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Doch, die Corona-Maßnahmen in Luxemburg wirken

Im Moment liest man in den sozialen Netzwerken und in Teilen der luxemburgischen Presse viel darüber, dass die luxemburgischen Maßnahmen nicht gewirkt hätten und dass Luxemburg im Vergleich mit anderen Ländern (gerade im Vergleich mit Deutschland) deswegen sehr schlecht dastünde. Aber nur durch die ständige Wiederholung alleine wird das nicht unbedingt richtiger. Deswegen möchte ich mit Ihnen gemeinsam in diesem Artikel einmal einen Blick auf die Zahlen werfen, weil die, im Gegensatz zu vielen Kommentaren, vielleicht eher die Wahrheit widerspiegeln.

Wobei da bei den luxemburgischen Zahlen leider eine Einschränkung gemacht werden muss. Denn in den von der Santé veröffentlichten Zahlen sind seit dem 27. August die bei Grenzgängern festgestellten Infektionen nicht mehr enthalten. Leider sind ebendiese Grenzgänger aber weiterhin am Infektions-Geschehen beteiligt, das durch die offiziellen Zahlen vermittelte Bild dürfte also ein wenig von der Realität abweichen. Allerdings findet diese Abweichung bei der Anzahl der Neu-Infektionen statt und verfälscht nicht den Blick auf die Situation in den Kliniken oder die Anzahl der Todesfälle, die Analyse der Situation auf Basis dieser Daten sollte also trotzdem ein korrektes Bild liefern.

Der Blick auf die Zahlen

Wenn man anhand der Zahlen die Situation analysieren will, dann reicht der Blick auf die Neu-Infektionen nicht aus. Deswegen möchte ich in den nächsten Absätzen anhand von Grafiken einmal kurz auf die verschiedenen Statistiken eingehen, die aus meiner Sicht zur Beurteilung interessant sind.

Weiter unten im Fazit dieses Artikels finden Sie dann eine Gesamtbetrachtung der aktuellen Situation. Der Stand dieses Artikels ist übrigens der 17. Dezember 2020, die verwendeten Daten stammen vom 16. Dezember 2020.

Alle Vergleiche zwischen Ländern in diesem Artikel beziehen sich auf die Länder Luxemburg, Deutschland, Frankreich, Belgien, Spanien und die Niederlande. Bei Interesse an einem Vergleich zu anderen Ländern können Sie mich gerne per E-Mail an claus@clausnehring.com oder per Facebook-Messenger erreichen, ich werde Ihnen die entsprechenden Grafiken dann zukommen lassen.

Die 7-Tages-Inzidenz

Die oft verwendete 7-Tages-Inzidenz ist in Zeiten der Corona-Pandemie durch das deutsche Robert-Koch-Institut bekannt geworden, das diese Zahl zur Risikoeinschätzung von Regionen und Ländern verwendet. Die Kennzahl gibt die Anzahl der Neu-Infektionen der jeweils letzten 7 Tage pro 100.000 Einwohner an.

In der folgenden Grafik finden sich vier Kennzahlen. Die wichtigsten davon sind die Neu-Infektionen pro Tag im Wochen-Durchschnitt (blaue Kurve) sowie die oben beschriebene 7-Tages-Inzidenz (rote Kurve). Die im Hintergrund sichtbare hellblau-gestrichelte Kurve gibt die Anzahl der Neu-Infektionen pro Tag wieder und dient nur der Visualisierung der doch recht starken Tagesschwankungen.

Die grün-gestrichelte Kurve gibt die Anzahl der durchgeführten Tests pro Tag im Wochendurchschnitt wieder (auf der Sekundärachse rechts) und gibt Aufschluss darüber, ob die Anzahl der Tests für die Schwankungen in der Zahl der Neu-Infektionen verantwortlich sein könnte. Man sieht hier ziemlich deutlich, dass es hierzulande einen Höhepunkt in der Testung in der zweiten Julihälfte gegeben hat, der aber nur einen geringen Einfluss auf das Infektionsgeschehen hatte. Seit Ende Oktober bleibt die Testanzahl konstant hoch, während sich das Infektionsgeschehen nach einem Höhepunkt Anfang November kontinuierlich verringert. Bei gleichbleibend hoher (zum Schluss sogar steigender) Testanzahl lässt sich daraus ableiten, dass das Infektionsgeschehen in der Bevölkerung nachlässt, die Maßnahmen also Wirkung zu zeigen beginnen.

Die Fallsterblichkeit (CFR)

Die Fallsterblichkeit (im englischen als CFR für Case-Fatality-Ratio abgekürzt) gibt an, wie viele Todesfälle es unter den bekannten Erkrankungen gibt. Ich berechne für meine Grafiken die Fallsterblichkeit auf Basis der Infizierten von jeweils 14 Tagen zuvor, um dem Faktor Rechnung zu tragen, dass zwischen einer Infektion und dem Tod aufgrund der Erkrankung eine gewisse Zeitspanne liegt. Ein Mittelwert von 14 Tagen erscheint mir realistisch. Die Methode wird beispielsweise hier beschrieben und als „delay-adjusted case fatality ratio“ bezeichnet, ich benutze den Begriff „Delayed CFR“.

