Corona

Wissenswertes über mRNA-Impfstoffe

Zuletzt aktualisiert am 1. Mai 2021 von Claus Nehring

Dank der Erfolgsmeldungen der Firmen BioNTech, Pfizer und Moderna bei der Suche nach einem Impfstoff gegen die durch das SARS-CoV-2-Virus ausgelöste Covid-19-Erkrankung ist das Thema mRNA-Impfstoffe momentan omnipräsent. In vielen dieser Artikel und Kommentare wird die Frage gestellt, wie eine so schnelle Impfstoff-Entwicklung (falls sie denn gelungen ist, die finalen Ergebnisse stehen noch aus) überhaupt möglich ist und ob sie auf Kosten der Sicherheit eines eventuellen Impfstoffes gehen könnte.

Leider ist es nicht immer so einfach, in den sozialen Medien die Spreu vom Weizen zu trennen. Deswegen habe ich für Sie in diesem Artikel einfach einmal zusammengetragen, was mRNA-Impfstoffe überhaupt sind, wie sie funktionieren und wie die Wissenschaft überhaupt auf die Idee für solche Impfstoffe gekommen ist.

Die Geschichte begann vor drei Jahrzehnten

Alles begann mit der Idee einer Biochemikerin. Die in Ungarn geborene Katalin Karikó forscht schon seit den frühen 1990er Jahren in den USA an Medikamenten auf Basis der sogenannten Messenger-RNA (auf Deutsch auch „Boten-RNA“) oder kurz mRNA. Und ihre Idee ist, wie die meisten genialen Ideen, eigentlich bestechend simpel.

Unser Körper ist auf Millionen winziger Proteine angewiesen, um am Leben und gesund zu bleiben. Die mRNA enthält die Bauanleitung für diese Proteine. Mit ihrer Hilfe teilt der Körper den Zellen mit, welche Proteine hergestellt werden sollen. Wenn man also nun eine eigene mRNA entwerfen könnte, dann ließe sich mit dessen Hilfe der Körper zur Herstellung jedes gewünschten Proteins bringen, seien es nun Antikörper gegen Infektionen, Enzyme gegen bestimmte Krankheiten oder auch Wachstumsmittel zur Reparatur von geschädigtem Gewebe.

Im Jahr 1990 gelang es Forschern der University of Wisconsin dann auch tatsächlich erstmals, diese Idee bei Mäusen umzusetzen (die entsprechende Forschungsarbeit wurde am 23. März 1990 veröffentlicht). Aber Katalin Karikó war damit noch lange nicht zufrieden.

Bevor es mit der Entwicklung weitergehen konnte, war allerdings zunächst einmal eine Lösung für ein besonderes Problem notwendig. Denn das Einbringen synthetischer RNA führt zu einer Immunantwort, die mit hoher Wahrscheinlichkeit die mRNA zerstören würde, bevor sie ihre Zielzellen überhaupt erreichen konnte. Zum anderen könnte, was deutlich schlimmer ist, durch das Einbringen der synthetischen RNA eine Immunantwort des Körpers ausgelöst werden, die die Therapie für einige Patienten zu einem Gesundheitsrisiko machen könnte.

An dieser Problematik arbeitete Katalin Karikó seit 1989 an der Medizinischen Fakultät der University of Pennsylvania, seit 1998 zusammen mit dem Immunologen Prof. Drew Weissman. Und sie fanden tatsächlich eine Lösung.

Grundsätzlich besteht ein mRNA-Strang aus vier molekularen Bausteinen, den sogenannten Nukleosiden. In der synthetischen Form des mRNA-Strangs löste einer dieser Bausteine die Immunantwort des Körpers aus. In jahrelanger Forschungsarbeit gelang es dem Team um Karikó und Weissman, diesen Baustein gegen eine leicht optimierte Version auszutauschen, die diese Immunantwort des Körpers nicht mehr auslöste. Diese Entdeckung, die in verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten ab 2005 beschrieben wurde, war die Initialzündung für die Forschung an mRNA-basierten Medikamenten.

Katalin Karikó arbeitet übrigens seit 2013 für die Firma BioNTech, sie ist dort aktuell als Senior Vice-President tätig und daneben nach wie vor beigeordnete Professorin der University of Pennsylvania. Mehr zur Firma BioNTech finden Sie weiter unten in diesem Artikel.

