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Corona und was in Luxemburg falsch gelaufen ist

Im März war eigentlich noch alles gut. Das SARS-CoV-2-Virus tauchte in Luxemburg auf (die erste bestätigte Infektion gab es am 1. März 2020), der Premierminister Xavier Bettel und die Gesundheitsministerin Paulette Lenert erklärten die ernste Situation und die notwendigen Maßnahmen – und alle waren begeistert einverstanden.

Schnell folgte die Umsetzung der ersten Eindämmungs-Maßnahmen bis hin zum „état de crise“, der am 18. März 2020 beschlossen wurde. Und immer noch waren alle (na ja, fast alle) mit den Maßnahmen einverstanden, Politik, Medien und Gesellschaft zogen an einem Strang.

Und damit haben wir’s hierzulande auch tatsächlich geschafft, die erste Corona-Welle innerhalb von gut 4 Wochen zu brechen. Den Zenit der ersten Welle haben wir am 25. März 2020 mit 234 Neu-Infektionen gesehen, nach der ersten Mai-Woche waren wir bei weniger als 10 Neu-Infektionen pro Tag (im Wochendurchschnitt) angekommen.

Und dann passierte etwas Seltsames. Denn eigentlich sollte es jedem realistisch denkenden Menschen schon damals klar gewesen sein, dass dieses SARS-CoV-2-Virus nicht einfach wieder verschwinden würde. Aber auf einmal, mit dem Sommerurlaub und den niedrigen Neu-Infektionen vor Augen, wollte niemand mehr so etwas hören.

Die große Zeit der Schönredner

Es folgte die große Zeit der Corona-Schönredner. Auf einmal waren die sozialen Netzwerke voll von Kommentaren, in denen das neue Corona-Virus entweder heruntergespielt oder gleich für nicht existent erklärt wurde. Daraus haben sich Gruppierungen von Schönrednern, Schwurblern und Querdenkern entwickelt, die bis heute aktiver denn je sind. Und Politik und Medien haben es (zumindest mehrheitlich) versäumt, auf diese allgemeine Realitätsverweigerung in einer angebrachten Form zu antworten.

Damals (am 24. April 2020) habe ich den Artikel In der Krise ist Kommunikation alles als Warnung vor einer zu laschen Kommunikation der Regierung in diesem Blog veröffentlicht. Geändert hat sich während des Sommers wenig, wir haben die Realität erfolgreich verdrängt.

Und damals hätten wir die Corona-Schönredner und –Verleugner wahrscheinlich durchaus noch stoppen können, wenn wir’s denn mit einer vernünftigen Aufklärungskampagne (auch und gerade in den sozialen Netzwerken) versucht hätten.

Die Maßnahmen während des Sommers

Gleichzeitig hat die luxemburgische Regierung während des Sommers vieles ziemlich richtig gemacht. Gerade der Ausbau der Testkapazitäten, die Schaffung einer „réserve sanitaire“ und der Aufbau eines funktionierenden Kontakt-Tracing sind Mammut-Aufgaben gewesen, die nahezu perfekt gelöst wurden (und die die Situation hierzulande übrigens bis heute retten).

Alle diese Planungen sind im Hinblick auf eine zweite Pandemie-Welle erfolgt, von der wir wussten, dass sie im Herbst/Winter kommen würde. Aber leider hat es die Politik versäumt, immer wieder auf die Gefahren hinzuweisen. Und zwar nur aus dem Grunde, dass das damals eben nicht das war, was die Menschen gerne hören wollten.

Aber daneben sind zwei Dinge ziemlich gründlich schiefgelaufen.

Das erste davon war die Wiedereröffnung der Schulen in der irrigen Annahme, dass der Bildungsauftrag vor der Volksgesundheit zu stehen habe. Die halsstarrige Haltung des Bildungsministeriums, manifestiert in den Worten „In den Schulen steckt sich niemand an“, hat (okay, „vermutlich“ oder „mit hoher Wahrscheinlichkeit“) dafür gesorgt, dass sich das SARS-CoV-2-Virus munter und ungebremst in die Familien hinein vermehren konnte.

Das zweite und wahrscheinlich schlimmere war die Tatsache, dass die (sowieso schon halbherzigen) Maßnahmen zur Eindämmung auf einmal nicht mehr von allen Beteiligten mitgetragen, sondern öffentlich diskutiert und zerredet wurden. Und zwar durch alle politischen und medialen Spektren hindurch, nur der Profilierungssucht der jeweiligen Akteure geschuldet. Eine demonstrierte Einigkeit hätte wahrscheinlich der aufkommenden Bewegung gegen die Corona-Maßnahmen den Zufluss entzogen und uns in der Folge einige Probleme erspart.

