CoronaGesellschaft

Gedanken zu einer möglichen Exit-Strategie

Aus der Serie „An- und Einsichten aus der Statistik zum Thema Corona“

Derzeit ist viel von einem Vier-Phasen-Modell zur schrittweisen Lockerung der Maßnahmen gegen Corona die Rede. Und viele fordern mehr oder weniger vehement den schnellen Beginn der zweiten Phase, nämlich eine beginnende Rücknahme der strikten Eindämmungs-Maßnahmen.

Diese Forderung basiert allerdings auf der Annahme, dass die erste Phase dieses Vier-Phasen-Modells, nämlich die Eindämmung der Infektionswelle, bereits erfolgreich zu Ende gebracht wurde. Und diese Annahme könnte durchaus falsch sein, zumindest ist sie momentan nicht durch Zahlen belegbar.

Dieser Artikel soll aufzeigen, warum wir mit dem Beginn der Phase 2 besser noch etwas warten sollten.

Es gibt keine verlässlichen Zahlen

Die derzeit vorliegenden Zahlen zum Fortschreiten der Infektion sind aus statistischer Sicht nicht verlässlich. Denn aufgrund fehlender Testmöglichkeiten lässt sich bis heute nicht einmal annähernd sagen, wie viele Menschen tatsächlich mit SARS-CoV-2 infiziert wurden.

Die offiziellen Zahlen der Infizierten beziehen sich bisher nur auf die positiv getesteten Menschen. In fast allen Ländern der Welt werden aber fast ausschließlich nur Personen mit starken Symptomen oder aus bestimmten Risikogruppen getestet. Und das liegt nicht am bösen Willen der Beteiligten, sondern einfach daran, dass die vorhandenen Testkapazitäten relativ beschränkt sind.

Deswegen lässt sich momentan die Dunkelziffer (bereits Infizierte ohne Symptome oder mit schwachen Symptomen) weder genau angeben noch seriös auf Basis der vorliegenden Zahlen hochrechnen.

Mehr zum Thema der Corona-Tests und der Nachweisgrenze finden Sie bei Interesse in meinem Artikel Das Problem mit den Corona-Tests.

Ein Blick auf die vielzitierte Verdopplungs-Rate

Als Nachweis der Wirksamkeit der Verlangsamungs-Maßnahmen wird gerne die Verdopplungs-Zeit herangezogen. Bei diesem Wert handelt es sich um die Anzahl der Tage, die bis zu einer Verdopplung der Anzahl der Infizierten vergehen.

Aber leider ist der derzeit einzige Anhaltspunkt zur Errechnung dieser Kennzahl die Anzahl der positiv auf das Virus getesteten Personen. Er bezieht sich also weniger auf die effektive Anzahl der Infizierten, sondern eher auf die Testkapazitäten des jeweiligen Landes. Und entwickelt sich deswegen in den meisten Ländern recht ähnlich.

Diese Grafik sieht zwar durchaus positiv aus. Aber sie baut auf zwei Annahmen auf, die mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch sind. Die erste dieser falschen Annahmen ist, dass sich die Anzahl der positiv getesteten Personen zumindest ähnlich entwickelt, wie das die Anzahl der tatsächlich infizierten Personen tut. Und die zweite falsche Annahme liegt darin, dass die Anzahl der durchgeführten Tests pro Tag annähernd gleich bleibt.

Gerade die Anzahl der durchgeführten Tests kann hier ein völlig falsches Bild hervorrufen. Am Beispiel der Daten aus Luxemburg lässt sich dieses fehlerhafte Bild der Situation recht gut erklären. Denn gleichzeitig mit der Verlangsamung der Ausbreitung hat sich hier auch die Anzahl der durchgeführten Tests deutlich verringert.

Während in der Woche vom 30. März bis zum 6. April noch durchschnittlich 1.114 Tests pro Tag durchgeführt wurden, waren es in der Woche vom 6. bis zum 12. April nur noch durchschnittlich 783 Tests pro Tag. Und diese verringerte Anzahl der Tests führt dann logischerweise auch zu einer Verringerung der Anzahl der positiv getesteten Personen.

Die Wirksamkeit der Verlangsamungs-Maßnahmen

Wenn sich nun aber die tatsächliche Wirksamkeit der Verlangsamungs-Maßnahmen nicht einmal annähernd messen lässt, gibt es eigentlich auch keine Grundlage für die Annahme, dass die Phase 1 des Vier-Phasen-Modells beendet sein könnte.