Die Anfänge der Firma Moderna

Moderna ist eines der Unternehmen, die derzeit am weitesten in der Entwicklung eines Impfstoffes gegen die durch das SARS-CoV-2-Virus ausgelösten Covid-19-Erkrankung sind. Und das ist kein Zufall, denn die Firma forscht schon ziemlich lange an mRNA-basierten Medikamenten.

Im Jahr 2005 stolperte Derrick Rossi, ein 39-jähriger Postdoktorand in Stammzellbiologie an der Stanford University, über die Entdeckung von Karikó und Weissman. Als er dann im Jahr 2007, damals als Assistenzprofessor an der Harvard Medical School, mit seinen Forschungen begann, hatte er allerdings keine Impfstoffe im Kopf. Er fragte sich vielmehr, ob eine modifizierte Messenger-RNA der Schlüssel zu einer neuen Quelle von embryonalen Stammzellen sein könnte.

Denn aus diesen embryonalen Stammzellen könnten sich in der Zukunft Ersatzzellen oder ganze Gewebe nachzüchten lassen. Deswegen hat diese Forschung das Potential, eine schwindelerregende Reihe von Erkrankungen zu behandeln, von Parkinson über Alzheimer bis hin zu Rückenmarksverletzungen. Bei Interesse finden Sie mehr zum Thema in diesem Artikel der Max-Planck-Gesellschaft.

Aber bei der Forschung an embryonalen Stammzellen gibt es eine Reihe von ethischen und gesetzlichen Hürden. Denn diese Zellen werden aus „überzähligen“ Embryonen gewonnen, also aus Embryonen, die im Zuge einer künstlichen Befruchtung entstanden sind, aber nicht verwendet wurden. Die Forschungsarbeit mit solchen Embryonen ist aus ethischen Gründen in vielen Ländern der Welt verboten, andererseits erhoffen sich die Forschung von diesen embryonalen Stammzellen wesentliche Fortschritte bei der Behandlung bislang unheilbarer Krankheiten.

Rossi hatte nun die Idee, modifizierte mRNA-Moleküle zu verwenden, um Körperzellen so umzuprogrammieren, dass sie wie embryonale Stammzellen wirken. Und 2009 gelang dem Team um Rossi dann tatsächlich ein Laborversuch, der die grundsätzliche Machbarkeit der Idee bewies. Er stellte seine Idee daraufhin Timothy Springer vor, einem weiteren Professor an der Harvard Medical School und Biotech-Unternehmer, der sich dann wiederum an Robert Langer, einen Professor für biomedizinische Technik am Massachusetts Institute of Technology, wandte.

Bei einem Treffen von Rossi, Springer und Langer im Mai 2010 erkannten Springer und Langer sehr schnell, dass die von Rossi beschriebene Verwendung von modifizierter mRNA eine Entdeckung darstellte, die weit über einen neuartigen Weg zur Stammzellen-Herstellung hinausging. Durch sein Verfahren zur Verschleierung von Stammzellen könnten neue Medikamente und Impfstoffe hergestellt werden, die Millionen von Menschenleben retten könnten.

Von diesem Treffen bis zur Gründung der Firma Moderna (der Name steht für „modifizierte RNA“) mithilfe der auf Biotech-Startups spezialisierten Venture-Capital-Firma Flagship Ventures dauerte es dann nur noch einige Monate. Nach Streitigkeiten um die Zuschreibung verschiedener Entdeckungen ist Derrick Rossi übrigens seit 2014 nicht mehr für Moderna tätig, die genauen Hintergründe dafür sind nicht bekannt.

Die Anfänge der Firma BioNTech

Neben Derrick Rossi hat vor allem auch das Ehepaar Ugur Sahin und Özlem Türeci, beide deutsche Ärzte türkischer Abstammung, die mRNA-Technologie vorangetrieben. Das Ehepaar gehörte zu den Forschern, die frühzeitig das Potential der mRNA-Technologie erkannt haben und sie zur Entwicklung von Technologien und Medikamenten für individualisierte Krebsimmuntherapien nutzen wollten.

Zu diesem Zweck gründeten sie zusammen mit einigen Partnern im Jahr 2008 in Mainz das Unternehmen BioNTech (der Name ist abgeleitet von „Biopharmaceutical New Technologies“). Das Ziel der Firma bestand in der Entwicklung personalisierter Impfstoffe, die das körpereigene Immunsystem dazu befähigen sollen, Krebszellen zu eliminieren.

