommt für Ungeimpfte in der Altersgruppe von 50 bis 65 Jahre bei einer Re-Infektion auf ein um 49 % geringeres Risiko für eine Hospitalisierung, in den Risikogruppen derselben Altersgruppe sind es gerade noch 34 %. Bei einer Erst-Infektion mit der Omikron-Variante dürfte der Schutz noch einmal deutlich schlechter ausfallen.

Dieser schlechtere Immunschutz nach den meisten Infektionen hängt neben den individuellen Risikofaktoren (beispielsweise Alter und Vorerkrankungen) wohl auch von der Infektionsdosis ab, die für die Schwere des Verlaufs und die Stärke der Immunreaktion mitverantwortlich sein dürfte. Vereinfacht gesagt: Der Immunschutz nach einer Infektion verhält sich ungefähr wie der nach einer Impfung, bei der niemand weiß, welche Impfstoffdosis überhaupt in der Spritze war. Bei einer Impfung hingegen ist die Dosis genau bekannt, deswegen ist auch die Stärke der Immunantwort (zumindest bei Menschen mit normal arbeitendem Immunsystem) ziemlich genau vorhersehbar.

Der zweite Grund ist spezifisch für die Omikron-Variante und stellt ein echtes (und etwas überraschendes) Problem dar. Denn Omikron verändert den Krankheitsverlauf, weil es sich offenbar schlechter im Lungengewebe und besser in den oberen Atemwegen vermehren kann (siehe beispielsweise hier). Das ist zunächst einmal gut, weil der Krankheitsverlauf milder ausfällt. Aber es führt leider offenbar auch dazu, dass das Immunsystem weniger stark reagiert und eine geringere Immunantwort auslöst.

Ob man daher den Immunschutz nach einer vorherigen Infektion als „gut“ bezeichnen sollte, sei hier einmal dahingestellt. Eine Impfung mit Auffrischung reduziert das Hospitalisierungsrisiko mit rund 90 % deutlich stärker, und zwar auch gegen die Omikron-Variante.

Um das (zugegebenermaßen etwas brutal) zusammenzufassen: wenn jemand sich nur durch SARS-CoV-2-Infektionen einen vernünftigen Immunschutz aufbauen möchte, dann wäre es sinnvoll, sich nacheinander (wenigstens drei Mal) mit unterschiedlichen Varianten zu infizieren und jeweils einen möglichst schweren Verlauf zu erleben. Falls man alle diese schweren Verläufe überleben sollte, darf man wohl von einem ordentlichen Immunschutz ausgehen.

Pro-Tip: Derselbe Schutz lässt sich auch durch eine Impfung erreichen, das Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen ist aber drastisch kleiner.

Und damit kommen wir zum nächsten Missverständnis, nämlich der „Milde“ der Verläufe im Fall einer Infektion mit der Omikron-Variante.

„Mild“ bedeutet nicht „harmlos“

Seit Wochen lautet das Schlagwort zu Omikron in den Medien „mild“. Omikron kann zwar Geimpfte und Genesene besser infizieren, scheint aber im Allgemeinen zu weniger schweren Verläufen zu führen. Das hat zu einem ziemlich gefährlichen Trugschluss geführt, weil offenbar immer mehr Menschen annehmen, Covid-19 sei mit Omikron zu so etwas wie einer leichten Grippe geworden.

Große Teile der Politik und der Medien unterstützen diese Interpretation nur allzu gerne, weil sich auf dieser Basis für die Lockerungen plädieren lässt, auf die eine pandemiemüde Bevölkerung schon lange wartet. Leider ist das aber ein ziemlich gefährliches Wunschdenken, Omikron ist alles andere als so etwas wie ein „Impfstoff der Natur“ (Senator Rand Paul bei Fox News).

Sicher, das Hospitalisierungs- und Sterberisiko ist bei Omikron wohl geringer als bei Delta. Aber Omikron ist damit immer noch deutlich weniger „mild“, als es die Alpha-Variante gewesen ist.

Quelle: Twitter

Wir sehen und hören überall, dass die Zahl der Krankenhausaufenthalte, der Einweisungen in Intensivstationen und der Todesfälle deutlich unter dem Niveau früherer Wellen liegen. Und schreiben das der Tatsache zu, dass Omikron eben „milder“ ist. Aber dabei übersehen wir einige grundlegende Fakten.

