Corona

Die Corona-Zahlen für Luxemburg sind im Moment nicht aussagekräftig

Im Moment lese ich in den sozialen Netzwerken viel darüber, dass die Pandemie-Lage in Luxemburg doch eigentlich gar nicht so schlecht sei. Als Argument werden dazu die luxemburgische Test-Strategie, die sinkende Wochen-Inzidenz und die geringe Positiv-Rate herangezogen.

Das Problem liegt allerdings darin, dass diese Zahlen derzeit nicht so aussagekräftig sind, wie das vielfach dargestellt wird. Deswegen finden Sie in den folgenden Absätzen ein paar Anmerkungen dazu. Alle in diesem Artikel verwendeten Grafiken finden Sie übrigens auch auf meiner Facebook-Seite wieder, auf der ich sie in täglich aktualisierter Form zur Verfügung stelle.

Die Test-Strategie

Es ist völlig korrekt, dass in Luxemburg viel mehr getestet wird, als das in nahezu allen anderen Ländern der Fall ist. Der Aufbau der sehr hohen Testkapazität war und ist in Luxemburg der Schlüssel zum weitgehend kontrollierten Ablauf der Pandemie.

Aber in den letzten Wochen hat sich, auch aufgrund der Feiertage, diese Test-Strategie etwas gewandelt. Sicher, verglichen mit anderen europäischen Ländern wird hierzulande immer noch sehr viel getestet. Das zeigt sich in der folgenden Grafik von OurWorldInData mehr als deutlich.

Tests pro 1.000 Einwohner – Quelle: OurWorldInData

Allerdings wird dabei außer Acht gelassen, dass die hier angegebene Test-Anzahl sich auf alle Tests bezieht, die in Luxemburg durchgeführt werden. Den größten Anteil machen dabei die Tests aus dem Large-Scale-Testing aus, gefolgt von den auf Rezept durchgeführten Tests. Dazu kommt noch eine geringe Anzahl von Tests bei der Einreise über den Flughafen Findel.

Die Aufteilung der durchgeführten Tests auf die Test-Quellen können Sie der nachfolgenden Grafik entnehmen. Es ist klar ersichtlich, dass die auf Rezept durchgeführten Tests (der graue Teil der Säule) momentan auf einen relativ niedrigen Stand ist.

Anmerkung: in den Zahlen sind auch die Tests aus dem Kontakt-Tracing enthalten, die seit dem 10. November 2020 von der Santé nicht mehr getrennt ausgewiesen werden.

Der niedrige Stand der Tests auf Rezept dürfte daran liegen, dass bei gleicher verfügbarer Testkapazität (die im Durchschnitt um die 10.000 Tests pro Tag liegen dürfte) offenbar ein größerer Anteil für die Large-Scale-Tests genutzt wird. Das wiederum dürfte auf den Versuch zurückzuführen sein, vor der Schulöffnung möglichst viele Schüler und Lehrpersonal zu testen.

Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass sich bei den Tests auf Rezept die meisten Infektionen zeigen, weil bei diesen Personen entweder Symptome vorliegen oder sie in engem Kontakt mit einer bereits positiv getesteten Person waren. Die Tests aus dem Large-Scale-Testing und bei der Einreise betreffen eher Personen ohne offensichtliche Symptome, deshalb werden bei diesen Tests logischerweise auch weniger infizierte Personen gefunden.

Wichtig: Das sollte keinesfalls als Kritik am Large-Scale-Testing missverstanden werden. Gerade diese umfassenden Tests sind enorm wichtig, weil sie die Dunkelziffer der unerkannt infizierten Personen reduzieren. Umso mehr dieser Tests gemacht werden, desto mehr Infektionen lassen sich identifizieren und isolieren. Damit werden Ansteckungsketten frühzeitig unterbrochen, die ohne diese Tests unbemerkt geblieben wären. In Luxemburg dürften dadurch um die 40 % der sonst erfolgten Infektionen verhindert worden sein. Gerade diese Strategie hat dafür gesorgt, dass hierzulande die Pandemie-Lage bislang kontrollierbar geblieben ist.