Wie auch die US-Firma Moderna verwendet BioNTech die Technologie, die von den Wissenschaftlern um Katalin Karikó und Drew Weissman an der University of Pennsylvania entwickelt wurde. Folgerichtig stellte das Unternehmen im Jahr 2013 dann auch Katalin Karikó als Senior Vice-President ein, um die Entwicklung der mRNA-Technologie zu unterstützen.

Im Gegensatz zu Moderna, das eine relativ offensive Öffentlichkeitsarbeit betreibt, hat sich BioNTech in den ersten fünf Jahren eher bedeckt gehalten sich auf die Grundlagenforschung konzentriert und, ebenfalls im Gegensatz zu Moderna, seine Forschungsergebnisse ständig veröffentlicht. Seit 2013 ist BioNTech einige Partnerschaften mit großen Arzneimittel-Herstellern eingegangen, mittlerweile befinden sich 13 Verbindungen gegen verschiedene Krankheiten in klinischen Studien, ein zugelassenes Produkt ist daraus, wie auch bei Moderna, bisher nicht hervorgegangen.

Ende letzten Jahres veränderte sich die Welt

Denn am 30. Dezember 2019 veröffentlichte die International Society for Infectious Diseases, eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Massachusetts, einen alarmierenden Bericht. Bei einer Reihe von Menschen in Wuhan, einer Stadt mit mehr als 11 Millionen Einwohnern in Zentralchina, wurde eine „ungeklärte Lungenentzündung“ diagnostiziert.

Chinesische Forscher identifizierten bald 41 Krankenhauspatienten mit der neu aufgetretenen Krankheit. Die meisten hatten den Wuhan South China Seafood Market besucht, einen Markt, auf dem lebende Wildtiere verkauft werden. Dies gab Anlass zur Sorge, dass ein Virus von einem Tier, möglicherweise einer Fledermaus, auf den Menschen übergesprungen sein könnte. Dort hatte, zumindest nach allem, was wir bis heute wissen, die Corona-Pandemie ihren Ursprung und von dort aus breitete sie sich weltweit aus.

Nun verfügt China über eine breite wissenschaftliche Erfahrung mit Viren und über erstklassige Forschungseinrichtungen, deswegen konnten chinesische Wissenschaftler das für die Krankheit verantwortliche Virus (das dann später als SARS-CoV-2 bekannt werden sollte) recht schnell identifizieren und schon am 10. Januar seine genetische Sequenz online stellen.

Das war für die beiden weltweit führenden Unternehmen im Bereich der Messenger-RNA der Startschuss für ausgedehnte Forschungen zur Impfstoff-Entwicklung. Denn diese beiden Unternehmen stellten schnell fest, dass sie im Besitz eines Know-Hows waren, das zur schnellen Entwicklung eines Impfstoffes führen konnte.

Dazu kam, das jetzt ein einziges Mal die für die Forschung benötigten Geldmittel kein Problem mehr darstellen sollten, weil viele Länder dieser Erde (allen voran übrigens die EU) und viele private Geldgeber (allen voran die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung) die wissenschaftliche Forschung mit erheblichen Mitteln unterstützten.

Mittlerweile sieht es danach aus, als habe das US-Unternehmen Moderna sich die Forschung komplett von der US-Regierung finanzieren lassen (was angesichts der America-First-Politik von Donald Trump durchaus vorstellbar wäre) und als habe die US-Regierung darüber hinaus die Abnahme von mindestens 100 Millionen Impfstoffdosen zum Preis von 2,48 Milliarden US-$ garantiert. Außerdem sieht es leider auch danach aus, als ob einige Miteigner von Moderna nach Bekanntwerden erster positiver Resultate den folgenden Kurssprung zum sehr vorteilhaften Verkauf von Aktienpaketen genutzt hätten.

BioNTech hat sich zur Entwicklung und Produktion eines Impfstoffes mit dem Pharmariesen Pfizer zusammengetan und ein anderes Konzept gewählt. Beide Unternehmen finanzieren die für Entwicklung und Produktion eines Impfstoffes aus eigenen Mitteln, im Falle einer Zulassung wurden Lieferverträge unter anderem mit der EU für 300 Millionen Dosen und den USA für 100 Millionen Dosen abgeschlossen. Etwaige Verluste im Falle eines Fehlschlags tragen die Unternehmen allerdings selbst.

Der CEO von Pfizer, Albert Bourla, hat das in einem Interview in der Nachrichtensendung Face the Nation (CBS) vom 13. September 2020 noch einmal bestätigt. Er sagte in diesem Interview, dass sein Unternehmen den finanziellen Verlust im Falle eines Fehlschlags bei der Impfstoff-Entwicklung tragen würde. Pfizer habe sich zu diesem Schritt entschlossen, um das Impfstoff-Projekt ohne Zwänge von politischer Seite vorantreiben zu können.