Auf beide Punkte möchte ich in den folgenden Absätzen etwas näher eingehen.

Die Rolle der Schulen in der Pandemie

Ich habe in meinen Artikeln schon mehrfach thematisiert, dass die Öffnung der Schulen mit vollzähligen Klassen ein Hochrisiko-Experiment war und ist (erstmals übrigens im Artikel Warum die Schulen geschlossen bleiben sollten vom 30. April 2020). Und dieser Artikel und alle folgenden beruhten keineswegs auf meiner eigenen Meinung, sondern auf schon damals international akzeptierten Studien namhafter Wissenschaftler.

Das Bildungsministerium hat es ganz offensichtlich bis heute versäumt, sich mit den Aussagen von Wissenschaftlern zu dem Thema auseinanderzusetzen, man verlässt sich dort offenbar auf eine eigene Expertengruppe. Und lässt weiterhin zu, dass sich das SARS-CoV-2-Virus immer großflächiger in den Haushalten verbreiten kann.

Das Tageblatt hat am 21. Dezember 2020 unter dem Titel Meisch und das Corona-Abenteuer einen sehr guten Artikel veröffentlich, auf den ich hier gerne verweisen möchte. Ich selbst habe in den Artikeln Die Rückkehr zum normalen Schulbetrieb könnte zum Problem werden vom 17. Juni 2020, Schulen und Feiern – Mögliche Treiber der zweiten Welle vom 22. Juni 2020 und Kinder, Jugendliche, Schulen und die Corona-Pandemie vom 10. August 2020 mehrfach auf die Gefahren hingewiesen. Auch in der luxemburgischen Presse und in Stellungnahmen der verschiedenen Gewerkschaften wurde teils mehr als deutlich auf die Risiken eines normalen Schulbetriebs hingewiesen.

Leider sind aber die Verantwortlichen im luxemburgischen Bildungsministerium offenbar bis heute nicht imstande, die Zeichen an der Wand richtig zu lesen und zu deuten. Und stellen damit meiner Meinung nach im Moment eher einen Teil des Problems als einen Teil der Lösung dar.

Bleibt zu hoffen, dass irgendwann in naher Zukunft die Entscheidungen im Bildungsministerium von kompetenten Fachleuten getroffen werden……

Update vom 24. Dezember 2020, 15:10 – Momentan gibt es Hinweise darauf, das die neue SARS-CoV-2-Variante, die in England aufgetaucht ist (B.1.1.7.) und sich wahrscheinlich bereits in Europa ausbreitet, eine höhere Infektiösität bei jungen Menschen mit sich bringt. Falls sich bestätigt, dass das tatsächlich der Fall ist, müsste die Rolle der Schulen im Infektions-Geschehen noch vor Schulbeginn im Januar neu bewertet und eventuell angepasst werden.

Thread by BillHanage: Very interesting preprint on epidemiology of B.1.1... - PingThread
Very interesting preprint on epidemiology of B.1.1.7 (or the 'Variant of concern' - VOC) in SE England. Have not fully digested but there are some important take homes 1/n

Die Rolle der Kommunikation in der Pandemie

In einer modernen Demokratie ist Krisenmanagement vorrangig eine Kommunikationsaufgabe. Und zwar deshalb, weil (völlig richtigerweise) jede Entscheidung erklärt und diskutiert werden muss. Dieser Prozess kostet viel Zeit und in „normalen“ Zeiten ist das auch überhaupt kein Problem.

Leider ist die jetzige Zeit aber alles andere als „normal“, und die Politik sieht sich mit zwei Problemen konfrontiert. Denn zum Einen haben wir keine Zeit, mit einem Virus lässt sich nicht verhandeln und es wartet auch keine politischen Prozesse ab. Und zum Zweiten befinden wir uns in einer Lage, in der die exakten Konsequenzen einer Entscheidung nicht bekannt sind und deswegen auch nur begrenzt diskutiert und erklärt werden können.

Trotzdem sind Entscheidungen notwendig und müssen erklärt und kommuniziert werden. Gerade in einer Situation, in der weder die Grundlagen noch die Konsequenzen einer Entscheidung zu hundert Prozent bekannt sind, ist diese Erklärung enorm wichtig, damit die Menschen die Gründe für diese Entscheidungen nachvollziehen können.