Denn um zu erkennen, in welchem Moment die Zahl der Neu-Infektionen tatsächlich zurückzugehen beginnt, müsste die Anzahl der Neu-Infektionen ja zunächst einmal zumindest ungefähr bekannt sein. Und diese Zahl lässt sich ohne eine zumindest ungefähre Kenntnis der Dunkelziffer bei den Infektionen nicht einmal annähernd abschätzen.

Und damit besteht momentan leider trotz dieser sehr positiv aussehenden Grafiken noch kein aus der Statistik ersichtlicher Anlass für eine Entwarnung.

Die Berechnung der Dunkelziffer

Wie oben gezeigt stellt die Dunkelziffer der Infizierten das eigentliche Problem bei der Abschätzung der Situation dar. Aber liesse sich diese Dunkelziffer zumindest annähernd abschätzen?

Für diese Abschätzung werden zur Zeit zwei verschiedene Wege diskutiert. Und diese Wege möchte ich in den nachfolgenden Absätzen kurz beschreiben.

Berechnung anhand von Studien

Es gibt einige erste Studien, die sich mit der Dunkelziffer der Infizierten befassen. Da wäre zum einen eine aktuelle Studie der Uni Bonn aus der schwer betroffenen Gemeinde Gangelt im deutschen Kreis Heinsberg. Für diese vom Aufbau her sehr umstrittene Studie wurde ein Zwischenergebnis veröffentlicht, dass von einer (hochgerechneten) Infizierung von 15 % der Bevölkerung ausgeht. 2 % der Bevölkerung der Gemeinde wurden tatsächlich positiv getestet.

In einer Podiumsdiskussion des Science Media Center am 9. April hat der
Direktor des Instituts für Virologie an der Charité, Prof. Dr. Christian Drosten, darauf hingewiesen, dass der Aufbau der Studie nicht hinreichend klar genug erläutert wurde, um daraus allgemeine Rückschlüsse ziehen zu können. Und das die Ergebnisse der Studie zumindest bis zum Vorliegen der kompletten Methodik kaum als Ansatz für eine Berechnung verwendbar seien.

Eine weitere stark diskutierte (beispielsweise hier) aktuelle Studie aus Österreich kommt für den 6. April zum Ergebnis, dass es bei 8.500 offiziell Infizierten tatsächlich ungefähr 28.500 Infizierte gegeben habe.

In dieser Studie geben allerdings schon die Verfasser der Studie selbst eine sehr große Schwankungsbreite der Ergebnisse an, die Zahl der tatsächlich Infizierten könne laut ihnen zwischen 10.200 und 67.400 schwanken. Womit sich leider auch diese Studie kaum als Ansatz für eine seriöse Berechnung eignet.

Letztlich zeigen beide Studien, dass sich die Dunkelziffer mit den derzeit zur Verfügung stehenden Methoden kaum auch nur annähernd seriös berechnen lässt. Und die Berichterstattung darüber zeigt ebenso deutlich, dass der politische Druck zur Lockerung der Maßnahmen immer stärker wird.

Die Situation dürfte sich allerdings in naher Zukunft ändern. Das Robert-Koch-Institut wird in Deutschland ab Mitte Mai eine repräsentative Studie durchführen, bei der ca. 15.000 Personen getestet werden sollen. Und in Luxemburg wird in diesen Tagen eine Studie beginnen, bei der 1.500 Personen getestet werden und die ebenfalls repräsentative Ergebnisse erbringen soll.

Berechnung anhand der Todeszahlen

Ein weiterer breit diskutierter Ansatz beruht auf der Hochrechnung der Dunkelziffer anhand der tatsächlichen Anzahl der Todesfälle des jeweiligen Landes. Die Berechnung beruht in diesem Fall auf der Annahme, das von der Anzahl der Infizierten eines Landes ein bestimmter Anteil (im Beispiel unten 1 %) nach einer bestimmten Zeit (im Beispiel unten 14 Tage nach Auftreten der Symptome) an der Erkrankung versterben wird. Auf dieser Basis lässt sich dann berechnen, wie viele Personen zu einem bestimmten Zeitpunkt infiziert gewesen sein müssten.

Aber auch diese Möglichkeit zur Berechnung der Dunkelziffer liefert keine belastbaren Ergebnisse. Hauptsächlich deswegen, weil die tatsächliche Mortalitätsrate von Covid-19 nicht bekannt ist, die Schätzungen liegen zwischen 0,5 und 1,5 %.