Das geht so übrigens auch klar aus einer Vereinbarung zwischen der Europäischen Investitionsbank EIB und BioNTech hervor, in der das Unternehmen einen Kredit über 100 Millionen € erhält, der hauptsächlich zur Erweiterung der Produktionskapazitäten verwendet werden soll.

Ein kleiner Ausflug in die Biologie

Um zu verstehen, was mRNA eigentlich ist und warum keine große Gefahr von solchen Impfstoffen ausgeht, benötigen wir zunächst einmal ein paar Informationen über den Aufbau von DNA und RNA und den Aufbau von Zellen. Deswegen finden Sie in den folgenden Absätzen ein paar (grob vereinfachte) Erklärungen dazu.

Das Erbgut ist nichts anderes als ein Bauplan, ein Code, der beschreibt, wie bestimmte Proteine aufgebaut sein sollten. Beim Menschen besteht dieses Erbgut aus der DNA, einer doppelsträngigen Kette aus vier verschiedenen Molekülen, genannt Basen. Dieses Modell der „Doppelhelix“ kennen die meisten von uns vermutlich noch aus dem Schulunterricht, jeder Mensch trägt eine einzigartige Version davon in sich.

Die in der DNA beschriebenen Proteine wiederum sind so etwas wie die Motoren des Körpers. Sie sind aus Aminosäuren zusammengesetzt und übernehmen im gesamten Körper überlebenswichtige Aufgaben. Diese Proteine sind maßgeblich am Bau von Zellen beteiligt und entscheiden darüber, welche Form sie annehmen und welche Funktionen sie übernehmen.

Beim Aufbau von Proteinen gibt es zwei Hauptschritte, das Ablesen der DNA und den eigentlichen Zusammenbau des Proteins. Diese beiden Schritte finden an zwei verschiedenen Orten in der Zelle statt, die miteinander verbunden werden müssen. Und genau dieser Zwischenschritt erfolgt über die mRNA. Ein mRNA-Strang dient also als Bote zwischen der DNA im Zellkern und der Maschinerie, mit der Proteine zusammengebaut werden. mRNA wird im Zellkern erstellt, wandert aus dem Zellkern heraus ins Zytoplasma und wird dort für den Proteinbau abgelesen.

Wie funktioniert ein mRNA-Impfstoff?

Ganz einfach ausgedrückt soll sich ein mRNA-Impfstoff in den oben beschriebenen Zwischenschritt zwischen dem Ablesen der DNA und dem Zusammenbau eines Proteins einklinken. Der Code, der mit dem synthetischen mRNA-Strang eingebracht wird, enthält nicht den Bauplan für ein menschliches Protein, sondern einen winzigen Teil des Spike-Proteins, das auf der Oberfläche des SARS-CoV-2-Virus verankert ist. Und zwar genau den Teil, der vom Immunsystem erkannt wird.

Für alle, die gerne noch ein bisschen tiefer in die Materie einsteigen wollen und die sich ein paar Fachbegriffe mehr zutrauen, gibt es hier unter dem Titel Dekonstruktion des Programmcodes des BioNTech/Pfizer SARS-CoV-2 Impfstoffes einen sehr lesenswerten Artikel (mit einem großen Dankeschön an Matthias Rauls für den Tip).

Das Ziel besteht darin, dass einige Zellen im Körper einen Teil eines Spike-Proteins herstellen, durch den das Immunsystem zur Produktion von Antikörpern angeregt wird, ohne dass es zuvor eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus gegeben hat. Dem Immunsystem wird also durch vom Körper selbst produzierte Proteine eine Infektion vorgegaukelt.

Die Sicherheit eines mRNA-Impfstoffes

Die Impfung mittels eines mRNA-Impfstoffes hat zwei große Vorteile. Zum einen stellt der Körper das für die Bildung von Antikörper notwendige Spike-Protein selbst her, es müssen also keine körperfremden Virenbestandteile, Antikörper oder DNA-Stränge in den Körper eingeschleust werden.

Zum zweiten ist mRNA nicht besonders stabil. Nachdem die künstliche mRNA einmal ihren Dienst getan hat, wird sie, ebenso wie die Millionen anderer mRNA-Stränge im Körper, vom Körper abgebaut oder zerfällt einfach (siehe auch hier in Nature). Die synthetische mRNA lange genug stabil zu halten, um sie überhaupt in Zellen einschleusen zu können, war sogar eine der größten Herausforderungen der Forschung.

