Corona

Wie die Corona-Pandemie enden könnte

Die Politik hat derzeit ein kleines Problem. Denn die Menschen mögen keine lang andauernden Krisen, und die Politik redet den Menschen gerne ein, dass eigentlich alles ganz „normal“ sei. Deswegen werden selbst Dinge wie der Klimawandel eher klein geredet, man erweckt gerne den Eindruck, dass es ja eigentlich gar kein echtes Problem gäbe.

Das hat bislang auch ziemlich gut funktioniert, wir haben alle gemeinsam die bestehenden Probleme recht erfolgreich ignoriert und totgeschwiegen. Und dann kam auf einmal SARS-CoV-2, würfelte alles durcheinander und nahm uns die Möglichkeit des Schönredens und Verdrängens.

Versucht haben wir’s. Wir haben’s zunächst einmal als chinesisches Problem gesehen und sind davon ausgegangen, dass wir für den Fall der Fälle in Europa doch gut auf so etwas vorbereitet seien. Dann kamen die Bilder aus Italien und wir mussten voller Schrecken feststellen, dass das nicht so ganz stimmte. Darauf folgte die Zeit des Lockdown und der Sommer und wir hatten’s im Kopf eigentlich schon so gut wie hinter uns. Die Winterwelle belehrte uns eines Besseren, seitdem glauben wir, dass die Impfungen die Pandemie schnell beenden werden.

Jetzt stellen wir fest, dass die Wissenschaftler nicht so ganz falsch gelegen haben, als sie von Dingen wie „Evolutionsdruck“ und „Gefahr durch Virus-Varianten“ gesprochen haben. Viele von uns beginnen sich so langsam voller Angst die Frage zu stellen, ob diese Pandemie überhaupt jemals vorbei sein wird.

Und diese Frage ist durchaus berechtigt. Denn es könnte durchaus sein, dass wir dieses SARS-CoV-2-Virus nicht wieder loswerden und dass sich diese Pandemie zu einer langandauernden pandemischen Phase entwickelt. Dieser Artikel geht der Frage nach, wie und wann Pandemien überhaupt enden und wie eine Zukunft mit dem SARS-CoV-2-Virus und seinen Mutationen für uns aussehen könnte.

Wie endeten bisherige Pandemien

Grundsätzlich kann ein Virus ausgerottet werden. Dazu kann es kommen, wenn ein Großteil der potentiellen Wirte eine sterile Immunität gegen dieses Virus entwickelt. Das wiederum kann entweder durch eine natürliche Durchseuchung oder durch eine Impfung geschehen. Zu guter Letzt wird dann ein Virus irgendwann keinen Wirt mehr vorfinden, in dem es sich fortpflanzen könnte, und stirbt aus. Man spricht in diesem Fall von einem medizinischen Ende einer Pandemie.

Dagegen steht das soziale Ende einer Pandemie. Es tritt dann ein, wenn die Menschen sich dazu entschließen, auf Einschränkungen zu verzichten und mit der durch das Virus hervorgerufenen Krankheit zu leben. Das geschieht entweder, weil sich das Virus aufgrund seiner Eigenschaften nicht ausrotten lässt oder wenn die bei einer Infektion hervorgerufene Krankheit nur sehr leichte Folgen hat (beispielsweise die typischen Erkältungsviren).

Ich möchte im Folgenden auf zwei Viren-Pandemien eingehen und Ihnen anhand dieser Beispiele die beiden hauptsächlichen Möglichkeiten zur Beendigung einer Pandemie erläutern.

Die Pocken

Die Pocken, hervorgerufen durch das Variola-Virus, waren eine der tödlichsten Pandemien der Menschheit, alleine im 20. Jahrhundert erlagen ihr 300 bis 500 Millionen Menschen. Wir wissen mittlerweile, dass es die Pocken seit Tausenden von Jahren gibt, in China wurde schon vor 3.000 Jahren dagegen geimpft (mit geringen Mengen des Variola-Virus selbst, die sogenannte Variolation). Die sichere Impfung mit Kuhpocken-Viren (Vaccinia-Viren) beruht auf der 1765 belegten Beobachtung, dass eine Infektion mit dem Kuhpocken-Virus (das beim Menschen nur leichte Symptome erzeugt) vor einer Infektion mit den echten Pocken schützt.