Hinzu kommt, dass sich die Auswirkungen der Epidemie auf das Gesundheits-System der jeweiligen Länder sehr voneinander unterscheiden. Je nach Auslastungsgrad der Kliniken ändert sich die Mortalitätsrate deutlich. Sehr sichtbar ist das bisher schon in Italien und England gewesen, in den USA beginnt diese Entwicklung gerade. Luxemburg und Deutschland hingegen weisen aufgrund der schnellen Maßnahmen und ihrer sehr gut ausgebauten Gesundheits-System deutlich geringere Mortalitäts-Raten auf.

Aber in jedem Fall sorgen diese Unterschiede dafür, dass eine seriöse Berechnung der Dunkelziffer auch auf dieser Basis momentan nicht möglich ist.

Repräsentative Stichproben-Tests

Aufgrund der begrenzten Verfügbarkeit von Tests und des bisherigen Fehlens von großflächig verfügbaren Antikörper-Tests (zur Bestimmung bereits geheilter Personen) gibt es für Länder mit einer hohen Einwohnerzahl kaum verfügbare Möglichkeiten zur verlässlichen Berechnung dieser Dunkelziffer. Für kleine Länder hingegen mag das auf Basis repräsentativer Studien möglich sein.

Hier gehört Luxemburg zu den Vorreitern. Für die in der kommenden Woche beginnende Corona-Querschnitts-Studie „Con-Vince“ sollen 1.500 repräsentativ ausgewählte Personen getestet werden. Aus dieser repräsentativen Gruppe soll dann in Labortests die Anzahl der Nicht-Infizierten, der Infizierten mit leichten Symptomen und der bereits Geheilten ermittelt werden.

Mit einer solchen Studie lassen sich recht zuverlässige Zahlen über die Verbreitung des Virus unter der Bevölkerung ermitteln. Mit der jetzt anlaufenden Studie sollte Luxemburg in den nächsten Wochen als eines der ersten Länder der Welt über ein belastbares Abbild der tatsächlichen Situation im Land verfügen.

Das Fazit für Luxemburg

Aus den oben gemachten Annahmen ergeben sich hauptsächlich zwei interessante Aspekte. Zum einen ist es leider nahezu unmöglich, aus den heute vorliegenden Daten in belastbarer Form auf den tatsächlichen Verlauf der Corona-Pandemie in Luxemburg oder anderen Ländern zu schließen.

Eher positiv ist aber, dass gerade Luxemburg über die nötigen Kapazitäten verfügt, um im Rahmen einer repräsentativen Studie die tatsächliche Lage im Land relativ zeitnah bewerten zu können. Luxemburg dürfte damit eines der ganz wenigen Länder sein, das auf einer seriösen wissenschaftlichen Basis zeitnah mit einer Exit-Strategie beginnen kann. Und nur mit einer solchen Entscheidungsbasis lässt sich die Gefahr einer zweiten Epidemie-Welle in Grenzen halten.

Aber leider sollten wir uns auch darüber im Klaren sein, dass es bis zum Vorliegen von wirklich belastbaren Resultaten noch einige Wochen dauern könnte. Und bis dahin wäre es fahrlässig, die Maßnahmen zur Eindämmung dieser Epidemie wieder zu lockern. Bei einer zu schnellen Lockerung dieser Maßnahmen könnte es nämlich dazu kommen, dass sehr schnell eine zweite Epidemie-Welle auf uns zu kommt und die Fallzahlen in einen Bereich steigen, in dem die Ausbreitung kaum noch beherrschbar ist.

Aus diesen Gründen werden wir aus meiner Sicht heraus wohl noch für ein paar Wochen die Geduld behalten müssen. Meines Erachtens werden wir kaum eine Lockerung der Maßnahmen vor dem 4. Mai erleben.

Wobei das alles natürlich der Entwicklung von Plänen für eine sinnvolle Exit-Strategie nicht entgegensteht. Damit sollte ganz im Gegenteil so schnell wie möglich begonnen werden. Und diese Planung sollte auch klar und offen kommuniziert werden, damit jeder für sich schon einmal mit der Planung beginnen kann. Aber auf Basis der heute vorliegenden Zahlen ist es kaum sinnvoll, bereits jetzt ein Datum für den Beginn der Phase 2 anzugeben. Weil es die bisher vorliegenden Zahlen schlicht nicht zulassen und weil das Risiko einer verfrühten Lockerung der Maßnahmen für uns alle viel zu groß wäre.

Claus Nehring

Der Autor ist freiberuflicher Autor, Texter und Web-Entwickler mit Sitz in Luxemburg. Er ist diplomierter Informatiker und Statistiker und verfügt über jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Er publiziert Artikel zu Themen rund um Gesellschaft, Internet und verschiedene Wissenschaftsgebiete in seinem eigenen Blog und in verschiedenen Foren.

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