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Die Kliniksituation in Luxemburg hängt den Infektionen hinterher

In vielen Kommentaren in den sozialen Netzwerken wird die langsame Entwicklung der Bettenbelegung in den Kliniken des Landes als Beweis dafür angeführt, dass die Situation in Luxemburg wohl doch nicht so schlimm sei. Gerne übrigens von Menschen, die vorher Corona als „nicht schlimmer als eine Grippe“ bezeichnet haben oder die das Feiern in größeren Gruppen ungeachtet aller möglichen Konsequenzen als lebensnotwendig erachten.

Und tatsächlich könnte man auf den ersten Blick glauben, dass an dieser Argumentation etwas dran sein könnte. Aber auch nur auf den ersten Blick, bei genauerem Hinsehen fallen einige Schwachpunkte dieser Darstellung auf.

Die Zeitintervalle

Besonders beliebt ist der Hinweis auf die relativ kurze Inkubationszeit der durch das SARS-CoV-2-Virus ausgelösten Covid-19-Erkrankung, meistens ist die Rede von einigen Tagen. Die Aussage wird dann als Argument dafür benutzt, dass die Kliniken ja schon voll sein müssten, wenn die Zahl der Neu-Infektionen tatsächlich so stimmen würde und Corona wirklich so gefährlich wäre.

Leider werden hier wie so häufig einige Begriffe vermengt. Denn die Inkubationszeit beschreibt die Zeitdauer zwischen der eigentlichen Infektion und dem Ausbruch der Erkrankung. Diese Zeit liegt laut Robert-Koch-Institut bei durchschnittlich 5-6 Tagen.

Anmerkung: eines der größeren Probleme beim SARS-CoV-2-Virus besteht darin, dass vermutlich die größte Infektiösität bereits 2-3 Tage vor dem Eintritt eventueller Symptome gegeben ist, zu einem Zeitpunkt also, zu dem der Infizierte selbst eine Infektion nicht einmal bemerkt.

Eine eventuelle Hospitalisierung hingegen tritt deutlich später ein. Die deutsche Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (siehe Schaubild unten) geht davon aus, dass für einen Zeitraum von 8-11 Tagen (Mittelwert) nach Krankheitsbeginn nur milde Symptome auftreten. Erst danach (mit zunehmender Replikation des SARS-CoV-2-Virus im Lungenbereich) nimmt die Schwere der Krankheit zu, häufig treten über 2-3 Tage immer stärkere Atembeschwerden auf.

Erst zu diesem Zeitpunkt, also im Mittel nach 15 bis 20 Tagen, wird tatsächlich eine Hospitalisierung aufgrund zunehmender Beschwerden erfolgen. Je nach Verlauf der Krankheit kann dann einige Tage später aufgrund der Notwenigkeit von Atemhilfen auch eine Verlegung auf eine Intensivstation erfolgen.

Der Klinikaufenthalt der betroffenen Personen dauert je nach Schwere der Erkrankung (und der eventuellen Notwendigkeit einer intensivmedizinischen Versorgung) zwischen 8 Tagen und mehreren Wochen.

Corona-Krankheitsverlauf – Grafik von infektionsschutz.de

Die Klinikbelegung hängt hinterher

Aus den obigen Zahlen lässt sich gut entnehmen, dass alle statistischen Werte für einen bestimmten Tag von unterschiedlichen Infektions-Zeitpunkten ausgehen.

  • Die Anzahl der Neu-Infektionen (wie übrigens auch die Reproduktionszahl) bezieht sich auf das Infektionsgeschehen von vor ungefähr einer Woche.
  • Die Neuzugänge in den Kliniken beziehen sich auf das Infektionsgeschehen von vor zwei bis drei Wochen, bei den Intensivbetten auf noch einige Tage früher.
  • Die Klinik-Entlassungen betreffen Personen, die sich vor drei bis sechs Wochen infiziert haben.

Um aus einer solchen Statistik (siehe Grafik zur Bettenbelegung weiter unten) die korrekten Schlussfolgerungen ziehen zu können, sollte man also zumindest weitläufig mit der Entwicklung einer Covid-19-Erkrankung vertraut sein. Weil die Schlussfolgerungen ansonsten sehr schnell fehlerhaft ausfallen können.

