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Die Bedeutung der Corona-Immunität

Man hört und liest recht häufig über die Immunität nach einer überstandenen Covid-19-Erkrankung. Viele von uns stellen sich dann die Frage, ob man mit einer nachgewiesenen Immunität nicht den ganzen derzeitigen Einschränkungen entgehen könne. Denn schließlich kann man ja dann, so die landläufige Meinung, weder selbst angesteckt werden noch einen anderen anstecken.

Anmerkung: In diesem Artikel ist von der Ansteckung über Tröpfcheninfektion die Rede. Es gibt natürlich weiterhin eine Möglichkeit für Kontaktinfektionen, beispielsweise über die Hände, die auch bei einer vorliegenden Immunität weiterhin möglich sind.

Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Frage, was eine Immunität gegen das Corona-Virus für den Einzelnen und für die Gesellschaft bedeutet und welche ungeklärten Problem es dabei gibt.

Die Immunität

Normalerweise bildet die Immunabwehr unseres Körpers beim ersten Auftreten eines neuen Virus sogenannte Antikörper. Diese Antikörper sind nach einer Infektion im Blut nachweisbar. Anhand des Vorhandenseins dieser Antikörper lässt sich grundsätzlich feststellen, ob eine bestimmte Person in der Vergangenheit mit dem entsprechenden Virus (in diesem Fall SARS-CoV-2) infiziert gewesen ist.

Bei einem Menschen mit einem funktionierenden Immunsystem werden diese Antikörper immer gebildet, allerdings ist die Menge und Effizienz von Mensch zu Mensch verschieden. Außerdem gibt es verschiedene Arten von Antikörpern. Dieser Artikel befasst sich hauptsächlich mit den als Immunglobulin A (IgA), M (IgM) und G (IgG) bezeichneten Antikörper. IgA- und IgM-Antikörper werden einige Tage nach einer frischen Infektion gebildet und bleiben für ungefähr sechs Wochen im Blut nachweisbar. Die spezielleren IgG-Antikörper beginnen sich sehr viel später (ab der 5. Woche nach der Infektion) im Körper zu bilden und können, abhängig von der Krankheit, teilweise jahrelang im Körper verbleiben.

Antikörpertests als Nachweis

Im Falle des SARS-CoV-2-Virus ist bekannt, dass sich die ersten IgA- und IgM-Antikörper nach 6 bis 12 Tagen bilden, die ersten IgG-Antikörper nach ungefähr 5 bis 6 Wochen. Daraus folgt natürlich auch, dass ein Antikörpertest in den ersten Tagen nach einer Infektion immer negativ ausfallen wird, er ist also zur Feststellung einer aktiven Infektion ungeeignet.

Aber es gibt ein noch größeres Problem für diese Antikörpertests. Denn die IgA- und IgM-Antikörper können auch durch eines der bereits länger bekannten Erkältungsviren aus der Corona-Familie entstehen, die gerade in der Winter- und Frühlingssaison stark im Umlauf sind. Die auf diese Erkältungskrankheiten hin gebildeten Antikörper können ebenfalls für sechs bis acht Wochen im Blut verbleiben. Und da diese Antikörper sehr kreuzreaktiv sind, könnte ein Antikörpertest durchaus auch auf die Antikörper anderer Corona-Viren anschlagen und für falsch-positive Ergebnisse sorgen.

Die erheblich besser zum Nachweis einer überstandenen Krankheit geeigneten IgG-Antikörper bilden sich bei Covid-19 erst nach fünf bis sechs Wochen. Damit ist auch ein zuverlässiger Nachweis per Antikörpertest bei Covid-19 erst nach ungefähr sechs Wochen nach Infektion möglich.

Ein positiver Antikörpertest alleine ist daher nicht unbedingt eine Garantie für eine bereits überstandene Covid-19-Erkrankung. Für ein sicheres Ergebnis sind weitere Labortests notwendig, um Fehlerquellen so weit wie möglich auszuschließen. Erst nach diesen zusätzlichen Tests kann man mit annähernder Sicherheit von einer bereits überstandenen Erkrankung (und damit von einer eventuellen Immunität) sprechen.

Die Bedeutung der Immunität

Eine durch die Existenz von Antikörpern (wie oben beschrieben durch mehrere Tests) nachgewiesene Infektion durch das SARS-CoV-2-Virus in der Vergangenheit sollte also mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Immunität gegen eine erneute Infektion bedeuten.

