Corona

Es wird ein langer, dunkler Winter werden

Im Moment werden wir von Nachrichten zu Corona überschwemmt, und die meisten davon sind eher positiv. Die Zulassung von mindestens zwei Impfstoffen steht kurz bevor, viele Länder werden vermutlich noch im Dezember mit den Impfungen beginnen können. Demgegenüber steht als schlechte Nachricht der rapide Anstieg der Neu-Infektionen, der Bettenbelegung in den Kliniken und der Todesfälle und die dadurch notwendigen neuen Einschränkungen.

Aber zumindest können wir als gute Nachricht festhalten, dass wir nur noch durch diesen einen Winter kommen müssen und danach diese Pandemie wahrscheinlich in den Griff bekommen werden. Und das ist eine ziemlich gute Nachricht, mit der zumindest ich selbst vor ein paar Monaten eher nicht gerechnet hätte.

Leider beinhaltet das aber auch eine schlechte Nachricht. Denn wir müssen halt durch diesen Winter kommen, und der riskiert verdammt lang zu werden. Selbst die wenigen Glücklichen, die unter den ersten Geimpften sind, werden deswegen nicht gleich wieder normal leben können. Denn auch die Geimpften können sich immer noch anstecken und das SARS-CoV-2-Virus weitergeben.

Also dürften uns wenigstens noch weitere 4 Monate bevorstehen, in denen wir auf die meisten sozialen Kontakte werden verzichten müssen. Ein schönes Weihnachtsfest und ein fröhlicher Jahreswechsel sehen sicherlich anders aus, besonders für alleinlebende Menschen (wie mich beispielsweise) dürften die nächsten Monate ziemlich problematisch werden.

In diesem Artikel möchte ich Ihnen erklären, warum ich derzeit keine Grundlage für eine Aufhebung der Beschränkungen sehe und welche Probleme uns in den folgenden Monaten vermutlich noch bevorstehen dürften.

Fehlt uns wirklich ein Konzept?

Wenn wir an das Konzept Der Hammer und der Tanz von Tomas Pueyo vom März dieses Jahres denken, dann befinden wir uns im Moment in der Phase des Tanzes. Das heißt, dass wir im Moment Maßnahmen lockern und wieder verstärken, um damit irgendwie auf ein tragbares Niveau an Neu-Infektionen zu kommen.

Über den Sommer hinweg hat das, wohl hauptsächlich aufgrund des guten Wetters, auch tatsächlich so halbwegs funktioniert. Über die recht niedrigen Zahlen haben wir dann nur tatsächlich irgendwie vergessen, dass das SARS-Cov-2-Virus immer noch existiert und nur darauf wartet, dass wir ihm eine Chance zur Verbreitung geben.

Was wir dann, sobald es wieder kalt wurde, ja auch prompt getan haben. Woraufhin die Corona-Pandemie auf einmal wieder zurück war und uns nichts Anderes übrigblieb, als wieder ein paar neue Einschränkungen vorzunehmen.

Da könnte man jetzt ziemlich leicht auf die Idee kommen, dass wir die Sommerpause trotz aller Warnungen der Wissenschaftler eben nicht für die Vorbereitungen auf ein eventuelles Wiederaufflammen im Winter genutzt haben. Wer den Fehler jetzt allerdings bei der Regierung sucht, macht es sich, zumindest in Luxemburg, ein wenig zu einfach.

Denn Politik ist letztlich immer noch die Kunst des Machbaren. Es gibt Dinge, die sich bei aller Voraussicht politisch einfach nicht durchsetzen lassen. Und Maßnahmen gegen ein, zumindest aus Sicht eines Teiles der Bevölkerung, quasi kaum noch vorhandenes Virus wären trotz ständiger Mahnungen von Herrn Bettel und Frau Lenert im Sommer einfach nicht durchsetzbar gewesen. Zu groß war dazu der Einfluss der Corona-Schönredner aus Medien, Politik und Bevölkerung auf das, was so gerne als „Meinung des Volkes“ bezeichnet wird.

Deswegen müssen wir jetzt gerade feststellen, dass der Tanz des Tomas Pueyo eigentlich eine viel bessere Lösung wäre, wenn man ihn vorher ein wenig geplant hätte. Weil dann nämlich vielleicht die Maßnahmen nicht ganz so hart und abrupt ausgefallen wären. Aber um das zu erreichen, hätte man sich ja tatsächlich, ganz im Gegensatz zum damaligen Mainstream-Denken, schon im Sommer etwas einschränken müssen.