Trotzdem sollte genau bestimmt werden können, welche Effekte eine Dosis mRNA im Körper auslöst, wie lange sie wirksam bleibt und ob sie andere unerwünschte Nebenwirkungen und/oder Prozesse auslösen kann.

Hierbei hilft enorm, dass die mRNA-Forschung bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten betrieben wird und das deswegen eine Menge an Vorwissen existiert. Denn auch wenn noch nie ein mRNA-Impfstoff zugelassen wurde, gibt es doch eine Handvoll mRNA-Wirkstoffe, die bereits klinisch getestet wurden (ein Beispiel wäre ein Impfstoff gegen Tollwut, der hier in The Lancet beschrieben wird) und viele Informationen geliefert haben.

Der Transport der mRNA-Moleküle in die Zelle erfolgt bei den Impfstoffen von BioNTech und Moderna mithilfe von kugelförmigen Molekülen aus Fettsäuren, sogenannten Lipiden, in die Zelle transportieren. Die Methode gilt als sicher, Nebenwirkungen durch diese Lipid-Moleküle gelten als ausgeschlossen.

Ein anderes Thema sind sogenannte Adjuvanzien, das sind zusätzliche Stoffe, die die Wirkung eines Impfstoffes unterstützen sollen. Bei vielen Impfstoffen sind hierfür gesonderte Prüfungen notwendig, die mRNA-Impfstoffe von BioNTech und Moderna enthalten keine Adjuvanzien.

Ergänzung vom 1. Mai 2021: Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete, Arzt und Anti-Corona-Aktivist Wolfgang Wodarg hat am 21. Februar mal wieder eine seiner üblichen Falschbehauptungen aufgestellt. Diesmal ging es darum, dass die Corona-Impfstoffe zu unkontrollierbaren Membranfusionen und damit zu Gewebeschäden und Tod führen könnten. Das Ganze wurde dann tausendfach in den sozialen Medien geteilt, hat ein Eigenleben entwickelt – und entstammt natürlich immer noch, wie fast alle Behauptungen Wodarg’s, dem Land der Fantasie. Warum diese Behauptung grundfalsch ist, können Sie in diesem Artikel nachlesen:

Nein, Corona-Impfstoffe können kein unkontrollierbares Zellsterben verursachen
Hunderte User auf Facebook und Zehntausende auf Telegram haben Mitte Februar eine Behauptung verbreitet, wonach die Corona-Impfstoffe zu unkontrollierbaren Membranfusionen und damit zu Gewebeschäden und Tod führen könnten. Als Grundlage dafür dient eine neue Studie des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). Der Studienleiter selbst allerdings dementiert die Behauptung, auch unabhängige Expertinnen ...

Kann ein Impfstoff in nur einem Jahr entwickelt werden?

Klinische Studien sind bei der Impfstoff-Entwicklung enorm wichtig. Und klinische Studien (das sind die Versuche am Menschen, die in die Phasen I bis III unterteilt werden) brauchen normalerweise sehr viel Zeit. Deswegen gibt es sehr viele Beiträge in den sozialen Netzwerken, die die Sicherheit eines Impfstoffes alleine aufgrund der kurzen Entwicklungszeit in Frage stellen.

Dazu sollte man allerdings wissen, dass ein Großteil der langen Dauer der klinischen Tests anderer Impfstoffe von 10 Jahren und mehr hauptsächlich mit Warten verbracht wird. Denn für klinische Tests ist viel Geld notwendig, das in normalen Zeiten nur sehr langsam aufgebracht werden kann. Ein weiteres Problem liegt in der Rekrutierung von genügend Freiwilligen zur Durchführung der Tests. Normalerweise ist dies eine sehr schwere Aufgabe, in Zeiten der Corona-Pandemie stellten diese beiden Faktoren überhaupt kein Problem dar, die normalerweise sehr umfangreichen Wartezeiten entfielen damit.

Zum zweiten ist es glücklicherweise so, dass das SARS-CoV-2-Virus der Wissenschaft einen ziemlichen Vorsprung verschafft hat. Denn die Coronaviren, zu denen SARS-CoV-2 gehört, werden bereits seit Jahrzehnten erforscht. Daher war zur Zeit des Ausbruchs dieser Corona-Pandemie bereits seit langem bekannt, dass das Spike-Protein eine zentrale Rolle bei der Immunreaktion spielt. Deswegen musste nicht lange danach gesucht werden, wo eine Impfung überhaupt ansetzen sollte.

