CoronaGesellschaft

Sind die Lockerungen und die Schulöffnung in Luxemburg verantwortungslos?

Zuletzt aktualisiert am 15. Januar 2021 von Claus Nehring

Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans hat die geplanten Lockerungen in Luxemburg scharf kritisiert (siehe Artikel des Saarländischen Rundfunks), der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn hat darauf mit Unverständnis reagiert (siehe beispielsweise hier im Luxemburger Wort).

Aber wer hat denn nun eigentlich Recht und welche Konsequenzen können die geplanten Lockerungen tatsächlich haben? Hier gibt’s einen Überblick.

Wiedereröffnung der Geschäfte

Die Geschäfte in Luxemburg sollen ab dem kommenden Montag wieder komplett geöffnet sein, und das ist eine völlig nachvollziehbare und sinnvolle Maßnahme, da es mit bestimmten Einschränkungen einhergeht. So wird die maximale Anzahl von Kunden in einem Geschäft auf eine Person pro 10 m² Verkaufsfläche begrenzt, es herrscht Maskenpflicht und für Einkaufszentren müssen sich Konzepte genehmigen lassen, um zu starken Besucherandrang künftig zu verhindern.

Dazu kommt, dass Geschäfte in sehr vielen Fällen über Klimatisierungs- und Luftreinigungs-Anlagen verfügen. Alles in allem dürfte sich durch die Öffnung der Geschäfte also kein allzu großer Einfluss auf das Infektions-Geschehen ergeben. Selbst die Genehmigung des Winter-Schlussverkaufs sollte keinen enormen Einfluss haben, wenn man einen zu großen Andrang durch Werbeaktionen vermeiden kann (wir haben vermutlich alle noch die Bilder vom „Black Friday“ im Kopf, so etwas gilt es zu vermeiden).

Eventuell wäre zusätzlich eine Beschränkung auf maximal eine Person (plus Kinder) und eine Beschränkung der maximalen Aufenthaltsdauer in Geschäften sinnvoll, diese Maßnahme wäre aber sehr schwer kontrollier- und vermittelbar.

Jedenfalls macht es keinen großen Sinn, die Geschäfte in Luxemburg geschlossen zu halten, während gleichzeitig die Grenzen und die Geschäfte in Belgien und Frankreich geöffnet sind. Die Alternative dazu wären Einkaufs-Ströme von Luxemburgern nach Belgien und Frankreich, die wohl eher einen noch größeren Einfluss auf das Infektions-Geschehen hätten und die luxemburgische Wirtschaft unnötigerweise belasten würden.

Anmerkung/Randnotiz: Dieses Thema hat der luxemburgische Außenminister übrigens geschickt umschifft, als er im Interview davon sprach, dass Luxemburg die Maßnahmen in Geschäften und Einkaufszentren verschärft habe. Denn in Deutschland sind die Geschäfte noch bis mindestens Ende Januar geschlossen, und deutsche Politiker dürften den Einfluss von Einkaufs-Strömen nach Luxemburg auf das Infektions-Geschehen in Deutschland auch mit Sorge betrachten.

Kultur und Veranstaltungen

Die geplante Wiedereröffnung von Museen und Ausstellungen ist durchaus zu begrüßen, hier gilt im Prinzip das schon oben zu den Geschäften Gesagte. Solange eine vernünftige Belüftung gewährleistet ist, die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes gilt und eine maximale Besucheranzahl festgelegt wird, sollte sich durch die nicht allzu lange Aufenthaltsdauer in solchen Gebäuden kein allzu großer Einfluss auf das Infektions-Geschehen ergeben.

Etwas anders sieht es bei der geplanten Öffnung von Kinos und Theatern aus. Denn hier kann man naturgemäß davon ausgehen, dass sich viele Menschen über mehrere Stunden hinweg in einem geschlossenen Raum aufhalten. Der davon ausgehende Einfluss auf das Infektions-Geschehen sollte sorgfältigst beobachtet werden.

Damit sich der Einfluss auf das Infektions-Geschehen verfolgen lässt, wären in diesem Bereich (wie übrigens bei allen größeren Veranstaltungen oder Gottesdiensten) Besucherlisten sehr sinnvoll, weil sie die Nach-Verfolgung im Falle von Infektionen erheblich vereinfachen würden.