Omikron ist noch nicht bei den Risikogruppen ankommen

Omikron bahnt sich gerade rasend schnell seinen Weg durch die Schulen und durch die Elterngeneration. Also durch eine Bevölkerungsgruppe, die überwiegend gesund ist und sowieso ein eher geringes Risiko für einen schweren Verlauf hat. Dazu kommt noch, dass in der Altersgruppe von 10 bis 59 Jahren mehr als drei Viertel der Menschen vollständig geimpft sind und damit einen zusätzlichen Schutz vor schweren Verläufen haben.

Wenn wir derzeit also sehen, dass die Klinik-Belegung langsamer als in den bisherigen Wellen ansteigt und die Lage auf den Intensiv-Patienten ziemlich stabil erscheint, liegt das nicht unbedingt an „milderen“ Verläufen durch Omikron, sondern ist dem Erfolg der Covid-19-Impfung geschuldet.

In den älteren Altersgruppen ist Omikron bisher noch kaum angekommen, aber das wird sich auf Dauer kaum verhindern lassen (die Idee, dass sich Risikogruppen definieren und schützen lassen, war immer der Denkfehler von Durchseuchungs-Szenarien wie der Great Barrington Declaration, nachlesen können Sie das beispielsweise im Artikel Natürliche Durchseuchung führt zu gezielter Ausgrenzung vom November 2020). Wir lösen den Schutz der Risikogruppen gerade auf, indem wir Omikron weitgehend frei in der Bevölkerung zirkulieren lassen. Dadurch wird die Anzahl der aktuell aktiv infizierten und infektiösen Menschen und damit das Infektionsrisiko für jeden einzelnen stark an.

Umso mehr Maßnahmen wir lockern, desto schneller wird Omikron auch bei den Älteren und den Risikogruppen ankommen. Und das ist problematisch, weil Menschen ab 60 Jahren für einen umfassenden Immunschutz eigentlich eine Auffrischungs-Impfung benötigen und wir diesbezüglich nicht wirklich gut aufgestellt sind. In Deutschland haben 76,4 % der Älteren eine Auffrischungs-Impfung erhalten, damit sind immer noch rund 5,7 Millionen Menschen über 60 ohne vollständigen Impfschutz. In Luxemburg sieht’s etwas besser aus, hierzulande haben 82,90 % der Älteren einen Booster erhalten, gut 21.000 Menschen über 60 sind damit ohne vollständigen Impfschutz (zum Vergleich: Länder wie Portugal oder Dänemark erreichen eine Boosterquote von um die 95 % bei den Über-60-Jährigen und nehmen deshalb bei Lockerungen ein geringeres Risiko in Kauf).

Wir sehen deswegen gerade in vielen Ländern einen Anstieg der Todesfälle. Omikron ist zwar klinisch milder als Delta, aber die große Anzahl der Infektionen sorgt dafür, dass die Krankheitslast in der Bevölkerung insgesamt wieder ansteigt. Und dieser Anstieg könnte sich durchaus noch solange fortsetzen, bis der einsetzende Frühling für eine Verlagerung der Aktivitäten von drinnen nach draußen zu sorgen beginnt.

Und der Politik scheint’s übrigens mittlerweile auch ziemlich egal zu sein, wie viele Menschen an Covid- 19 sterben…solange sie hübsch brav nacheinander sterben und die Kliniken nicht über Gebühr beanspruchen.

Covid-19 ist nicht zu einer „milden“ Erkrankung geworden

Covid-19 ist auch mit Omikron keine Erkältung geworden, sondern ist und bleibt eine sogenannte Multisystemerkrankung, die sich auf verschiedene Organe auswirken kann und über deren Langzeitfolgen wir noch längst nicht alles wissen. Im folgenden Artikel oder hier bei der Zeit finden Sie mehr über die vielfältigen Folgen.

Omikron scheint die Lunge weniger stark zu schädigen und weniger häufig ein akutes Lungenversagen auszulösen. Ob das nun bedeutet, dass Omikron für Ungeimpfte weniger tödlich ist oder ob es bei Omikron einfach nur länger bis zum Versagen anderer Organe dauert, ist zwar noch ungewiss, möglich ist aber beides.