Der dritte wichtige Faktor liegt in der Rolle der Gesundheits-Behörden, die sich mit der Zulassung eines neuen Impfstoffes befassen. Normalerweise nehmen sich diese Behörden nach Abschluss der dritten klinischen Phase (das sind die großflächigen Studien mit mehreren zehntausenden von Teilnehmern) einige Monate Zeit, um die Ergebnisse zu begutachten. In diesem Fall werden die Studien-Ergebnisse von den Behörden schon ab der ersten Testphase sehr eng verfolgt, der abschließende Begutachtungs-Prozess geht deswegen deutlich schneller als zu „normalen“ Zeiten vor sich.

Ein letzter Faktor für die enorme Beschleunigung des Entwicklungsprozesses liegt in der vorgezogenen Produktion der Impfstoffe. Normalerweise käme kein Pharma-Unternehmen auf die Idee, große Mengen eines Impfstoffes vor der endgültigen Zulassung zu produzieren. Aufgrund der besonderen Lage nehmen die Unternehmen allerdings das Risiko einer frühzeitigen Produktion in Kauf, obwohl die endgültige Zulassung noch lange nicht sichergestellt ist. So konnte beispielsweise das Konsortium aus BioNTech und Pfizer laut airlive.net bereits am vergangenen Freitag (27. November 2020) mit der großflächigen Verteilung der Impfstoffe beginnen, obwohl der Zulassungs-Prozess weder in den USA noch in der EU abgeschlossen ist.

Anmerkung: Auch hier sind übrigens wieder Behörden an der Beschleunigung beteiligt. Die amerikanische Federal Aviation Administration (FAA) hat für diese Flüge eine Zuladung von Trockeneis zur Kühlung der Impfstoffe von 15.000 Pfund (das entspricht rund 6,8 Tonnen) erlaubt, das entspricht dem fünffachen der normalerweise erlaubten Menge.

Letztlich ist die enorm schnelle Entwicklung von Impfstoffen also nicht auf eine Vernachlässigung der Sicherheit zurückzuführen, sondern eher auf eine Kombination aus ausreichenden Geldmitteln, bereits vorher vorhandenem Wissen, Kooperation vonseiten der Behörden und einer ausreichenden Anzahl an Testpersonen zurückzuführen.

Dass die beschleunigten Verfahren nicht zu Lasten der Sicherheit gehen sollen, haben übrigens auch die neun führenden westlichen Pharma-Unternehmen, die an Impfstoffen gegen Covid-19 arbeiten, noch einmal in einer beinahe historisch zu nennenden Erklärung bestätigt. Die CEOs von AstraZeneca, GlaxoSmithKline, Johnson & Johnson, Merck & Co, Moderna, Novavax, Sanofi, BioNTech und Pfizer verpflichteten sich in einer offenen Erklärung trotz Zeitdrucks zu einer sorgfältigen Corona-Impfstoffentwicklung unter Einhaltung aller wissenschaftlichen Standards.

Dieses doch eher ungewöhnliche Versprechen der Arzneimittelhersteller, sich an lang etablierte Regeln zu halten, zeigt, wie stark die gegenwärtige Suche nach einem Impfstoff zur Eindämmung der Pandemie bereits politisiert wurde. Die Unternehmen wehren sich damit auch gegen den steigenden Druck aus Politik und Öffentlichkeit, möglichst schnell mit einem Impfstoff auf den Markt zu kommen. Die gesamte Erklärung finden Sie beispielsweise hier in einer Pressemitteilung von Pfizer vom 8. September 2020.

Übrigens haben die Wettbewerber aus Russland und China, die teilweise bereits mit nicht nach diesen Standards getesteten Impfstoffen auf dem Markt sind, diese gemeinsame Erklärung nicht mitunterzeichnet.

Was passiert nach der Zulassung von Impfstoffen?

Wir haben in den vorherigen Absätzen gesehen, dass die Entwicklung eines Impfstoffes aufgrund einer nahtlosen Zusammenarbeit aller Beteiligten sehr wohl ohne Einbußen bei der Sicherheit möglich ist. Aber das heißt noch lange nicht, dass deswegen jetzt alles über die Wirkung dieser Impfstoffe bekannt wäre.

