CoronaGesellschaft

Warum wir in Luxemburg der Pandemie hinterherlaufen

Zuletzt aktualisiert am 21. Februar 2021 von Claus Nehring

Ich habe am 14. Juli 2020 einen Artikel mit dem Titel Was wir in Luxemburg JETZT tun sollten veröffentlicht, der im Prinzip (einmal abgesehen von den heute deutlich höheren Infektions-Zahlen) auch recht gut auf die heutige Situation passt. Allerdings wissen wir mittlerweile aus einigen größeren Studien erheblich besser, welche Eindämmungs-Maßnahmen besonders sinnvoll sind und welche eher kleine Effekte haben.

Wir sollten auch wissen, dass wir in Luxemburg im Moment sehr weit von einer Situation entfernt sind, die uns Lockerungen erlauben würde. Die Tatsache, dass die Politik das ganz offenbar etwas zu spät begriffen und Lockerungen vorangetrieben hat, hat die Wochen-Inzidenz pro 100.000 Einwohner gerade wieder auf über 183 (Stand: 9. Februar 2021) getrieben. Das wiederum sorgt dafür, dass wir wohl wieder neue Eindämmungs-Maßnahmen benötigen werden und dass diese auch eine Weile bestehen bleiben werden.

In der Hauptsache liegt das daran, dass die Regierung die Ratschläge und Forderungen der Wissenschaftler mittlerweile so ziemlich ignoriert und statt auf Trends und vorhersehbare Entwicklungen lieber auf die wirtschaftliche Entwicklung schaut. Deswegen laufen wir in der Pandemie-Bekämpfung der Realität um einige Wochen hinterher und bekommen die Situation nicht so recht unter Kontrolle.

Klar, wir haben alle die Nase voll von immer neuen Einschränkungen und möchten so schnell wie möglich zurück zu alten Gewohnheiten und einem normalen Leben, sehen immer mehr bedrohte Existenzen und haben (völlig zurecht) Angst um die Bildungschancen unserer Kinder. Das alles muss bedacht werden, unsere wichtigste Aufgabe ist und bleibt aber die Senkung der Infektions-Zahlen. Weil jeder verlorene Tag die Aufgabe immer schwerer machen wird und weil alles andere durchaus ein wenig warten kann. Deswegen ist es wichtig zu wissen, welche Maßnahmen den größten Erfolg versprechen, auf was wir uns einstellen sollten und wie lange wir das noch aushalten müssen.

Ich möchte Ihnen deswegen in diesem Artikel zwei Studien vorstellen und danach auf ein Positionspapier eingehen, das einen maßgeblichen Einfluss auf die zukünftige europäische Politik haben dürfte. Anhand dieser Informationen möchte ich im letzten Teil des Artikels skizzieren, was die Umsetzung dieser Ideen für Luxemburg und die nächsten Monate bedeuten wird und was hierzulande bisher schief gelaufen ist. Zunächst möchte ich Ihnen aber noch einmal etwas sehr Grundsätzliches über Viren in Erinnerung rufen.

Etwas Grundsätzliches über Viren

Die Verbreitung eines Virus und seiner Varianten folgt ein paar grundlegenden Naturgesetzen. Ein Virus pflanzt sich von Wirt zu Wirt fort, ein respiratorisches Virus wie SARS-CoV-2 tut das in der Hauptsache über die Atemwege. Die Übertragbarkeit lässt sich über Schutzmaßnahmen (Mund-Nasen-Schutz, Abstand usw.) reduzieren, ausschließen lässt sie sich dadurch nicht.

Der einzige Weg, um eine Übertragung tatsächlich zu verhindern besteht darin, den Kontakt zwischen Menschen zu reduzieren, denn die sind im Falle von SARS-CoV-2 nun einmal der Wirt. Denn umso weniger Kontakte es gibt, desto weniger Übertragungen wird es geben.

Solche Naturgesetze gelten auch für die Verbreitung von Mutationen eines Virus. Wenn sich durch eine Mutation eine infektiösere Variante eines Virus bildet, dann wird sich diese Variante in einer Population umso schneller durchsetzen, umso infektiöser sie ist. In Irland ist beispielsweise der Anteil der B.1.1.7-Variante an den sequenzierten Proben in nur 6 Wochen ab der Kalenderwoche 51 von 6 auf 75 Prozent angestiegen, die Entwicklung in anderen Länder sieht sehr ähnlich aus.

