Corona

Ein paar Worte zur Bildung in Corona-Zeiten

Dieser Kommentar zur Lage stammt von „Bissiges Mäuschen“ und ist mit ihrer freundlichen Genehmigung hier im Blog veröffentlicht worden. Sie können (und sollten) ihr auf Twitter unter https://twitter.com/BMauschen folgen. Hier geht’s zum Original-Thread mit allen Kommentaren.

Anmerkung: In Deutschland gibt es in manchen Bundesländer ein Abitur nach 13 Schuljahren (G9), in anderen Ländern wurde das Abitur nach acht Gymnasialjahren (G8) eingeführt. Die Abkürzung G8 steht also für „8 Gymnasialjahre“.

Ja, die Bildung der Kinder macht mir Sorgen. Aber ich habe die erste G8-Generation bei uns an der Uni erlebt. Und wisst ihr, was uns da aufgefallen ist?

Die waren nervös und eingeschüchtert, weil ihnen jahrelang von Presse und Gesellschaft erklärt wurde, dass sie es so super schwer haben würden. Das war der Jahrgang, wo sie beim Dozentenkennenlernen auffällig oft gefragt haben, wie man später an Promotionsstellen und Jobs kommt.

Die waren oft geradezu panisch, wenn Klausuren anstanden oder wenn sie mal durch eine durchgefallen waren. Was sie nicht waren: Schlecht, dumm und unfähig. Aber gestresst waren sie, von den Ansprüchen, die eine Debatte um ihre zukünftige Arbeitsmarktfähigkeit ihnen von klein auf aufgedrängt hat.

Und ja, auch die Coronazeit ist eine riesige Belastung für Schulkinder. Und darüber müssen wir reden, klar. Aber diese Debatten bekommen sie mit. Und diese Debatten schüchtern sie ein, wenn sie sie ständig mit dem Bild einer zukünftigen Versagergeneration konfrontieren.

Und das ist keine Folge von Corona und den Maßnahmen dagegen. Das ist etwas, das wir ihnen aufbürden. Und auch da gilt es, verantwortungsvoll zu sein, gerade im Internetzeitalter, wo Medien und Social Media eben allen zugänglich sind.

Die Umstellung auf G8, selbst die Nachkriegszeit haben nicht zu Generationen von Bildungsversagern geführt und ich halte die Kinder von heute nicht für unfähig. Mit etwas Hilfe können die mit sehr vielem einigermaßen gut umgehen. Aber dass WIR ihnen das zutrauen, das müssen wir ihnen mitgeben.

Und dieses Vertrauen vermisse ich von selbsternannten Fürsprechern „in der Krise“, aber auch von Kultusministern.

Und dass hier zuweilen „Panikmache“ auf dem Rücken und zum Schaden von Kindern stattfindet, um egoistische Interessen durchzusetzen – das macht mich wütend.

Und wenn ich einem Teil von Euren Kindern später an der Uni ein bisschen mehr beibringen muss – mich werdet ihr nicht jammern hören.

Das sind sie mir wert! Denn ich glaube daran, dass auch aus dieser Generation tolle Menschen werden, selbst, wenn wir heute einiges an Mist bauen!

Nachtrag: Danke für die vielen tollen Diskussionsbeiträge. Zwei allgemeine Anmerkungen:

Ich rede von Gymnasiasten und Akademikern, weil ich die direkt beobachtet habe, aber ich glaube fest, dass auch andere Schul- und Ausbildungswege unter der Debattenkultur als zusätzlichem Stressfaktor leiden – teilweise vielleicht sogar noch mehr, da sie das zusätzlich zu einer zu oft sowieso schon empfundenen Abwertung tragen müssen. Gerade hier darf Wertschätzung und Vertrauen nicht zu kurz kommen!

Und zum zweiten: Natürlich gibt es viele echte Probleme, die wir auch benennen und diskutieren müssen – von Bildungsgerechtigkeit über Leistungsstress zu veralteten Konzepten usw. Aber das muss alles weit über Corona hinaus angegangen werden und auch hier sollten wir klarer auf Verbesserungen hinarbeiten, als in die „früher war alles besser“ und „ach, die Kinder von heute, aus denen wird nix“-Falle zu tappen. Denn das sind Stereotypen, die nur Druck aufbauen, einem oft verklärten Ideal nachzueifern, die aber nicht gemeinsam mit den Heranwachsenden von heute konstruktiv für die Zukunft planen.

Nach der Krise gilt es, all das nicht zu vergessen. Jetzt gilt es, zu unterstützen, zu helfen und die Leistungen von jetzt anzuerkennen – ohne den Blick nur auf den Abstand zu einem Ideal der Wirtschaft oder der Generation davor zu fokussieren.

Und ja, dazu gehört auch in den kommenden Jahren etwas Flexibilität und Verständnis, wenn eine Schülergeneration zwar technisch brillant und medienkompetent ist, aber ab und zu nochmal ein bisschen Hilfe mit dem Dreisatz oder der Kommasetzung braucht!

Mäuschen out!

Den Original-Thread mit allen Kommentaren gibt’s übrigens hier :

Bissiges Mäuschen

Wenn schon Mäuschen, dann wenigstens bissig! Ich trolle Twitter mit Argumenten und manchmal ein bisschen Sarkasmus

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