Corona

Die Impf-Situation in Großbritannien ist nicht so gut, wie sie dargestellt wird

Dies ist eine Übersetzung eines englischsprachigen Artikels von Deepti Gurdasani, die ich mit ihrer freundlichen Genehmigung hier im Blog veröffentliche. Sie können (und sollten) ihr auf Twitter unter https://twitter.com/dgurdasani1 folgen. Etwaige Übersetzungsfehler und Ungereimtheiten in der Übersetzung gehen allein auf mein Konto.

Anmerkung des Übersetzers: dieser Artikel bezieht sich auf die Verhältnisse in Großbritannien. Aber die Mechanismen der Pandemie und die sich durch die Mutanten ergebende Problematik gilt weltweit, der Inhalt des Artikels ist deshalb auch für alle Länder ähnlich relevant.

Ich sehe gerade sehr besorgniserregende Schlagzeilen darüber, dass „die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung in Großbritannien geimpft sei“.

Die Wahrheit ist, dass gerade einmal 3% unserer Gesamtbevölkerung vollständig geimpft ist und 38% der Bevölkerung eine erste Impf-Dosis erhalten haben. Warum ist dieser Unterschied wichtig? Und was bedeutet das für die Pandemiekontrolle?

Ich habe vielfach gehört, dass die Pandemie wegen der Impfung vorbei sei!! Es ist wichtig zu wissen, dass dies absolut nicht der Fall ist – und dass es Schlagzeilen wie diese sind, die diese Idee fördern.

„Jeder ist in Sicherheit, also können wir uns jetzt öffnen.“

Dem ist leider nicht so.

Schauen wir uns zunächst einmal die bisher geimpfte Bevölkerung an: wir haben versucht, einem Großteil der gefährdeten Bevölkerung so schnell wie möglich eine Einzeldosis Impfstoff zu verabreichen. Leider hat die Mehrheit eben auch nur eine einzige Dosis erhalten, und wir haben jetzt gute Daten, die darauf hindeuten, dass diese Menschen viel weniger geschützt sind.

Unser Artikel im British Medical Journal zitiert Beweise aus PHE (Public Health England) und anderen Studien, die zeigen, dass der Schutz insbesondere bei älteren und klinisch gefährdeten Personen bei symptomatischen Erkrankungen nur 57% betragen kann, obwohl er gegen schwere Erkrankungen wahrscheinlich höher ist.

Diese Gruppen benötigen 2 Impf-Dosen, um einen ausreichenden Schutz aufzubauen, das ist vergleichbar mit jüngeren Populationen. Für diejenigen, die noch nicht geimpft wurden, kann die exponentielle Ausbreitung durch eine anfällige Bevölkerung immer noch Tausende von Todesfällen bedeuten, obwohl das individuelle Todesfall-Risiko geringer wird.

Wie?

Denken wir daran, dass sich dieses Virus sehr schnell exponentiell ausbreiten kann, wenn R über 1 hinausgehen darf. Dies bedeutet, dass es durch die Bevölkerung laufen könnte (auf eine Weise, wie es beispielsweise bei der Grippe nicht vorkommt), da eine große anfällige Bevölkerung verfügbar ist.

Die Mehrheit der Intensivaufnahmen erfolgt derzeit bei Personen unter 70 Jahren, und die Intensivstationen könnten sich auch mit noch jüngeren Menschen füllen. Auch wenn das individuelle Sterberisiko bei den weniger schutzbedürftigen Personen geringer ist, kann die Anzahl der Todesfälle immer noch sehr hoch sein, wenn wir eine Durchseuchung von Millionen von Menschen zulassen.

Glauben Sie nicht nur meinen Worten, auch die von der Regierung in Auftrag gegebenen Modelle zeigen dies deutlich. Sowohl das Imperial- als auch das Warwick-Modell zeigen, dass selbst im optimistischsten Szenario mit fortgesetzter, schrittweiser Wiedereröffnung und gleichzeitig fortschreitender Impfung mindestens 30.000 Todesfälle zu verzeichnen sein werden.

In anderen Szenarien könnten wir bis zu 100.000 weitere Todesfälle sehen, wenn wir R noch höher steigen lassen. Denken wir daran, dass R in einigen Regionen (Schottland) bereits über 1 liegt und dass dort schon die Auswirkungen selbst teilweiser Schulöffnungen ohne angemessene Sicherheitsmaßnahmen zu spüren sind.

Aber was ist mit der Übertragung?

Wenn Impfstoffe die Übertragung reduzieren können, liegt das Ziel der Impfungen im Erreichen einer Herdenimmunität (Anm. des Übersetzers: im englischen auch „herd immunity threshold“ oder HIT)“, dies ist der Anteils der Bevölkerung, der geimpft werden muss, um R unter 1 zu bringen. Wie hoch ist also diese Herdenimmunitätsschwelle?

Wahrscheinlich ziemlich hoch und neue Varianten verändern das Bild erheblich. Unsere Schätzungen mit früheren Varianten lagen im Bereich von 60-70%. Im Wesentlichen hängt die HIT von R und der Wirksamkeit von Impfstoffen bei der Verringerung der Übertragung ab. Stärker übertragbare Varianten bedeuten einen höheren HIT.

Außerdem gilt HIT möglicherweise nur für die Immunität gegen eine bestimmte Variante, wenn neue Varianten in der Lage sind, dem Immunsystem zu entkommen (wie wir jetzt sehen). Das bedeutet, dass das Erreichen der Herdenimmunität für eine Variante möglicherweise nicht auch die Herdenimmunität für die neuen Varianten bedeutet.