Wie lange diese Immunität anhält, lässt sich allerdings zum derzeitigen Zeitpunkt nicht sagen, dazu ist das Virus noch nicht lange genug bekannt. Von anderen Erregern aus der Corona-Familie wie SARS oder MERS wissen wir allerdings, dass die IgG-Antikörper zwischen drei und 5 Jahren im Blut nachweisbar bleiben. Die Immunität selbst hält wahrscheinlich sogar noch länger an, da diese Antikörper vom Immunsystem bei einer erneuten Infektion sehr schnell nachgebildet werden können (sog. Immunologisches Gedächtnis). Die genauen Verhaltensweisen der Antikörper gegen SARS-CoV-2 werden sich erst in einigen Jahren anhand von Studien bestimmen lassen.

Wir können also im Moment davon ausgehen, dass nach einer überstandenen Covid-19-Erkrankung eine Immunität gegeben ist, deren Dauer zwar zum heutigen Zeitpunkt nicht bestimmbar ist, aber wohl im Bereich von mehreren Jahren liegen dürfte.

Für den einzelnen Betroffenen

Die Frage, was eine erreichte Immunität für den Betroffenen bedeuten könnte, wird derzeit heiß diskutiert. Gerne wird in diesen Diskussionen mit der Idee eines „Antikörper-Zertifikats“ gespielt. Mit einer solchen Bescheinigung über eine vorliegende Immunität könnte die betreffende Person dann wieder völlig normal leben, da ja keinerlei Risiko einer Ansteckung oder Weitergabe mehr besteht.

Leider ist das aber nicht ganz so einfach, da wir ein paar Dinge nicht wissen.

Der wichtigste Punkt ist dabei die Dauer der Immunität. Denn solange wir nicht wissen, wie lange ein Mensch immun ist, kann eigentlich auch kein Zertifikat über diese Immunität ausgestellt werden. Und da wir das eben erst dann wissen werden, wenn die ersten Menschen ihre Immunität verlieren, ist alleine aus diesem Grund heraus die Ausstellung eines solchen Zertifikats nahezu unmöglich.

Das zweite Problem ist die Sicherheit der Tests. Mit heutigen Testmethoden lässt sich zwar durchaus feststellen, ob Antikörper im Blut vorhanden sind. Ob aber diese existierenden Antikörper auch tatsächlich eine Garantie für die Immunität der betreffenden Person darstellen, lässt sich aufgrund der verschiedenen Effizienz dieser Antikörper nicht mit letzter Sicherheit sagen. Und in einer Situation, in der diese Personen dann wieder ein „ganz normales Leben“ führen würden, ist eine hundertprozentige Sicherheit sehr wichtig. Ansonsten könnten nämlich unversehens wieder neue Infektionsherde entstehen.

Ganz abgesehen von diesen eher technischen Problemen stellt sich auch die Frage nach den gesellschaftlichen und rechtlichen Konsequenzen eines solchen „Ich bin immun“-Zertifikats.

  • Eine Bewegungsfreiheit nur für Menschen mit einem solchen Zertifikat würde gleichzeitig auch einen grundlegenden Bruch mit unserem Rechtssystem bedeuten, weil nicht mehr die gleichen Gesetze für alle gelten.
  • Nachweislich immune Menschen könnten verpflichtet werden, in der Pflege, in Krankenhäusern oder anderswo zu helfen.
  • Arbeitgeber könnten auf die Idee kommen, diejenigen mit Immunitäts-Zertifikat zu verpflichten, Reisen in Risikogebiete mit vielen Infizierten anzutreten. 
  • Medizin-Ethische Fragen könnten berührt sein, speziell das „Recht auf Nichtwissen“. Normalerweise steht es jedem Menschen frei zu entscheiden, ob er auf eine bestimmte Krankheit getestet werden möchte. Aber eine Weigerung, sich auf Corona testen zu lassen, könnte im Falle einer Zertifikats-Regelung automatisch zu einem Entzug einiger persönlicher Freiheiten führen.

Und das sind nur die nahe liegenden Fragen, es stellen sich noch sehr viele andere. Ob ein solches Zertifikat in irgendeiner Form durchsetzbar wäre, ist daher eher ungewiss.