Eine Alternative dazu könnte die zwingende Verwendung von Antigen-Schnelltests im Eingangs-Bereich sein, mit deren Hilfe sich mit aller Wahrscheinlichkeit zumindest hoch-infektiöse Besucher vor dem Betreten der Räumlichkeiten identifizieren ließen. Diese Tests sind am Markt verfügbar, ihre Nutzung wäre problemlos möglich.

Sperrstunde

Die Änderung der Sperrstunde von 21 auf 23 Uhr ist meines Erachtens sinnvoll und sollte eher einen positiven Einfluss auf das Infektions-Geschehen haben. Das liegt ganz einfach daran, dass eine Sperrstunde ab 21 Uhr meiner Meinung nach dafür sorgt, das aus einem Abendessen mit Freunden leicht einmal eine die ganze Nacht dauernde Feier wird, weil man sich etwas verspätet hat.

Bei einer Sperrstunde ab 23 Uhr dürfte im Allgemeinen wohl genügend Zeit sein, damit man gemütlich miteinander essen kann und trotzdem noch vor Anbruch der Sperrstunde nach Hause kommt. Wobei man solche Treffen natürlich trotzdem auf ein striktes Minimum begrenzen sollte.

Cafés & Restaurants

Meiner Ansicht nach ist die Entscheidung, die Cafés weiterhin geschlossen zu halten, absolut richtig. Denn gerade Cafés und Bars stellen aufgrund der vielfältigen sozialen Interaktionen, der nicht immer bestehenden Möglichkeit des Tragens eines Mund-Nasen-Schutzes, der meist eher schlechten Belüftung, der langen Aufenthaltsdauer und des Alkoholgenusses eine nahezu perfekte Ausbreitungs-Möglichkeit für das SARS-CoV-2-Virus dar.

Allerdings stellt sich die Frage, ob man Restaurants nicht unter bestimmten Auflagen wieder hätte öffnen sollen. Und zwar einfach aus dem Grunde, dass die Menschen sich ansonsten im privaten Bereich zum Essen treffen. Während in Restaurants strikte Hygienekonzepte gelten und auch überprüft werden können, ist im privaten Bereich weder ein festes Konzept noch eine Überprüfbarkeit von dessen Einhaltung möglich.

Als Auflagen für Restaurants wären beispielsweise ein Tischabstand von 3 Metern, Plexiglas-Abtrennungen zwischen den Tischen und eine maximale Aufenthaltsdauer von 2 Stunden denkbar. Dazu sollte man auch hier (wie schon oben bei den Veranstaltungen beschrieben) über die verpflichtende Nutzung von Antigen-Schnelltests vor dem Betreten des Restaurants nachdenken, um auch hier hochinfektiöse Personen herausfiltern zu können.

Man könnte auch durchaus, wie es zum Beispiel Christian Klein hier in seinem Blog vorschlägt, die Restaurants zunächst einmal nur Mittags öffnen, dadurch würde die Verweildauer der Gäste ganz automatisch kürzer ausfallen und man könnte einen eventuellen Einfluss auf das Infektions-Geschehen möglicherweise besser beurteilen.

Einreise

Am luxemburgischen Flughafen werden laut einem Communiqué der luxemburgischen Regierung seit dem 2. Januar neben PCR-Tests auch Antigen-Schnelltests angeboten. Allerdings finden diese Tests auf freiwilliger Basis statt. Selbst bei Nutzung der Antigen-Schnelltests darf die betreffende Person direkt einreisen und erhält das Resultat erst innerhalb von 3 Stunden per SMS.

Für eine effektive Einreisekontrolle und damit eine Verringerung der Einschleppung eventueller neuer Virus-Varianten reicht das absolut nicht aus.

Nach Ansicht vieler Wissenschaftler besteht die einzige Möglichkeit eines effektiven Schutzes vor der Verbreitung des SARS-CoV-2-Virus in der verpflichtenden Quarantäne nach Einreise für 14 Tage (mit der Möglichkeit, die Quarantäne nach 5 Tagen bei Vorliegen eines negativen PCR-Tests zu verlassen).

