Corona

Die weitreichenden Folgen der neuen SARS-CoV-2-Varianten

Zuletzt aktualisiert am 30. Dezember 2020 von Claus Nehring

Seit Weihnachten hält die Welt kollektiv den Atem an, denn es gab zwei weitreichende Neuigkeiten bezüglich der Corona-Pandemie. Die eine ist natürlich der Beginn der Impfungen mit dem BioNTech/Pfizer-Impfstoff, der im Moment wohl das beste Weihnachtsgeschenk darstellt, das wir uns hätten wünschen können.

Aber leider hat uns nahezu gleichzeitig auch eine andere, deutlich weniger erfreuliche, Nachricht überrascht, nämlich das Auftauchen zweier neuer SARS-CoV-2-Varianten (sog. Mutanten).

Ein paar Worte über Mutationen

Mutationen von Viren sind absolut nichts Ungewöhnliches, sie entstehen durch Kopierfehler bei der Replikation des Erbguts. Diese Kopierfehler entstehen zufällig, sie lassen sich (leider) nicht vorhersagen. Glücklicherweise betreffen die meisten dieser Mutationen nur vereinzelte Basenpaare und haben kaum einen Einfluss auf die Gefährlichkeit des jeweiligen Virus.

Aber ab und zu tauchen durch solche Kopierfehler auch Varianten eines Virus auf, die sich besser und leichter vermehren können. Dafür kann es viele Gründe geben, beispielsweise eine höhere Vermehrungsrate oder eine bessere Resistenz gegen Umwelteinflüsse. Solche Virus-Varianten vermehren sich schneller als die ursprüngliche Variante und verdrängen diese deswegen nach einer gewissen Zeit. Dieser Prozess nennt sich natürliche Selektion, er ist nichts Außergewöhnliches und bringt in den allermeisten Fällen auch keine höhere Gefährlichkeit des Virus mit sich.

Manchmal allerdings entstehen bei diesem Prozess neue Varianten, die das jeweilige Virus deutlich gefährlicher für den Menschen machen, indem sie die Infektiösität deutlich erhöhen oder die Folgen der durch das Virus ausgelösten Erkrankung verschlimmern.

Das Beispiel Influenza

Gut beobachten lässt sich dieser Prozess beim Influenza-Virus. Hier entstehen Jahr für Jahr neue Varianten des Virus, deshalb muss hier auch der Impfstoff jährlich angepasst werden. Meistens sind diese Varianten kaum gefährlicher als das Influenza-Virus des Vorjahres, außerdem verfügen die meisten Menschen (anders als beim neuen Corona-Virus) über eine Grundimmunität gegen die Influenza, die sich über Jahre hinausgebildet hat.

Aber auch hier tauchen in unregelmäßigen Abständen immer wieder hochgefährliche Mutationen auf, die weitaus gefährlicher bzw. ansteckender für den Menschen sind. Die Folge solcher Mutationen waren Pandemien wie die Spanische Grippe, die Asiatische Grippe oder die Hongkong-Grippe, die jeweils viele Millionen Menschen getötet haben.

Anmerkung: solche und andere (wie beispielsweise HIV/AIDS) Pandemien haben dafür gesorgt, dass viele Regierungen sich der Gefahren eines solchen Virus seit langem bewusst sind. Deswegen gab es Planspiele wie Modi-SARS der deutschen oder Crimson Contagion der amerikanischen Regierung, die heute von Verschwörungstheoretikern (dämlicherweise) als Nachweis dafür herangezogen werden, dass das SARS-CoV-2-Virus infolge einer Planung entstanden sei.

Aktuelle SARS-CoV-2-Mutationen

Leider sieht es im Moment danach aus, als seien auch beim SARS-CoV-2-Virus mindestens zwei Mutationen entstanden, die die Infektiösität des Virus deutlich erhöhen. Eine dieser Mutationen ist in Großbritannien entdeckt worden und wird als B.1.1.7. bezeichnet, die andere ist in Südafrika aufgetaucht und wird als 501Y.V2. bezeichnet.

Allerdings, um die gute Nachricht vorwegzunehmen, sieht es nach ersten Informationen so aus, als würden die Impfstoffe von BioNTech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca auch gegen die jetzt neu entdeckten Mutationen einen wirksamen Schutz aufbauen können.

Die Mutante B.1.1.7.

Bei der SARS-CoV-2-Variante B.1.1.7. handelt es sich um eine zuerst in Großbritannien entdeckte Mutante, die allem Anschein nach infektiöser als das ursprüngliche SARS-CoV-2-Virus ist. Die Mutante ist deswegen außergewöhnlich, weil sie mehrere Mutationen mit insgesamt 17 Aminosäuren-Veränderungen (8 davon im Spike-Protein) enthält.

Diese Mutationen haben offenbar einen deutlichen Einfluss auf die Infektiösität, die Mutante scheint sich weitaus effektiver zu verbreiten. Und sie sorgen wohl auch dafür, dass vermehrt jüngere Menschen infiziert werden und stärker zur Weiterverbreitung des Virus beitragen. Genauere Information hierzu können Sie bei Interesse diesem Artikel von Kai Kupferschmidt auf ScienceMag.org entnehmen.