Denn den Zahlen lässt sich zwar mit einiger Sicherheit entnehmen, dass die Belegung der Betten in den Kliniken der Anzahl der Neu-Infektionen hinterher hängt. Um wie viel genau, lässt sich aber kaum sagen und auch kaum hinreichend genau prognostizieren. Denn diese zeitliche Verschiebung ist vor allem auch von der Zusammensetzung der infizierten Personen abhängig, die sich ständig ändert.

Die veränderte Altersstruktur

Zwischen der ersten Pandemie-Welle in Luxemburg von Mitte März bis Mitte April und der gerade stattfindenden zweiten Welle (statistisch gesehen, man kann auch über das Wiederaufflammen der ersten Welle reden) hat sich eine bedeutsame Änderung in der Altersstruktur der Neu-Infizierten ergeben.

Zwischen Mitte März und Mitte April waren ältere Personen in erheblichem Masse von einer Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus betroffen. Seit Mitte Juni ändert sich diese Altersstruktur, heute sind Menschen zwischen 10 und 54 Jahren überproportional betroffen.

Diese veränderte Altersstruktur hat einen ganz erheblichen Einfluss auf die Folgen einer Covid-19-Erkrankung, weil jüngere Menschen weitaus seltener von schwerwiegenden Folgen einer Erkrankung betroffen sind. Und das wiederum hat einen ganz erheblichen Einfluss auf die Situation in den Kliniken.

Denn auch bei jüngeren Menschen kommen durchaus Fälle vor, in denen einen Covid-19-Erkrankung einen schwerwiegenden oder sogar tödlichen Verlauf hat. Aber es passiert eben erheblich seltener, als das bei älteren Menschen der Fall wäre. In der Grafik ist gut sichtbar, dass die Bettenbelegung zwar durchaus ansteigt, aber eben nicht so schnell, wie das im März/April der Fall war.

Und diese geänderte Altersstruktur hat vermutlich auch einen direkten Einfluss auf die Entwicklung der zukünftigen Neu-Infektionen. Denn jüngere Menschen sind meistens sozial erheblich aktiver als ältere Menschen. Und häufigere soziale Kontakte steigern nun einmal das Risiko, andere Personen zu infizieren.

Die zukünftige Entwicklung

Leider wird die Lage vermutlich nicht so einfach bleiben. Denn mit jeder entdeckten Neu-Infektion steigt auch die Höhe der Dunkelziffer (also der Zahl der unentdeckt aktiv infizierten Personen). Diese unentdeckt infizierten Personen in unserer Mitte wissen nicht, dass Sie das SARS-CoV-2-Virus in sich tragen und stecken weiterhin andere an.

Und vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis durch diese unentdeckt Infizierten das neue Corona-Virus dann doch wieder in die Risiko-Gruppen hineingetragen wird und die Infektionen dann doch zu einer höheren Klinikauslastung führen. Nur eben dieses Mal zeitversetzt.

Eine unbekannte Rolle spielen hier vor allem auch ältere Kinder und Jugendliche. Denn mittlerweile sieht es doch sehr stark danach aus, als könnten sich junge Menschen zwischen 14 und 20 Jahren ebenso leicht infizieren wie Erwachsene und auch ähnlich leicht andere Menschen anstecken. Wenn dem tatsächlich so ist, dann könnte das äußerst aktive Sozialverhalten gerade dieser Altersgruppe leicht zur Entstehung neuer Infektionsketten führen.

Inwiefern sich diesbezüglich die Rückkehr zum normalen Schulbetrieb in Luxemburg in den letzten zwei Wochen vor den Sommerferien im Nachhinein als Fehler herausstellen wird, lässt sich momentan kaum abschließend beurteilen. Aber sicher ist, dass es in Luxemburg derzeit 33 meist kleinere Cluster mit insgesamt rund 400 Betroffenen gibt, die unter Beobachtung stehen. Von diesen Clustern kommen immerhin 12 aus Lyzeen und Schulen (also mehr als ein Drittel), 5 aus Alters- und Pflegeheimen, 6 aus dem Bau- und 3 aus dem Horesca-Sektor. Und ebenso sicher ist, dass das Eingehen dieses Risikos keinesfalls notwendig gewesen wäre.

Mehr zu den möglichen Treibern einer zweiten Pandemie-Welle finden Sie bei Interesse übrigens auch im Artikel Schulen und Feiern – Mögliche Treiber der zweiten Welle vom 22. Juni in diesem Blog.

