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Die zukünftigen Superspreader

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Der Begriff „Superspreader“ (oder „Superspreading Event“) stammt aus der Epidemiologie und bezeichnet Punkte (Orte, Veranstaltungen oder Personen), die ein ungewöhnlich hohes Risiko für die Weiterverbreitung eines Virus darstellen.

In Ermangelung eines deutschen Begriffs werden die Punkte in der deutschen Terminologie zur Corona-Pandemie auch gerne (und nicht ganz richtig) als „Hotspots“ bezeichnet. Hotspots sind eigentlich eher bestimmte Regionen mit einer besonders hohen Anzahl an Infizierten. Dies sei aber nur am Rande zur Begriffsabgrenzung erwähnt.

Superspreader entstehen dann, wenn es zu einer relativ hohen Anzahl von unerkannt mit einem Virus infizierten Personen in einer Population kommt. Sie konnten in der ersten Phase der Corona-Pandemie an Orten wie Ischgl oder bei Karnevals-Sitzungen entstehen, weil zu diesem Zeitpunkt nur Wenige überhaupt an eine Pandemie gedacht haben. In der zweiten Pandemie-Welle werden sie deswegen entstehen, weil wir aufgrund der hohen Dunkelziffer an SARS-CoV-2-Infizierten eine gefährlich hohe Anzahl an unerkannt infizierten Personen in der Bevölkerung haben.

Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Entstehung von Superspreading-Events und erklärt, warum diese Punkte in der zweiten Pandemie-Welle von überragender Bedeutung sein werden.

Superspreader entstehen ungewollt und zufällig

Ein Superspreader entsteht immer dann, wenn sich zufällig eine größere Zahl von unerkannt mit einem Virus infizierten Personen zusammen mit anderen nicht-infizierten Personen über einen längeren Zeitraum an einem Ort aufhält, der die Weitergabe des Virus begünstigt. Bei einem per Aerosol übertragbaren Virus wie SARS-CoV-2 sind hierzu gut besuchte Innenräume mit unzureichender Belüftung nahezu ideal geeignet.

Update vom 26. Mai 2020: sowohl das Robert-Koch-Institut als auch der Chefvirologe der Berliner Charité, Prof. Christian Drosten, warnen immer öfter vor der Übertragung des SARS-CoV-2-Virus als Aerosol. Mittlerweile sieht es danach aus, dass die Aerosol-Übertragung einer der Hauptverbreitungswege des Virus sein könnte.

Daneben ist es zur Entstehung eines Superspreaders sehr wichtig, dass sich die neu infizierten Personen nach der Infektion mit möglichst vielen anderen Personen treffen können, um somit ihrerseits das Virus weitergeben zu können. Deswegen wurden in der ersten Pandemie-Phase gerade Kneipen in Urlaubsorten wie Ischgl oder Groß-Veranstaltungen mit internationaler Klientel zu Superspreadern.

Die Entstehung dieser Superspreader hätte sich wohl kaum verhindern lassen. Weil zum damaligen Zeitpunkt das Verständnis für die Gefahr, die von einem Virus wie SARS-CoV-2 ausgeht, schlicht noch nicht vorhanden war. Sicherlich könnte man aus heutiger Sicht darauf herumreiten, dass die Veranstalter frühe Symptome nicht hätten ignorieren dürfen. Andererseits hätte wohl auch kaum ein Winterurlauber nur aufgrund einiger Erkältungssymptome auf das allabendliche „Après-Ski“ verzichtet.

Die Bedeutung der Dunkelziffer

In der ersten Welle der Corona-Pandemie konnten Superspreader also deswegen entstehen, weil zum Zeitpunkt ihrer Entstehung kaum jemand an die Gefahr geglaubt hat und weil das SARS-CoV-2-Virus einige Charakteristika aufweist, die eine unbemerkte Ausbreitung begünstigen und das Virus so gefährlich machen.

Aus epidemiologischer Sicht ist besonders heikel, dass um die 80 % der Infizierten keine oder nur sehr geringe Symptome haben und eine Infektion nicht bemerken. Der andere Punkt, der die unerkannte Ausbreitung des Virus vor und während der ersten Welle begünstigt hat, war unsere Unkenntnis. Wir haben schlicht nicht erkannt, dass sich unter der letzten Influenza-Saison noch ein anderes Virus ausgebreitet hat.