Aber Wissenschaftler vergessen gerne, dass Politik nun einmal die „Kunst des Machbaren“ ist. Und so sinnvoll eine solche Zwangs-Quarantäne auch sein mag, so wenig durchsetzbar dürfte sie sein. Eine derartige Maßnahme dürfte einzig und alleine dazu führen, dass viele Menschen für die Einreise andere Verkehrsmittel (Auto, Bus, Zug, Schiff) benutzen würden, die sich schlicht nicht kontrollieren lassen. Und dass Grenzschließungen, gerade für Luxemburg mit seinen vielen Grenzgängern, letztlich eher kontraproduktiv sind, haben wir in dieser Pandemie ja auch schon gelernt.

Daher besteht die einzige akzeptable und durchsetzbare Möglichkeit tatsächlich in der Nutzung der oben erwähnten Schnelltests. Aber dazu müssen diese Schnelltests zu einer verpflichtenden Vorrausetzung zur Einreise gemacht werden und die Einreise bzw. das Verlassen des Flughafens darf erst nach Vorlage des Ergebnisses möglich sein. Auf diese Art und Weise lässt sich zwar keine hundertprozentige Sicherheit schaffen, aber das Risiko lässt sich zumindest deutlich verringern. Bei der derzeitigen Regelung geht die Sicherheit leider gegen Null.

Anmerkung/Randnotiz: Laut einem Artikel im Luxemburger Wort sagte der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn im Interview „Jeder, der aus Großbritannien landet, muss sich einem Test unterziehen.“. Aus den Infoseiten der luxemburgischen Regierung lässt sich diese Information leider nicht herauslesen, dort ist lediglich von freiwilligen Tests die Rede.

Schulen

Das allergrößte Problem allerdings stellen die Schulen dar. Mittlerweile sind sich Wissenschaftler weltweit ziemlich einig darüber, dass sich auch jüngere Menschen mit dem SARS-CoV-2-Virus infizieren und es auch weitergeben können. Und dass deswegen die Schulen bei hohen Inzidenz-Werten (also bei einer hohen Zirkulation des SARS-CoV-2-Virus in der Bevölkerung) unbedingt geschlossen bleiben sollten.

Nachlesen können Sie das zum Beispiel in den folgenden Artikeln oder hier in einem Gutachten der Gesellschaft für Virologie. Auch ein aktuelles Gutachten der luxemburgischen Santé rät übrigens entschieden von Lockerungen ab. Und mehr über die Rolle von Kindern im Infektions-Geschehen finden Sie im Artikel Kinder haben schon immer zum Infektions-Geschehen beigetragen der britischen Wissenschaftlerin Deepti Gurdasani in diesem Blog.

Schule: Sicherer Ort oder doch Corona-Hotspot?
Lange hieß es, Schulen seien keine besonderen Corona-Infektionsherde. Mittlerweile halten Wissenschaftler die Gefahr dort sogar für höher als anderswo. Der Lehrerverband räumt Versäumnisse ein.
Coronavirus - Welche Bedeutung haben Schüler für die Ausbreitung?
Mit den aktuellen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie sind in fast ganz Deutschland auch Schulen und Kitas geschlossen. Zwei aktuelle Studien legen nahe, dass diese Maßnahme zur Eindämmung des Virus wichtig sein könnte.

Dass Wissenschaftler derart entschieden von Schulöffnungen abraten, liegt daran, dass die Schulen für ein Virus einen nahezu idealen Verbreitungsweg direkt in die Familien hinein darstellen. Einfach dadurch, dass hier zwangsläufig Kinder aus vielen verschiedenen Familien für längere Zeiträume in geschlossenen Räumen zusammentreffen und sich somit verschiedene Haushalte sehr leicht vermischen. Besonders bei älteren Schülern kommt erschwerend hinzu, dass es hier auch vielfältige soziale Kontakte außerhalb der Schulen gibt, die sich von den Eltern kaum kontrollieren oder verhindern lassen. Dadurch entstehen ganz automatisch weitere Multiplikator-Effekte.

Mittlerweile lässt sich in Tschechien und in Großbritannien schon ansatzweise nachvollziehen, dass die Schulöffnungen ein riesiger Fehler gewesen sein dürften, aus Israel und aus den USA wissen wir das bereits seit längerem (siehe beispielsweise im Artikel Kinder, Jugendliche, Schulen und die Corona-Pandemie vom 10. August 2020 in diesem Blog). Die bekannte Virologin Isabella Eckerle hat aus diesem Grunde die Politik mehrfach mit klaren Worten um eine sofortige Verschärfung der Eindämmungsmaßnahmen gebeten.