Im Jahr 1967 startete die Weltgesundheits-Organisation (WHO) auf Basis des von Anton Mayr entwickelten abgeschwächten Kuhpocken-Virus (Modified-Vaccinia-Ankara-Virus) ein weltweites Impfprogramm auf allen Kontinenten, die Impfung war jahrelang weltweit vorgeschrieben (in Deutschland beispielsweise bis 1976). Der letzte bekannte Pockenfall trat im Jahr 1978 auf, am 8. Mai 1980 erklärte die WHO die Pocken für ausgerottet.

Die Ausrottung der Pocken ist die bekannteste Ausrottung eines Virus. Aber sie war nur möglich, weil das Pockenvirus einige Schwachstellen hatte.

  1. Das Pockenvirus wird nur von Mensch zu Mensch übertragen, es hat keinen tierischen Wirt, auf den es ausweichen könnte. Erreger, die neben dem menschlichen auch einen tierischen Wirt haben, können über diesen tierischen Wirt immer wieder in die menschliche Population eingetragen werden und sind schon deswegen kaum auszurotten.
  2. Die Immunität gegen die Pocken hält lebenslang an. Dadurch ist eine dauerhafte Unterbrechung der Infektionsketten möglich.
  3. Die Erkrankung lässt sich anhand der Symptome schnell und eindeutig erkennen. Da die Impfung auch noch rund 5 Tage nach einer Infektion wirksam ist, konnte die Impfung bei früher Erkennung auch als Medikament genutzt werden.

Leider trifft all dies weder auf die verschiedenen Influenza-Viren oder auf das SARS-CoV-2-Virus zu, deswegen ist eine Ausrottung dieser Viren kaum vorstellbar.

Die Spanische Grippe

Etwas komplizierter sieht es bei der Spanischen Grippe aus. Denn der Erreger dieser Epidemie, eine Variante des Influenza-A Subtyps H1N1, ist bis heute keineswegs ausgerottet. Dieser Subtyp existiert bis heute, von Zeit zu Zeit tauchen Varianten davon auf, die dem menschlichen Immunsystem unbekannt sind und die sich deswegen pandemisch ausbreiten können. So waren Varianten des Influenza-A/H1N1-Virus beispielsweise für die Russische Grippe von 1977/78 und die Schweinegrippe von 2009/10 verantwortlich.

Influenzaviren verfügen neben dem menschlichen auch über tierische Wirte (deswegen wurde die H1N1-Pandemie von 2009/10 auch als Schweinegrippe bekannt) und können deswegen jederzeit von einem tierischen Wirt wieder auf menschliche Populationen überspringen. Und sie (besonders Influenza-A-Viren) mutieren sehr schnell, können uns deswegen Jahr für Jahr wieder unangenehme Überraschungen bereiten und machen die Entwicklung eines breit wirksamen Impfstoffes entsprechend unmöglich.

Die Spanische Grippe begann 1918 und endete Mitte 1919 nach drei größeren Infektionswellen. Das Ende der Pandemie hatte zwei Gründe. Zum einen hatten zu dem Zeitpunkt schon recht viele Menschen eine Immunität gegen den Erreger aufgebaut, zum zweiten hatte sich das Virus zu einer schwächeren Form entwickelt.

Eine solche Abschwächung eines Virus im Laufe der Evolution ist durchaus nichts Ungewöhnliches. Denn das grundlegende Bedürfnis eines Virus besteht in seiner möglichst weiten Verbreitung. Ein Virus kann sich am besten dann vermehren, wenn sein Wirt nicht einmal bemerkt, dass es überhaupt da ist. Deswegen kann ein leichter Verlauf einer eventuellen Erkrankung für ein Virus durchaus einen evolutionären Vorteil bedeuten. Wenn also irgendwann eine Mutation eines Virus mit ähnlich hoher Infektiösität und einem leichteren Krankheitsverlauf auftritt, dann wird sich diese Variante mit hoher Wahrscheinlichkeit auch durchsetzen.

