Corona

Wir müssen dringend über Flucht-Mutanten reden

Jedes Virus mutiert. Das passiert rein zufällig, weil bei der Replikation gerne einmal etwas schiefläuft und die Kopien des Virus deshalb kleine Fehler aufweisen. Die meisten der so entstehenden Mutanten werden durch diese Kopierfehler geschwächt und verschwinden deshalb schnell wieder.

Aber manchmal entstehen durch solche Kopierfehler Mutanten, die irgendetwas besser können, als das ursprüngliche Virus (in der Virologie nennt man dieser Mutanten „fitter“). Eine solche fittere Mutante wird sich dann in manchen Fällen gegenüber dem ursprünglichen Virus durchsetzen, also besser verbreiten können.

Ob und wie das passiert, ist von der jeweiligen Infektionslage abhängig. Solange sich in einer Population keine breite Immunität aufgebaut hat, werden in dieser evolutionären Entwicklung im Allgemeinen die Mutanten gewinnen, die infektiöser sind. Im Falle des SARS-CoV-2-Virus können wir das gerade an der schnell zunehmenden Verbreitung der (britischen) B.1.1.7-Mutante sehen.

Umso mehr Immunität sich allerdings in der Bevölkerung aufbaut (sei es durch überstandene Infektionen oder durch eine Impfung), desto weniger Vorteile bietet der Virus-Mutante die höhere Infektiösität (ganz einfach deswegen, weil sich immer weniger Menschen infizieren können). In dieser Situation schlägt die große Stunde der sog. Flucht- oder Escape-Mutationen (das sind Mutationen, die es einer Virus-Mutante erlauben, vom Immunsystem schlechter erkannt zu werden).

Die Variants of Concern

In diese Situation beginnen wir in Europa (je nach Land mehr oder weniger) so langsam zu kommen, und deswegen erschöpft sich gerade der evolutionäre Vorteil der B.1.1.7-Mutante. Stattdessen rücken zwei andere Mutanten in den Mittelpunkt, nämlich die (südafrikanische) B.1.351- und die (brasilianische) P.1-Mutante.

Beide Mutanten sind offenbar in der Lage, dem Immunsystem teilweise zu entgehen. Sowohl in Südafrika als auch in Brasilien ist es während der ersten Pandemie-Welle zu relativ unbeeinflussten Durchseuchungen großer Teile der Bevölkerung gekommen, eine Mutante hatte dort einen evolutionären Vorteil, wenn sie dem Immunsystem zumindest teilweise entgehen und sich stärker unter jüngeren Menschen verbreiten konnte. Genau dies können sowohl die B.1.351- als auch die P.1-Mutante, deswegen konnten sie sich in diesen Gegenden entwickeln (hier gibt es eine kleine Studie zur Entstehung der Mutanten).

Nur leider sind sie nicht dort geblieben, sondern haben sich (besonders die B.1.351-Mutante) weltweit verbreiten können. Deswegen haben wir heute in Europa SARS-CoV-2-Mutanten in der Bevölkerung, die bei zunehmender Impfung und gegenüber dem jüngeren Teil der Population einen evolutionären Vorteil haben. Das Hauptproblem ist für Europa derzeit die B.1.1.7-Mutante, die zu allem Überfluss neben ihrer höheren Infektiösität offenbar auch tödlicher als das ursprüngliche SARS-CoV-2-Virus ist.

Quelle: Tagesschau

Aber umso größer die Verbreitung unter der jüngeren Bevölkerung ist und umso mehr Immunschutz in der Bevölkerung besteht, desto eher werden die beiden anderen Mutanten zu einem Problem werden. Und das ist dummerweise für Luxemburg schon heute der Fall.

Warum das Problem in Luxemburg größer als in anderen Ländern ist

In unseren Nachbarländern spielen die Mutanten B.1.351 und P.1 bislang keine allzu große Rolle im Infektions-Geschehen.

Quelle: covariants.org

In Luxemburg hingegen hat die Mutante B.1.351 mittlerweile einen Anteil von 23% am Infektions-Geschehen.

Quelle: Laboratoire Nationale de la Santé

Was also ist in Luxemburg anders als bei seinen Nachbarn?

Wir reden uns ja hierzulande immer gerne mit dem Hinweis auf die Vielzahl an Tests heraus, die ja auch tatsächlich für das Auffinden sehr vieler asymptomatischer und präsymptomatischer Fälle sorgen und damit unsere Dunkelziffer niedrig halten. In diesem Fall wird das allerdings nicht funktionieren, denn die Anzahl der Tests verändert zwar die Anzahl der gefundenen Infektionen, nicht aber die Aufteilung der verschiedenen Mutanten im Infektions-Geschehen.

Wenn das also die tatsächliche Verbreitung der Varianten darstellt, woran liegt dann der hohe Anteil der B.1.351-Mutante hierzulande? Nun ja, sehen wir uns doch einmal an, in welcher Bevölkerungsstruktur diese Mutante ursprünglich ihren evolutionären Vorteil gefunden hat.