Aber okay, wir haben’s halt nicht gemacht und müssen deswegen jetzt mit den Folgen leben. Deswegen handeln die nächsten Abschnitte dieses Artikels vom derzeitigen Stand der Corona-Pandemie in Luxemburg und von dem, was in den nächsten Monaten noch auf uns zukommen dürfte.

Wo stehen wir jetzt?

Im Moment haben wir es in Luxemburg dank eines Teil-Lockdowns gerade noch so eben geschafft, eine explosive Entwicklung ein wenig einzufangen. Wir befinden uns momentan wieder in einer linearen Entwicklung, allerdings auf einem sehr hohen Niveau. Allerdings, auch das ist wichtig, ist dieses sehr hohe Niveau eben auch einer sehr hohen Anzahl an Tests geschuldet, aufgrund derer hierzulande eben auch sehr viele asymptomatische bzw. präsymptomatische Fälle gefunden werden.

Was dafür sorgt, dass bei uns in Luxemburg im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern die Dunkelziffer relativ gering sein dürfte. Ansatzweise lässt sich diese Dunkelziffer anhand der Fallsterblichkeit (CFR) abschätzen. Diese Kennziffer gibt die Anzahl der Todesfälle im Verhältnis zur Anzahl der bekannten Infizierten an. Allerdings dauert es eine Weile von einer Infektion bis zum Todesfall, daher muss diese Kennziffer nicht im Verhältnis zur Anzahl der bekannten Infizierten des jeweiligen Tages berechnet werden, sondern im Verhältnis zur Infizierten-Anzahl einige Wochen vorher. Hier im Beispiel wurde ein Zeitraum von drei Wochen gewählt.

Daneben gibt es noch den Begriff der Infektions-Sterblichkeit (IFR), die die Anzahl der Todesfälle im Verhältnis zur Anzahl aller Infizierten angibt. Nach aktueller Studienlage geht die Wissenschaft im Moment für die Covid-19-Erkrankung von einer Infektions-Sterblichkeit von 0,8 bis 1 Prozent aus (der genaue Wert ist von der Altersverteilung der Bevölkerung abhängig, da die Sterberate bei einer Covid-19-Erkrankung mit zunehmendem Alter zunimmt).

Im Idealfall, wenn also alle infizierten Menschen in einem Land bekannt werden, müsste die Fallsterblichkeit also gleich der Infektions-Sterblichkeit sein. Anhand dieser beiden Kennziffer lässt sich dementsprechend ungefähr abschätzen, wie hoch die Dunkelziffer im jeweiligen Land ausfällt. Wohlgemerkt, es handelt sich um Annäherungen, die einen Vergleich zwischen Ländern erlauben. Wirklich exakte Werte lassen sich so nicht errechnen.

In den folgenden Grafiken finden Sie die errechnete Fallsterblichkeit (mit einer Verspätung von 21 Tagen) für sechs Länder und die Anzahl der Tests, die in diesen Ländern laut OurWorldInData durchgeführt wurden.

Aus der Grafik lässt sich recht einfach entnehmen, dass Luxemburg und Deutschland besser mit dieser Pandemie klargekommen sind, als es den anderen Ländern in diesem Vergleich (Belgien, Frankreich, Spanien und die Niederlande) gelungen ist.

In Luxemburg ist die Fallsterblichkeit seit Mitte Juni von einem schon damals sehr niedrigen Niveau auf einen Wert von deutlich unter 2 % abgesunken. Trotz der schwankenden Testanzahl ist dieser Wert mehr oder weniger stabil geblieben. Das spricht dafür, dass in Luxemburg sehr umfangreich getestet wurde, die Schwankungen der Testanzahl sind offenbar nahezu ausschließlich der schwankenden Infektionshäufigkeit in der Bevölkerung geschuldet.

In Deutschland stellt sich die Situation etwas schlechter dar. Die Fallsterblichkeit liegt deutlich oberhalb der luxemburgischen, ist aber im internationalen Vergleich immer noch relativ niedrig. Allerdings fällt die Kurve nahezu analog zur Steigerung der Testanzahl. Das wiederum lässt darauf schließen, dass in Deutschland zwar ausreichend Tests zur Verfügung stehen, mit diesen aber hauptsächlich symptomatische Fälle erfasst werden. Die nicht erfassten asymptomatischen bzw. präsymptomatischen Fälle dürften zu einer höheren Dunkelziffer führen.