Leider ist das bei Influenza-Viren mit ihrer schnellen Mutations-Geschwindigkeit erheblich wahrscheinlicher als bei Corona-Viren mit ihrem eingebauten Mechanismus zur Fehlerkorrektur bei der Replikation. Wir sollten uns also eher nicht darauf verlassen, dass so schnell eine abgeschwächte Variante des SARS-CoV-2-Virus auftaucht und diese Pandemie für uns beendet.

Die weitere Entwicklung der Corona-Pandemie

Die weitere Entwicklung ist mittlerweile ziemlich klar absehbar. Wir befinden uns gerade in einem Wettrennen zwischen SARS-CoV-2-Virus und Covid-19-Impfung. Und leider sieht’s im Moment so aus, als würde das Virus durch seine Mutationen einen Vorsprung bekommen. Deswegen hier zunächst einmal ein kleiner Blick auf die aktuell wichtigen Mutationen.

Die Mutationen

Bei den Mutationen reden wir in der Hauptsache von drei neu aufgetauchten Varianten, der (britischen) B.1.1.7-, der (südafrikanischen) B.1.351- und der (brasilianischen) P.1-Mutante. Das sind die Varianten, die uns im Moment die größten Sorgen bereiten und die vom ECDC als Variants of Concern bezeichnet werden. Diese Sorgen bereiten sie uns wiederum hauptsächlich aufgrund von zwei Mutationen, die als N501Y und E484K bekannt geworden sind.

Anmerkung: Die Länder stehen hier in Klammern, weil ich die Bezeichnungen nach Ländern nicht übermäßig mag. Das klingt für mich ein wenig nach Schuldzuweisung, ich fühle mich da immer etwas an Trump’s „China-Virus“ erinnert. Daher benutze ich hier die international gebräuchlichen Pango-Lineages für die verschiedenen Varianten des SARS-CoV-2-Virus.

Übrigens ist an Mutationen nichts Ungewöhnliches oder besonders Bemerkenswertes. Lebewesen verändern sich ständig, das kennen wir noch aus der Evolutions-Theorie von Charles Darwin (der übrigens vor zwei Tagen, am 12. Februar 2021, seinen 212. Geburtstag gefeiert hätte), um sich äußeren Einflüssen anzupassen. Auf diese Art und Weise ist aus dem Homo erectus der moderne Mensch geworden, und auf diese Art und Weise verändern sich Viren. Der Sinn und Zweck eines Virus besteht in seiner möglichst effizienten Vermehrung, deswegen wird es immer versuchen, infektiöser zu werden und der Immunantwort seines Wirtes auszuweichen. Genau das passiert auch hier.

Die Mutation N501Y ist in allen drei „Variants of Concern“ zu finden. Es handelt sich um eine Veränderung des Spike-Proteins, die wohl für eine bessere Bindung an unsere Zellen sorgt. Diese Änderung macht das Virus um einiges infektiöser, aktuell gehen Wissenschaftler von einer Erhöhung der Infektiösität um rund 35 % aus (die luxemburgische Covid-Taskforce spricht in ihrem letzten Wochen-Bericht beispielsweise von 37 %).

Die Mutation E484K ist, als eine von mehreren Veränderungen, in den Mutanten B.1.351 und P.1 enthalten und ist in England vor kurzem auch in einer B.1.1.7-Mutante gefunden worden (mehr darüber beispielsweise hier im Ärzteblatt). Nach allem, was wir bislang darüber wissen, handelt es sich um eine Escape-Mutation, die möglicherweise für eine geringere Immunität nach Impfung oder Infektion sorgen könnte. Beim AstraZeneca-Impfstoff ist in Studien in Südafrika bereits festgestellt worden, dass er einen deutlich geringeren Schutz vor der B.1.351-Mutante bietet, er wird deswegen in Südafrika derzeit nicht mehr verimpft.

Mehr Informationen zu den Mutationen finden Sie bei Interesse auch in diesem Artikel auf Quarks.