Das ist kein Zufall, sondern beruht auf einfachen Naturgesetzen und funktioniert deshalb überall sehr ähnlich. Und so wird sich die B.1.1.7-Variante auch in Luxemburg entwickeln, politische Hoffnungen der Art „Das wird schon irgendwie gutgehen“ sind dafür völlig irrelevant. Mithilfe einer einfachen Berechnung auf Basis der Reproduktionszahl lässt sich das Verbreitungsprinzip einfach veranschaulichen.

WICHTIG: die folgende Grafik ist keine Hochrechnung, sondern schlicht eine mathematische Darstellung des Sachverhalts, die enthaltenen Daten sind willkürlich gewählt. Ich habe die tatsächliche Entwicklung in Luxemburg nur eingebunden, um aufzuzeigen, dass sie einer ähnlichen Kurve folgt.

Ob wir das nun mögen und akzeptieren oder nicht, gegenüber den Naturgesetzen sind wir machtlos. Politische Entscheidungen oder persönliche Befindlichkeiten ändern nichts daran, weil ein Virus nun einmal kein denkendes und fühlendes Wesen ist und sich durch unseren Willen nicht beeinflussen lässt.

Ohne Eindämmungs-Maßnahmen würde sich dieses Virus derart schnell verbreiten, dass ein Zusammenbruch der Gesundheits-Systeme mit allen Folgen für die öffentliche Ordnung nur eine Frage von wenigen Wochen wäre. Selbst ein Verzicht auf Eindämmung nur bei jüngeren Menschen hätte ähnlich fatale Folgen, weil ein Schutz der Risikogruppen aller Erfahrung nach unmöglich ist und weil auch jüngere Menschen sehr schwer von einer Covid-19-Erkrankung getroffen werden können.

Was welche Maßnahmen bringen

Das Luxembourg Institute of Socio-Economic Research (LISER) hat am 21. Januar 2021 auf Nature eine Studie veröffentlicht, die sich mit der Wirksamkeit von staatlichen Eindämmungs-Maßnahmen befasst. Die Studie betrachtet Maßnahmen aus 175 Ländern bezüglich ihrer Wirksamkeit. Eine ähnliche Studie der University of Oxford vom 15. Dezember 2020, die auf Science erschienen ist, und in der die Maßnahmen in 37 (hauptsächlich europäischen) Ländern bezüglich ihrer Wirksamkeit untersucht wurden.

Die Schlüsse aus beiden Studien sind ziemlich ähnlich, beide listen die Maßnahmen auf, die den größten Einfluss auf die Eindämmung des Infektions-Geschehens hatten:

  • Einschränkung von öffentlichen Versammlungen/Veranstaltungen
  • Einschränkung privater Kontakte bzw. Ausgehverbote
  • Schließung der Schulen
  • Übergang auf Tele-Arbeit
  • Schließung nicht lebenswichtiger Geschäfte

Was wir jetzt tun müssten

Eine Gruppe deutscher Wissenschaftler um die Virologin Melanie Brinkmann und den Physiker Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung haben Mitte Januar 2021 ein Positionspapier veröffentlicht (nachzulesen hier in der ZEIT), das eine Vorgehensweise zum Herauskommen aus der Corona-Krise aufzeigt. Dieses Positions-Papier ist aus zwei Gründen sehr interessant.

Zum einen schlägt es keine direkten Eindämmungs-Maßnahmen vor, sondern bezieht sich auf eine zu erreichende Wochen-Inzidenz. Damit ist erstmalig nicht die Dauer von Maßnahmen entscheidend, sondern deren (messbarer) Erfolg. Die Entwicklung der Wochen-Inzidenz lässt sich von jedem interessierten Bürger leicht nachvollziehen, wir wissen so jederzeit, wo wir momentan stehen und was noch erreicht werden muss. Damit wird sowohl eine Perspektive als auch ein Anreiz zum Erreichen der Ziele geschaffen.