Mittlerweile haben wir SARS-CoV-2 erkannt und beginnen das Virus besser zu verstehen. Aber die unerkannte Ausbreitung geht weiter, weil die meisten infizierten Personen nach wie vor überhaupt nicht merken, dass sie sich infiziert haben. Aufgrund dieser hohen Anzahl an unerkannt Infizierten ist es sehr wahrscheinlich, das auch in der nächste Pandemie-Welle die Superspreader wieder eine wichtige Rolle spielen werden.

Die offiziell bekannten infizierten Personen stellen in diesem Kontext kein großes Problem dar. Denn sie befinden sich längst in Quarantäne oder Behandlung befinden und aus diesem Grunde kaum noch eine andere Person anstecken können.

Die unerkannt Infizierten hingegen, denen ihre Erkrankung gar nicht bewusst ist, werden sich nicht von Punkten fernhalten, an denen sie andere Personen anstecken können. Denn sie wissen ja nichts von ihrer Infektion und der Gefahr, die von ihnen ausgeht.

Mehr zur Dunkelziffer in Luxemburg und den ersten Ergebnissen der Con-Vince-Studie finden Sie auch hier im Luxemburger Wort und hier bei der luxemburgischen Regierung.

Der Vorteil einer hohen Testkapazität

Logischerweise sind deswegen Länder wie Luxemburg und Deutschland aufgrund der hohen Testkapazität von vornherein im Vorteil. Denn in diesen Ländern ist die Dunkelziffer ganz automatisch geringer, es sind also weniger unerkannt Infizierte in der Bevölkerung vorhanden.

Und natürlich steigt bei kontinuierlichen Tests auch die Chance, dass ein mit dem Corona-Virus Infizierte so frühzeitig erkannt werden kann, dass er keine weiteren Personen anstecken kann.

Insofern ist die Strategie der luxemburgischen Regierung, die auf ein ambitioniertes Testprogramm zur Eindämmung der Corona-Pandemie setzt, durchaus logisch und zielführend. Nur das diese Tests dann eben auch tatsächlich und kontinuierlich stattfinden müssen.

Ob das der Fall sein wird, erscheint laut diesem Artikel im Luxemburger Wort leider mehr und mehr fraglich. Mehr darüber finden Sie auch im Artikel Corona-Tests als Basis für eine Exit-Strategie in diesem Blog.

Die Orte der potentiellen zukünftigen Superspreader

Superspreader können sich grundsätzlich an jedem Punkt bilden, an dem viele Menschen auf engem Raum für einen längeren Zeitraum zusammenkommen. Aber in der ersten Phase der Corona-Pandemie haben sich einige Punkte als potentielle Gefahrenherde herauskristallisiert. Auf diese spezifischen Punkte möchte ich im Folgenden eingehen.

Update vom 26. Mai 2020: Der Spiegel hat heute unter dem Titel Wie Superspreader die Corona-Pandemie antreiben einen Artikel darüber veröffentlicht, wie solche Superspreader derzeit bereits im Entstehen sind.

Kneipen und Restaurants

Gerade in Kneipen und Restaurants sind sehr häufig viele Menschen in Innenräumen beisammen. Dazu kommt, dass während des Essens oder Trinkens logischerweise ein Mund-Nasen-Schutz eher hinderlich wäre und deswegen kaum durchgehend getragen werden kann.

Außerdem sind Besucher von Kneipen und Restaurants im Allgemeinen nur für einen überschaubaren Zeitraum und den jeweiligen Wirtschaften und treffen danach auf andere Menschen, sei es nun aus Familie oder Freundeskreis.

Für ein Virus stellt dieses Verhalten eine nahezu ideale Möglichkeit zur Vermehrung dar. Hier treffen Menschen mit vielen sozialen Kontakten zusammen und können das Virus von der jeweiligen Wirtschaft aus in völlig andere Bevölkerungs-Gruppen tragen. Besonders für ein Virus wie SARS-CoV-2, dass sich schon vor dem Eintritt von Symptomen weiterverbreiten kann, sind das nahezu paradiesische Zustände.