Eigentlich wäre hier die Politik gefordert, um immer und immer wieder zu erklären, warum bestimmte Dinge so und nicht anders gemacht werden müssen und was genau die Unwägbarkeiten dieser Entscheidungen sind. Aber leider wird die Rolle des Erklärers der Wissenschaft überlassen. Das ist problematisch, weil Wissenschaftler für ihre Erklärungen gerne eine etwas kompliziertere Ausdrucksweise mit ziemlich vielen mehrsilbigen Worten benutzen. Und sich in dieser Situation teilweise an ein Publikum richten müssen, das eher mit einsilbigen Wörtern und Bildern zurechtkommt.

An dieser Stelle könnte jetzt die Presse als Erklärer einspringen und tut das auch, so gut sie es eben vermag. Aber leider gibt es im Moment sehr viele neue Informationen in sehr kurzen Zeitabständen, und die Journalisten haben sichtlich Mühe bei der Trennung von Spreu und Weizen. Was dazu führt, dass Meinungen von (teils seriösen und teils weniger seriösen) Wissenschaftlern ungeprüft und ungefiltert veröffentlicht werden und so eher zur Verwirrung beitragen.

Und dann gibt es für diejenigen, die eher einsilbige Wörter, Bilder oder Videos bevorzugen, auch noch die sozialen Netzwerke. Genau hier toben sich jetzt all die Verschwörungs-Theoretiker, Schönredner, Leugner und Schwurbler aus, die in der Krise eine dankbare Möglichkeit zur Selbstinszenierung und zur Generierung von Einnahmen sehen – und denen leider das Wohlergehen ihrer Zuhörer in den meisten Fällen recht egal zu sein scheint.

Hier hätten die Regierungen (und nicht nur die luxemburgische) ansetzen müssen. Denn „falsche“ Informationen lassen sich nun einmal nur mit „richtigen“ Informationen bekämpfen. Aber dazu wäre eine überparteiliche Zusammenarbeit notwendig gewesen, zu der manch ein(e) Politiker(in) ganz offenbar nicht fähig war. Und deswegen mit zur Verunsicherung beigetragen hat und damit zu einem Teil des Problems geworden ist.

Aber es ist noch nicht zu spät. Gerade in den letzten Wochen hat man gesehen, dass die Politik hierzulande ernsthaft darum bemüht ist, die Maßnahmen so gut wie möglich zu erklären. Die heutige (21. Dezember 2020) Pressekonferenz von Xavier Bettel und Paulette Lenert darf dabei, ebenso wie beispielsweise die letzte Rede der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, durchaus als exemplarisch gelten.

Fazit – Mein Weihnachtswunsch

Also, liebe Politiker und liebe Journalisten, ich hätte da eine Bitte. Denken Sie einmal an die Worte von Helmut Schmidt, der einmal gesagt hat „Ehrlichkeit verlangt nicht, dass man alles sagt, was man denkt. Ehrlichkeit verlangt nur, dass man nichts sagt, was man nicht auch denkt.“.

Tun Sie uns also bitte allen den Gefallen, ab jetzt mit einer Stimme zu reden und den ganzen Schönredner, Schwurblern, Querdenkern und Impfgegnern mit dieser einen Stimme wortgewaltig und bestimmt entgegenzutreten. Hätten Sie das bereits vor ein paar Monaten getan, wäre uns allen wohl so einiges erspart geblieben.

Sie müssen deswegen ja nicht aufhören, sich Ihre eigenen Gedanken zu machen und darüber zu diskutieren. Sprechen Sie gerne auch die Wahrheiten aus, die eben nicht mit den Maßnahmen konform sind, davon lebt unsere Demokratie. Aber tun Sie’s bitte ab jetzt still und leise und nicht vor laufenden Kameras. Weil wir uns nämlich keine weitere Verunsicherung der Menschen mehr leisten können (sehen Sie sich die heutige USA an, dann verstehen Sie, was ich meine).

Wir brauchen jetzt klare und eindeutige Richtlinien und wir müssen jetzt gegenüber den Schönrednern in den sozialen Netzwerken mit einer Stimme auftreten. Ich weiß, dass das nicht dem Politikstil der heutigen Zeit entspricht und ich weiß auch, dass das eigentlich nicht die Aufgabe der Medien ist. Aber wir stehen hier und heute einem Feind gegenüber, mit dem man nicht verhandeln kann. Man kann ihm nur die Möglichkeit zur Ausbreitung nehmen, und das kann man nur dann, wenn alle an einem Strang ziehen.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu Themen rund um Gesellschaft, Internet und verschiedene Wissenschaftsgebiete.

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