Zum einen lässt sich auf heutiger Basis unmöglich abschätzen, wie lange die sich nach einer Impfung bildende Immunität anhalten wird. Dazu ist einfach noch nicht genügend Zeit vergangen, man wird erst später sehen können, ob (und wenn ja, nach wie vielen Jahren) eine Auffrischung des Impfschutzes notwendig sein wird.

Zum zweiten wurden die Impfstoff-Kandidaten trotz sehr umfangreicher Phase-III-Studien natürlich noch nicht in allen Bevölkerungsgruppen getestet. Deswegen kennen wir die Wirkung in einigen Hochrisiko-Gruppen ebenso wenig wie eventuelle selten auftretende Nebenwirkungen.

Wir wissen, dass es in den Phase-III-Studien der mRNA-Impfstoffe bisher keine schweren Nebenwirkungen gegeben hat (bei anderen Impfstoffen übrigens schon, beispielsweise bei dem von AstraZeneca) und können deswegen wohl davon ausgehen, dass solche Nebenwirkungen zumindest bei den mRNA-Impfstoffen, wenn überhaupt, nicht sehr häufig auftreten werden. Aber ganz ausschließen lassen sich solche Nebenwirkungen nun einmal auch nicht (beispielsweise kann bei der Influenza-Impfung laut Paul-Ehrlich-Institut in ungefähr 6 Fällen pro einer Million Impfungen das Guillain-Barré-Syndrom auftreten).

Solche Nebenwirkungen können vielfach erst dann erkannt werden, wenn ein Impfstoff bereits großflächig eingesetzt wird, eine hundertprozentige Sicherheit davor wird es nicht geben können.

Aber man sollte bei der Forderung nach hundertprozentiger Sicherheit auch bedenken, dass der Verzicht auf einen vorhandenen und zugelassenen Impfstoff bedeuten würde, dass wir alle weiterhin mit Einschränkungen unserer persönlichen Freiheit würden leben müssen. Zumindest so lange, bis es auf natürlichem Wege zu einer Durchseuchung mit der entsprechenden Anzahl an Todesfällen und schweren Verläufen gekommen ist. Eine Impfung dürfte vor diesem Hintergrund, selbst bei seltenen Nebenwirkungen, immer noch das deutlich kleinere Übel darstellen.

Gibt es Nebenwirkungen einer Impfung

Ja, die gibt es. Und es sollte sie auch geben, weil sie ein Zeichen für ein funktionierendes Immunsystem sind. So sind Dinge wie Kopfschmerzen, Rötungen, Fieber und ein vorübergehendes Unwohlsein ganz normale Begleiterscheinungen einer Impfung, die durch die Aktivierung des Immunsystems entstehen.

Auch das ist immer von der jeweiligen Person abhängig. So werden die meisten Menschen vermutlich kaum Begleiterscheinungen spüren, andere wiederum könnten sich durchaus leicht erkrankt fühlen. Andererseits dürften die Begleiterscheinungen einer Impfung verglichen mit einer Covid-19-Erkrankung für die meisten von uns wohl eher als Lappalie gelten.

Verändern mRNA-Impfstoffe das menschliche Erbgut?

Nein, das tun sie nicht, mögen Impfgegner in den sozialen Netzwerken auch noch so oft das Gegenteil behaupten.

Messenger-RNA-Stränge enthalten eine Bauanleitung für ein Protein und gelangen nicht in den Zellkern, in dem sich die DNA-Informationen befinden. Grundsätzlich ist der chemische Aufbau von RNA-Molekülen ein anderer als der von DNA-Molekülen, eine Verbindung untereinander ist nicht möglich. Damit eine Verbindung überhaupt möglich wäre, müsste die mRNA zunächst einmal in DNA umgewandelt werden können, was in einer menschlichen Zelle nicht möglich ist.

Bei mRNA-Impfstoffen ist dieses Risiko schlicht nicht vorhanden, genau darin liegt einer der großen Vorteile dieser Technik (das lässt sich beispielsweise hier im New England Journal of Medicine nachlesen). Etwas anders sieht das übrigens bei einer anderen Art von erbgutbasierten Impfstoffen, nämlich den DNA-Impfstoffen aus. Bei diesen haben Studien zwar die meisten Bedenken zerstreut, trotzdem werden hier DNA-Stränge in den Körper eingeschleust, die grundsätzlich zu einer solchen Verbindung mit der menschlichen DNA fähig wären.

Gerade bei den Pamphleten der allgegenwärtigen Impfstoff-Gegner sollte man also durchaus darauf achten, ob hier nicht möglicherweise Informationen über mRNA- und DNA-Impfstoffe munter durcheinandergemischt werden.