Aus genau diesem Grund werden wir vermutlich auf unsere lieb gewonnenen Kneipen, unsere gewohnten Restaurants und größere Veranstaltungen noch ein wenig verzichten müssen. Und wenn es zu einer diesbezüglichen Lockerung kommen sollte, dann dürfte sie recht starken Einschränkungen bezüglich der zugelassenen Personenzahl unterliegen.

Auf Terrassen hingegen ließe sich eine Lockerung, entsprechende Abstände zwischen den Gästen einmal vorausgesetzt, mit deutlich weniger Risiko realisieren. Ganz einfach deswegen, weil die Bildung von lange in der Luft stehenden Aerosolwolken im Freien ziemlich ausgeschlossen ist. Dem Besuch eines Biergartens im Sommer, wenn auch mit eingeschränkter Gästezahl, dürfte also nichts im Wege stehen.

Davor warnt auch Prof. Drosten von der Charité in Berlin recht eindringlich (nachzulesen beispielsweise hier).

Update vom 26. Mai 2020: ab dem morgigen Mittwoch werden in Luxemburg die Terrassen der Cafés und Restaurants wieder öffnen dürfen, ab Freitag dann auch die Innenräume. Mehr über die verbleibenden Einschränkungen lesen Sie beispielsweise hier im Luxemburger Wort.

Veranstaltungen

Für Veranstaltungen jeder Größe gilt so ziemlich das Gleiche wie für Restaurants und Kneipen. In einem geschlossenen Veranstaltungsort mit viel Publikum kann eine einzige unerkannt infizierte Person leicht Dutzende von Menschen anstecken. Und da die Besucher solcher Veranstaltungen aus vielen verschiedenen Regionen kommen und nach der Veranstaltung wieder in ihr gewohntes Umfeld zurückkehren, haben wir auch hier einen typischen Fall für einen potentiellen Superspreader.

Da es momentan keine sichere Methode gibt, um eine aktive Infektion mit hinreichender Sicherheit schnell festzustellen, werden wir auf diese Art von Veranstaltungen wohl noch eine ganze Zeit lang verzichten müssen. Mehr Informationen über Tests finden Sie auch im Artikel Corona-Tests als Basis für eine Exit-Strategie in diesem Blog.

Anders sieht es bei kleineren Veranstaltungen im Außenbereich aus. Da außerhalb geschlossener Räume die Bildung von Aerosol-Wolken ziemlich ausgeschlossen ist, sollten solche Veranstaltungen unter Beachtung einiger Regeln (Hygiene, Masken usw.) relativ risikolos möglich sein.

Alters- und Pflegeheime

Im Verlauf dieser Corona-Pandemie stellen Alters- und Pflegestrukturen ein ziemlich großes Problem dar, denn diese Strukturen sind ein nahezu ideales Bindeglied zwischen den verschiedenen Risikogruppen. Sie sollten zum Schutz der älteren Menschen (die nun einmal an erster Stelle zur Risikogruppe zählen) möglichst abgeschottet bleiben.

Beispiele aus vielen europäischen Ländern zeigen, dass sich das SARS-CoV-2-Virus in solchen Strukturen sehr schnell verbreitet und gerade in dieser Umgebung ausgesprochen tödliche Auswirkungen haben kann.

Selbstverständlich sind Lockerungen in diesem Bereich unumgänglich, um den Bewohnern dieser Strukturen die so wichtigen sozialen Kontakte zu ermöglichen. Aber diese Lockerungen müssen ausgesprochen vorsichtig und langsam erfolgen, ansonsten kann auch hier die Bildung von Superspreadern kaum ausgeschlossen werden.

In Luxemburg wurden übrigens laut Luxemburger Wort bis zum 5. Mai 3.750 Tests in 14 Altersheimen durchgeführt. Insgesamt wurden 1.537 Bewohner (92,4 %) und 2.213 Angestellte (80,3 %) getestet. Insgesamt wurden 19 Personen (10 Bewohner und 9 Angestellte) positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Insgesamt gibt es in Luxemburg übrigens 7.130 Betten in 63 Wohn- und Betreuungs-Strukturen für alte Menschen, die Resultate für rund 5.500 Bewohner in 49 Strukturen wurden bisher nicht kommuniziert.

Update vom 26. Mai 2020: Mehr über das Testprogramm in Luxemburg und die bisherigen Resultate finden Sie hier auf der Website der luxemburgischen Regierung in einem Presse-Communiqué vom 22. Mai 2020.