Aber daraus sollte man keinesfalls entnehmen, dass Omikron „nicht in die Lunge geht“ oder „keine gefährliche Erkrankung“ sei (Karin Prien, Präsidentin der deutschen Kultusministerkonferenz, bei Markus Lanz, nachzulesen beispielsweise hier). Richtig ist, dass sich Omikron im Schweregrad der Erkrankung zwar unterhalb der Delta-Variante einordnen dürfte, damit aber immer noch deutlich schwerwiegendere Folgen als eine Infektion mit der Alpha-Variante auslösen kann.

Also: eine Omikron-Infektion dürfte in den allermeisten Fällen kein allzu großes Problem für geimpfte und geboosterte Menschen darstellen. Anders sieht es für nicht vollständig oder gar nicht geimpfte Menschen aus, für sie ist das Risiko bei einer Infektion mit Omikron nicht sehr viel geringer als bei der Delta-Variante (und höher als bei Alpha) und sie bauen quasi keinen Schutz gegen erneute Infektionen mit dieser oder einer anderen Variante auf. Und das gleiche gilt leider auch für Menschen, deren Immunsystem aufgrund einer Vorerkrankung oder Medikation nicht normal funktioniert.

Der Verzicht auf eine Impfung macht also besonders nach dem Auftauchen von Omikron keinen Sinn. Und wenn man in die Gleichung noch die sich gerade durchsetzende Variante BA.2 einbezieht, dann sollten man Impf-Verweigerer vielleicht doch noch einmal ein intensives Nachdenken über ihre Entscheidung anraten.

Trotzdem sind Lockerungen unvermeidlich

Aus epidemiologischer Sicht stehen eigentlich alle Zeichen auf Sturm. Die Omikron-Variante hat uns in ganz Europa viel zu hohe Inzidenzen beschert (in Luxemburg sind sie derzeit wohl nur deswegen vergleichsweise niedrig, weil die Tests in den Schulen wegen der Karnevalsferien entfallen und weil ziemlich viele Menschen im Urlaub sind). Die Klinikbelegung und vor allem die Belegung der Intensivbetten ist zwar relativ stabil, die Belegungswerte insgesamt sind aber immer noch viel zu hoch.

Dazu kommt ein Anstieg der Todesfallzahlen in vielen europäischen Ländern, den wir momentan noch nicht so richtig einordnen können und die Tatsache, dass die Omikron-Welle gerade erst bei den Risikogruppen anzukommen scheint. Und jetzt kommt noch eine Mutante auf uns zu, die durchaus das Potential für eine Verschlechterung der Situation mit sich bringt.

Andererseits sieht es danach aus, als hätten wir den Gipfel der Omikron-Welle hinter uns gelassen, ohne dass wir deswegen an die Belastungsgrenze der Kliniken gestoßen wären. Auch die Zahl der schweren Verläufe und dementsprechend der Intensiv-Belegung ist im Vergleich zu den vorherigen Wellen sehr niedrig geblieben.

Wenn die Variante BA.2 also nicht doch wieder schwerere Krankheitsverläufe mit sich bringt, dann dürften in der jetzigen Situation tatsächlich Lockerungen mit überschaubarem Risiko möglich sein. Und zwar ausdrücklich auch für nicht geimpfte Menschen, weil auch bei ihnen derzeit ein recht geringes Risiko für einen schweren Verlauf besteht. Und diese Lockerungen werden trotz aller Warnungen der Wissenschaft kommen, weil Politik und Gesellschaft ganz offensichtlich pandemiemüde sind.

…aber ein paar Dinge sollten wir bedenken…

Dabei besteht allerdings die Gefahr, dass wir es übertreiben und zu viel auf einmal lockern (Begriffe wie „Freedom Day“ klingen in Talkshows sicher ganz toll, setzen aber voraus, dass man das Ende einer Pandemie politisch bestimmen könne). Bevor wir alles auf einmal öffnen, sollten wir uns über ein paar Dinge klar sein:

  1. Wir müssen bei jeder Lockerung immer an die Menschen denken, die sich nicht durch eine Impfung schützen können. Das sind in der Hauptsache immungeschwächte Menschen, bei denen die Impfung nicht oder nur schwach wirkt, und Kinder unter 5 Jahren, für die noch kein Impfstoff zugelassen ist. Diese Menschen können sich nicht selbst schützen und bleiben auf unseren Schutz angewiesen. Ein „Durchlaufenlassen“ des Virus durch die Bevölkerung und die dadurch verursachte enorm hohe Zahl an aktiv infektiösen Menschen bedeutet für sie eine permanente Gefährdung.
  2. Der Schutz von Menschen aus diesen Risikogruppen wird mit zunehmenden Inzidenzen immer schwieriger, weil es immer mehr infektiöse Menschen in allen Teilen der Gesellschaft (und damit irgendwann auch im Umfeld dieser Risikogruppen) gibt. Ungeimpfte Menschen, die im Umfeld dieser Risikogruppen arbeiten, tragen in fahrlässiger Weise zur Erhöhung des Infektions-Risikos für diese Gruppen bei. Eine Politik, die nicht einmal eine partielle Impfpflicht für Angehörige der Gesundheits- und Pflegestrukturen einführen kann, spielt in unverantwortlicher Weise mit dem Leben dieser Menschen und zeigt deutlich, dass es sich beim „Schutz der Risikogruppen“ nur um leere Worte handelt.
  3. Daneben gibt es eine viel zu große Zahl an ungeimpften Menschen, die bei zu starken Lockerungen ebenfalls gefährdet sind. Diese Menschen haben sich aus freien Stücken gegen die Impfung und damit für das Risiko einer Infektion ohne Impfschutz entschieden. Damit ist der Schutz ihrer Gesundheit nicht länger eine Aufgabe der Gesellschaft. Eine andere Situation ergibt sich allerdings, wenn durch eine hohe Anzahl schwerer Verläufe unter aus freien Stücken ungeimpften Menschen eine Überlastung des Gesundheitswesens droht. Eine solche Überlastung würde dann wieder eine Gefährdung für die Gesellschaft darstellen und muss mit entsprechenden Maßnahmen (Impfpflicht, 2G usw.) vermieden werden.
  4. Omikron wird nicht die letzte Variante des SARS-CoV-2-Virus sein und Covid-19 wird in den nächsten paar Jahren auch nicht zu einer leichten Erkältung werden (die Omikron-Variante BA.2, die wohl wieder stärker in der Lunge repliziert, sollte das eigentlich hinreichend klarmachen). Dieses Virus wird „endemisch“ werden, und das sollte uns nicht freuen. Weil es bedeutet, dass uns mit SARS-CoV-2 ein weiteres Virus wenigstens einmal pro Jahr heimsuchen wird und manchmal (ähnlich wie das Grippevirus) dabei Wellen mit einer großen Opferzahl auslösen wird.
  5. Nachdem wir mittlerweile wissen, dass eine Infektion auch zu einem vernünftigen Immunschutz verhilft, sollten wir unsere Impflücke im Sommer geschlossen bekommen. Und das wird wohl leider nicht ohne eine allgemeine Impfpflicht zu machen sein. Und damit sollten wir nicht warten, bis wir im Herbst mit einer anderen Variante konfrontiert sind, dann ist es für Impfungen nämlich zu spät. Dann haben wir erneut eine so große Immunitätslücke in der Bevölkerung, dass wir Eindämmungsmaßnahmen benötigen. Und das wollen wir im nächsten Herbst wohl alle nicht erleben.
  6. Wir durchseuchen gerade unsere Kinder und Jugendlichen mit einem Virus, über dessen Langzeitfolgen wir viel zu wenig wissen. Wir tun das, indem wir die Kinder und Jugendlichen in Schulen zwingen, obwohl dort aufgrund von Ausfällen beim Lehrpersonal kaum noch ein adäquater Unterricht angeboten werden kann und obwohl wir wissen, dass es Long-Covid auch bei Kindern gibt und dass Kinder durchaus (wenn auch viel seltener als Erwachsene) von schweren Verläufen einer Covid-19-Erkrankung betroffen sein können (siehe beispielsweise hier im Spiegel). Der Politik geht es in Bezug auf die Schulen hauptsächlich um den Schutz der Wirtschaft, gesundheitliche Risiken für Kinder und Jugendliche stehen auf der Prioritätenliste weit unten (ansonsten gebe es Luftreiniger in Schulen, Konzepte für Klassensplittung, Maskenpflicht, Testpflicht, Aussetzung der Präsenzpflicht für Risikogruppen usw.). Mittlerweile können sich glücklicherweise Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 18 Jahren impfen lassen (in Deutschland haben das gut 36 % getan, in Luxemburg sind’s bereits über 57 %), damit gibt es zumindest eine Möglichkeit zum Eigenschutz.
  7. Eines der Kernthemen der nächsten Jahre dürfte Long Covid heißen. Bei den Erwachsenen haben rund 10 Prozent der Infizierten (unabhängig von der Schwere des Verlaufs) nach mehr als 3 Monaten noch Beschwerden, bei etwa der Hälfte von ihnen ist deswegen das Arbeitsvermögen eingeschränkt, bei Kindern dürfte ein niedriger einstelliger Prozentsatz betroffen sein. Long Covid ist vielfältig, es betrifft die Atemwege, das Herz-Kreislauf-System, den Muskelapparat, das Nervensystem, die Psyche und den Stoffwechsel, häufige Symptome sind starke Erschöpfung, Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen (mehr dazu lesen Sie beispielsweise hier oder hier). Immerhin scheint eine Covid-19-Impfung aber in vielen Fällen auch Long-Covid-Symptome zu lindern. Wenn wir jetzt aber mit hochinfektiösen Varianten bei hohen Inzidenzen weiter lockern, dann werden wir in recht kurzer Zeit in Europa rund 130,5 Millionen ungeimpfte Menschen (davon in Deutschland rund 19,8 Millionen und in Luxemburg ungefähr 160.000) durchseuchen. Dazu kommen noch die Menschen, die trotz Impfung erkranken, auch wenn sie weniger betroffen sein dürften. Falls tatsächlich 5 Prozent von ihnen mit länger andauernden Beschwerden rechnen müssen, dann ist die regierungsseitig geförderte Durchseuchung vielleicht nicht wirklich die Idee des Jahrhunderts.