Neben der Fallsterblichkeit gibt es die Infektions-Sterblichkeit (IFR für Infection-Fatality-Ratio), die den Anteil der Todesfälle an allen Erkrankten angibt. Die genaue Berechnung dieser Kennziffer ist schwierig, weil ja im Allgemeinen nicht alle Infizierten auch erkannt werden (mehr über diese Dunkelziffer finden Sie in diesem Artikel hier im Blog). Aber aus Studien ist bekannt, dass die IFR für die Covid-19-Erkrankung irgendwo zwischen 0,8 und 1 Prozent liegen dürfte. Für meine Grafiken gehe ich von einer IFR von 0,9 % aus.

Die Fallsterblichkeit ist ein ziemlich wichtiger Indikator, weil sie eine Annäherung an die Dunkelziffer erlaubt. Im Idealfall, wenn also alle Erkrankten in der Bevölkerung bekannt wären, sollte die Fallsterblichkeit nämlich gleich der Infektions-Sterblichkeit sein. Eine möglichst niedrige Fallsterblichkeit zeigt also eine relativ niedrige Dunkelziffer an und lässt sich beim SARS-CoV-2-Virus nur durch möglichst umfassende Tests erreichen.

In der folgenden Grafik sehen Sie die oben beschriebene Delayed CFR (die orange Kurve), die auf denselben Tag berechnet CFR (die blau-gestrichelte Kurve) sowie informatorisch die kumulierte Anzahl der Todesfälle (die rote Kurve).

Aus der Fallsterblichkeit lässt sich übrigens auch annähernd die Situation in den Kliniken abschätzen. Denn ein hoher Anteil von Todesfällen unter den bekannten Infizierten spricht für eine große Anzahl von Fällen mit einem schweren Verlauf unter diesen bekannten Infizierten und damit auch für eine hohe Bettenbelegung in den Kliniken.

Umso mehr Tests in einem bestimmten Land durchgeführt werden, umso mehr asymptomatische oder leicht symptomatische Fälle können entdeckt werden. Diese Infizierten haben weit überwiegend einer leichten Verlauf einer Covid-19-Erkrankung und werden deswegen vermutlich nicht in eine Klinik eingeliefert werden müssen. Aber sie fließen in die Berechnung der Fallsterblichkeit ein und drücken diese Kennzahl nach unten.

Der Vergleich zwischen den Ländern

Wenn die oben gemachten Annahmen über die Anzahl der Neu-Infektionen und der Zusammenhang zwischen Testanzahl, Neu-Infektionen und Fallsterblichkeit stimmen, dann müssten sich das bei einem Vergleich zwischen den Ländern zeigen. Luxemburg sollte in diesem Vergleich dann zwar eine sehr hohe Anzahl von Neu-Infektionen aufweisen, andererseits sollte die Fallsterblichkeit (als Maß für die Dunkelziffer und die Situation in den Kliniken) gleichzeitig aber unter der der anderen Länder liegen. Deswegen wollen wir uns das jetzt anhand von ein paar Grafiken einmal ansehen.

Die 7-Tages-Inzidenz

Die folgende Grafik vergleicht die 7-Tages-Inzidenz von Luxemburg mit der in Belgien, Deutschland, Frankreich, Spanien und den Niederlanden.

Dabei fällt auf, dass sich die Lage in Luxemburg (grüne Kurve) nach einer anfänglich explosiven Entwicklung relativ schnell beruhigt hat. Zwar ist die Anzahl der Neu-Infektionen immer noch bedeutend höher als in den anderen Ländern, aber die Tendenz weist mittlerweile recht deutlich nach unten. In den anderen Ländern lässt sich das nicht so ohne weiteres sagen, hier sieht die Lage eher stabil (Frankreich, rote Kurve) bzw. steigend aus.

Die Anzahl der durchgeführten Tests

Unerlässlich für eine Beurteilung ist natürlich die Anzahl der durchgeführten Tests in einem Land. Diese Informationen sind in den von mir benutzten Daten der Johns Hopkins University leider nicht enthalten, sie werden aber von OurWorldInData erfasst und öffentlich zugänglich gemacht.

In der folgenden Grafik lässt sich leicht erkennen, dass die Anzahl der durchgeführten Tests in Luxemburg sechs- bis zehnmal so hoch wie in den anderen verglichenen Ländern ist. Genau diese hohe Testanzahl trägt dazu bei, dass die Lage in Luxemburg trotz einer enorm hohen Zahl an Neu-Infektionen eben noch nicht zu katastrophalen Verhältnissen geführt hat.