Kitas, Schulen und Universitäten

Ein großer Teil von Europa versucht gerade Wege zu finden, wie nach der ersten Pandemie-Welle die Schulen wieder geöffnet werden können. Ein außergewöhnliches, außergewöhnlich riskantes und von der ganzen Welt aufmerksam beobachtetes Experiment.

Grundsätzlich ist es logisch, eine Lockerung des Lockdowns mit den Schul- und Betreuungs-Strukturen zu beginnen. Denn erst durch die Übernahme der Kinderbetreuung durch diese Strukturen wird den Eltern der erneute Gang zur Arbeit möglich. Und auch für die Kinder selbst ist die Öffnung der Schulen aus psychologischer Sicht sicher wichtig, aber die positiven Effekte durch die Wiederaufnahme des sozialen Lebens ergeben sich in den allermeisten Fällen auch schon durch eine Lockerung der allgemeinen Ausgangsbeschränkungen.

Leider aber nimmt die Politik für die (auf Druck der Wirtschaft durchgesetzten) verfrühten Schulöffnungen ein erhebliches Risiko in Kauf. Denn die Rolle von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Pandemie ist alles andere als geklärt. Sicher ist nach einigen aktuellen Studien, dass Kinder und Jugendliche sich durchaus mit dem neuen Corona-Virus infizieren und andere Personen anstecken können (siehe auch hier beim SWR). Sicher ist ebenfalls, dass die Symptome einer Erkrankung bei jungen Menschen eher gering ausfallen.

Aber auch Kinder und Jugendliche können schwer erkranken. Mittlerweile warnen immer mehr Ärzte und Wissenschaftler über vermehrte schwere Verläufe bei Kindern (siehe auch hier bei der Tagesschau). Auch im Hinblick auf die Gesundheit der Kinder selbst sollte eine übereilte Schulöffnung also genau hinterfragt werden.

Auf jeden Fall macht die Tatsache, dass Schüler in Gruppen zur Schule gehen und danach jeweils andere Menschen aus dem Familien- oder Freundeskreis treffen, die Schulen potentiell zu idealen Superspreadern.

Mehr zum Thema der Schulöffnungen finden Sie übrigens auch im Artikel Warum die Schulen geschlossen bleiben sollten in diesem Blog.

Bereits bekannte Vorfälle

Zuletzt aktualisiert am 29. Mai 2020

  • In einem Restaurant im Landkreis Leer in Deutschland ist es am 15. Mai zu einem Ausbruch gekommen. Infolgedessen wurden bereits 34 Personen positiv auf eine SARS-CoV-2-Infektion getestet, insgesamt 217 Personen befinden sich in Quarantäne. (Quelle: NDR)
  • Nach einem Gottesdienst in einer Kirchengemeinde in Frankfurt am Main vor rund zwei Wochen, an dem 180 Personen teilgenommen haben, haben sich laut dem hessischen Gesundheitsministerium inzwischen rund 200 Menschen mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert. (Quelle: Hessenschau)
  • Nach einem Gottesdienst in Bremerhaven, an dem rund 150 Personen teilgenommen haben, wurden bisher 44 Menschen positiv auf SARS-CoV-2 getestet, mehr als 100 Menschen befinden sich in Quarantäne. Der Bremerhavener Krisenstab geht davon aus, dass in den kommenden Tagen noch weitere Corona-Infizierte hinzukommen könnten. (Quelle : NDR)

Diese Vorfälle zeigen deutlich, dass es auch in der jetzigen Phase durchaus zu den hier beschriebenen Superspreading-Events kommen kann.

Was Tests daran ändern können

Wir haben oben gesehen, dass sich Superspreader nur dann bilden können, wenn es eine genügend große Anzahl von unerkannt mit dem SARS-CoV-2-Virus infizierten Personen innerhalb der Bevölkerung gibt. Umso mehr man nun also die Anzahl dieser unerkannt Infizierten verringern kann, desto geringer wird das Risiko.