Wilde Theorien von Impfgegnern

Und dann gibt es da noch ein paar wilde Theorien von Impfgegnern, auf die ich hier einmal kurz eingehen möchte.

Die erste und meistgehörte ist die Theorie vom Impfzwang, der angeblich eingeführt werden soll. Und sie ist vielleicht in einem gewissen Sinn nicht einmal so falsch. Zwar haben sich mittlerweile so ziemlich alle maßgeblichen Politiker gegen einen Impfzwang ausgesprochen. Und selbst wenn diese Politiker ihre Meinung ändern sollten, wäre eine Zwangsimpfung wohl kaum politisch durchsetzbar.

Aber durch die Hintertür wäre eine Art von Impfpflicht vermutlich möglich. Denn es könnte durchaus passieren, dass manche Länder, Regionen oder Einrichtungen (Hotels, Gaststätten, Fitnesscenter, Fluglinie usw.) keine Gäste mehr akzeptieren, die keine Impfung gegen Covid-19 nachweisen können. Ein solches Vorgehen wäre vermutlich zum Schutz der anderen Gäste rechtmäßig. In diesem nicht unwahrscheinlichen Fall wäre jede nicht geimpfte Person ganz automatisch in gewisser Hinsicht eingeschränkt.

Die vermutlich fast ebenso verbreitete Mär ist die vom Mikrochip, der angeblich mit der Impfung eingesetzt werden soll, um die Menschen zu kontrollieren. Ich erspare mir an dieser Stelle die Argumente gegen diese Theorie, im Internet finden sich beispielsweise hier genügend.

Auf die noch hirnrissigeren Theorien, beispielsweise der QAnon-Jünger, möchte ich an dieser Stelle eher nicht eingehen, sie finden aber bei Interesse eine Auswahl davon hier oder an hunderttausend anderen Stellen im Internet, eine Google-Suche nach corona verschwörungstheorien reicht völlig aus.

Fazit

Die neuen mRNA-Impfstoffe von BioNTech und Moderna dürften im Moment unsere beste Chance darstellen, mit dieser Corona-Pandemie fertig zu werden. Das werden sie allerdings nicht sofort tun können, bis zu einer weiträumigen Verteilung und zur Erzielung einer Herden-Immunität wird es noch eine ganze Weile dauern.

Eine Impfung kann auch immer nur dafür sorgen, dass das körpereigene Immunsystem auf eine eventuelle Infektion besser und schneller reagieren kann. Im Idealfall lassen sich dadurch zwar schwere Verläufe weitestgehend verhindern, eine Infektion und die Ansteckung anderer Menschen werden aber höchstwahrscheinlich weiter möglich sein.

Deswegen wird eine Impfung nicht bedeuten, dass sich die geimpfte Person ab sofort wieder völlig frei bewegen kann. Denn eine erfolgreiche Impfung bedeutet zwar, dass die Person selbst vor den schwereren Folgen einer Covid-19-Erkrankung geschützt ist. Aber sie bedeutet nicht, dass sich diese Person nicht mit dem SARS-CoV-2-Virus infizieren und dann wieder andere (nicht geimpfte) Mitmenschen anstecken könnte.

Aber jeder einzelne geimpfte Mensch trägt mit dazu bei, dass wir diese Pandemie so langsam unter Kontrolle bekommen. Denn eine Herden-Immunität kann erst dann eintreten, wenn einmal mindestens 70 % der Bevölkerung gegen eine Erkrankung immun geworden sind. Mithilfe einer natürlichen Durchseuchung ist das eine ziemlich langwierige Angelegenheit, in Luxemburg dürften wir momentan so bei knapp 6 % der Bevölkerung angekommen sein.

Wir werden also in der ersten Phase der Impfungen ein paar Menschen mit genügend Zivilcourage brauchen, die sich trotz allem Geschrei der Impfgegner impfen lassen, um dieser Welt wieder zu einem Stückchen Normalität zu verhelfen. Ich möchte zu diesen Menschen gehören, Sie hoffentlich auch.

Anmerkung: Auf science.lu gibt es gerade eine Umfrage über die Impfbereitschaft der luxemburgischen Bevölkerung. Nehmen Sie doch einfach mal daran teil, das ermöglicht der Wissenschaft eine bessere Einschätzung der Stimmung in der Bevölkerung.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu diesem Thema, aus verschiedenen anderen Wissenschafts-Bereichen und aus dem Bereich Internet & Gesellschaft,

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