Ein paar Worte zur Impfung

In Europa werden vermutlich die meisten unter 65-jährigen eher den Impfstoff von AstraZeneca bekommen, weil er aufgrund der geringen Temperaturanforderung erhebliche Vorteile bei der Logistik bietet. Deswegen möchte ich an dieser Stelle kurz darauf eingehen, warum das alles für uns in Europa kein Grund zur Panik ist und warum Sie sich auf jeden Fall auch mit dem Impfstoff von AstraZeneca impfen lassen sollten, sobald Sie die Möglichkeit dazu bekommen:

  1. In Europa befindet sich, zumindest im Moment, eher die Mutante B.1.1.7 auf dem Vormarsch. Gegen diese Variante sind die drei derzeit in Europa zugelassenen Impfstoffe (AstraZeneca, BioNTech/Pfizer und Moderna) nachgewiesenermaßen wirksam.
  2. Eine Escape-Mutation (wie beispielsweise die oben beschriebene E484K) kann einen Einfluss auf die Wirksamkeit unserer Immunantwort haben. Das gilt sowohl für eine Impfung als auch für eine überstandene Infektion. Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass durch die bereits vorhandene Immunantwort zumindest die Risiken eines schweren Krankheitsverlaufs deutlich abgesenkt werden.
  3. Die mRNA-Impfstoffe von BioNTech, Moderna und demnächst wohl auch CureVac lassen sich prinzipiell in wenigen Wochen auf neue Virus-Varianten anpassen (auch wenn diesbezüglich noch Zulassungsfragen zu klären sind). Aber falls neue SARS-CoV-2-Virus auftauchen sollten, die für ein deutliches Nachlassen unsere Immunität sorgen, dann wäre eine zusätzliche Impfung mit einem angepassten mRNA-Impfstoffe (als sogenannte Booster-Impfung) zur Verstärkung der Immunantwort problemlos möglich.

Das muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden, aber ich persönlich würde eine möglichst frühzeitige Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff einer späteren Impfung mit einem der mRNA-Impfstoffe jederzeit vorziehen (an dieser Stelle ein kurzes Wort an meinen bereits geimpften Lieblingsmenschen: ich liebe dich, aber ich beneide dich auch ein wenig, weil’s bei mir bis zur Impfung wohl leider noch ein wenig dauern wird).

Ich persönlich würde mich jedenfalls nach einer Impfung mit irgendeinem der zugelassenen Impfstoffe bedeutend sicherer und wohler fühlen, als ich das ohne eine Impfung tue. Und das sollten Sie auch.

Mehr zum Thema finden Sie unter anderem hier bei der Tagesschau oder hier auf Science.

Wollen Sie einen Impfstoff, der Sie vor Husten schützt oder wollen Sie einen Impfstoff, der Sie vor dem Tod bewahrt?

Lawrence Corey, University of Washington, in Science

Der Impf-Fortschritt

Leider sieht es im Moment so aus, als würden die Mutationen den Wettlauf gegen die Impfung gewinnen. Das liegt in der Hauptsache daran, dass wir die Situation nach wie vor durch die rosarote Brille betrachten möchten.

Denn alleine die Verfügbarkeit von Impfstoffen und der Beginn der Impfungen löst unser Problem nicht. Das liegt daran, dass wir für das Erreichen einer Herden-Immunität eine erheblich höhere Immunität in der Bevölkerung benötigen, als wir sie derzeit haben. Nach Schätzungen dürften derzeit wohl gut 12 % der luxemburgischen Bevölkerung eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus durchgemacht haben, dazu kommen noch einmal knapp 1 % mit vollständiger Impfung und gut 2,5 % mit einer ersten Impfdosis. Insgesamt könnten wir also bei wohlwollender Schätzung hierzulande rund 15 % der Bevölkerung immunisiert haben.

Für eine Herdenimmunität bräuchten wir beim ursprünglichen SARS-CoV-2-Virus rund 70 % Immunität in der Bevölkerung, bei den infektiöseren Varianten dürften es eher so um die 80 % sein. Wenn wir einmal annehmen, dass die Impfstofflieferungen wie geplant eintreffen, dann könnten wir bis zum Ende des zweiten Quartals 2021 rund ein Drittel der Bevölkerung geimpft haben. Beim derzeitigen Anstieg der Neu-Infektionen könnten sich bis dahin auch rund 20 Prozent der Bevölkerung auf normalem Wege mit dem Corona-Virus infiziert haben.