Zum zweiten nutzt die Europäische Union die Grund-Idee dieses Positionspapiers und weist auf dieser Basis sogenannte „Green Zones“ aus, eine entsprechende Website des European Center for Disease Control (ECDC) finden Sie hier. In diesen „Green Zones“ werden die meisten Einschränkungen entfallen und zwischen ihnen wird ein ungehinderter Personenverkehr möglich sein. Die Gebiete mit hohem Infektions-Geschehen werden hingegen als „Red Zones“ ausgewiesen und unterliegen (abhängig von bestimmten Kennzahlen) Beschränkungen und Reiseeinschränkungen.

Wir haben als Land Luxemburg also ein vitales Eigeninteresse daran, den Status als „Green Zone“ möglichst schnell zu erreichen und auch nachhaltig zu behalten.

Wie lässt sich der aktuelle Stand darstellen

Im Prinzip sind für den Status einer „Green Zone“ zwei Kennzahlen wichtig, die Wochen-Inzidenz pro 100.000 Einwohner (Zielwert unter 25) und die Positivrate der Tests (Zielwert kleiner als 4%). Die derzeitige Wochen-Inzidenz für Luxemburg liegt bei 183,04, die Positivrate im Wochendurchschnitt schwankt um 2,5 % (Stand: 9. Februar 2021).

Die wichtigste Kennzahl zur Entwicklung der Pandemie ist bei einem hohen Infektions-Geschehen die Reproduktionszahl und die sich daraus ergebende Verdoppelungszeit. Die Reproduktionszahl lässt sich auf der Corona-Website der Santé tagesaktuell ansehen, sie liegt derzeit bei 1,06 (Stand: 9. Februar 2021).

Die Reproduktionszahl besagt, wie viele weitere Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Um daraus die Verdopplungszeit berechnen zu können, benötigt man außerdem die durchschnittliche Zeit bis zur Ansteckung eines anderen Menschen, die sogenannte Generationszeit. Eine Reproduktionszahl von 2 bei einer Generationszeit von 4 Tagen würde also bedeuten, dass 1 Infizierter innerhalb von 4 Tagen durchschnittlich 2 weitere Personen ansteckt.

Fällt die Reproduktionszahl unter einen Wert von 1 bedeutet das ein rückläufiges Infektions-Geschehen. In diesem Moment wird aus der Verdopplungszeit eine Halbierungszeit, die sog. Halbwertzeit.

In der folgenden Tabelle finden Sie die Verdoppelungs- bzw. Halbwertzeit für verschiedene Reproduktionszahlen (bei einer Generationszeit von 4 Tagen).

Reproduktionszahl 2,5 –> Verdopplung in 3,03 Tagen
Reproduktionszahl 2,0 –> Verdopplung in 4,00 Tagen
Reproduktionszahl 1,5 –> Verdopplung in 6,84 Tagen
Reproduktionszahl 1,4 –> Verdopplung in 8,24 Tagen
Reproduktionszahl 1,3 –> Verdopplung in 10,57 Tagen
Reproduktionszahl 1,2 –> Verdopplung in 15,21 Tagen
Reproduktionszahl 1,1 –> Verdopplung in 29,09 Tagen
Reproduktionszahl 0,9 –> Halbierung in 26,32 Tagen
Reproduktionszahl 0,8 –> Halbierung in 12,43 Tagen
Reproduktionszahl 0,7 –> Halbierung in 7,77 Tagen
Reproduktionszahl 0,6 –> Halbierung in 5,43 Tagen
Reproduktionszahl 0,5 –> Halbierung in 3,03 Tagen

Sie sehen an diese Zahlen sehr schön, dass es neben einer exponentiellen Steigerung auch eine exponentielle Absenkung gibt. Bei einer Reproduktionszahl von 0,7 würde sich unsere derzeitige Wochen-Inzidenz von 183,04 in gut vier Wochen auf 11,44 reduzieren, bei einer Reproduktionszahl von 1,5 lägen wir in knapp vier Wochen bei einer Wocheninzidenz von über 2.900.