Und was macht der luxemburgische Bildungsminister Claude Meisch?

Er setzt sich munter über alle Empfehlungen der Wissenschaft hinweg und beschließt die Wieder-Eröffnung der Schulen. Mitten in einer Hochphase der Pandemie, zu einem Zeitpunkt, zu dem nicht einmal die Folgen der Feiertage auf das Infektions-Geschehen völlig absehbar sind. In einer Pandemie-Lage, in der die meisten der gemeinhin benutzten Indikatoren eher auf eine Verschlechterung als auf eine Verbesserung hindeuten.

Und lässt sich damit auf ein Hochrisiko-Experiment ein, dessen Folgen wir erst in einigen Wochen sehen werden und dessen Auswirkungen wir im Falle eines leider absehbaren schlechten Ausgangs nur mit neuen, strikteren Maßnahmen wieder in den Griff bekommen werden.

Und das wäre sogar noch ein vergleichsweise positiver Ausgang. Denn falls die neue (britische) SARS-CoV-2-Variante B.1.1.7 hierzulande bereits aktiv ist und sich weiterverbreitet, könnte die Schulöffnung auch zu einer neuen explosiven Verbreitungswelle mit einer darauffolgenden Überlastung der Klinken hierzulande führen. Mittlerweile ist klar, dass diese Variante hierzulande aktiv ist. Wir wissen derzeit allerdings noch nicht, wie verbreitet sie ist. Aber wir wissen aus Großbritannien und Dänemark, dass sich die Variante offenbar recht schnell in einer Population durchsetzt.

Es wäre erheblich sinnvoller, dem Beispiel der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel zu folgen, die (übrigens auch gegen den Widerstand einiger KultusministerInnen) die Öffnung der Schulen bis mindestens Ende Januar verhindern möchte.

Eventuell wäre es auch noch eine (wenn auch schlechtere) Alternative, zumindest dafür zu sorgen, dass jeder Schüler und Lehrer täglich vor dem Betreten des Schulgebäudes per Antigen-Schnelltest auf eine eventuelle Infektion getestet wird.

Mehr zu den hier angesprochenen Antigen-Schnelltests finden Sie übrigens im Artikel Antigen-Schnelltests – Game-Changer oder trügerische Hoffnung? in diesem Blog, mehr zu der oben angesprochen SARS-CoV-2-Mutante B.1.1.7 finden Sie im Artikel Die weitreichenden Folgen der neuen SARS-CoV-2-Varianten.

Fazit

Der Weg, den die luxemburgische Regierung jetzt einschlägt, ist alles in allem durchaus sinnvoll. Aber die Öffnung der Schulen ist ein sehr, sehr riskantes Experiment mit ungewissem Ausgang. Denn dafür wären genaue Informationen über das Infektions-Geschehen notwendig, die momentan einfach nicht vorhanden sind. Die vorliegenden Daten deuten eher auf eine Verschlechterung der Lage hin.

Meiner Meinung nach ist das Risiko der Schulöffnungen viel zu hoch, weil die möglichen Folgen zu schwerwiegend sind, als dass man sie ignorieren dürfte. Vielleicht sollte sich die Regierung einmal darüber Gedanken machen, ob ein paar Wochen zusätzliche Präsenz-Schulzeit wirklich das Risiko einer neuen exponentiellen Infektionswelle rechtfertigen.

Noch wären ja ein paar Tage Zeit, um diese gefährliche Entscheidung zu revidieren. Notwendig wäre es, denn, um diesen Artikel mit den Worten von Isabella Eckerle abzuschliessen:

Es gibt keine Ausrede in ein paar Wochen/Monaten, dass die Ausbreitung der neuen Variante B.1.1.7 überraschend oder nicht vorhersehbar war, und nicht zu verhindern. Alle Informationen & zu ergreifenden Schritte sind glasklar.

Isabella Eckerle auf Twitter am 3. Januar 2021

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu Themen rund um Gesellschaft, Internet und verschiedene Wissenschaftsgebiete.

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