Der Einfluss des Large-Scale-Testing

Andererseits kommt bei den immer vorhandenen Risiken einer jeden Lockerung der große Vorteil der sehr großflächigen luxemburgischen Teststrategie zum Tragen. Denn nur durch solche umfassenden Tests lassen sich einige der oben angesprochenen unentdeckten Infizierten (die Dunkelziffer) dann eben doch entdecken und isolieren, bevor sie andere Menschen anstecken können.

Bisher ist das in Luxemburg viel besser geglückt, als das in anderen Ländern der Fall ist. Denn, wie die luxemburgische Gesundheitsministerin Paulette Lenert zu Recht stolz vermeldete, der Anteil der Neuinfizierten, die bereits in Quarantäne sind, stieg in der letzten Woche auf immerhin 44 Prozent an. All dies sind Personen, die das Virus aufgrund der Quarantäne nicht mehr weitergeben können, an dieser Stelle wurden die Infektionsketten dank der Tests unterbrochen.

So etwas lässt sich nur durch effektives Testen und ein schnelles Kontakt-Tracing erreichen. Und dieses System funktioniert in Luxemburg sichtbar besser, als das in anderen Ländern der Fall ist. In Europa wäre vermutlich nur noch Deutschland durch das dezentrale und gut ausgebaute System der örtlichen Gesundheitsämter zu einem ähnlichen Erfolg in der Lage (allerdings unter der Voraussetzung, dass in Deutschland ausreichend getestet würde, was derzeit leider nicht der Fall ist).

Gerade dieses letzte Glied in der Kette, die Nachverfolgung der Kontakte, ist enorm wichtig. Denn ohne diese Nachverfolgung ist auch ein groß angelegtes Testprogramm letztlich zum Scheitern verurteilt. Genau hier ist Luxemburg (sicherlich auch aufgrund der geringen Größe des Landes) gegenüber seinen Nachbarländern klar im Vorteil und nimmt auch in ganz Europa eine Vorreiter-Rolle ein.

Ob das luxemburgische Modell des Testens und Nachverfolgens auf Dauer gut funktionieren kann oder ob uns doch wieder eine steigende Zahl von Neu-Infektionen überrollt, kann leider nur die Zukunft zeigen. Denn die Effekte der jetzt beschlossenen neuerlichen Einschränkungen werden sich in den Zahlen erst in zwei bis drei Wochen ablesen lassen. Erst dann wird man sehen können, ob die luxemburgische Strategie zur Kontrolle der Pandemie von Erfolg gekrönt war.

Deswegen bleibt es enorm wichtig, dass wir alle uns weiterhin so gut wie möglich an die Regeln zum Social Distancing halten, damit aus einer ernsten keine unkontrollierbare Lage wird.

Die Forscher von Research Luxembourg gehen in ihren neuesten Hochrechnungen übrigens von bis zu 400 Neu-Infektionen täglich bis Ende Juli aus. Obwohl meine eigene Hochrechnung etwas geringer ausfällt, liegt eine solche Entwicklung durchaus im Bereich des Möglichen. Bei Interesse finden Sie hier die vollständige Hochrechnung der COVID-19 TaskForce von Research Luxembourg.

Über Cluster und breitflächige Verteilung

Grundsätzlich stellt die Isolierung und Verfolgung der Kontakte bei starken Ausbrüchen an einem fest definierten Ort (wie das beispielsweise in Deutschland in der Fleischfabrik Tönnies in Gütersloh geschehen ist) eine noch relativ lösbare Aufgabe dar. Sicherlich wird man auch hier einige soziale Kontakte übersehen, hauptsächlich deswegen, weil sich gerade sozial aktive Menschen kaum jemals an alle Kontakte erinnern werden. Aber ein sehr großer Teil der Kontakte kommt hier aus dem Arbeitsumfeld und dem familiären Bereich und lässt sich relativ einfach erfassen.

Anders sieht es bei einer breitflächigen Verteilung in der Bevölkerung aus. Denn hier wird, besonders bei einer jüngeren und sozial sehr aktiven Bevölkerungsgruppe, die Nachverfolgung der Kontakte sehr schnell ausgesprochen schwierig. Auch hier liegt der Hauptgrund darin, dass Menschen über ein eher schlechtes Erinnerungsvermögen verfügen und sich meistens nicht an alle ihre Kontakte während eines bestimmten Zeitraums erinnern können.