Unser Ziel muss also darin bestehen, die Reproduktionszahl so schnell und stark wie irgend möglich zu senken und langfristig möglichst deutlich unter 1 zu halten. Denn umso länger wir damit warten, desto höher wird die Wochen-Inzidenz steigen. Und desto längere und stärkere Eindämmungs-Maßnahmen werden wir benötigen, um das Infektions-Geschehen wieder in den Griff zu bekommen.

Dabei ist zu beachten, dass heute beschlossene Eindämmungs-Maßnahmen erst rund zwei Wochen später eine Wirkung auf das Infektions-Geschehen haben. Bis wir in Luxemburg zu einer im Hinblick auf die infektiöseren Varianten notwendigen Reproduktionszahl von zwischen 0,6 und 0,7 kommen können, wird also einige Zeit vergehen.

Und wir können unter Einbeziehung von Wochen-Inzidenz, Positivitätsrate, Reproduktionszahl und Verdopplungs- bzw. Halbierungs-Zeit recht einfach mithilfe eines Ampelsystems darstellen, wo wir momentan stehen und wie die Entwicklung der nächsten ein bis zwei Wochen vermutlich aussehen wird.

Eine solche täglich aktualisierten Corona-Ampel ist enorm wichtig. Denn dadurch erhält jeder interessierte Bürger einen ständigen Einblick in das aktuelle Infektions-Geschehen und die derzeitige Tendenz.

Warum die Politik den Zahlen hinterherläuft

Wir übersehen beim Blick auf Neu-Infektionen und Klinik-Belegung gerne einmal, dass die aktuellen Zahlen nicht die aktuelle Situation widerspiegeln, sondern ein mehrere Wochen zurückliegendes Infektions-Geschehen darstellen.

Das lässt sich am einfachsten an einem Beispiel erläutern. Nehmen wir einmal an, dass sich heute jemand mit dem SARS-Cov-2-Virus infiziert. Bis diese infizierte Person Symptome zeigt und einen Test macht, können leicht einmal zwei Wochen vergehen. In diesen zwei Wochen war unser imaginärer Infizierter für mindestens eine Woche infektiös und konnte andere Menschen anstecken. In den Test-Statistiken und damit in der Zahl der Neu-Infektionen wird unser Infizierter aber erst in rund zwei Wochen auftauchen.

Wenn unser imaginärer Infizierter nun Pech hat und die Covid-19-Erkrankung bei ihm einen schweren Verlauf nimmt, dann werden die Symptome nach ein paar Tagen schlimmer werden und er wird in eine Klinik müssen. Bei einem sehr schweren Verlauf wird unser Infizierter dann nach ein paar weiteren Tagen auf die Intensiv-Station verlegt werden. Der Krankheits-Verlauf wird vielleicht in dem folgenden Schaubild einigermaßen klar:

Daraus wird klar, dass die Zahl der Neu-Infektionen einen Stand von vor ungefähr zwei Wochen beschreibt, der Blick auf die Bettenbelegung in den Kliniken zeigt eher das Infektions-Geschehen von vor drei bis vier Wochen.

Das bedeutet nun im Umkehrschluss aber leider auch, dass wir die Auswirkungen von Lockerungen oder Verschärfungen der Maßnahmen erst in rund zwei Wochen tatsächlich in den Zahlen sehen werden. Wenn wir also aufgrund eines Anstiegs der Neu-Infektionen heute mit irgendwelchen Maßnahmen reagieren, dann werden wir in den nächsten zwei Wochen zunächst einmal keine große Änderung im Infektions-Geschehen bemerken. Wenn dann die Politik noch eine Woche für die Entscheidung benötigt, dann reden wir eher von einem Zeitraum von rund drei Wochen zwischen Zahlenanstieg und Auswirkung der Maßnahmen.

Deswegen ist es extrem wichtig, dass man eher auf Tendenzen als auf effektive Zahlen reagiert, weil man ansonsten dem Infektions-Geschehen immer zwei bis drei Wochen hinterherläuft. Wissenschaftler achten auf solche Trends und reagieren darauf, Politiker achten im Allgemeinen eher auf effektive Zahlen. Die Politik wäre gerade in Zeiten des Auftauchens infektiöserer Varianten des SARS-CoV-2-Virus gut beraten gewesen, wenn sie ein wenig auf die Wissenschaft gehört hätte. Denn wir konnten die erste Pandemie recht effektiv eindämmen, weil die Wissenschaft wusste, wie man so etwas macht. Und wir werden derzeit die zweite Welle nicht los, weil die Politik das eben ganz offenbar nicht weiß.