Nun lässt sich das nicht unbedingt aufaddieren, weil unter den geimpften Personen mit ziemlicher Sicherheit auch viele sein werden, die bereits einmal unbemerkt infiziert gewesen sind. Trotzdem ist die Annahme, dass hierzulande bis zum Ende des zweiten Quartals 2021 rund 40 bis 45 Prozent der Menschen eine Immunität gegen die Covid-19-Erkrankung entwickelt haben, durchaus plausibel.

Das wiederum würde das Infektions-Geschehen zwar nicht stoppen, weil ja trotz Immunität immer noch die Möglichkeit einer Infektion besteht und ein Infizierter auch immer noch (wenn auch wohl reduziert) andere Menschen anstecken kann. Aber es würde das Infektions-Geschehen doch deutlich verlangsamen und es würde die Anzahl der schweren Verläufe und damit auch die Belegung der Kliniken senken.

So gesehen wäre ich eigentlich der Ansicht, dass wir uns nach dem Sommer so langsam wieder an ein „normales“ Leben würden annähern können. Wenn da nicht leider noch zwei unbekannte Faktoren wären, die momentan eher dagegen zu sprechen scheinen.

Der eine davon besteht in den Auswirkungen der Mutationen (gerade auch auf jüngere Menschen), die wir derzeit noch nicht genau definieren können. Der andere besteht in der Tatsache, dass die Politik leider vielerorts durch zu frühe Lockerungen die bereits erzielten Erfolge aufs Spiel setzt.

Was in Luxemburg (und vielen anderen Ländern) falsch läuft

Offenbar sehen das aber viele Politiker und ein Teil der Gesellschaft vollkommen anders und möchten möglichst schnelle und umfangreiche Lockerungen erreichen, weil offenbar ihrer Meinung nach die Pandemie mit der Verfügbarkeit von Impfstoffen kontrollierbar geworden ist.

Deswegen wurden hierzulande am 11. Januar 2021 die Schulen wieder geöffnet, obwohl die B.1.1.7-Mutante bereits im Land verbreitet war und obwohl zu dem Zeitpunkt bereits klar war, dass die Schulöffnung zur Verbreitung dieser Variante in die Familien hinein beitragen würde. Aus Sicht der Wissenschaft ist so etwas bei einer Durchseuchung von nur rund 15 % der Bevölkerung der pure Wahnsinn.

Manche Erfahrungen anderer Länder sollte man besser nicht ignorieren. In Großbritannien konnte sich die B.1.1.7-Mutante seit November ausbreiten, weil trotz harten Lockdown die Schulen geöffnet blieben. Und leider sehen wir hierzulande und in Ländern wie Bulgarien, Frankreich oder Österreich gerade ähnlich unschöne Effekte der Lockerungen, weil manche Politiker offenbar wenig aus diesem Beispiel gelernt haben.

Diverse Kultus- und Bildungs-Minister scheinen nach wie vor der Meinung zu sein, dass sich das SARS-CoV-2-Virus an ministerielle Vorgaben halten und Rücksicht auf einen geregelten Schulbetrieb nehmen würde. Dem ist nicht so, für solche Öffnungen ist es leider noch viel zu früh. Ein Virus richtet sich nach Naturgesetzen, es wird jede Weiterverbreitungs-Möglichkeit nutzen, die wir ihm geben.

Und bei zunehmenden Fallzahlen landet die Politik dann doch sehr schnell wieder bei den Bildungseinrichtungen als Stellschraube. So wie es im Falle von Englands Premier Boris Johnson war, der lange das Wohl der Kinder betonte, bis ihm dann schließlich doch keine andere Lösung mehr einfiel, als doch wieder die Schulen wochenlang dichtzumachen.

Ob es für die Psyche der Kinder besser ist, jetzt kurz in die Schule zurückzukehren, um dann in ein paar Wochen in einen womöglich noch härteren Lockdown zurück zu müssen, darf wohl durchaus bezweifelt werden. Virologen wie Melanie Brinkmann warnen jedenfalls eindringlich, dass eine schnelle Öffnung der Schulen jetzt zu einer späteren langen Schließung führen wird.

