Corona

Wieso ist Peer-Review eigentlich so verlernt worden??

Zuletzt aktualisiert am 3. Mai 2021 von Claus Nehring

Dieser Meinungs-Beitrag ist ursprünglich hier auf Twitter erschienen, ich veröffentliche ihn hier im Blog mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die in diesem Artikel gemachten Berechnungen und Annahmen stammen von der Autorin selbst und sind von mir nicht überprüft worden. Sie können (und sollten) der Autorin auf Twitter unter https://twitter.com/FrauStahlhut folgen.

Anmerkung: Dieser Artikel bezieht sich auf eine Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) zur Hospitalisierung und Sterblichkeit von COVID-19 bei Kindern in Deutschland, die gerade in Deutschland stark mediatisiert und als Argumentationshilfe zum Herunterspielen der Gefahren durch das SARS-CoV-2-Virus für Kinder und Jugendliche benutzt wird. Ich habe den Artikel hier ins Blog übernommen, weil die Argumentation hierzulande recht ähnlich aussieht und deshalb die Einschätzung der Autorin auch für Luxemburg relevant ist bzw. sein könnte.

Herr Jonas Schmidt-Chanasit bezieht sich auf die Stellungnahme von der DGPI und der DGKH, die schon bezüglich des angeblichen Österreichischen Erfolgs so danebengelegen haben.

Stellungnahme von DGPI und DGKH zu Hospitalisierung und Sterblichkeit von COVID-19 bei Kindern in ...
  Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) Hospitalisierung und Sterblichkeit von COVID-19 bei Kindern in Deutschland Stand

Schauen wir uns die Details an:

1. DGPI und DGKH beziehen sich auf die Gesamtheit der „Kinder und Jugendlichen“, nicht auf die Infizierten. Und dazu schätzen sie deren Zahl aber nur.

Ein Link zu den entsprechenden Seiten des Statistischen Bundesamtes unterbleibt genauso, wie ein Hinweis darauf, dass diese aber eben noch nicht infiziert waren.

Bevölkerung nach Altersgruppen (ab 1950)
Diese Tabelle enthält Ergebnisse zur Bevölkerung Deutschlands sowie des früheren Bundesgebietes nach Altersgruppen ab 1950 sowie Veränderungsraten zum Vorjahr.

2. Da sich deren hauseigener Survey auf „Kinder & Jugendliche 0-19 Jahre“ bezieht, sollte man auch deren Zahl korrekt angeben: 15,3 Mio. sind es sogar (siehe Link oben). 9% Unterschied – guter Start.

Weiter:

Als bekannter Fall gelten bisher aber nur 455.150 Kinder und Jugendliche von 0-19 Jahren (Robert-Koch-Institut: SurvStat@RKI 2.0, survstat.rki.de, Abfragedatum: 20.04.2021).

Macht alle angegeben Risikoraten schon mal 30,8-mal höher!

Selbst bei Dunkelziffer-Faktor 3 (hiervon gehe ich nicht aus) über die gesamte Pandemie wäre es noch ein Faktor 10, um den wir hier belogen werden.

Theoretisch könnte man noch haarspalterisch erwähnen:

  • 14 Monate Pandemie: Ein weiterer Geburtsjahrgang gehört zur Gruppe.
  • Heute 0-Jährige waren bei Ausbruch noch nicht geboren & die 19-Jährigen aus dem letzten Frühjahr sind jetzt 20.

Aber es gibt noch viel krassere Fehler:

Angegeben werden 116 Influenza-tote-Kinder für Saison 2018/2019. Nur vergessen sie zu erwähnen, dass dieses die Zahl für die USA ist – was auch deutlich im Bericht steht.

Hält sich trotzdem sehr als Zahl in gewissen Kreisen, wird es so ja auch auf der vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) betriebenen Seite kinderaerzte-im-netz.de angegeben.

Darauf habe ich bereits im Januar hingewiesen:

bzw. direkt zum richtigen Tweet:

Professor Schneider (@ProfDTSchneider) hat den Fehler auch schon anerkannt – bin gespannt, wann es auch eine öffentliche Bekenntnis zu den Fehlern seitens der DGPI und der DGKH geben wird.

Nun werden auch die im DGPI-Survey beobachteten Todesfälle unter Kindern betrachtet – und mit denen beim RKI gemeldeten verglichen:

Indirekt steht da „Das RKI ist großzügiger mit der Diagnose als wir“.

Mit keiner einzigen Silbe steht dort, dass eine Meldung an den DGPI-Survey freiwillig ist – die Meldung an das RKI aber verpflichtend!!

Ehrliche, aufrichtige Wissenschaftskommunikation hätte das erwähnt, auf die mögliche (!) Untererfassung hingewiesen.

Die Stellungnahme verweist darauf, dass das Register seit Beginn der Pandemie bestehe — und kommt trotzdem nur auf ein Drittel so viele Krankenhausbehandlungen bei Kindern und Jugendlichen 0-19J wie das RKI alleine von KW37(7.9.2020) bis heute, nur für die 0-14-Jährigen:

Es gab also 3.004 im Krankenhaus wegen/mit Covid behandelte Kinder bis 14 — anstelle von „etwa 1.200 Kinder & Jugendliche von 0-19“ wie im Survey registriert.

Die Werte in Lila wurden von mir ergänzt, Schwarz ist die originale Download-Datei des RKI, Stand heute: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Daten/Klinische_Aspekte.html

Unwissenschaftlicher Zwischeneinwurf: Ist euch eigentlich auch das Spendenschwein neben der Stellungnahme aufgefallen?