…und nicht alles auf einmal machen

Also, alles in allem sind wir jetzt in einer Situation, in der wir durchaus über Lockerungen nachdenken können. Aber trotzdem sollten wir davon Abstand nehmen, jetzt gleich alle Eindämmungs-Maßnahmen auf einmal beenden zu wollen. Worte wie „Freedom Day“ mögen in Talkshows ganz toll klingen, tatsächlich zeigen sie aber nur ein totales Unverständnis der Situation.

Denn dieses Corona-Virus wird nicht verschwinden oder sich zu einer Erkältungskrankheit transformieren, weil irgendein dahergelaufener Politiker das gerne so hätte. Die Omikron-Variante BA.1 ermöglicht uns jetzt Lockerungen, weil sie etwas mildere Krankheitsverläufe auslöst. BA.2 zeigt uns derweil, dass wir uns besser nicht darauf verlassen sollten, dass es bei dieser „Milde“ bleibt.

Deswegen sollten wir bei allen nachvollziehbaren Wünschen nach Lockerungen zwei Dinge beibehalten, nämlich Masken und Tests, und daneben sicherstellen, dass wir bis zum kommenden Herbst die Impfquote deutlich erhöhen.

Masken und Tests

Seit dem Auftauchen der Omikron-Variante sind geimpfte und geboosterte Menschen zwar gegen schwere Folgen einer Infektion geschützt, nicht aber gegen die Infektion selbst, prinzipiell kann also jedermann jederzeit das Virus weitergeben. Aber wir können die Zirkulation des Virus etwas eindämmen, indem wir immer dann, wenn das möglich ist, eine Maske tragen. Also sollten wir genau das auch weiterhin tun!

Der zweite Baustein sind Tests. Und zwar nicht, um Ungeimpften das Leben möglichst schwer zu machen, sondern um den Überblick über die Lage zu behalten. Sinnvoll wäre eine allgemeine Testpflicht (mit Antigen-Schnelltests und für Geimpfte und Ungeimpfte) vor dem Betreten von Einrichtungen mit vulnerablen Menschen (Kliniken, Alters- und Pflegeheime usw.), in Schulen und Kindergärten (weil hier das Virus in die Familien hinein übertragen wird) und bei Großveranstaltungen (aufgrund der Multiplikator-Funktion).