Leider scheint der luxemburgische Bildungs-Minister Claude Meisch eher dem Beispiel von Großbritanniens Premierminister Boris Johnson folgen zu wollen. Es wäre erheblich sinnvoller gewesen, zunächst einmal ein Konzept auszuarbeiten und danach vorsichtig und langsam mit der Wieder-Eröffnungen der Schulen zu beginnen. Und dass es für das Personal in den Bildungsstrukturen vor der Wieder-Eröffnung dieser Strukturen nach den Karnevalsferien kein Impfangebot gibt, lässt sich nur noch mit Begriffen wie „Gipfel der Verantwortungslosigkeit“ umschreiben.

Übrigens gibt es durchaus Konzepte für sichere Schulöffnungen auch in Zeiten der Pandemie. Sie beruhen auf geteilten Klassen, Luftfilter-Anlagen, weniger vollen Schulbussen, Maskenpflicht im Unterricht und regelmäßigen Tests, nachlesen lässt sich das beispielsweise hier in der ZEIT. Natürlich müsste man ein solches Konzept lesen und an hiesige Verhältnisse anpassen, daran allerdings scheint das luxemburgische Bildungsministerium wenig Interesse zu haben.

Stattdessen ist die hiesige Regierung offenbar entschlossen, die Öffnung der Schulen zunächst einmal konzeptlos, gegen den Rat der Wissenschaftler und mit Rücksicht auf wirtschaftliche Interessen durchzusetzen. Mit den Folgen will man sich dann offenbar wieder einmal „später“ befassen, wohlwissend, dass dieses „später“ dann möglicherweise auch „zu spät“ bedeuten könnte.

Wie könnte die SARS-CoV-2-Pandemie enden

Diese Pandemie wird enden, aber das wird noch eine Weile dauern. Wie lange das ist, hängt von uns ab. Ich habe weiter oben skizziert, wie wir bis zum Sommer wieder zu halbwegs normalen Verhältnissen zurückfinden könnten. Aber dazu brauchen wir jetzt Handlungen der Politik, jede Woche der vorschnellen Lockerungen werden wir mit einer Verlängerung der sich abzeichnenden dritten Pandemie-Welle bezahlen müssen.

Am Beispiel von Israel können wir gerade sehen, dass sich das SARS-CoV-2-Virus bei fortschreitender Impfung vermehrt unter jüngeren Menschen verbreitet. Es bleibt zu hoffen, dass die Covid-19-Erkrankung auch weiterhin bei jüngeren Menschen hauptsächlich einen leichten Verlauf nimmt und die Klinikbelegung dementsprechend niedrig bleibt, mit Sicherheit lässt sich das aber derzeit noch nicht sagen. Aber wir sollten jedenfalls schon einmal davon ausgehen, dass eine ähnliche Entwicklung auch bei uns eintreten wird.

Letztlich wird es darauf hinauslaufen, dass wir zu einer Herdenimmunität kommen müssen, wenn wir ein Abebben dieser Pandemie erleben wollen. Das können wir entweder relativ komfortabel erreichen, indem wir uns jetzt noch ein wenig zusammenreißen und auf die Impfung warten. Oder wir können auf Lockerungen setzen und das Ziel auf die harte Tour mit Krankheit, Tod und Leid erreichen. Die Wahl liegt bei uns.

Das SARS-CoV-2-Virus wird bleiben

Ein medizinisches Ende (also eine Ausrottung des Virus) wird es bei dieser Pandemie nicht geben können. Das würde eine sterile und sehr lang anhaltende Immunität voraussetzen, die wir bei einem respiratorischen Virus eher nicht erreichen werden. Dieses SARS-CoV-2-Virus wird uns also vermutlich noch lange erhalten bleiben.

Aber ein soziales Ende der Pandemie wird es geben. Denn wir werden über kurz oder lang eine Grund-Immunität gegen diesen Erreger aufbauen und wir werden auch lernen, mit dieser Covid-19-Erkrankung zu leben. Wie das genau aussehen wird, darüber lässt sich im Moment allenfalls spekulieren. Denn wir wissen ganz einfach nicht, wie sich dieses Virus weiterentwickeln und wie lange unsere Immunität anhalten wird.