Die Hoffnung auf die Impfung

Die schnelle Entwicklung von Impfstoffen gegen Covid-19 ist ein zweischneidiges Schwert. Denn bei manchen Entscheidungen der Politik drängt sich der Eindruck auf, dass mit dem Anlaufen der Impfkampagne das Problem der Pandemie gelöst sei. Und mancher Mitbürger scheint das ähnlich zu sehen.

Dummerweise ist das so nicht ganz richtig. Denn eine Impfung verhindert (zumindest nach allem, was wir heute wissen) nicht die Übertragbarkeit des Virus, auch wenn sie die Infektiösität herabsetzen könnte. Deswegen wird die Impfung nicht automatisch zur Ausrottung des SARS-CoV-2-Virus führen.

Aber die Impfung kann offenbar schwere Verläufe einer Covid-19-Erkrankung in den allermeisten Fällen verhindern. Sie wird uns also zumindest vor den schlimmsten Folgen des neuen Corona-Virus schützen können und sehr merklich zur Entspannung der Situation in den Kliniken beitragen. Die fortschreitende Impfung wird daher dafür sorgen, dass wir immer weniger Einschränkungen benötigen werden.

Übrigens ist der in den letzten Tagen mediatisierte Ausbruch in einem Altenheim in Osnabrück eher als gute Nachricht zu werten (siehe beispielsweise hier bei N-TV). Es haben sich dort zwar 14 Senioren mit der B.1.1.7-Variante infiziert, zu einem schweren Verlauf ist es trotzdem bisher nicht gekommen. Abschließend lässt sich das zwar noch nicht bewerten, aber es ist zumindest sehr wahrscheinlich, dass die leichten Verläufe gerade in dieser Altersgruppe auf die Impfung zurückzuführen sind.

Wir sind ja von Anfang an nicht davon ausgegangen, dass ein Impfstoff eine sterile Immunität verleihen würde. Wir haben noch vor wenigen Monaten gehofft, dass bestenfalls einer der Impfstoffkandidaten 50 Prozent der schweren Verläufe verhindern würde. Jetzt haben wir gleich mehrere Impfstoffe bekommen, die das sogar zu 95 Prozent tun und die offenbar auch noch die Infektiösität reduzieren (um wieviel bleibt abzuwarten).

Darüber sollten wir alle sehr glücklich sein, denn nur deswegen sehen wir im Moment ein Licht am Ende des Tunnels. Sicher, die Produktion und die Verteilung läuft etwas schleppend an, aber auch das ist zu erwarten gewesen. Spätestens im zweiten Quartal des Jahres dürften sich die Liefermengen erheblich verbessern. Wir sollten uns immer wieder vor Augen führen, dass Wissenschaft, Politik und Industrie hier ein Jahrhundert-Projekt in enormer Schnelligkeit abgeschlossen haben, mit dessen Erfolg noch vor einem halben Jahr kaum jemand ernsthaft gerechnet hätte.

Mittlerweile, und nachdem immer klarer wird, dass der Impfstoff von AstraZeneca bei älteren Menschen und gegen die Mutanten weniger wirksam ist, hat die Europäische Union zusätzliche 300 Millionen Dosen des BioNTech/Pfizer-Impfstoffs bestellt (siehe beispielsweise hier in der ZEIT). Und damit ganz nebenbei auch klargemacht, dass der abwartende Weg bei der Impfstoff-Bestellung wohl nicht so ganz schlecht gewesen ist.

Andere Auswirkungen der Eindämmungs-Maßnahmen

Natürlich beeinflusst jede Einschränkung und jeder Lockdown neben dem Infektions-Geschehen auch andere Dinge, sei es nun das psychologische Wohlbefinden der Menschen, die wirtschaftliche Entwicklung oder die Konsequenzen für Bildung und Erziehung. Der Wissenschaft wird in dieser Pandemie gerne einmal vorgeworfen, dass sie für diese Dinge blind sei.