Noch etwas anders stellt sich die Lage in Belgien, Frankreich, Spanien und den Niederlanden dar. Aus der Entwicklung der Fallsterblichkeit wird ziemlich offensichtlich, dass die Anzahl der Tests bis Mitte Juni keinesfalls ausreichend war, um mit der Pandemie-Entwicklung Schritt zu halten. Mittlerweile haben es allerdings alle vier Länder geschafft, die explosive Entwicklung mehr oder weniger einzufangen, wenn auch mit Ausnahme von den Niederlanden die Fallsterblichkeit immer noch deutlich zu hoch erscheint.

Auf der Basis der bestätigten Todesfälle lässt sich übrigens auch der Durchseuchungsgrad in der Bevölkerung annähernd abschätzen (selbstverständlich mit den gleichen Einschränkungen wie oben, die Statistik ist hier keine exakte Wissenschaft). Das Ergebnis sehen Sie in der folgenden Grafik.

Hier ist in allen verglichenen Ländern eine recht ähnliche Entwicklung sichtbar. Nach einer mehr oder weniger stagnierenden Entwicklung während des Sommers steigen die Zahlen ab Anfang September wieder an, die explosive Entwicklung setzt ab Mitte/Ende Oktober ein. Allerdings ist hier auch recht deutlich zu sehen, dass wir (selbst im stark betroffenen Belgien) von einer eventuellen Herdenimmunität noch ein gutes Stückchen entfernt sind.

Aus diesen Zahlen geht jedenfalls hervor, dass die luxemburgische Regierung mit ihren Maßnahmen zur Eindämmung nicht so ganz viel falsch gemacht hat. Obwohl es hierzulande nur vergleichsweise milde Maßnahmen gegeben hat, scheint die Entwicklung mehr oder weniger unter Kontrolle zu sein. Die Zahlen sehen jedenfalls hierzulande deutlich besser als in den meisten anderen Ländern aus. Und wir können darüber hinaus davon ausgehen, dass die luxemburgischen Zahlen aufgrund der sehr hohen Testanzahl die Realität erheblich besser abbilden, als das in nahezu allen anderen Ländern (Deutschland übrigens eingeschlossen) der Fall ist.

Anmerkung: Ich weiß, dass die Schwurbler unter uns jetzt denken werden, dass die Infektions-Sterblichkeit, mit der ich oben gerechnet habe, laut diverser Aussagen von Wissenschaftler ja viel zu hoch sei. Witzigerweise sind das dieselben Wissenschaftler, die uns ständig erzählen wollen, dass der PCR-Test ja viel zu viele falsch-positive Ergebnisse erzeugen würde.

Deswegen an dieser Stelle ein kleiner Denkanstoß. Wenn es tatsächlich so viele falsch-positive Resultate geben sollte, dann wäre ja die Anzahl der Infizierten deutlich geringer. Wenn das aber nun so wäre, dann würde dadurch ganz automatisch die Fallsterblichkeit nach oben schießen. Beides kann also eher nicht stimmen. Liebe Schwurbler, denken Sie mal drüber nach.

Und bitte verschonen Sie mich mit dem Argument, dass ja eigentlich gar keine Übersterblichkeit vorhanden sei. Weil dieses Argument schlicht falsch ist. Sie können sich die Zahlen auf Euromomo hier ansehen, sie sind öffentlich verfügbar. Und sie sagen sehr klar aus, dass es in den dort zusammengefassten 26 europäischen Ländern eine ziemlich heftige Übersterblichkeit gegeben hat. Die Grafik der kumulierten Todeszahlen im jeweiligen Jahr zeigt das mehr als deutlich.

Quelle : Euromomo, Stand : 3. Dezember 2020

Es ist sicherlich richtig, dass sich die Übersterblichkeit aufgrund der Corona-Pandemie in Luxemburg und Deutschland, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, in Grenzen hält. Das dürfte der Tatsache geschuldet sein, dass beide Länder über ein sehr gut ausgebautes Gesundheitssystem verfügen und dass es aufgrund der frühen und strikten Maßnahmen nicht zu einer Überlastung der Kliniken gekommen ist. Inwiefern die aktuelle Pandemie-Welle daran etwas ändern wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedenfalls, dass die Situation in den Kliniken in Luxemburg und Deutschland momentan mehr als angespannt ist und dass die aktuellen Todesfall-Zahlen erschreckend hoch liegen.

