CoronaGesellschaft

Die große Gefahr der ersten Lockerung

Wir können in Luxemburg gerade eine Situation beobachten, vor der Epidomiologen vor Beginn der Diskussion um Lockerungs-Maßnahmen immer wieder gewarnt haben. Der Lockdown hat dafür gesorgt, dass der Anstieg der Neu-Infektionen überschaubar geworden ist. Und das Gesundheitssystem ist weit von einer Überlastung entfernt.

Für viele, ob Politiker, Bürger, Verbände oder Unternehmen, wirkt das wie das lange ersehnte Licht am Ende des Tunnels. Und sie benehmen sich entsprechend. Aber, um bei der Metapher zu bleiben, dieses Licht könnte durchaus auch ein entgegenkommender Zug sein.

Was gerade passiert

In Luxemburg ist im Moment, so wie auch in den meisten anderen Ländern Europas, ein aus vergangenen Epidemien bekanntes Verhalten zu beobachten. Der Lockdown hat ganz offenbar gewirkt, die täglichen Zuwachszahlen sinken rapide, die Sonne scheint. Es gibt zwar noch eine Menge negativer Meldungen in der Presse, aber an die haben sich die meisten von uns bereits gewöhnt. Die erste Angst vor dem Virus scheint jedenfalls verflogen.

Das Anlaufen der ersten Lockerungs-Maßnahmen und das schöne Wetter haben viele Leute erneut auf die Straße gelockt, jedenfalls sind in den Innenstädten ganz offensichtlich wieder mehr Menschen unterwegs. Und die europäische Politik überbietet sich gegenseitig mit Forderungen nach immer mehr Lockerungen. Die deutsche Bundeskanzlerin hat das gerade heute als „Öffnungsdiskussionsorgien“ bezeichnet, und das war nicht positiv gemeint.

Weil nämlich in dieser ersten Euphorie eine ganz erhebliche Gefahr versteckt liegt, die Angela Merkel als gelernte Naturwissenschaftlerin durchaus erkennt.

Die gefährliche Unterschätzung

Selbst wenn es uns im Moment so vorkommen mag, das Virus ist nicht verschwunden. Ganz im Gegenteil. Es ist jetzt erheblich verbreiteter, als es das zum Beginn der Krise war. Lassen Sie mich das an ein paar Zahlen erläutern.

Aus der untenstehenden Grafik können Sie ersehen, dass die Anzahl der aktiven Infektionen zu Beginn der Einschränkungen deutlich unter 100 (am 12. März waren es 26) lag. In den nachfolgenden drei Wochen bis zum 2. April ist diese Zahl auf über 2.400 (genau 2.487) angestiegen.

Nun lassen Sie uns einmal annehmen, dass sich durch eine Lockerung zum heutigen Tage wieder eine ähnliche Steigerung ergeben würde. Allerdings würde diese Situation heute nicht mit den 26 Infizierten des 12. März beginnen, sondern mit den rund 1.000 aktiven Fällen des heutigen Tages.

Das könnte dann innerhalb der nächsten 21 Tage rund 92.000 neue Infektionen und eine schlagartige Überlastung der Klinikkapazitäten bedeuten. Das ist übrigens kein Rechenfehler, sondern eine ganz natürliche Folge einer exponentiellen Ausbreitung. Nun muss es natürlich nicht so schlimm kommen. Aber schon eine nur halb so hohe Steigerungsrate würde recht schnell zu einer Überlastung der Kliniken mit den mittlerweile bekannten Folgen (siehe Italien) führen.

Mehr zu diesem Thema finden Sie bei Interesse übrigens auch in meinem Artikel Die Gefahr der zweiten Welle.

Was wir jetzt tun sollten

Wir sollten uns ständig und gerade jetzt vor Augen führen, dass diese Gefahr nicht aus der Luft gegriffen ist. Sie ist ganz im Gegenteil höchst real. Und deswegen sollten wir gerade jetzt auf die nötige Distanz und die Vermeidung unnötiger Wege achten.

Wir befinden uns nämlich gerade mitten in einem Experiment. Und zwar in einem, dass in dieser Form noch niemals und nirgendwo stattgefunden hat. Wir leben gerade mit einer durch ein Virus hervorgerufenen Pandemie, das wir weder kennen noch abschätzen können. Und wir versuchen diesen Ausbruch mit Mitteln unter Kontrolle zu bekommen, die noch niemals vorher in dieser weltweiten Form angewandt wurden und deren Folgen wir nicht im Mindesten abschätzen können.

Deswegen habe ich eine Bitte an Sie. Bitte bewegen Sie sich so wenig wie möglich und haben Sie noch drei Wochen Geduld. Jede Bewegung Ihrerseits kann den Erfolg dieses Experiments aufs Spiel setzen. Jeder zusätzliche Kontakt einer einzigen infizierten Person kann dafür sorgen, dass in nur drei Wochen um die 300 Menschen mehr mit dem Virus infiziert sein werden. Und zwar ohne dass diese infizierte Person überhaupt merkt, dass sie bereits infiziert ist.

Geben Sie den Behörden die Chance, mit dieser Bedrohung so gut wie möglich fertig zu werden. Natürlich weiß heute niemand, wie die tatsächlichen Folgen einer bestimmten Maßnahme aussehen werden. Sie nicht, ich nicht, die Wissenschaftler nicht und die Regierung auch nicht. Aber die potentiellen Folgen sind so weitreichend, dass es das Risiko einfach nicht wert ist.

Und diese Folgen sind ziemlich einfach sichtbar. Einige Länder, deren Regierung den Ernst der Lage nicht schnell genug begriffen haben, lassen sich aktuell studieren. Richten Sie einfach den Blick auf die USA oder nach England. Und fragen Sie sich, ob das ein erstrebenswertes Ziel, ob’s das wert wäre.

Wenn Sie dann für sich feststellen, dass Sie diese Zustände hier bei uns nicht möchten, dann bitte „bleift doheem“. Nur noch für drei Wochen. Denn diese drei Wochen ermöglichen es den Behörden, das Risiko ein wenig besser abzuschätzen.

Haben Sie Anmerkungen, andere Ideen oder eine gänzlich andere Meinung? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Der Autor ist freiberuflicher Autor, Texter und Web-Entwickler mit Sitz in Luxemburg. Er ist diplomierter Informatiker und Statistiker und verfügt über jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Er publiziert Artikel zu Themen rund um Gesellschaft, Internet und verschiedene Wissenschaftsgebiete in seinem eigenen Blog und in verschiedenen Foren.

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