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Schulen und Feiern – Mögliche Treiber der zweiten Welle

Luxemburg hat, wie auch Deutschland, die erste Welle der Corona-Pandemie durch strikte und frühzeitige Eindämmungs-Maßnahmen sehr gut in den Griff bekommen. Allerdings zeigt uns der derzeitige Anstieg auch überdeutlich, dass, entgegen der gerne verbreiteten Meinung einiger Berufsoptimisten und Corona-Leugner, das SARS-CoV-2-Virus leider keineswegs verschwunden ist.

Das ursprüngliche Konzept des Hammers und des Tanzes von Tomas Pueyo sah vor, dass nach einer Phase der strikten Eindämmungs-Maßnahmen eine langsame und schrittweise Lockerung beginnt, bei der die Resultate jeder Lockerung überprüft werden können, bevor es weitere Lockerungen geben sollte. Und genau so wäre es auch richtig gewesen.

Leider wurde aber der Druck aus Politik, Wirtschaft und Bevölkerung auf die Regierungen so stark, dass schrittweise Lockerungen kaum möglich erschienen. Daher wurden in vielen Ländern sehr weitreichende Öffnungen beschlossen und umgesetzt, teilweise aus wirtschaftlichen Gründen und teilweise wohl auch, weil manche Politiker festgestellt haben, dass sich die Forderung nach umfassenden Lockerungen gut zur Profilierung eignet.

Gerne wird dann darauf hingewiesen, dass sich durch die Erhöhung der Testkapazitäten und die vorliegenden Modellrechnungen das Infektionsgeschehen gut kontrollieren lässt und die Lockerungen daher gefahrlos seien. Aber leider sprechen die Zahlen in vielen Ländern mittlerweile eine andere Sprache.

Die neuen Treiber der Corona-Pandemie

Und hier fällt der Blick jetzt auf zwei Gruppen in der Bevölkerung, die besonders kontaktfreudig sind und daher durchaus die Treiber für eine eventuelle zweite Welle darstellen könnten. Dazu gibt es eine Studie der ETH in Zürich, die besonders die 35-45-jährigen und die 10-20-jährigen als mögliche Treiber einer zweiten Welle herausstellt.

Die Gruppe der 35-45-jährigen hat aufgrund ihrer vielfältigen sozialen Kontakte bereits in der ersten Pandemie-Welle ganz erheblich zur Ausbreitung beigetragen. Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, die Einhaltung der Abstandsregeln und das Meiden von Innenräumen könnten das Risiko deutlich verringern, aber ganz offenbar vernachlässigen große Mengen von Menschen in Feierlaune diese Regeln immer mehr. Daher dürfte die Beteiligung dieser Bevölkerungsgruppe in einer möglichen zweiten Welle nicht sehr viel geringer ausfallen.

Die Gruppe der 10-20-jährigen hingegen hat in der ersten Pandemie-Welle kaum einen Einfluss auf das Infektionsgeschehen gehabt. Das wiederum lag nicht daran, dass junge Menschen weniger anfällig für eine Ansteckung wären oder das neue Corona-Virus weniger stark weitergeben würde. Sondern einfach nur daran, dass die Schulen relativ schnell geschlossen wurde und diese Infektionen deswegen unterblieben.

Mittlerweile legen aktuelle Zahlen und Studien durchaus nahe, dass sich die Verfasser der Studie der ETH nicht getäuscht haben und dass Kinder und Jugendliche einem ähnlich hohen Ansteckungsrisiko wie Erwachsene unterliegen und vermutlich auch nicht weniger infektiös sind.

Das macht die Rückkehr zu einem normalen Schulalltag sehr gefährlich, weil hier komplett neue Infektionsketten bis direkt in die Familien hinein entstehen können. Und weil diese Infektionsketten vermutlich erst dann entdeckt werden, wenn der Schaden bereits angerichtet wurde.