Auch die luxemburgische Statistikbehörde STATEC kommt in ihrem aktuellen Bericht zur Anzahl der Todesfälle zu dem Schluss, dass bisher nur in 6 Wochen des laufenden Jahres eine Übersterblichkeit festzustellen ist. Der STATEC bewertet allerdings auch schon die Situation im November und stellt dafür eine Hypothese auf (für eine Statistikbehörde ist das außergewöhnlich, es unterstreicht eine sehr angespannte Lage und die starke Besorgnis der Verantwortlichen), die ich hier im Original wiedergeben möchte:

Une surmortalité devrait aussi être observée lors du mois de
novembre. Parmi le total des 330 décès directement liés au
COVID-19, 169 (51.2%) ont été dénombrés lors du mois de
novembre. En faisant l’hypothèse que le nombre de décès toutes
causes confondues en novembre 2020 serait égal à la moyenne
de celui enregistré lors des deux dernières années (381 décès
en moyenne en novembre 2018 et 2019), le nombre de décès
enregistré en novembre 2020 pourrait être supérieur de 42%. Cette
hypothèse ne pourra être confirmée qu’une fois que l’ensemble des
décès enregistrés en novembre 2020 seront enregistrés.

Studie der STATEC zu den Todesfällen in Luxemburg von Dezember 2020

Wie geht’s jetzt weiter?

Wie wir oben gesehen haben, ist das Infektionsgeschehen hierzulande im Moment mehr oder weniger unter Kontrolle, die exponentielle Entwicklung wurde durch den Teil-Lockdown offenbar gestoppt. Allerdings liegt die Zahl der Neu-Infektionen, die Klinikbelegung und leider auch die Zahl der Todesfälle immer noch deutlich zu hoch. Ähnlich sieht es übrigens in Deutschland aus, auch dort hat der Teil-Lockdown allenfalls zu einem Stagnieren der Neu-Infektionen auf einem zu hohen Niveau geführt.

Was die Rückkehr der Schulen zu einem alternierenden System und die Schließung der Cafés und Restaurants letztlich an der Lage ändert, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch kaum beurteilen. Das in den Zahlen sichtbare Infektionsgeschehen hängt den Maßnahmen immer so um die 14 Tage hinterher, genaueres dazu lässt sich daher erst frühestens in der nächsten Woche sagen.

Allerdings lässt sich jetzt schon absehen, dass eine Lockerung des Teil-Lockdown in Luxemburg zum 15. Dezember vermutlich eher illusorisch ist. Selbst die Gesundheits-Behörde der Europäischen Union, das ECDC, sonst nicht unbedingt die Schnellsten, hat die Mitgliedsländer gerade vor einer vorschnellen Lockerung der Einschränkungen vor Weihnachten gewarnt (siehe beispielsweise hier im deutschen Ärzteblatt).

Einer der ganz kurz vor der Zulassung und Markteinführung stehenden Impfstoffe wird daran leider nicht das Geringste ändern können. Denn bis es einmal genügend Impfstoff-Dosen für alle Impfwilligen gibt, wird noch mindestens ein halbes Jahr ins Land gehen. Und auch geimpfte Personen werden weiterhin den Einschränkungen unterliegen, denn sie sind zwar vor einem schweren Verlauf weitgehend geschützt, können sich aber trotzdem anstecken und das SARS-CoV-2-Virus weitergeben.

Und deswegen ist es leider ziemlich absehbar, wie es jetzt weitergehen wird. Ich sag’s jetzt einfach mal ganz kurz und schmerzlos: wir werden bis zum Beginn des Frühlings, also für die nächsten drei bis vier Monate, mit den jetzt bestehenden Einschränkungen leben müssen. Die Neu-Infektionen sind hierzulande auf einem derart hohen Niveau angekommen, das jede Lockerung der Maßnahmen aus einer prekären eine katastrophale Situation machen könnte.

Wobei das, auch das sei hier einmal ganz klar gesagt, immer noch voraussetzt, dass sich zumindest der Großteil der Bevölkerung auch tatsächlich an die jetzt geltenden Regeln hält. Denn das ist die Voraussetzung dafür, dass wir hierzulande nicht noch mehr Neu-Infektionen und noch mehr Todesfälle sehen werden.