Quelle : Our World In Data

Die Fallsterblichkeit (CFR)

Die letzte Grafik vergleicht die Fallsterblichkeit zwischen den sechs Ländern. Wie oben bereits erklärt, lässt sich anhand dieser Kennzahl annähernd die Dunkelziffer und auch die Situation in den Kliniken abschätzen. Im Idealfall (wenn also tatsächlich alle Infizierten bekannt sind) sollte diese Kennzahl nach aktuellen Studien wohl um 0,9 % liegen.

Umso niedriger dieser Wert ausfällt und umso flacher die Kurve verläuft, desto besser hat die Teststrategie in einem bestimmten Land funktioniert und desto eher kann man von einer „kontrollierten“ Situation sprechen.

Und folgerichtig wird auch gerade in dieser Grafik mehr als deutlich, dass Luxemburg (bei allen eventuellen Schwächen und Fehlern) doch offenbar eine sehr gute Arbeit geleistet hat. Allenfalls in Deutschland ist ein ähnlicher Kurvenverlauf (wenn auch auf höherem Niveau) sichtbar, alle andern Länder haben sichtbare Probleme bei der Kontrolle der Dunkelziffer und damit der Pandemie.

Warum die Kontrolle der Dunkelziffer so wichtig ist, können Sie übrigens bei Interesse in diesem Artikel in diesem Blog nachlesen.

Fazit

Luxemburg weist eine erschreckend hohe Anzahl an täglichen Neu-Infektionen mit dem SARS-CoV-2-Virus aus. Und dieses hohe Niveau an Infektionen ist natürlich auch nicht nur den vielen Tests geschuldet, sondern auf ein reales Infektionsgeschehen zurückzuführen. Denn dass diese Infektionen real sind, wird aus der sehr angespannten Situation in de Kliniken hierzulande mehr als deutlich. Um die Situation in den Kliniken weiter zu entspannen und die Zahl der Todesfälle zu verringern, werden wir auch in den nächsten Monaten noch mit Einschränkungen leben müssen.

Aber trotzdem ist die luxemburgische Teststrategie ein voller Erfolg. Denn die hohe Anzahl an Tests sorgt weiterhin dafür, dass hierzulande weitaus mehr asymptomatisch und leicht symptomatisch Erkrankte als in anderen Ländern entdeckt werden, die sich danach aufgrund der Quarantäne nicht mehr am Infektionsgeschehen beteiligen und damit auch keine anderen Menschen mehr anstecken können.

Wegen dieser sehr großen Testkapazitäten hinkt der Vergleich mit anderen Ländern gewaltig. Denn dasselbe Infektionsgeschehen ist auch dort vorhanden, es werden aufgrund mangelnder Tests nur erheblich weniger asymptomatische und leicht symptomatische Fälle entdeckt. Was dann wiederum dafür sorgt, dass diese Menschen nicht wissen, dass sie überhaupt erkrankt sind, und immer mehr andere Menschen anstecken. Sogar bei unseren Nachbarn in Deutschland ist genau deswegen mittlerweile der Überblick über das Geschehen verloren gegangen.

Und wegen dieser sehr großen Testkapazitäten liegt in Luxemburg die Fallsterblichkeit unter der der anderen Ländern. Was dann wiederum bedeutet, dass es hierzulande in Relation zu den Infektionen weniger Todesfälle, weniger schwere Verläufe und weniger Klinikeinweisungen gibt.

Letztlich könnte es also durchaus sein, dass die luxemburgische Teststrategie dafür gesorgt hat, dass wir uns jetzt vielleicht tatsächlich etwas weniger Lockdown als unsere Nachbarn leisten können. Von einer Entwarnung sind wir allerdings noch meilenweit entfernt, und auch ein kompletter Lockdown kann nach wie vor nicht ausgeschlossen werden.

Denn, um da mal ein paar Metaphern zu bemühen, wir sind noch längst nicht über den Berg und wir tanzen immer noch am Rande eines Vulkans. Wir werden in den nächsten Monaten sehr aufpassen müssen, damit sich diese positive Entwicklung nicht wieder umkehrt.

Nach wie vor ist jeder von uns gefragt, um die Maßnahmen bestmöglich umzusetzen. Nach wie vor sollten wir uns, gerade jetzt während der Festtage, immer wieder fragen, ob dieser oder jener Kontakt oder diese und jene Shopping-Tour denn jetzt unbedingt sein muss. Nach wie vor sollten wir auf das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes und den Abstand zu Anderen achten, auch wenn’s immer schwerer fällt.

Wir haben’s ganz alleine in der Hand. Wir können uns jetzt alle für ein paar Monate am Riemen reißen und dann vielleicht erreichen, dass irgendwann einmal „der luxemburgische Weg“ als Beispiel für ein gutes Pandemie-Management gelten könnte. Oder wir können’s lassen, mit den Folgen leben und uns dann später fragen, wie wir eigentlich so dumm sein konnten.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen schöne Festtage, bitte bleiben Sie gesund und verlieren Sie nicht die Hoffnung. Bessere Zeiten werden kommen, und sie sind nur noch wenige Monate entfernt.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu Themen rund um Gesellschaft, Internet und verschiedene Wissenschaftsgebiete.

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