Diesbezüglich sind wir im Moment noch auf Vermutungen angewiesen, die nur durch ziemlich wenige Studienergebnisse gestützt werden. Aber zwei Dinge wissen wir sicher:

  1. Die B.1.351-Mutante hat sich in einer sehr jungen Gesellschaft durchgesetzt, der Altersmedian in Südafrika lag 2020 bei gerade einmal 27,6 Jahren (Quelle: Statista), hierzulande lag er 2020 bei 39,7 Jahren (Quelle: Statista). Es ist also mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass diese Mutante leichter auch jüngere Menschen befallen kann.
  2. Wir wissen aus Studien zu verschiedenen Impfstoffen, dass die Wirksamkeit gegenüber der B.1.351-Mutant geringer ist. Das bedeutet zwar nicht, dass die Impfstoffe nicht immer noch zuverlässig einen schweren Verlauf verhindern würden (das tun sie durchaus, denn dafür ist die zelluläre Immunantwort verantwortlich). Aber es bedeutet, dass es für geimpfte Menschen bei der B.1.351-Mutante ein höheres Infektions- und damit auch Weitergabe-Risiko geben dürfte (dafür ist die schlechtere humorale Immunantwort verantwortlich).

Mehr über Immunität und die Immunantwort des menschlichen Organismus können Sie bei Interesse übrigens im Artikel Das sollten Sie unbedingt über Impfungen und Immunität wissen in diesem Blog nachlesen. Und eine schöne Erklärung zum Problem der Impfstoffe mit der B.1.351-Mutante gibt’s auch hier in einem Video des österreichischen Molekular-Biologen Martin Moder.

Dazu kommt noch, dass auch die hierzulande mittlerweile am weitesten verbreitete B.1.1.7-Mutante offenbar infektiöser für jüngere Menschen ist, auch wenn die Impfung offenbar besser mit ihr klarkommt.

Und obwohl wir das alles schon Ende letzten Jahres gewusst haben und obwohl Wissenschaftler weltweit vor genau dieser Entwicklung gewarnt haben, musste unsere Regierung unbedingt am 11. Januar 2021 die Schulen wieder öffnen und diesen beiden Mutanten damit einen nahezu idealen Verbreitungsweg mitten in die Familien hinein zur Verfügung stellen. Die Mutante B.1.1.7 wurde hierzulande laut LNS übrigens erstmals am 19. Dezember 2020 nachgewiesen, die Mutante B.1.351 erstmals am 11. Januar 2021.

Quelle: Laboratoire Nationale de la Santé

Ich habe schon am 7. Januar 2021 im Artikel Sind die Lockerungen und die Schulöffnung in Luxemburg verantwortungslos? vor genau dieser Gefahr gewarnt und mich damals sogar nur auf die im Vergleich zur Mutante B.1.351 weitaus harmlosere Mutante B.1.1.7 bezogen. Selbst vor diesem Hintergrund war die Öffnung der Schulen mitten in einem bestenfalls diffusen Infektions-Geschehen ein Hochrisiko-Experiment, spätestens seit dem ersten Nachweis der südafrikanischen B.1.351-Mutant war sie völlig verantwortungslos.

Warum das Infektions-Geschehen damals diffus war, habe ich übrigens am 13. Januar 2021 im Artikel Die Corona-Zahlen für Luxemburg sind im Moment nicht aussagekräftig in diesem Blog erklärt. Die gesamte Geschichte der Entwicklung der Mutanten können Sie übrigens auch hier in einem sehr interessanten (allerdings englischsprachigen) Artikel auf BBC Future nachlesen.

Fazit

Wie Sie, liebe Leserinnen und Leser, oben bereits festgestellt haben, waren es in Luxemburg wohl die Entscheidungen der Politik und das ständige Ignorieren der Ratschläge der Wissenschaftler, die uns in diese prekäre Lage gebracht haben.

Wenn ich dann unseren Premierminister in einer Pressekonferenz sagen höre (hier bei YouTube), dass er es nicht akzeptieren könne, wenn Ministerkollegen aufgrund ihrer Entscheidungen für Todesfälle verantwortlich gemacht würden, dann stellt sich mir doch eine Frage. Nämlich die, wer denn nach Ansicht von Herrn Bettel sonst dafür verantwortlich gemacht werden sollte….

Wir befinden uns in Luxemburg derzeit am Anfang einer vierten Pandemie-Welle (oder, wenn’s Ihnen lieber ist, im Wiederaufschwung der 3. Welle, die ja eigentlich nie so richtig beendet war). Und diese Welle könnte heftiger als die Welle vom Oktober/November 2020 ausfallen, weil dieses Mal mehr junge Leute betroffen sein werden und weil dank der Ausbreitung der B.1.351-Mutante möglicherweise diesmal auch bereits geimpfte Menschen das Virus weiterverbreiten könnten.

Wir haben (Stand: 31. März 2021) derzeit eine Wochen-Inzidenz pro 100.000 Einwohner von 277,11, das ist der höchste Wert seit dem 25. Dezember 2020. Unser Bildungsministerium hat im letzten verfügbaren Wochenbericht (vom 25. März 2021 für die Woche vom 15. bis zum 21. März 2021) die Infektion von 397 Personen in den Bildungseinrichtungen des Landes bestätigt.