Auch eine eventuelle Corona-App könnte die Nachverfolgung übrigens nur dann erleichtern, wenn sie von einem sehr großen Teil der Bevölkerung genutzt würde. Inwiefern eine solche App (beispielsweise die bekannt gute und sichere deutsche Corona-App) von der luxemburgischen Bevölkerung tatsächlich genutzt werden würde, ist momentan kaum absehbar.

Insofern läuft es auch hier wieder auf einige einfache Verhaltens-Regeln hinaus, die mittlerweile schon bekannt sein dürften: Abstand halten, auf Hygiene achten, Kontakte reduzieren, Mund-Nasen-Schutz tragen und sich seine Kontakte merken.

Fazit

Ob die derzeitige Entwicklung in Luxemburg relativ stabil bleibt oder ob sich daraus wieder eine exponentielle Steigerung ergibt, ist momentan nicht absehbar.

Es mag sein, dass sich die Bevölkerung in der letzten Zeit durch die zunehmende Nervosität wieder etwas mehr an das Social Distancing gehalten und damit das Schlimmste verhindert hat oder dass durch das Kontakt-Tracing genügend sonst unentdeckte Infizierte aufgespürt wurden, um die Zahl der Neu-Infektionen kontrollierbar zu halten.

Aber es mag auch sein, dass das nicht der Fall war und dass die Zahlen der COVID-19 TaskForce von Research Luxembourg (siehe oben) eben doch zutreffend sein werden. Eine solche Entwicklung wünscht sich sicherlich niemand, ausschließen lässt sie sich aber derzeit nicht.

Sicher ist allerdings mittlerweile, dass wir das SARS-CoV-2-Virus nicht so schnell wieder loswerden. Wir werden lernen müssen, mit ihm zu leben. Und das werden wir vermutlich nur dann können, wenn wir die Situation ernst nehmen und uns an die Abstands- und Hygiene-Regeln halten.

Aber, um diesen Artikel mit einem durchaus positiven Gedanken abzuschließen, wir sind in Luxemburg durch das großflächige Testprogramm und die funktionierende Nachverfolgung der Kontakte eines der am besten aufgestellten Länder der Welt. Die Situation, die wir heute im Infektionsgeschehen erleben, dürften unsere Nachbarn noch vor sich haben. Denn es besteht durchaus die Gefahr, dass sich dort aufgrund der fehlenden Tests viele unentdeckte Infektionsketten bilden (oder schon gebildet haben), die dann in nicht allzu ferner Zukunft explosionsartig zum Ausbruch kommen. Auch das wünscht sich niemand, aber es ist leider nicht ganz unwahrscheinlich.

Momentan beginnt sich das übrigens gerade in Nordrhein-Westfalen zu zeigen, wo nach dem Ausbruch im Schlachthof der Firma Tönnies Mitte Juni vermehrt getestet wird. Infolgedessen nimmt gerade die Anzahl der Neu-Infektionen deutlich zu, allerdings derzeit nur in einigen Landkreisen und (noch) nicht in der Fläche. Mehr Informationen dazu finden Sie beispielsweise hier beim WDR.

Mehr Informationen über die Vorteile der luxemburgischen Teststrategie gegenüber seinen Nachbarländern finden Sie übrigens auch im Artikel Warum Luxemburg kein Risiko für seine Nachbarn ist vom 15. Juli 2020 in diesem Blog.

Also, liebe Freunde und Nachbarn in Deutschland, Frankreich und Belgien, passt ein wenig auf und haltet euch an die Regeln zum Social Distancing. Und glaubt keinesfalls, dass dieses Problem auf Luxemburg beschränkt sei oder dass Grenzschließungen ein Virus aufhalten könnten. Denn ansonsten riskiert ihr in absehbarer Zeit ein viel größeres Problem, als wir es derzeit haben.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Der Autor ist freiberuflicher Autor, Texter und Web-Entwickler mit Sitz in Luxemburg. Er ist diplomierter Informatiker und Statistiker und verfügt über jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Er publiziert Artikel zu Themen rund um Gesellschaft, Internet und verschiedene Wissenschaftsgebiete in seinem eigenen Blog und in verschiedenen Foren.

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