Außerhalb dieser Bereiche kann auf eine allgemeine Testpflicht verzichtet werden, man sollte Unternehmen, Geschäften und öffentlichen Einrichtungen allerdings ausdrücklich die Möglichkeit geben, in ihrem eigenen Bereich auf eine Testpflicht oder auf 2G- und 3G-Regelungen zurückzugreifen.

In Bereichen ohne Testpflicht sollte trotzdem die Möglichkeit bestehen, sich freiwillig zu testen. Dazu muss sichergestellt werden, dass Antigen-Schnelltests für Betriebe und Privatleute in ausreichender Menge gratis erhältlich sind. Das erfordert zwar Ausgaben, aber es erlaubt uns, das Infektions-Geschehen möglichst gut im Blick zu behalten und die Zahl der Neu-Infektionen einzudämmen.

Die Impflücke muss geschlossen werden

Falls es sich erhärten sollte, dass eine Infektion mit der Omikron-Variante keinen starken Immunschutz mit sich bringt (und davon dürfte man ausgehen können) und falls wir im nächsten Herbst/Winter andere SARS-CoV-2-Varianten sehen sollten (auch davon wird man leider ausgehen müssen, wir sollten BA.2 da durchaus als Warnung verstehen), dann könnte die Situation in den Kliniken aufgrund der hohen Anzahl an nicht immunisierten Menschen wieder kritisch werden und erneut Eindämmungsmaßnahmen erforderlich machen.

Wenn wir also im nächsten Herbst/Winter nicht mit der gleichen Problematik wie jetzt geplagt sein wollen, dann sollten wir diese viel zu große Impflücke (in der EU sind rund 130,5 Millionen Menschen ungeimpft, in Deutschland sind es 19,8 Millionen und in Luxemburg über 160.000) bis zum Ende des Sommers geschlossen bekommen. Bei einem 3-Dosen-Impfschema dauert es bis zur vollständigen Immunisierung 5 bis 6 Monate, wir sollten uns also nicht allzu viel Zeit lassen.

Ob wir das nun durch eine Impfpflicht oder durch eine wirksame Impfkampagne hinbekommen, ist dabei ziemlich egal. Wichtig ist, dass es jetzt schnell geht und dass die Politik nicht schon wieder drauf wartet, ob’s wirklich so schlimm kommt (Spoiler: wird es, kam’s bisher immer!).

Unser größtes Problem ist, dass einige aus der Politik zuerst mal sehen wollen, ob es wirklich so schlimm kommt wie vorhergesagt.

Prof. Melanie Brinkmann im SPIEGEL-Interview am 5. Februar 2021

Insofern wäre es wohl an der Zeit, einmal die ganzen Politiker und selbsternannten Experten zu ignorieren, die gerade die „milde“ Omikron-Variante mit allerlei fadenscheinigen Aussagen als Argument gegen eine Impfpflicht missbrauchen wollen und stattdessen auf die Fachleute zu hören.

Fazit

Die Situation ist m Moment etwas unübersichtlich. Wir befinden uns mitten in einer Pandemie-Welle mit Inzidenzen, die wir so vorher noch nicht gesehen haben. Gleichzeitig sehen wir, dass die Klinikbelegung trotz enorm vieler Neu-Infektionen relativ stabil bleibt (was übrigens mehr an der sehr hohen Wirksamkeit der Impfstoffe gegen schwere Verläufe als an „milden“ Krankheitsverläufen bei Omikron liegt).

Leider sehen wir aber auch, dass eine Omikron-Infektion bei Ungeimpften keinen hinreichenden Immunschutz auslöst und deswegen die Durchseuchung zum Erreichen einer Herdenimmunität mit Omikron nicht funktionieren wird. Dazu kommt mit BA.2 zu allem Überfluss auch noch eine Omikron-Variante auf uns zu, die noch einmal infektiöser als BA.1 zu sein scheint und gleichzeitig auch wieder schwerere Verläufe hervorrufen könnte.

Außerdem scheinen die Krankheitsverläufe auch mit der Omikron-Variante BA.1 schon nicht ganz so „mild“ zu sein, wie sich das manch einer vielleicht vorgestellt hatte. Zumindest sehen wir in vielen Ländern nach einer Verzögerung um ein paar Wochen nach dem starken Anstieg der Neu-Infektionen jetzt auch einen Anstieg bei Hospitalisierungen und Todesfällen.