Zurück zum Thema:

Also nicht 1.200 von 14 Millionen = viele Nullen hinterm Komma!

Da nun die Hospitalisierungen nur mit den Altersklassen 0-4 / 5-14 /15-34/35-59/60-79/80+ vorliegen und nur ab Meldewoche 37/2020. Sollten wir also noch mal Anzahl der bekannten Fälle betrachten:

Nun sind es nur noch 261.862 Fälle bei den Kindern von 0-14 Jahren – von denen mindestens 3.004 klinisch behandelt wurden.

Das ist dann plötzlich schon 1,15%.

Jedes 87.te Kind. Jede dritte Schulklasse eines!

Oder anders ausgedrückt:

Wenn wir das genauso durch alle 15,3 Mio. Kinder und Jugendliche rauschen lassen, dann müssten wir mit rund 175.000 weiteren Kinder- & Jugendlichen bei den Krankenhaus-Einweisungen rechnen.

Natürlich berücksichtigt meine Rechnung nicht, dass ich nur „Cases“, also gemeldete Fälle berücksichtigt habe – je nach Zeitpunkt der Studie lag die Dunkelziffer bei Kindern zwischen 1,5 und 6.

Dadurch ist die Hospitalisierungsrate natürlich kleiner und die Zahl der noch verwundbaren Kinder natürlich niedriger.

In Summe „grob geschätzt“ Faktor 20 – aber nicht Faktor 134, wie er mich von den Zahlen der DGPI unterscheidet (und ja, ich finde, ich darf „schätzen“: ich bin 1 Twitter-User und nicht „7 Autoren“ und habe keine Stellungnahme verfasst).

Spannend finde ich ja auch die unterschiedlichen Zahldarstellungen:

  • <0,01%
  • 0,00002%

Warum?!?! Weil man vergessen hat, nochmal nach zu schauen, wie groß die „etwa 1.200“ Zahl im Survey genau ist?!

Lag es etwa daran, dass die Zahl am Tag der Veröffentlichung schon bei 1.308 lag? (https://dgpi.de/ auf „Aktuelles -> Covid-News -> COVID-19 Survey-Update: 2021, Kalenderwoche 15“, lässt sich nicht direkt verlinken)

Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, war übrigens dieser Wert, der Anteil derjenigen Kinder, die auf die Intensivstation müssen an den Kindern, die überhaupt im Krankenhaus behandelt werden müssen, lange bei 3% statt nun 5%.

Aber da will ich mich nicht festlegen.

Alte Werte nachlesen kann man übrigens nicht – auch die Artikel aus dem „Archiv““ weisen immer die aktuellen Zahlen aus.

Was die „Ach, es werden gerade nicht mehr Kinder krank, wir testen gerade nur mehr. Wir sehen nicht mehr Kinder im Krankenhaus“-Fraktionen DGPI, DGKH und DGKJ in der Stellungnahme nicht erwähnen:

Auch in deren Survey steigt die Zahl der Kinder-Einweisungen!!

Ich hatte schon einmal darauf hingewiesen, dass es auch in der RKI-Statistik als Zeit-Anteil zur Zeit mehr Fälle bei den jüngeren gibt als bei den älteren:

Hier die Aktualisierung mit den aktuellen Zahlen – direkt im Vergleich zu den alten Versionen:

Ja, Impfung wirkt!

Letzte 8 Wochen = 32% der Wochen mit Detail-Daten.

Bei den älteren Gruppen schrumpft der Anteil der Krankenhausbehandlungen „überproprtional“.

Aber bei den jüngeren wird er immer größer!

Sieht man ja auch an

  • 0-4 Jährige: 383 ↗️ 415 ↗️ 526
  • 5-14 Jährige: 292 ↗️ 347 ↗️ 447

Hospitalisierungen für jeweils 8Wochen.

B.1.1.7 scheint doch gefährlicher auch für Kinder zu sein?

Ich möchte auch noch einmal auf den Aspekt hinweisen, der in der Stellungnahme nur so „nebenbei / indirekt“ enthalten war:

2/3 der Kinder- und Jugendlichen-Krankenhauspatienten ist 10 Jahre oder jünger – gleichzeitig glaubt die Politik aber immer noch, dass es reiche, die älteren Schüler zu schützen.

Also: Passt auf euch auf, passt auf eure Kinder auf – nicht nur, wenn sie Teenies sind!

PS: Und falls euch die „Bildungs-Blogger-Zahlen“ in euren Timelines erscheinen, ist hier der zugehörige Thread:

PS: Am gruseligsten am grundsätzlichen „GESAMT-Bevölkerung“-Betrachten finde ich übrigens, dass das ALLE Kinder mit einschließt, auch die „Vorerkrankten“, die bekanntermaßen ein vielfach höheres Risiko haben und deswegen ein Leben als Schattenfamilie führen!

Bessere Kommunikation: Cleveland Clinic Interview: Großteil mild – aber nicht die ganze Geschichte, wir sehen auch… (hier geht’s direkt zum Video)

PS: Die falsche Zahl an Influenza-Toten wurde heute übrigens offiziell korrigiert:

Den Original-Thread mit allen Kommentaren gibt’s übrigens hier :

Isabell Stahlhut

Isabell Stahlhut ist Lehrerin an einem Gymnasium in Niedersachsen. Neben den Fächern Mathematik und Chemie ist ihr Unterrichtsschwerpunkt Informatik und Robotik. Weiterhin ist sie als Medienpädagogische Beraterin tätig.

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