Aber das oben Gesagte bedeutet leider auch, dass die auf alle Tests bezogene Positiv-Rate hierzulande etwas weniger aussagekräftig ist, als dies in anderen Ländern der Fall ist.

Die Positiv-Rate

Wie wir oben gesehen haben, sind in der Anzahl der Tests hierzulande verschiedene Test-Ansätze enthalten, bei denen jeweils unterschiedliche Positiv-Raten zu erwarten sind. Die Positiv-Rate aller Tests auf Rezept seit dem 30. Juli 2020 beträgt 7,32 %, bei den Tests aus dem LST sind es 0,97 % und bei den Tests bei der Einreise 1,16 %. Und damit kann die Verteilung der Tests auf diese Test-Ansätze eine ziemlich deutliche Auswirkung auf die Positiv-Rate haben, die ja auf die Gesamtzahl aller Tests berechnet wird.

Genau das passiert gerade in Luxemburg. Der Anteil der Tests auf Rezept (bei denen die weitaus meisten Infektionen entdeckt werden, siehe oben) lag in der letzten Woche (4. bis 10. Januar 2021) mit rund 28,5 % sehr niedrig (normalerweise sind knapp 40 % der Tests auf Rezept). Die Positiv-Rate der auf Rezept durchgeführten Tests lag für die letzte Woche bei 6,16 % und damit leicht unterhalb der Gesamt-Positiv-Rate für Tests auf Rezept (7,32 %).

Bei den Tests aus dem Large-Scale-Testing (LST) liegt hingegen die Positiv-Rate der letzten Woche 0,27 % sehr niedrig. Dazu sollte man wissen, dass ein PCR-Test das SARS-CoV-2-Virus aus einem Rachenabstrich nur für einen Zeitraum von rund 2-3 Wochen nach einer Infektion zuverlässig nachweisen kann. Bei großflächigen Tests ist daher die Chance, dass man eine infizierte Person in genau diesem Nachweis-Fenster testet, relativ gering (deswegen gibt es für „systemrelevantes“ Personal auch alle zwei Wochen aufs Neue einen Test).

Die Positiv-Rate aller Tests der letzten Woche liegt bei 1,96 % und spiegelt damit nicht die tatsächliche Lage wieder. Das tatsächliche Infektions-Geschehen dürfte sich kaum geändert haben, da die Positiv-Rate der (eigentlich besser darüber Aufschluss gebenden) Tests auf Rezept unverändert hoch liegt. In der folgenden Grafik habe ich für Sie zur besseren Visualisierung einmal die Testaufteilung und die Positiv-Rate für die Tests auf Rezept und aus dem Large-Scale-Testing zusammengestellt.

In der Grafik ist sehr deutlich zu sehen, dass der Anteil der Tests auf Rezept (der hellgraue Teil der Säule) unter dem der Tests aus dem Large-Scale-Testing liegt. Andererseits sind es aber genau diese Tests auf Rezept, deren Positiv-Rate (die orange Kurve) am höchsten ist. Woraus sich ergibt, dass eine Erhöhung des Anteils der Large-Scale-Tests ganz automatisch zu einem Absinken der globalen Positiv-rate führen wird.

Der mögliche Einfluss auf die Dunkelziffer

Leider ist das aber noch nicht die einzige Auswirkung. Denn durch die Zuordnung größerer Testkapazitäten zum Large-Scale-Testing steht logischerweise auch weniger Kapazität für die Tests auf Rezept zur Verfügung. Denn die gesamte Test-Kapazität lässt sich nicht kurzfristig aufstocken.

Es wäre also durchaus möglich, dass weniger Menschen als gewöhnlich die Möglichkeit zum Testen auf Rezept bekommen haben bzw. auf einen Testtermin länger als gewöhnlich warten mussten. Dadurch wiederum könnte die Dunkelziffer der unentdeckt infizierten Personen im Land angestiegen sein. Die Folge davon wäre eine stärkere Verbreitung des Virus in den kommenden Wochen durch nicht erkannte Infektions-Ketten im ganzen Land.