Deswegen an dieser Stelle noch einmal ein Aufruf an die Querdenker, Corona-Schönredner, Pandemie-Leugner und Schwurbler: ihr könnt gerne weiter euren Schwachsinn verbreiten, das ist durch das hohe Gut der Meinungsfreiheit hierzulande gedeckt. Und diese Meinungsfreiheit sollte auch niemals infrage gestellt werden. Aber ihr solltet euch darüber im Klaren sein, dass ihr einen nicht unerheblichen Teil des Problems darstellt. Also tut bitte ein einziges Mal das Richtige und denkt ganz kurz darüber nach, ob ihr den Kommentar, den ihr jetzt gerade in Gedanken formuliert, wirklich so posten solltet. Danke.

Ein paar Worte zur Forderung nach mehr Planbarkeit und Kohärenz

Vielfach wird in der Presse die Forderung nach mehr Planbarkeit erhoben. Dabei stellt sich mir die Frage, was genau die Frager nicht an dem Prinzip vom Hammer und Tanz verstanden haben.

Wir haben hier ein hochdynamisches Infektionsgeschehen vor uns, bei dem eine genaue Rückverfolgbarkeit der Fälle nicht gegeben ist. Und das kann auch kaum anders sein, weil eine genaue Analyse jedes einzelnen Falls vom Aufwand her einfach nicht machbar wäre. Als Resultat davon wissen wir bei mehr als der Hälfte aller Fälle nicht so genau, wo diese Ansteckung denn nun eigentlich erfolgt ist.

Also tut die Regierung (und der wissenschaftliche Beirat der Regierung) genau das, was Tomas Pueyo in seinem Konzept Anfang des Jahres empfohlen hat. Sie sieht sich an, wo diese Ansteckungen am wahrscheinlichsten stattgefunden haben und versucht dann, diese Gefahrenpunkte mit Maßnahmen zu entschärfen. Was okay ist, weil’s nun einmal genau dem ursprünglichen Konzept entspricht.

Leider sieht man die Erfolge von heute getroffenen Maßnahmen aber erst in zwei bis drei Wochen in den Zahlen und kann logischerweise auch erst dann wissen, wie und ob eine bestimmte Maßnahme gewirkt hat. Und erst danach kann man (ebenso logischerweise) dann entscheiden, ob diese jeweilige Maßnahme verschärft oder gelockert werden sollte.

Wir reden hier also von Perioden von jeweils um die drei Wochen, die man zur Entscheidung über bestimmte Maßnahmen benötigt. Vor diesem Hintergrund erscheint es einigermaßen idiotisch, jetzt irgendwelche Planungen für die nächsten 6 Monate aufzustellen. Und zwar schlicht deswegen, weil heute schon absehbar ist, dass diese Planung in ungefähr drei Wochen auf dem „Müllhaufen der Geschichte“ landen dürfte.

Ähnliches gilt übrigens für die mannigfaltigen Forderungen nach mehr Kohärenz der Maßnahmen. Denn das Adjektiv „kohärent“ bedeutet ja eigentlich „zusammenhängend“, wird hier aber eher im Sinne von „logisch schlüssig“ gebraucht. Nur setzen strikt logische Maßnahmen ja nun einmal ein tiefergehendes Verständnis der Vorgänge voraus, dass in diesem Fall so schlicht nicht vorhanden ist. Der „Tanz“ aus dem Konzept von Tomas Pueyo folgt nun einmal keiner festen Choreographie.

So wurde in den sozialen Netzwerken in Luxemburg lang und breit darüber diskutiert, ob es logisch sei, die Cafés und Restaurants zu schließen und gleichzeitig lange Schlangen vor den Geschäften zum „Black Friday“ zuzulassen. Was es sicherlich nicht ist. Aber von der Regierung so gewollt war es eben auch nicht.

Denn der Aufruf von Xavier Bettel war ja eigentlich deutlich genug. Jeder von uns solle doch bitte vor jeder Aktion für sich selbst beurteilen, ob denn diese Aktion in Pandemie-Zeiten nun wirklich zwingend notwendig sei. Okay, offenbar haben sich viele von uns dafür entschieden, das Shopping zum „Black Friday“ als überlebensnotwendig einzustufen.

Oder nehmen wir das Beispiel der Besuche zu Hause. Seit dem 26. November darf jeder Haushalt in Luxemburg nur noch maximal zwei Gäste empfangen. Das ist ja eigentlich eine recht klare Regelung. Aber in Teilen der Presse und in den sozialen Netzwerken wurde es prompt als Beispiel für die „Inkohärenz“ der Maßnahmen bezeichnet, dass ein Zwei-Personen-Haushalt einen Vier-Personen-Haushalt besuchen darf, wohingegen das andersherum nicht möglich ist.