Aktualisiert am 29. Dezember: Glücklicherweise sieht es nach neuesten Informationen aber zumindest danach aus, als würde diese Mutante zumindest keinen schwereren Krankheitsverlauf verursachen. Weiter unten finden Sie dazu einen Thread des britischen Epidemiologen Eric Feigl-Ding. Auf Spektrum.de gibt es zu diesem Thema auch einen lesenswerten Artikel von Lars Fischer.

Die Mutante 501Y.V2.

Über die südafrikanische Variante 501Y.V2. ist bisher noch weniger bekannt. Aber es sieht nach ersten Daten danach aus, als würde sich auch diese Variante schneller verbreiten und es gibt erste schwache Hinweise auf schwerere Erkrankungen bei jüngeren, gesunden Menschen.

Einige erste Informationen bezüglich der Verbreitung der Variante gibt es im nachfolgenden (französischsprachigen) Thread von Thibault Fiolet (Universität Paris-Saclay) und in diesem Artikel aus The East African.

Einige Twitter Threads zum Thema

In den nachfolgenden Absätzen finden Sie einige Threads von Experten zu den neu aufgetauchten Variationen des SARS-CoV-2-Virus.

Isabella Eckerle am 24. Dezember 2020

Kai Kupferschmidt am 24. Dezember 2020

Bill Hanage am 23. Dezember 2020

Eric Feigl-Ding am 28. Dezember 2020

Zoë Hyde am 30. Dezember 2020

Wie wir darauf reagieren sollten

Wenn wir in den nächsten Monaten das Infektions-Geschehen unter Kontrolle behalten und eventuelle neue Varianten von SARS-CoV-2- eindämmen möchten, dann müssen wir in Europa zunächst einmal die hohe Anzahl der Neu-Infektionen irgendwie eindämmen. Das lässt sich kaum mit einem gemeinsamen europäischen Konzept bewerkstelligen. Jedes Land muss dazu ausgehend von seiner eigenen Situation seine Lösung finden. Aber das Ziel muss es sein, dass die Nachverfolgung der Neu-Infektionen durch die jeweiligen Gesundheitsämter möglich bleibt.

Ich verweise in diesem Zusammenhang noch einmal auf die Initiative WissenschaftlerInnen fordern europäische Strategie zur raschen und nachhaltigen Reduktion der COVID-19-Fallzahlen, in der die Kernpunkte der notwendigen Maßnahmen noch einmal dargelegt sind.

Anmerkung: die Wochen-Inzidenz alleine reicht zum Vergleich der Situation zwischen Ländern meiner Meinung nach nicht aus, sondern müsste mit der Anzahl der durchgeführten Tests im jeweiligen Land gewichtet werden (Luxemburg ist hier erheblich besser aufgestellt als die anderen europäischen Länder). Denn eine hohe Anzahl an Tests ermöglicht die Identifikation von asymptomatischen, leicht symptomatischen und präsymptomatischen Infizierten und damit das Absenken der Dunkelziffer (mehr dazu finden Sie im Artikel Die Bedeutung der Dunkelziffer hier im Blog) und hat dadurch erhebliche Auswirkungen auf die Klinikauslastung des jeweiligen Landes. Ein Vergleich wäre beispielsweise über eine Kennzahl möglich, in die neben der heute genutzten Wochen-Inzidenz auch die jeweilige Fallsterblichkeit berücksichtigt wird. Ich habe eine solche Idee im Artikel Ein Vorschlag zur europäischen Vergleichbarkeit der Wochen-Inzidenz in diesem Blog skizziert.

Aber die Senkung der Neu-Infektionen alleine reicht nicht aus, die neuen SARS-CoV-2-Varianten werden zusätzliche Maßnahmen erforderlich machen.

Einreise-Beschränkungen im Fernverkehr

Zum einen müssen wir die Verbreitungsmöglichkeiten der neuen Virus-Varianten einschränken. Um das tun zu können, werden wir um Einreise-Beschränkungen im Fernverkehr kaum herum kommen. Dabei geht es ausdrücklich nicht um eine Schließung der EU-Innengrenzen und es geht auch nicht um eine umfassende Kontrolle aller Reisenden. Beides ist weder technisch machbar noch politisch erstrebenswert. Trotzdem müssen wir die Verbreitungswege neuer SARS-CoV-2-Varianten so klein wie möglich machen, wenn wir diese Pandemie unter Kontrolle halten wollen.

Das Problem dabei ist, dass wir eine solche Einreisekontrolle sofort brauchen. Wenn wir damit auch nur noch ein paar Wochen warten, dann dürfte es zu spät sein. Deswegen möchte ich an dieser Stelle auch nicht für eine (politisch und gesellschaftlich nur schwer durchsetzbare) Zwangs-Quarantäne für alle Einreisenden plädieren, sondern eher für die sofortige und verpflichtende Einführung von Antigen-Schnelltests für alle Flugpassagiere. Ein positiver Schnelltest eines Passagiers müsste dann die sofortige Quarantäne aller Passagiere des jeweiligen Fluges bedeuten.