Wohlgemerkt, momentan ist das reine Spekulation. Ob das tatsächlich so zutrifft, werden wir erst in einigen Wochen an den Zahlen sehen können. Die hierfür zu beobachtende Zahl ist der sogenannte Delayed-CFR, also die Fallsterblichkeit berechnet auf die Infektionen 14 Tage zuvor. Diese Kennzahl deutet auf den Anteil schwerer Verläufe einer Covid-19-Erkrankung hin und sollte dann ansteigen, wenn durch Änderungen in der Test-Strategie (oder durch ein zunehmendes Infektions-Geschehen) weniger leicht symptomatische oder präsymptomatische Fälle ausfindig gemacht werden.

Dazu ist allerdings zu beachten, dass der Delayed-CFR eine Kennzahl ist, die nur sehr träge auf aktuelle Veränderungen reagiert. Denn sie spiegelt ein Infektions-Geschehen wider, dass vier bis sechs Wochen zurückliegt. Die Beobachtung dieser Kennzahl kann also nicht als Grundlage für Entscheidungen dienen, sondern lediglich zur nachträglichen Einordnung (wie übrigens auch die Bettenbelegung in den Kliniken, die das Infektions-Geschehen ungefähr drei Wochen zuvor widerspiegelt.

Die Wochen-Inzidenz

Ähnliches gilt für die Wochen-Inzidenz, die ebenfalls häufig als Argument für die gute Pandemie-Lage herhalten muss. Die Wochen-Inzidenz (oder 7-Tages-Inzidenz) gibt die Anzahl der Infektionen der jeweils letzten 7 Tage pro 100.000 Einwohner wieder, sie liegt in Luxemburg aktuell bei 164,86 (Stand: 12. Januar 2021). Bei der Betrachtung dieses Wertes sollte man allerdings ein paar Dinge nicht aus den Augen verlieren.

Der Einfluss der Test-Strategie

Die Höhe der Wochen-Inzidenz ist stark davon abhängig, wie viele Tests bei welchem Personenkreis durchgeführt werden. In Luxemburg kommen durchschnittlich 54,24 % der Tests aus dem Large-Scale-Testing, 40,2 % aus den Tests auf Rezept (incl. Kontakt-Tracing) und 5,56 % aus den Tests bei Einreise.

In der Woche vor Schulbeginn (4. bis 10. Januar 2021) hat sich das allerdings durch die Testung der Schüler und des Schulpersonals verschoben, hier kamen 71,32 % der Tests aus dem Large-Scale-Testing, 26,67 % aus den Tests auf Rezept (incl. Kontakt-Tracing) und 7 % aus den Tests bei Einreise.

Anmerkung / Randnotiz: Die vollständige Testung von Schülern und Lehr-Personal dürfte in Luxemburg so ungefähr 200.000 Menschen betreffen. Die knapp 29.000 Tests, die in der letzten Woche für das Large-Scale-Testing gemeldet wurden, dürften dazu kaum ausreichen. Wir dürften also in dieser Woche einen recht großen Anteil von nicht getesteten Schülern und Lehrern in den luxemburgischen Schulen haben.

Dieser Rückgang bei den Tests auf Rezept (bei denen normalerweise die meisten Infizierten gefunden werden) kann daran liegen, dass sich schlicht weniger Menschen zu den Tests angemeldet haben. Das wiederum könnte auf einen tatsächlichen Rückgang der Neu-Infektionen hindeuten. Es wäre aber ebenfalls möglich, dass die Terminvergabe langsamer erfolgte, in diesem Fall würden die Neu-Infektionen lediglich zu einem späteren Zeitpunkt in den Zahlen sichtbar werden. Das würde bedeuten, dass die aktuelle Wochen-Inzidenz das Infektions-Geschehen nur unvollständig ausweist und unter normalen Umständen höher liegen würde.