Aber das stimmt so eigentlich nicht. Denn zu den Wissenschaftlern, die Konzepte wie die oben erwähnte No-Covid-Strategie entwerfen, gehören durchaus auch Wirtschaftswissenschaftler, Psychologen und Sozial-Pädagogen. Aber sie sind sich darüber einig, dass ein Nicht-Handeln in dieser Situation erheblich stärkere Auswirkung als eine harte Eindämmungs-Politik haben kann.

Das liegt ganz einfach daran, dass das Nicht-Handeln das Problem nur in die Zukunft verschiebt und verstärkt. Das passiert solange, bis irgendwann der Zeitpunkt erreicht ist, zu dem sich das Problem nur durch noch härtere und länger andauernde Eindämmungs-Maßnahmen lösen lässt. Außerdem sorgt das Nicht-Handeln dafür, dass die Politik dem Problem hinterherläuft anstatt es aktiv zu bekämpfen. Alles in allem führt das neben dem Anstieg der Infektionen zu einer fehlenden Zukunfts-Perspektive, die für die Menschen und die Wirtschaft deutlich schlimmer sind, als es harte und konsequente (aber eben auch kürzere) Eindämmungs-Maßnahmen jemals sein könnten.

Es sieht momentan ganz danach aus, als ob wir auch in den nächsten zwei oder drei Monaten mehr oder weniger harte Eindämmungs-Maßnahmen benötigen werden. Und damit wäre jetzt die Politik gefordert, endlich vernünftige Konzepte auszuarbeiten, mit denen man den Menschen und der Wirtschaft schnell und unbürokratisch beistehen kann.

Es ist einigermaßen unverständlich, wieso es das Bildungs-Ministerium offenbar bis heute nicht fertigbekommen hat, ein vernünftiges und durchdachtes Konzept zum Home-Schooling bzw. zur Aufteilung der Klassen in ein A/B-System vorzulegen. Das bisher genutzte System sah eher eine Aufteilung in A/B-Klassen mit abwechselndem Unterricht vor und hatte so keine Auswirkungen auf die Klassengröße. Damit wurde das Problem der Infektionen in den Klassen naturgemäß nicht verändert, sondern lediglich zeitlich verlagert, Unterschiede ergaben sich allenfalls im entzerrten Schultransport.

Mindestens ebenso unverständlich ist es, dass die Hilfen, gerade für kleine Unternehmen und Selbständige, bisher teilweise nicht bei den beabsichtigten Empfängern ankommen, weil das Beantragungs-Prozedere unnötig kompliziert und bürokratisch geworden ist (siehe beispielsweise hier im Tageblatt). Oder weil die jeweilige Berufsgruppe aufgrund der nicht benötigten Niederlassungs-Genehmigung durch das Mittelstands-Ministerium (das gilt für alle medizinischen Berufe wie z.B. Kinésitherapeuten) gar nicht erst ein Anrecht auf diese Hilfen hat. Oder weil neugegründete Firmen die für die Beantragung der Hilfen benötigten Bilanzen nicht vorweisen können, weil solche Bilanzen für die letzten Jahre eben nicht existieren.

Verwaltungen wie die ADEM handeln auch in Pandemie-Zeiten gewohnt unflexibel und bürokratisch, der hier im L’Essentiel geschilderte Fall stellt wohl keineswegs eine Ausnahme dar. Ein Einspruch bei der für diese Fälle zuständigen Commission spéciale de réexamen benötigt übrigens drei bis vier Monate und hat keine aufschiebende Wirkung, der Willkür von Beamten wird so Tür und Tor geöffnet (bei Empfängern des REVIS würde eine solche Entscheidung übrigens automatisch auch zum Verlust der Sozialhilfe und damit der Krankenversicherungs-Deckung führen).

Ähnliches gilt für die CCSS, die auch mitten in der Pandemie offenbar munter weiter Zwangseintreibungen ausstehender Sozialversicherungs-Beiträge vornimmt, weil die Aussetzung der Zwangseintreibungen nicht etwa automatisch, sondern nur auf Antrag und auch nur für Arbeitgeber im Horeca-Sektor erfolgt (siehe ebenfalls hier im Tageblatt). Die Steuerämter arbeiten ähnlich und greifen bei säumigen Zahlern hart durch.