Dabei war die Ansage der Regierung doch eigentlich klar. Die Maßnahmen sollen ein Maximum definieren, kein Minimum. Man solle sich bei Begegnungen zurückhalten und den gegebenen Rahmen, wenn möglich, nicht vollständig ausschöpfen. Okay, auch die Botschaft scheint nicht unbedingt bei allen angekommen zu sein.

Und deswegen sollten wir jetzt die Regierung kritisieren und nach mehr Planbarkeit und Kohärenz fragen? Oder sollten wir vielleicht doch vorher noch einmal drüber nachdenken?

Fazit

Alles in allem muss man der luxemburgischen Regierung ein ziemlich gutes Zeugnis für das Krisenmanagement in der Corona-Pandemie ausstellen. Sicher, über den Sommer haben viele Leute vergessen, dass das SARS-CoV-2-Virus immer noch existiert. Und auch in der Phase vor dem letzten Teil-Lockdown war in den Cafés und Restaurants immer noch eine ziemlich starke Feierlaune zu verspüren.

Man nennt dieses Phänomen übrigens Katastrophen-Müdigkeit oder Disaster Fatigue, und es ist nicht neu. Letztlich verfallen wir in lang andauernden Schwierigkeiten alle in einen gewissen Zweck-Optimismus und gaukeln uns vor, dass die Lage ja gar nicht so schlimm sei (diese Sehnsucht nach Normalität ist übrigens genau der Punkt, an dem die Corona-Schönredner ansetzen). Das ist ein grundsätzliches menschliches Verhaltensmuster, gegen das eine Regierung nur wenig unternehmen kann.

Insofern lässt sich im Rückblick sagen, dass die luxemburgische Regierung vielleicht das Eine oder Andere hätte besser oder anders machen können. Aber im Großen und Ganzen sind wir eigentlich selbst an der jetzigen Lage schuld, die Maßnahmen waren durchaus schlüssig und wirkungsvoll, aber unser Verhalten kann die Regierung nur wenig beeinflussen. Möglicherweise hätte man über den Sommer noch mehr auf die Gefahren hinweisen können aber, mal ganz ehrlich, hätten wir drauf gehört?

Aus meiner Sicht ist der einzige echte Fehler in der Bekämpfung der Corona-Pandemie in Luxemburg in den Schulen passiert. Hier hat die starre Haltung des Bildungsministeriums („in den Schulen gibt es keine Ansteckungen“) dafür gesorgt, dass die Schulen viel zu lang komplett geöffnet blieben. Zumindest bei den älteren Schülern hätte man meiner Meinung nach viel früher auf eine Klassenaufteilung in A/B-Gruppen und einen Wechsel zwischen Präsenz- und Fernunterricht zurückgreifen müssen.

Ob sich dadurch jetzt viel an der Lage geändert hätte, sei einmal dahingestellt. Aber es scheint aus heutiger Sicht ziemlich sicher, dass aus den Schulen heraus das Infektionsgeschehen zurück in die Haushalte getragen worden ist. Und es ist leider auch sicher, dass die Wissenschaft schon seit langem vor genau dieser Problematik gewarnt hat. Mehr über das Thema finden Sie beispielsweise im Artikel Was wir in Luxemburg JETZT tun sollten vom 14. Juli 2020 in diesem Blog.

Wir sollten uns glücklich schätzen, dass wir in diesen turbulenten Zeiten einen Premierminister wie Xavier Bettel und eine Gesundheitsministerin wie Paulette Lenert haben (genauso glücklich darf sich übrigens Deutschland mit seiner Bundeskanzlerin Angela Merkel schätzen), die das SARS-CoV-2-Virus Ernst nehmen und sich an der Wissenschaft orientieren. Was das kleine Luxemburg in dieser Pandemie geleistet hat, ist international herausragend, und wir sollten trotz aller Einschränkungen wirklich stolz darauf sein. Viele andere Länder hatten nicht dieses Glück, die Folgen sind unübersehbar und tragisch.

Eine Fortsetzung zu diesem Artikel, zu dem (hoffentlich) auch die maßgeblichen Akteure aus Politik und Wissenschaft in Luxemburg demnächst Stellung beziehen werden, finden Sie übrigens im Artikel Luxemburg, Corona und die nächsten paar Monate in diesem Blog, den ich Ihnen hiermit ans Herz legen möchte.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu diesem Thema, aus verschiedenen anderen Wissenschafts-Bereichen und aus dem Bereich Internet & Gesellschaft,

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