Das Beispiel Israel

Am Beispiel von Israel, einem Land, das die Corona-Pandemie eigentlich sehr gut im Griff hatte, lässt sich ermessen, welchen Schaden voreilige und umfassende Lockerungen, gerade in Bezug auf die Schulen, anrichten können.

Israel hat sehr frühzeitig auf die Bedrohung durch das SARS-CoV-2-Virus reagiert. Bereits im März wurden die Grenzen geschlossen und das öffentliche Leben weitgehend heruntergefahren. Mit Erfolg, denn die Neu-Infektionen im Land fielen von 500 pro Tag Mitte März bis auf rund 15 pro Tag Mitte Mai.

Dann begannen die Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen und die Öffnung der Schulen ohne Trennung in Schülergruppen, aber mit Vorschrift zum Tragen von Masken. Und dieses Experiment ging offenbar gründlich schief, die Neu-Infektionen sind bis heute wieder auf 300 pro Tag angestiegen. Israelische Wissenschaftler gehen von einem schnellen Anstieg auf um die 1.000 Neu-Infektionen pro Tag aus, wenn keine neuen Eindämmungs-Maßnahmen erfolgen.

Anfang Juni wurde bereits festgestellt, dass rund die Hälfte der Neu-Infektionen auf das Umfeld der Schulen zurückzuführen war. Deswegen wurden bisher mehr als 170 Schulen im Land wieder geschlossen, teilweise bereits Ende Mai. Aber der Schaden war zu diesem Zeitpunkt bereits angerichtet, das Infektionsgeschehen hat sich mittlerweile auf weite Kreise der Bevölkerung verteilt und ist nicht mehr auf lokale Hotspots beschränkt. Eine Nachverfolgung der Infektionsketten scheint derzeit kaum noch möglich.

Alleine die breite Streuung des SARS-CoV-2-Virus in der Bevölkerung durch die vollständige Öffnung der Schulen hat also in Israel dafür gesorgt, dass eine Unterbindung und Nachverfolgung einzelner Infektionsketten mittlerweile kaum noch möglich ist. Andererseits schreckt die Regierung aufgrund der angespannten Wirtschaftslage vor einem erneuten Lockdown zurück.

In der Grafik sieht das bisherige Infektionsgeschehen in Israel seit dem 1. März so aus. Inwiefern eine zweite Welle noch aufzuhalten ist, dürfte davon abhängen, ob die israelische Regierung zu neuerlichen Eindämmungs-Maßnahmen bereit ist. Affaire à suivre….

Die Situation in Luxemburg

Es ist sicherlich zu früh, um in Luxemburg von einer vergleichbaren Situation reden zu können. Aber sicher ist für den Moment, dass die Anzahl der Neu-Infektionen in den letzten Tagen stark zugenommen hat. Das Minimum war hierzulande vor gut zwei Wochen erreicht, die Neu-Infektionen haben zu dem Zeitpunkt um durchschnittlich um 3 pro Tag zugenommen. Mittlerweile sind wir im Wochendurchschnitt hierzulande wieder bei 6 bis 7 Neu-Infektionen pro Tag angelangt, alleine gestern (am 21. Juni 2020) wurden mit 15 Neu-Infektionen so viele festgestellt, wie seit Mitte Mai nicht mehr.

Momentan bewegt sich das durchaus noch auf einem Niveau, auf dem eine Nachverfolgung der Infektionsketten möglich sein sollte. Inwiefern das groß angelegte Testprogramm, mit dem die Lage unter Kontrolle gehalten werden soll, tatsächlich dazu beiträgt, ist derzeit kaum absehbar. Die Anzahl der durchgeführten Tests liegt jedenfalls auf einem sehr hohen Niveau, in den letzten zehn Tagen wurden im Durchschnitt täglich knapp 5.000 Tests durchgeführt.