Das Problem der Mietzahlungen für Geschäfte darf ebenfalls als ungelöst betrachtet werden. Viel zu viele Geschäfte werden hier in eine ausweglose Lage getrieben, weil Vermieter nur in wenigen Fällen zu einem Mietnachlass bereit sind. Das Resultat der überzogenen Mietpreis-Vorstellungen mancher Vermieter lässt sich trefflich durch einen Blick auf die leerstehenden Geschäfte in den Fußgängerzonen des Landes illustrieren.

Auch die Transparenz der Regierung in Zeiten der Corona-Pandemie lässt teilweise stark zu wünschen übrig. Sei es, dass Zahlen nicht veröffentlicht werden (z.B. die Anzahl der positiv getesteten Grenzgänger, die aber wohl in der gesamten Testanzahl enthalten ist und somit vermutlich die Positivrate nach unten hin verfälscht), seien es ständige Rechenfehler und nachträgliche Korrekturen in den von der Santé veröffentlichten Daten und Grafiken. Einige andere Einschätzungen zum Thema finden Sie auch in diesem sehr hörenswerten RTL-Background vom 6. Februar 2021 mit Ines Kurschat und Jean-Lou Siweck.

Man kann nun sicherlich nicht behaupten, dass Luxemburgs Regierung deswegen auf ganzer Linie versagt hätte, die Umsetzung solcher Konzepte ist gerade in Krisenzeiten alles andere als einfach. Aber man kann sicherlich mit Fug und Recht behaupten, dass an den offenkundigen Schwachstellen (gerade in den Bereichen Schule, Sozialwesen und Hilfsprogramme) nur sehr widerwillig gearbeitet wurde und wird.

Was in den nächsten Monaten passieren dürfte

Die Öffnungen im Januar haben dafür gesorgt, dass die Zahl der Neu-Infektionen wieder ansteigt. Die niedrigste Wochen-Inzidenz seit Beginn der zweiten Welle Mitte Oktober lag bei 126,82 (am 19. Januar 2021), seitdem ist sie auf 183,04 (Stand: 9. Februar 2021) und damit auf den bisher höchsten Stand des Jahres angestiegen. Die Covid-Taskforce von Research Luxembourg warnt in ihren Wochen-Berichten für die Regierung seit Wochen und mit immer klareren Worten vor einem ansteigenden Infektions-Geschehen. Allein, die Regierung zeigt sich unbeeinflusst, die Warnungen stoßen dort offenbar auf taube Ohren.

The development during the current week substantializes the indications for a destabilization of epidemic situation reported last week and further indicates a potential epidemic rebound with an estimated risk similar to beginning of October. In particular, the slight increase in the daily cases and the increase in detected cases related to the UK strains are strong indicators for such a potential rebound.

Bericht der Covid-Taskforce an die Regierung vom 5. Februar 2021

Die Quittung für die Haltung der luxemburgischen Regierung bekommen wir jetzt. Die nahezu fahrlässigen Handlungen der letzten Wochen haben dafür gesorgt, dass sich das SARS-CoV-2-Virus (und vor allem die infektiösere Variante B.1.1.7) ziemlich unbegrenzt und auf breiter Ebene bis in die Familien hinein verbreiten konnte. Eine Entspannung der Lage ist daher in den nächsten Wochen eher unwahrscheinlich.

Nachdem die Abteilung für Mikrobiologie am Laboratoire National de Santé (LNS) in ihrem letzten wöchentlichen Sentinelle-Report die SARS-CoV-2-Variante B.1.1.7 als zweitstärkste Variante im Großherzogtum bestätigt hat, dürften wir in den nächsten Wochen trotz Ferienbeginns mit einer stärkeren Fallzunahme rechnen. Denn die in die Familien eingetragenen Fälle werden erst in den nächsten ein bis zwei Wochen vollständig in den Zahlen sichtbar werden und die infektiösere B.1.1.7-Variante dürfte sich in den nächsten Wochen weiter verbreiten.