Ähnliche Konzepte könnten auch für andere Fernreise-Möglichkeiten (Bus, Bahn, Schiff) erarbeitet werden und würden uns zumindest erheblich mehr Sicherheit bei gleichzeitiger Offenhaltung der lebenswichtigen Straßengrenzen für den Pendler- und Warenverkehr erlauben. Mehr zu einem solchen Konzept und einer möglichen Umsetzung auf Basis von Schnelltests finden Sie im Artikel Antigen-Schnelltests – Game-Changer oder trügerische Hoffnung? in diesem Blog.

Überarbeitung der Schul-Konzepte

Die in Großbritannien und Südafrika aufgetauchten Mutanten des SARS-CoV-2-Virus könnten ersten Hinweisen zufolge für einen schwereren Krankheitsverlauf und eine höhere Infektiösität bei jüngeren Menschen sorgen. Falls sich diese ersten Einschätzungen bewahrheiten (und das ist keineswegs sicher), werden wir vermutlich die bisher angedachten Sicherheits-Konzepte für die Schulen überarbeiten müssen.

Auch hier könnten Antigen-Schnelltests zur Eingangskontrolle eine wichtige Rolle spielen, um infektiöse Infizierte auszusieben. Aber viel wichtiger dürfte es sein, dass wir in den nächsten Monaten nicht wieder zu einem vollständigen Schulbetrieb zurückkehren.

Daher möchte ich an dieser Stelle noch einmal dafür plädieren, dass die Schulen (zumindest für ältere Schüler) möglichst lange in einem A/B-System mit halbierten Klassen und wechselweisem Präsenz- und Fernunterricht verbleiben. Und das muss JETZT beschlossen werden, damit wir nicht ein weiteres Mal das Risiko ungebremster Übertragungen in die Familien hinein eingehen.

Deepti Gurdasani zum Thema am 29. Dezember 2020

Fazit

Trotz der beginnenden Impfungen können die neu entdeckten Varianten ein großes Problem darstellen, wenn es jetzt nicht zu einer schnellen und effektiven Eindämmung der Infektionszahlen in ganz Europa kommt. Denn wir werden diese neuen SARS-CoV-2-Mutantionen nicht auf Dauer von uns fernhalten können, zumindest die Variante B.1.1.7. wurde bereits in Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Schweden, Dänemark, der Schweiz und den Niederlanden (siehe auch hier im Tagesspiegel) nachgewiesen.

Das sollte jetzt auch nicht unbedingt panische Reaktionen auslösen, dazu wissen wir derzeit schlicht noch nicht genug über diese Varianten. Aber es sollte dafür sorgen, dass wir uns bereits jetzt Gedanken über mögliche Eindämmungs-Maßnahmen machen. Denn wenn wir ein weiteres Mal auf die endgültigen Nachweise warten, dann könnte es für zielgerichtete Reaktionen bereits zu spät sein.

Wir sollten aus der bisherigen Entwicklung dieser Pandemie gelernt haben, dass jeder Tag Verzögerung in der Umsetzung von Eindämmungs-Maßnahmen zu ziemlich katastrophalen Konsequenzen führen kann. Deswegen wäre mir im Moment eine etwas übertriebene Vorsicht deutlich lieber als eine etwas zu spät erfolgte Reaktion.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu diesem Thema, aus verschiedenen anderen Wissenschafts-Bereichen und aus dem Bereich Internet & Gesellschaft,

3 Kommentare

  1. Zuerst einmal vielen herzlichen Dank, dass du deine Ideen und Gedanken hier mit uns teilst! Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr ich deine Meinung zu 101% teile. Du schreibst oft das, was ich mir nur so im Stillen denke. Ich sage mir oft, wir müssten viel schneller reagieren! Am liebsten gestern schon und nicht erst in einer Woche! „Auf was warten „die“ denn da oben“? Und ja, wir müssten auf europäischer Ebene viel mehr zusammenarbeiten. Einreisende sofort testen und die Antigen-Schnellteste müssten massenweise überall einsetzbar sein, jetzt! und nicht morgen!! Mich graut es jetzt schon von den nöchsten Wochen. Ich glaube nicht daran, dass der Lockdown in Luxembourg nur bis zum 10.01. anhalten wird. Ich bin davon überzeugt, dass spätestens ab dem 06.01 die Anzahl an Neuinfizierten in die höhe schiesst … also nochmals 2 Wochen Lockdown dazu kommen werden.

    1. Hallo Diana, danke für den lieben Kommentar und sorry, das ich erst jetzt zum Antworten komme.

      Ich hab‘ das Thema Antigen-Schnelltest und meine Einschätzung der Situation der kommenden Monate jetzt auch mal aufgeschrieben, mal sehen ob das auch so ungefähr deinen Gedankengängen entspricht.

      https://clausnehring.com/blog/antigen-schnelltests-game-changer-oder-truegerische-hoffnung/
      https://clausnehring.com/blog/es-wird-schlimmer-werden-bevor-es-besser-werden-kann/

      Liebe Grüße und ein gutes neues Jahr 🙂

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