Nun war durchaus im Vorfeld damit zu rechnen, dass die Anzahl der Neu-Infektionen durch die bereits in Kraft getretenen Lockerungen wieder ansteigt. Das tatsächliche Infektionsgeschehen werden wir allerdings, genau wie die dadurch hervorgerufene Belegung der Klinikbetten, wohl erst in den nächsten Wochen ermessen können.

Allerdings halte ich es in der jetzigen doch recht fragilen Situation für ein Hochrisiko-Experiment, wieder zu einem vollständigen Schulbetrieb zurückzukehren. Aus meiner Sicht wird hier zur Erzielung marginaler Vorteile ein viel zu hohes Risiko der Entstehung neuer Infektionsketten eingegangen

Im Moment ist noch Zeit, um diese Entscheidung zu revidieren. Und meiner Meinung nach sollte das passieren, um die Risiken beherrschbar zu halten und keinen erneuten Lockdown zu riskieren.

Ausbrüche in sogenannten Clustern

Weniger gefährlich für das Infektionsgeschehen sind übrigens Ausbrüche der Pandemie in sogenannten Clustern, also in örtlich begrenzten Zonen. Solche Ausbrüche kommen beispielsweise gerade in Deutschland (beispielsweise in der Fleischfabrik Tönnies in Gütersloh oder in Appartement-Häusern in Göttingen) vor. Trotz der relativ hohen Anzahl an Neu-Infektionen lassen sich solche Ausbrüche, falls sie früh genug erkannt werden, mit strikten Quarantäne-Maßnahmen recht gut kontrollieren.

Deutlich problematischer wird es dann, wenn solche Ausbrüche an Orten vorkommen, von denen aus sich das Virus unbemerkt in andere Personengruppen ausbreiten kann. Solche Ausbrüche können dafür sorgen, dass Neu-Infektionen in der Folge in breiten Bevölkerungsgruppen vorkommen, was eine Nachverfolgung dann sehr schnell recht schwierig machen kann.

Genau dieser Fall von breiten Ausbrüchen ohne Beschränkung auf bestimmte Cluster wird durch eine vollständige Schulöffnung sehr viel wahrscheinlicher. Zumindest sollte sichergestellt werden, dass eine Schule beim Eintreten von Neu-Infektionen bei Schülern und Personal sofort geschlossen wird und dass alle Schüler und das gesamte Personal bis zum Vorliegen von Test-Resultaten unter Quarantäne gestellt werden. Leider ist das in Luxemburg offenbar im Augenblick nicht vorgesehen.

Solche lokalen Schulschließungen aufgrund von nachgewiesenen Infektionen sehen wir übrigens gerade an vielen Orten in Deutschland, und es ist eine sehr sinnvolle Vorsichtsmaßnahme zur Unterbindung eventueller Infektionsketten. Falls eine vollständige Schulöffnung in Luxemburg tatsächlich stattfinden sollte (was mit Blick auf die derzeitige Entwicklung zumindest in Frage gestellt werden sollte), wäre auch Luxemburg gut beraten, ähnlich schnell und strikt zu handeln, um jedwedes Risiko soweit wie möglich auszuschließen.

Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt und wenn Sie diese Idee grundsätzlich unterstützen möchten, dann wäre ich Ihnen für das möglichst zahlreiche Teilen in den sozialen Netzwerken sehr dankbar.

Dieser Artikel ist eine aktuelle Fortsetzung der Artikel Die Rückkehr zum normalen Schulbetrieb könnte zum Problem werden und Warum die Schulen geschlossen bleiben sollten in diesem Blog.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

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Claus Nehring

Der Autor ist freiberuflicher Autor, Texter und Web-Entwickler mit Sitz in Luxemburg. Er ist diplomierter Informatiker und Statistiker und verfügt über jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Er publiziert Artikel zu Themen rund um Gesellschaft, Internet und verschiedene Wissenschaftsgebiete in seinem eigenen Blog und in verschiedenen Foren.

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