Für die Gesellschaft insgesamt

Für die Gesellschaft insgesamt ist die Anzahl der Menschen mit einer bestehenden Immunität hingegen sehr wichtig. Denn ungefähr ein Drittel der Bevölkerung wird mit diesem Virus infiziert sein müssen, bevor eine sogenannte Herdenimmunität erreicht werden kann (mehr darüber finden Sie in meinem Artikel Herdenimmunität, Medikamente und Impfstoffe).

Erst wenn diese zwei Drittel der Bevölkerung eine Immunität erreicht haben (entweder durch eine überstandene Erkrankung oder durch einen Impfstoff), kann man die Pandemie als beendet betrachten.

Nach ein paar aktuellen Studien sieht es im Moment allerdings so aus, als würde sich die aktuelle Anzahl der tatsächlich Infizierten momentan eher im unteren einstelligen Prozentbereich bewegen. Bis zum Erreichen einer nennenswerten Herdenimmunität dürfte also wohl leider noch ein langer und beschwerlicher Weg vor uns liegen.

Das Fazit

In Luxemburg werden wir zunächst einmal auf die Ergebnisse der laufenden CON-VINCE-Studie warten müssen, um eine Ahnung von der Höhe der Dunkelziffer an Infizierten zu bekommen. Vorher lassen sich sinnvolle Maßnahmen kaum planen und umsetzen.

Und wenn diese Studie die zu erwartenden Ergebnisse bringt (derzeitige Anzahl der Infizierten um die 1,5 % der Bevölkerung), dann werden wir uns auf eine lange Periode von Einschränkungen gefasst machen müssen. Es wird vermutlich zwischendurch immer wieder Perioden der Lockerung geben, aber es wird auch immer wieder neue Einschränkungen geben.

Obwohl es durchaus auch positive Zeichen gibt. Die Anzahl der Neu-Infektionen geht beständig zurück. Und obwohl mittlerweile wieder mehr Tests durchgeführt werden, nimmt die Anteil der positiv getesteten Personen beständig ab. Das spricht dafür, dass ständig weniger Personen mit ernsten Symptomen und mehr mit leichten Symptomen getestet werden (wozu allerdings durchaus auch Personen mit Erkältungskrankheiten oder Allergien zählen können).

Alles in allem ist das derzeitige Bild also durchaus positiv. Aber als Entwarnung sollte man es dennoch nicht missverstehen. Denn ohne ernsthafte Einschränkungen werden die Zahlen sehr schnell wieder ansteigen. Vermutlich dürfte für Luxemburg bereits Mitte nächster Woche eine ansteigende Zahl an Neu-Infektionen aufgrund der seit Montag geltenden Lockerungen in den Zahlen sichtbar werden.

Anmerkung: In Deutschland ist dieser Effekt aufgrund der zunehmenden Anzahl von Kontakten am Osterwochenende bereits jetzt sichtbar. Was einmal mehr deutlich zeigt, dass ein Anstieg der sozialen Kontakte nach ungefähr 10 bis 14 Tagen eine Erhöhung der Zuwachsrate auslöst. Denn eine verringerte Ausbreitungsgeschwindigkeit bedeutet noch lange nicht, dass das Virus verschwinden würde.

Einen Ausweg aus dieser Lage wird es vermutlich nur dann geben, wenn entweder (und entgegen der Ansicht der meisten Virologen) die Gefährdung durch das Virus erheblich geringer ist, oder wenn relativ zeitnah ein Impfstoff zur Verfügung steht. Aber leider werden wir darauf wohl noch mindestens bis zum nächsten Jahr warten müssen (mehr über die Gründe dafür finden Sie in meinem Artikel Herdenimmunität, Medikamente und Impfstoffe).

Wir sollten also bis auf weiteres zumindest die Abstands- und Hygieneregeln weiter befolgen, wenn wir innerhalb der nächsten Wochen keine böse Überraschung erleben möchten.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Theme? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Der Autor ist freiberuflicher Autor, Texter und Web-Entwickler mit Sitz in Luxemburg. Er ist diplomierter Informatiker und Statistiker und verfügt über jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Er publiziert Artikel zu Themen rund um Gesellschaft, Internet und verschiedene Wissenschaftsgebiete in seinem eigenen Blog und in verschiedenen Foren.

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