Reaktionen darauf? Eher wenig, einmal abgesehen von einem Modellversuch mit (von den Schülern selbst durchzuführenden) Schnelltests und ein paar Erklärungen des zuständigen Ministers über die für die Zukunft geplanten Maßnahmen. Nicht einmal das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes ist wirklich verpflichtend, das Bespiel der Waldorf-Schule in Luxemburg (siehe hier im Tageblatt, Abo-Artikel) zeigt überdeutlich die Schwächen des Konzepts auf.

Wenn man die Schulen schon unbedingt offenhalten wollte, dann hätte man sich schon vor den Öffnungen am 11. Januar 2021 um ein Konzept kümmern müssen. Stattdessen hat man seitens der luxemburgischen Regierung das Problem ignoriert und gehofft, dass schon alles nicht so schlimm werden würde. Tja, liebe Regierung, wurde es doch! Und wir müssen’s jetzt ausbaden!

Übrigens verkündete Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gerade in einer Fernsehansprache, dass das Land für mindestens vier Wochen in einen verschärften Lockdown geht (siehe beispielsweise hier bei N-TV), in Österreich gehen drei Bundesländer wieder in den Lockdown (siehe hier bei N-TV). Auch in Deutschland werden die Forderungen nach einem harten Lockdown nach dem Trauerspiel der Ministerpräsidenten der Länder in den letzten Wochen immer lauter (nachzulesen beispielsweise hier in der ZEIT). Und alle drei Länder haben nicht die luxemburgische Problematik des starken Anteils der südafrikanischen Mutante.

Die Frage, in welchem Bereich sich #SARSCoV2 denn nun genau überträgt, ist nach 1 Jahr #Pandemie irritierend: Überall, wo Menschen miteinander Kontakt haben! Ob man das Arbeit/Schule/Freizeit/Urlaub usw nennt, für relevant oder verzichtbar hält, ist dem Virus total egal. #COVID19

Isabella Eckerle auf Twitter am 31. März 2021

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Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu diesem Thema, aus verschiedenen anderen Wissenschafts-Bereichen und aus dem Bereich Internet & Gesellschaft,

2 Kommentare

  1. Hallo,
    Ein schöner allgemeinverstandlicher Artikel (zumindest für die, die verstehen wollen)
    Ein klein wenig vermisst habe ich den Aspekt des Selektionsdruck und der größeren Chance bei hohen Inzidenzen neue und ggf. noch bessere Escape Mutationen zu selektieren.
    Je höher die Inzidenzen desto mehr Mutationen treten auf, aus denen die fittesten selektiert werden können. Je mehr Menschen eine „natürliche“ Immunität nach durchgemachter Erkrankung mit dem Wildtyp (und ggf. Auch B.1.1.7) erwerben desto höher der Selektionsdruck. Gleichzeitig ist ja offenbar der Schutz durch die durchseuchungsbedingte Immunität gegenüber einer Reinfektion etwas geringer als durch die verschiedenen Impfungen.
    Außerdem scheinen Mutationen an bestimmten Stellen aber teilweise unterschiedlicher Art unabhängig voneinander sich parallel in weit voneinander entfernten Gebieten zu entwickeln.
    Je höher also die Inzidenzen, in Deutschland werden ja je nach Modell bis zu 2000 pro 100.000 und Woche für möglich gehalten, desto größer wahrscheinlich auch die Wahrscheinlichkeit des Auftauchens eigener neuer Varianten mit eventuell im Sinne des Virus noch „besseren“ Eigenschaften.

    1. Hallo und danke für den interessanten Kommentar,
      Sie haben völlig recht, das Thema habe ich im Artikel ausgespart. Zum einen deshalb, weil meine Gastautorin Deepti Gurdasani das bereits einmal hier beleuchtet hat und ich über das Thema hier auch schon einmal geschrieben habe.
      Und zum anderen, weil es für die Lage momentan noch nicht so sehr relevant ist. Wir haben im Moment die Mutante B.1.1.7, die sich aufgrund der höheren Infektiösität und der noch wenig vorhandenen Immunität in der Bevölkerung in Europa durchsetzt. Und wir haben im Hintergrund bereits eine Verbreitung der Mutanten B.1.351 und P.1 mit ihrer Escape-Mutation, die sich weiter verbreiten werden, sobald die Immunität in der Bevölkerung zunimmt (oder wenn wir eine Durchseuchung der jüngeren Bevölkerung zulassen, wie gerade in Luxemburg zu sehen). Deswegen ist der Selektionsdruck momentan gerade nicht so enorm hoch.
      Aber natürlich haben Sie völlig recht, wenn Sie sagen, dass mit zunehmendem Infektions-Geschehen natürlich auch die Chance auf eine zufällig entstandene und fittere Mutante wächst (wir haben in UK und in Tirol ja bereits eine B.1.1.7-Variante mit der Mutation E484K gesehen, nachzulesen beispielsweise hier oder hier).
      Liebe Grüße
      Claus Nehring

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