Wenn man es also schnell genug schafft, die bisher unerkannt Infizierten zu identifizieren und unter Quarantäne zu stellen, nimmt das Risiko in der Bevölkerung ganz automatisch ab. Eine hohe Anzahl von ständig durchgeführten Tests ist also ein gangbarer Lösungsansatz. Derzeit gibt es allerdings leider keine Testverfahren, mit denen sich schnell genug aktiv infizierte Personen feststellen ließen.

Laborbasierte PCR-Tests

Luxemburg setzt, wie auch alle anderen europäischen Länder, für seine Teststrategie auf sogenannte PCR-Tests. Diese Tests werden anhand eines Abstrichs aus dem Nasen- bzw. Rachenbereich durchgeführt, das entnommene Material wird danach in einem Labortest auf das Vorhandensein von SARS-CoV-2 überprüft.

Leider dauert es zwischen 24 und 48 Stunden, bis bei dieser Art von Tests ein Ergebnis vorliegt. Damit lässt sich mit diesen Tests auf Dauer zwar durchaus die Anzahl der unerkannt Infizierten verringern, Ansteckungen anderer Menschen, gerade in den besonders infektiösen ersten Tagen nach der Infektion, lassen sich damit allerdings nur sehr eingeschränkt verhindern.

Lateral-Flow-Tests

Bei Lateral-Flow-Tests handelt es sich um Schnelltests in Form eines Teststreifens. Für diese Tests wird an zwei Ansätzen gearbeitet. Zum einen als PCR-Test, also als Test auf die Viren-DNA, und zum anderen als Antigen-Test, also als Test auf Proteine des Erregers.

Der aus heutiger Sicht vielversprechendere Ansatz sind Antigen-Tests, da diese Tests auf einem einfach zu entnehmenden Nasenabstrich beruhen und sich sehr kostengünstig in großen Stückzahlen fertigen lassen.

Ein funktionierender Schnelltest würde eine gewaltige Lücke schließen, da diese Tests in wenigen Minuten Resultate liefern. Damit wäre also eine Testung von Besuchern direkt im Eingangsbereich (von Schulen, Veranstaltungen, Restaurants usw.) möglich, der möglichen Bildung von Superspreadern könnte, natürlich abhängig von der Genauigkeit der Tests, effektiv entgegengewirkt werden.

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat vor ein paar Tagen einem ersten solchen Antigentest auf das neue Corona-Virus eine Notfallgenehmigung erteilt. Sobald ein solcher Test in Europa verfügbar ist, dürfte er die ideale Ergänzung zu laborbasierten Tests darstellen und das Risiko einer zweiten Pandemie-Welle ganz erheblich mindern.

Mehr zum Thema Corona-Tests finden Sie auch im Artikel Corona-Tests als Basis für eine Exit-Strategie in diesem Blog.

Die Kontakt-Nachverfolgung

Ein weiterer Ansatz zur Auffindung unerkannt infizierter Personen in der Bevölkerung liegt in der Nachverfolgung von Kontakten. Wenn also eine Person positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurde, wird zunächst einmal nach den engen Kontakten dieser Person in den letzten ungefähr 10 Tagen gesucht. Diese Personen werden dann darüber informiert, dass sie Kontakt zu einem Corona-Infizierten hatten. Daraus folgt dann eine sofortige Quarantäne sowie ein Test auf SARS-CoV-2 der betreffenden Person.

Das System ist grundsätzlich zur Erkennung von möglicherweise infizierten Personen geeignet, beinhaltet allerdings zwei erhebliche Schwachpunkte.

Da wäre zum einen der Zeitfaktor. Nehmen wir einmal an, das eine Person X sich am heutigen Tage mit SARS-CoV-2 infiziert. Erste Symptome sollten nach 5 bis 7 Tagen auftreten, ungefähr zu diesem Zeitpunkt würde vermutlich ein PCR-Test gemacht werden. Das Ergebnis dieses Tests wiederum würde nach weiteren 24 bis 48 Stunden vorliegen. Allein bis zum Vorliegen eines positiven Test-Ergebnisses (und der Anordnung der Quarantäne) würden also erst einmal zwischen 7 und 9 Tagen vergehen, in denen die betreffende Person selbst infektiös war und andere Menschen anstecken konnte.

