CoronaGesellschaft

Wie das Präventionsparadox zur Ignoranz verführt

Am Imperial College in London haben sich Wissenschaftler in einer Studie vom 21. Oktober 2020 die Daten von über 85.000 Covid-19-Patienten mit einem schweren Verlauf angeschaut und festgestellt, dass diese Patienten im Durchschnitt 8,5 IQ-Punkte verloren haben und ihr Gehirn um rund zehn Jahre gealtert ist. Selbst bei milden Verläufen ließen sich kognitive Defizite messen. So langsam sollten wir vielleicht alle begriffen haben, dass dieses SARS-CoV-2-Virus alles andere als harmlos ist.

Dazu kommt, dass wir trotz aller Erkenntnisse der Wissenschaft immer noch sehr wenig über die eventuellen Langzeitfolgen einer Infektion mit dem neuen Corona-Virus wissen (woher sollten wir auch, wenn bisher noch keine lange Zeit seit dem ersten Auftreten vergangen ist). Wir wissen aber zumindest schon, dass es auch bei mildem Erkrankungsverlauf Langzeitfolgen gibt, die Forscher sprechen dabei von „Long Covid“ und sind einigermaßen ratlos. Betroffen sind Atemwege, Herz-Kreislauf-System, Muskelapparat, Nervensystem oder Stoffwechsel, bei manchen Patienten spielt der Körper auch lange nach der Erkrankung noch verrückt (mehr darüber finden Sie beispielsweise hier bei Quarks oder hier in der ZEIT).

Und trotzdem gibt es immer noch haufenweise Menschen, die Covid-19 für eine kleine Grippe halten, die Existenz des Virus gleich ganz abstreiten oder die Eindämmungs-Maßnahmen in Frage stellen. Gedanken über die Folgen ihres eigennützigen Verhaltens für die ganze Gesellschaft machen sich die Wenigsten von ihnen.

Das Präventionsparadox

Und viele dieser Menschen sind auch keine Querdenker, sondern sind schlicht dem sogenannten Präventionsparadox auf den Leim gegangen (der Begriff wurde übrigens 1981 vom britischen Epidemiologen Geoffrey Rose geprägt, es ging damals um koronare Herzkrankheiten). Dieses Präventionsparadox beinhaltet zwei Kernaussagen:

Präventionsmaßnahmen, die der ganzen Gesellschaft einen hohen Nutzen bringen, bringen dem Einzelnen nur wenig. Jemand, der meint, dass SARS-CoV-2 ihm nichts anhaben kann, findet dementsprechend Kontaktbeschränkungen oder das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes wenig sinnvoll, weil er (oder sie natürlich) nicht an den Schutz anderer Menschen denkt.

Präventionsmaßnahmen, die erfolgreich greifen, lassen das Problem kleiner erscheinen als es ist. Wir haben diese Auswirkung im Sommer gesehen und sehen sie bis heute. Die erste Welle der Corona-Pandemie wurde durch harte Einschränkungen sehr schnell unter Kontrolle gebracht. Aber anstelle zu akzeptieren, dass gerade diese Maßnahmen die Zahlen niedrig gehalten haben, wird jetzt aufgrund der niedrigen Zahlen davon ausgegangen, dass das SARS-CoV-2-Virus ja gar nicht so gefährlich sei. Und davon ausgehend wird dann argumentiert, dass die Eindämmungs-Maßnahmen ja eigentlich unnötig seien. So etwas wird als Zirkelschluss bezeichnet und es ist deshalb recht gefährlich, weil die betreffende Person ihren Denkfehler im Allgemeinen nicht bemerkt.

Die Folgen des Präventionsparadoxons

Das Präventionsparadox sorgt also dafür, dass viele Menschen der Meinung sind, Corona sei ja eigentlich gar nicht so schlimm. Diese Menschen fühlen sich sicherer, weil es so aussieht, als habe man die Pandemie im Griff. Und sie vergessen darüber, dass das überhaupt nur aufgrund der Präventions-Maßnahmen der Fall ist. Der Blick in andere Länder, die auf entschlossene Eindämmungs-Maßnahmen verzichtet haben (USA, und Schweden beispielsweise), wird entweder ignoriert oder mit allerlei kreativen Argumenten beschönigt.