Das derzeitige Absinken der Wochen-Inzidenz

Die Wochen-Inzidenz sinkt, und das ist zunächst einmal gut. Sie lag am 7. Dezember bei 606,71 und ist derzeit auf 164,86 abgesunken. Das entspricht aber immer noch so ungefähr dem Höchstwert der ersten Welle Ende März 2020. Allerdings finden wir durch die gute Test-Strategie mittlerweile deutlich mehr leicht-symptomatische und asymptomatische Infizierte, deswegen liegt die derzeitige Bettenbelegung deutlich unter dem Stand von Ende März.

In Luxemburg sollte die Wochen-Inzidenz höher als in den Nachbarländern sein, weil hierzulande durch die hohe Anzahl der Tests aus dem Large-Scale-Testing vergleichsweise viele Infizierte mit wenigen oder keinen Symptomen gefunden werden.

Was allerdings nichts daran ändert, dass die Wochen-Inzidenz immer noch viel zu hoch ist, um von einer Entwarnung zu reden. Der Wert spricht jedenfalls dafür, dass das SARS-CoV-2-Virus nach wie vor weiträumig in der Bevölkerung aktiv ist. Unterstrichen wird das durch die aktuellen Abwasser-Analysen des LIST, die ebenfalls erhöhte Abwasser-Belastungen seit den Feiertagen nahelegen. Deswegen liegt ein schnelles und explosives Wiederaufflammen der Pandemie-Welle durch die erfolgten Lockerungen momentan im Bereich des Wahrscheinlichen.

Gerade der Vergleich mit Ländern, in denen die SARS-CoV-2-Mutante B.1.1.7 bereits aktiv ist, zeigt deutlich, dass der Übergang in eine explosive Zunahme der Neu-Infektionen nahezu übergangslos passieren kann. Und auch in Luxemburg haben wir eine solche explosive Entwicklung Mitte Oktober ja bereits einmal erlebt. Mehr über die Variante B.1.1.7 finden Sie übrigens auch im Artikel Die weitreichenden Folgen der neuen SARS-CoV-2-Varianten in diesem Blog.

Fazit

Das derzeit vorliegende Zahlenmaterial lässt kaum Rückschlüsse auf das tatsächliche Infektions-Geschehen in Luxemburg zu. Die niedrige Zahl der auf Rezept durchgeführten Tests und die gleichzeitig starke Zunahme der Large-Scale-Tests verfälschen das Bild zu sehr. Dazu kommt die erhöhte Gefahr einer Zunahme der Reproduktionszahl durch die offenbar ansteckendere SARS-CoV-2-Variante B.1.1.7, die auch in Luxemburg aktiv ist.

Aus diesem Grund sind die derzeit verfügbaren Zahlen in Luxemburg kaum als Entscheidungs-Grundlage geeignet. Eine Abschätzung der tatsächlichen Situation wird erst in ein bis zwei Wochen oder sogar noch später (abhängig von der zukünftigen Teststrategie) möglich sein.

Die Wieder-Eröffnung der Schulen erschient mir aufgrund dieser diffusen Datenlage als hauptsächliches Problem. Die restlichen Lockerungen dürften deutlich geringere Auswirkungen auf das Infektions-Geschehen haben. Zur Auswirkung der verschiedenen Maßnahmen verweise ich auf diese in Science erschienene Studie, aus der auch das folgende Schaubild stammt.

Wirksamkeit von Eindämmungs-Maßnahmen

Mehr Informationen zu den derzeitigen Lockerungen und den damit verbundenen Risiken finden Sie auch im Artikel Sind die Lockerungen und die Schulöffnung in Luxemburg verantwortungslos? in diesem Blog.

In eigener Sache: Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, dann können Sie mir das Schreiben und Recherchieren gerne mit einem Kaffee oder einer kleinen Spende versüßen. Eine Möglichkeit dazu finden Sie auf der Seite Buy me a coffee.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu diesem Thema, aus verschiedenen anderen Wissenschafts-Bereichen und aus dem Bereich Internet & Gesellschaft,

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