Der andere Schwachpunkt betrifft die eigentliche Nachverfolgung. Selbst unter der Annahme, dass sich die infizierte Person tatsächlich und sehr schnell an alle Personen erinnern kann, mit denen er oder sie in den letzten Tagen in engem Kontakt war, würde diese Erinnerung für eine rechtzeitige Warnung deutlich zu spät kommen. Denn auch hier liegt die eigentliche Infektion bereits mehrere Tage zurück, in denen die vom ursprünglich Infizierten angesteckten Personen ihrerseits wieder andere Menschen infizieren konnten.

Der Einsatz einer Tracing-App würde das Problem nur zu einem sehr kleinen Teil lösen. Denn auch hier müsste ja zunächst einmal auf das positive Testresultat des ursprünglich Infizierten gewartet werden, bis die möglichen Kontakte informiert werden können. Vorteile könnten sich also nur dadurch ergeben, dass tatsächlich alle Kontakte erfasst wurden und diese dann in Sekundenschnelle benachrichtigt werden könnten. Leichte Vorteile beim Einsatz einer App sind also durchaus vorhanden, ein „Game Changer“ sind sie aber definitiv nicht.

Das Social Distancing

Die Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln wiederum könnte dafür sorgen, dass das Ansteckungsgeschehen unter Kontrolle bleibt. Denn die Chancen, durch eine unerkannt mit dem SARS-CoV-2-Virus infizierte Person im aktiven Stadium der Erkrankung angesteckt zu werden, sind bei Einhaltung der Regeln des Social Distancing zumindest erheblich gemindert.

Und eine geringere Ansteckungs-Wahrscheinlichkeit bedeutet wiederum eine geringere Ausbreitungs-Geschwindigkeit der Pandemie und damit eine Verlangsamung der zweiten Infektionswelle.

Deswegen kann die gemeinsame Einhaltung der Regeln in dieser Phase tatsächlich der so sehnlichst gesuchte „Game Changer“ sein. Die Verantwortung dafür liegt allerdings bei jedem Einzelnen.

Was übrigens nicht bedeutet, dass auf die Nähe zu einem Partner oder einer Partnerin nun unbedingt verzichtet werden sollte. Nur sollte jeder Einzelne darauf achten, diese Nähe nur zu einigen wenigen anderen Menschen zuzulassen.

Fazit

Es ist sicherlich zu früh um von einem Sieg gegen die Corona-Pandemie zu sprechen. Das Virus ist nach wie vor unter uns und wartet nur darauf, dass wir ihm die Chance zur Weiterverbreitung geben. Wir wissen immer noch zu wenig über SARS-CoV-2 und seine Verbreitungswege. Und das wird auch noch eine geraume Zeit lang so bleiben.

Momentan ist es daher noch zu früh, um die tatsächlichen Auswirkungen der jetzigen Lockerungen auch nur annähernd abschätzen zu können. Das werden wir erst in zwei bis drei Wochen beurteilen können, und auch dann nur ungefähr.

Im Gegensatz zur ersten Pandemie-Welle, die vermutlich mit weniger als 50 aktiv infizierten Personen begonnen hat, wird eine zweite Welle mit mehr als 1.000 aktiv infizierten Menschen beginnen und kann schon aufgrund der breiteren Basis erheblich stärker ausfallen. Und, da sollten wir uns keinen Illusionen hingeben, eine zweite Welle wird kommen.

Die gute Nachricht ist, dass wir mit etwas Glück und der möglichst strikten Einhaltung der Regeln diese zweite Pandemie-Welle so flach halten können, dass wir auf neue Eindämmungs-Maßnahmen oder sogar einen erneuten Lockdown verzichten können. Und dann tatsächlich unsere wiedergewonnene Freiheit dauerhaft genießen können.

Mehr über die Gefahr einer zweiten Welle und die Zeitverzögerung bei den Auswirkungen der Lockerungen finden Sie übrigens auch in einem sehr lesenswerten Interview des Luxemburger Wort mit Rudi Balling, dem Direktor des „Luxembourg Centre for Systems Biomedicine“ der Universität Luxemburg.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Der Autor ist freiberuflicher Autor, Texter und Web-Entwickler mit Sitz in Luxemburg. Er ist diplomierter Informatiker und Statistiker und verfügt über jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Er publiziert Artikel zu Themen rund um Gesellschaft, Internet und verschiedene Wissenschaftsgebiete in seinem eigenen Blog und in verschiedenen Foren.

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