Den Anstieg der Neu-Infektionen könnten wir bremsen, die Werkzeuge dazu (2G, 3G, Masken, Abstand usw.) kennen wir mittlerweile wohl alle. Ob wir diese Werkzeuge einsetzen möchten, hängt davon ab, wie viele Neu-Infektionen, Hospitalisierungen und Todesfälle wir akzeptieren wollen oder können, damit wir unsere wiedergewonnene Freiheit ausleben können.

Den Anstieg bei den Hospitalisierungen könnten wir sogar bremsen, ohne dazu die Neu-Infektionen senken zu müssen. Denn diejenigen, die derzeit in die Krankenhäuser kommen, sind größtenteils diejenigen, die nach wie vor Covid-19 für „so ‚ne Art Grippe“ halten und Fakten durch ihre eigene Meinung ersetzen. Diese Gruppe von lernresistenten Wissenschaftsleugnern sorgt gerade dafür, dass wir immer noch über Einschränkungen diskutieren müssen, dass Klinikplätze viel knapper sind, als sie es eigentlich sein müssten und dass das Personal im Gesundheitswesen an der Belastungsgrenze (oder darüber) arbeitet.

Wir können trotzdem fast alle Maßnahmen wegfallen lassen, weil wir den „point of no return“ schon lange überschritten haben. Das SARS-CoV-2-Virus dürfte mittlerweile in unserer Bevölkerung so weit verbreitet sein, dass sich das Infektions-Geschehen wohl nicht mehr bremsen lässt. Wenn es noch einmal zu Überlastungen im Gesundheitswesen kommen sollte dann wird das an Ungeimpften liegen, und in dem Fall müsste man über flächendeckendes und striktes 2G nachdenken. Solange es nicht dazu kommt, machen Eindämmungsmaßnahmen kaum noch Sinn.

Letztlich sollten wir genau zwei Maßnahmen beibehalten und eine neue einführen. Beibehalten sollten wir die Maskenpflicht in Innenräumen (zumindest wo immer das möglich ist) und die Antigen-Schnelltests zur Einlasskontrolle (verpflichtend in Bereichen mit Risikogruppen, ansonsten fakultativ). Und einführen sollten wir eine allgemeine Impfpflicht für alle Menschen ab 18 Jahren, weil wir die Impflücke anders nicht schnell genug geschlossen bekommen (in Luxemburg lassen sich pro Woche derzeit rund 1.100 Menschen erstmalig impfen, bei gut 90.000 ungeimpften Menschen ab 18 bräuchten wir rund 11.500 Erstimpfungen pro Woche, wenn wir bis Mitte April fertig sein möchten, in Deutschland ist das Verhältnis ähnlich, bei rund 10,4 Millionen Ungeimpften würden bis Mitte April rund 1,3 Millionen Erstimpfungen pro Woche notwendig sein, verabreicht werden derzeit rund 100.000 pro Woche).

Die Maskenpflicht und die Antigen-Schnelltests werden uns dabei helfen, das Infektions-Geschehen etwas zu bremsen, Risikogruppen ein bisschen zu schützen und einen Überblick über das Infektions-geschehen zu behalten. Und die Impfpflicht wird dafür sorgen, dass wir ohne erneute Maßnahmen über den nächsten Herbst/Winter kommen werden und dass nicht ein weiteres Mal eine kleine Minderheit die breite Mehrheit in Geiselhaft nehmen kann.

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Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu diesem Thema, aus verschiedenen anderen Wissenschafts-Bereichen und aus dem Bereich Internet & Gesellschaft,

Ein Kommentar

  1. Hallo Claus, nahtlos aneinandergereihte, rationale Erkenntnisfolge klar, eloquent und unmissverständlich dargestellt. Immer sehr motivierend zu lesen und mit der Hoffnung verbunden das Ausdauer hoffentlich zum Ziel führt und die gewählten Entscheidungsträger nachhaltig belehrt, um intelligente Entscheidungen zu fällen, welche die Gesamtbevölkerung nachhaltig schützen.
    Alles Gute, bleib dran Alter.
    Bis bald,
    LG,
    Hansi

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