Dementsprechend dürfte sich auch die Belegung der Kliniken in den nächsten Wochen eher nach oben bewegen und erneute Eindämmungs-Maßnahmen erforderlich machen. Je nachdem, wie schnell sich die Regierung zu solchen Maßnahmen durchringt, werden wir wohl bis mindestens Anfang März, vermutlich eher bis Mitte März, auf den Beginn einer Erholung warten müssen.

Vermutlich werden wir in den nächsten Wochen kaum um einen Lockdown herumkommen, der dann wohl für einige Wochen durchgehalten werden muss. Und ich denke auch, dass sich das Bildungs-Ministerium Gedanken über die Umsetzung des Home-Schooling wird machen müssen, da die Lage in den nächsten Wochen eine Wiedereröffnung der Schulen kaum erlauben wird.

Dennoch bleibe ich bei meiner Einschätzung, dass wir bei einem weiteren schnellen Fortgang der Impfungen und bei entsprechenden Eindämmungs-Maßnahmen der Regierung die schlimmste Phase dieser Pandemie wohl gegen Anfang Mai bei steigenden Temperaturen hinter uns gelassen haben dürften.

Anmerkung: ich hoffe inständig, dass ich mich mit meiner Einschätzung der Lage dieses Mal getäuscht und irgendeinen Punkt übersehen habe, der die Situation in einem besseren Licht erscheinen lassen könnte und dann letztlich doch für fallende Zahlen sorgt. Ich könnte wirklich gut darauf verzichten, der Überbringer schlechter Nachrichten zu sein. Aber andererseits glaube ich auch fest daran, dass Sie, liebe Leserin und lieber Leser, erwarten dürfen, dass ich in meinen Artikeln die ungeschminkte Wahrheit so schildere, wie ich sie sehe.

Fazit

Wir sehen das zwar derzeit noch nicht so ganz klar in den Zahlen, aber wir stehen meiner Einschätzung nach am Anfang einer explosiven Entwicklung der Fallzahlen (was im Übrigen auch der Einschätzung der Covid-Taskforce der Regierung entspricht). Und aus dieser Situation werden wir bei fortschreitender Verbreitung der B.1.1.7-Variante mit ihrer höheren Infektiösität nach Einschätzung des Harvard-Epidemiologen Dr. Eric Feigl-Ding (siehe hier auf Twitter) auch nur dann wieder herauskommen, wenn wir die Reproduktionszahl auf Werte um die 0,7 oder darunter drücken können.

Falls ich mich mit meiner Einschätzung der Lage nicht täusche, sind wir durch die vorschnellen Lockerungen im Januar an diesen Punkt geraten. Und in diesem Fall sollten wir nicht vergessen, dass diese Situation erst durch die Nichtbeachtung der Ratschläge internationaler Wissenschaftler und der eigenen Covid-Taskforce durch die luxemburgische Regierung entstehen konnte.

Denn diese Entwicklung war absehbar und sie wäre vermeidbar gewesen (siehe beispielsweise mein Artikel Sind die Lockerungen und die Schulöffnung in Luxemburg verantwortungslos? vom 7. Januar 2021). Deswegen erinnere ich an dieser Stelle abschließend noch einmal an die Worte von Isabella Eckerle vom 30. Dezember 2020:

There is no excuse in a few weeks or months from now to claim that this was unexpected, could not have been foreseen or prevented. All the necessary information & urgent steps to take are on the table. The time to act is now.

Isabella Eckerle auf Twitter am 30. Dezember 2020

Bleibt zu hoffen, dass sich die luxemburgische Regierung künftig wieder auf ihre Verantwortung gegenüber der Bevölkerung besinnt und der Meinung der Wissenschaft erneut einen gewissen Stellenwert zuspricht.

Auf der Website des NDR gibt es zum Thema eventuelle Lockerungen übrigens auch ein sehr aufschlussreiches Interview mit der Virologin Melanie Brinkmann, dessen Lektüre der luxemburgischen Regierung hiermit wärmstens ans Herz gelegt sei.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu Themen rund um Gesellschaft, Internet und verschiedene Wissenschaftsgebiete.

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