Und das führt dann leider zu einem Teil dessen, was wir heute mit dem Begriff „Querdenken“ bezeichnen. Da werden Masken als unwirksam, die Impfung als nicht ausreichend getestet oder gleich die ganze Pandemie als nicht existent bezeichnet. Meist gibt es dazu dann einen Haufen von wenig bis gar nicht durchdachten oder aus dem Kontext gerissenen Informationsbröckchen, um wenigstens einen Anschein von Seriösität zu vermitteln.

Das wirklich Interessante dabei ist, dass die meisten dieser Menschen diese Geschichten noch nicht einmal glauben. Sie benötigen nur irgendetwas, mit dessen Hilfe sie verdrängen können, dass wir uns hier einem unsichtbaren Feind gegenübersehen, dem wir auch mit all unserem Wissen und all unseren Mitteln ziemlich hilflos gegenüberstehen. Sie benötigen einen sichtbaren Feind, ob das nun „die Mächtigen dieser Welt“, „die Juden“, „die neue Weltordnung“ oder der „Deep State“ ist, ist dabei ziemlich unerheblich.

Einige dieser „Gläubigen“ kann man durchaus erreichen und sie stehen einer sachlichen Diskussion durchaus wohlwollend gegenüber.

Wirklich gefährlich sind die dahinterstehenden eigentlichen Aufrührer, im deutschsprachigen Raum beispielsweise Menschen wie Attila Hildmann, Bodo Schiffmann, Stefan Homburg, Wolfgang Wodarg oder Sucharit Bhakdi. Allesamt Personen mit einem starken Drang nach öffentlicher Anerkennung, die ihre eigenen Geschichten zwar wohl auch nicht glauben, aber zumindest erkannt haben, dass sich damit viel leichtgläubiges Publikum anziehen und viel Geld verdienen lässt.

Und gegen diese Verschwörungs-Mythen lässt sich nur sehr schwer argumentieren. Denn diese Menschen diskreditieren zunächst einmal die seriöse Presse und die Wissenschaft, um selbst die Deutungshoheit zu erlangen. Die Methode wird von Populisten aus allen Spektren (das bekannteste Beispiel dürfte wohl der jetzt ehemalige US-Präsident sein) schon lange benutzt. Medien, die eine von der eigenen Meinung abweichende Wahrheit berichten, werden bedenkenlos als „Lügenpresse“ bezeichnet, die eigenen „alternative facts“ stellen hingegen die reine Wahrheit dar.

Was kann man dagegen tun?

Schlechte Information lässt sich nur mit guter Information bekämpfen. Letztlich haben wir durch fehlende klare Kommunikation zugelassen, dass sich solche Geschichten überhaupt etablieren konnten. Ich habe dieses Thema übrigens in diesem Blog schon mehrfach aufgegriffen, zuletzt am 2. Oktober 2020 im Artikel Corona und der Umgang mit der Wahrheit.

Aber wir sollten für die Zukunft akzeptieren, dass die einzig sinnvollen Antworten auf eine Virus-Pandemie von den Experten aus der Wissenschaft kommen. Womit ich übrigens keinesfalls sagen will, dass wir die Wissenschaft über unser Leben bestimmen lassen sollten, diese Rolle gebührt einzig und allein der Politik. Aber wir sollten dafür sorgen, dass unsere Politiker der wissenschaftlichen Meinung folgen und sich nicht selbst als Experten darzustellen versuchen.

Und wir sollten dafür sorgen, dass jeder von uns irgendwelchen Falschbehauptungen in den sozialen Netzwerken immer und immer wieder mit guter Information entgegentritt. Dabei ist es relativ unwichtig, ob wir es schaffen, den Autor der Falschnachricht zu überzeugen. Denn rund 90 Prozent aller Leser von Kommentaren in den sozialen Netzwerken sind stille Mitleser. Und bei denen gilt es Zweifel zu wecken, damit nicht jeder Mist geglaubt wird.

Also tun Sie’s bitte einfach. Setzen Sie sich hin, legen Sie sich eine Sammlung von Faktenchecks an und posten Sie den entsprechenden Faktencheck unter jede Falschmeldung, die Ihnen so auffällt. Oder benutzen Sie meine ständig aktualisierte Sammlung an Faktenchecks, die Sie unter dem Titel Mit Querdenkern streiten. Aber richtig!  In diesem Blog finden.

Sie werden sich damit nicht nur Freunde machen. Aber mit jedem Kommentar nehmen Sie den Profiteuren unter den Querdenkern ein klein wenig Wind aus den Segeln und machen die Welt für uns alle ein bisschen sicherer.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu Themen rund um Gesellschaft, Internet und verschiedene Wissenschaftsgebiete.

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