Wir sehen dies in Brasilien, wo sich die P.1-Variante schnell verbreitet. In Manaus (dort waren schätzungsweise 76% der Bevölkerung dem SARS-CoV-2-Virus ausgesetzt), sind die Neu-Infektionen weiter angestiegen, die Krankenhauskapazität wurde überfordert, viele weitere Todesfälle waren die Folge.

Das ist möglicherweise geschehen, weil die P.1-Mutante durch die Immunität gegen frühere Varianten nicht vollständig neutralisiert wird, Modellierungs-Studien stützen diese Annahme. Stärker übertragbare Varianten und Varianten, die dem Immunsystem entkommen können, bedeuten, dass die Schwellenwerte für die Herdenimmunität möglicherweise nicht so schnell durch Impfung erreicht werden können.

Und selbst wenn diese Varianten kein Problem darstellten sollten, ist ein großer Teil unserer Bevölkerung noch nicht einmal für eine Impfung geeignet (etwa 21%), da der Impfstoff bei Kindern erst noch getestet werden muss. Und selbst wenn jeder berechtigt wäre, gibt es die sehr reale Frage der Bereitschaft zur Impfung in der Bevölkerung.

Daneben kennen wir die Wirksamkeit in Bezug auf die Verhinderung der Übertragung durch die Impfung immer noch nicht. Obwohl dies angesichts der bisher verfügbaren Daten von AstraZeneca wahrscheinlich recht gut ist, wird es nicht 100% sein.

Eine weitere wichtige Überlegung ist, wer geimpft wird. Die gefährdete Bevölkerung, die am wahrscheinlichsten an einer schweren Krankheit leidet, ist oft nicht dieselbe Gruppe, die am wahrscheinlichsten infiziert wird und das Virus weiterverbreitet. Nennen wir die Personen, die am häufigsten andere infizieren, hier einmal „Mischer“.

Modelle zeigen, dass die Impfung eines hohen Anteils der am stärksten gefährdeten Menschen ohne besondere Berücksichtigung diese „Mischer“ bei gleichzeitig steigender Übertragung (das geschieht dann, wenn die „Mischer“ nicht geimpft wurden und gleichzeitig Lockerungen erfolgen) ideale Bedingungen für ein steigendes Infektions-Geschehen schafft.

Es führt letztendlich auch zu mehr Todesfällen, wenn wir ein steigendes infektions-Geschehen zulassen, weil nicht alle schutzbedürftigen Personen geimpft und selbst die geimpften nicht vollständig geschützt sind und sich die Infektion letztendlich auf sie ausbreitet, weil eben das Infektions-Geschehen hoch ist.

Wir sollten nicht vergessen, dass sich das Virus, obwohl die Infektions-Sterblichkeit für die jüngeren Bevölkerungsgruppen auf individueller Ebene eher niedrig erscheint, in einer vollständig anfälligen Population ausbreiten kann (was beispielsweise die Grippe aufgrund einer vorhandenen Grundimmunität nicht kann).

Das bedeutet, dass große Teile der Bevölkerung infiziert werden können und das wiederum kann zu einer hohen Sterblichkeit auf Bevölkerungsebene und leider auch zu vielen weiteren Fällen von Langzeitfolgen der Covid-19-Erkrankung (Long-Covid), und diese Folgen betreffen alle Altersgruppen.

Exponentielle Anstiege können mit den aktuellen Varianten sehr viel schneller erfolgen als im vergangenen Jahr, wenn wir dies zulassen. Die Impfung kann die Verbindung zwischen Fallzahl, Krankenhausaufenthalten und Todesfällen schwächen, aber sie wird sie sicherlich nicht auslöschen. Und natürlich bleibt die enorme Auswirkung von Long-Covid in diesen ungeschützten Bereichen bestehen.

Konsistente Nachrichtenübermittlung im Bereich der öffentlichen Gesundheit ist zu diesem Zeitpunkt von entscheidender Bedeutung. Es ist eine gefährliche Botschaft, jetzt über ein baldiges Ende der Pandemie durch Impfstoffe zu sprechen, die Diskussion über die Öffnung der Pubs und den Sommerurlaub ist ebenfalls nicht realistisch. Wir müssen uns vielmehr darauf konzentrieren, die Übertragung gering zu halten und gleichzeitig die Impfungen weiterführen.

Auch die Tatsache, dass wir in Großbritannien bereits 10 besorgniserregende SARS-CoV-2-Varianten haben, von denen einige häufiger auftreten, sollte eher ernüchtern. Angesichts dessen, was wir auch in anderen Ländern sehen, müssen wir leider von einer Bedrohung der Wirksamkeit des Impfstoffs ausgehen.

Ich möchte hinzufügen, dass die Impfstoffe ein äußerst wichtiger Teil unserer Pandemie-Reaktion sind, ich möchte ihre Wirksamkeit hier keinesfalls in Frage stellen. Die zunehmende Impfung ist enorm wichtig. Aber sie sind nur ein Teil einer vielschichtigen Strategie, andere Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit sind ebenfalls von entscheidender Bedeutung

Darüber hinaus möchte ich darauf hinweisen, dass die Vergrößerung der Zeitspanne zwischen der Erst- und Zweit-Impfung bei BioNTech/Pfizer für ältere und möglicherweise klinisch gefährdete Gruppen problematisch sein könnte, während das beim AstraZeneca-Impfstoff nicht der Fall ist.

Den Original-Thread mit allen Kommentaren gibt’s übrigens hier :

Deepti Gurdasani

Senior Lecturer at Queen Mary University of London Epidemiology, statistical genetics, machine learning

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Durch das Abschicken des Kommentars werden die eingegebenen Daten in der Datenbank dieser Website gespeichert. Ausserdem speichern wir aus Sicherheitsgründen Ihre IP-Adresse für einen Zeitraum von 60 Tagen. Weitere Informationen zur Datenverarbeitung finden Sie in der Datenschutz-Erklärung.

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"