Es kann durchaus sein, dass wir eine Entwicklung hin zu einer abgeschwächten Version des Virus erleben werden, wie das bei der Spanischen Grippe vor gut hundert Jahren schon einmal der Fall war. In dem Fall würde es mit den bekannten Grippe- und Erkältungs-Viren konkurrieren, mit denen wir zu leben gelernt haben.

Es könnte ebenso gut sein, dass das SARS-CoV-2-Virus seine Schädlichkeit behält und in den kommenden Jahren diverse Escape-Mutationen entwickelt, um unserer Immunantwort zu entkommen (das dürfte dann allerdings in deutlich größeren Zeitabständen als bei den schnell mutierenden Influenza-Viren passieren). In dem Fall dürfte uns die dank dieser Pandemie abgeschlossene Entwicklung der mRNA-Impfstoffe sehr zugute kommen, weil sie sich sehr schnell an neue Varianten des Virus anpassen lassen.

Alles in allem kann man ziemlich sicher davon ausgehen, dass wir diese Pandemie in absehbarer Zeit überwunden haben werden. Nach allem, was wir mittlerweile wissen, könnte das Ziel Herdenimmunität in Europa, die Lieferbarkeit der Impfstoffe einmal vorausgesetzt, wohl bis zum Spätherbst dieses Jahres erreichbar sein.

Ob wir das Ziel jetzt relativ leicht und ohne schlimmere Folgen oder eher auf die harte Tour erreichen, hängt von uns und unserem Verhalten ab. Denn wir können uns jetzt intelligenter als das Virus verhalten, uns noch einige Monate einschränken und auf die Impfung warten. Oder wir können die Einschränkungen lockern und dem SARS-CoV-2-Virus eine dritte Infektionswelle ermöglichen.

Wie wir uns hierzulande intelligenter verhalten könnten, können Sie beispielsweise im Artikel Corona und die Strategie für die nächsten Monate vom 26. Januar 2021 hier im Blog nachlesen, zu den Denkfehlern der hiesigen Politik nehme ich im Artikel Warum wir in Luxemburg der Pandemie hinterherlaufen vom 9. Februar 2021 Stellung und zur Verwendung von Antigen-Schnelltests gibt es hier einen interessanten Artikel von Christian Klein.

Da eine starke dritte Welle erneut eine Menge an Tod und Leid mit sich bringen würde, wäre das Warten auf die Impfung vermutlich die sinnvollere Wahl, auch wenn es mit weiteren Monaten der Einschränkung verbunden sein dürfte. Aber das ist, wie gesagt, die Wahl von uns selbst und von unseren Regierungen. Zu einer Herdenimmunität wird es in jedem Fall kommen, nur der dafür zu zahlende Preis ändert sich.

Die weltweite Impfung ist wichtig

Wir werden also, entweder dank der Versorgung mit Impfstoffen oder durch unser eigenes Verhalten, wohl irgendwann in diesem Jahr eine Herdenimmunität erreichen und damit unser derzeitiges Problem kontrollieren können. Aber wir müssen gleichzeitig dafür sorgen, dass möglichst wenige Mutationen des SARS-CoV-2-Virus entstehen können. Deswegen reicht es nicht, wenn wir die Pandemie bei uns unter Kontrolle bringen.

Umso mehr und umso schneller sich dieses Virus weltweit vermehren kann, desto schneller wird es auch zu neuen Mutationen kommen. Wir können das zwar nicht verhindern, aber wir können es verlangsamen und sollten das in unserem eigenen Interesse auch tun. Wenn wir die weltweite Ausbreitung nämlich nicht verlangsamen können, dann wird es vermehrt zum Auftreten von Mutationen kommen, die dann vielleicht auch unsere mühsam erworbene Immunität unterlaufen oder schwerere Erkrankungen verursachen könnten.

Dazu müssen wir dafür sorgen, dass auch in den ärmeren Ländern dieser Welt schnellstmöglich genügend Impfstoff gegen Covid-19 zur Verfügung steht. Das ist nicht einmal eine Frage der Gerechtigkeit, sondern es dient der globalen Sicherheit und liegt damit in unserem vitalen Interesse.

Das grundsätzliche Interesse aller Staaten an einer gerechten Impfstoff-Verteilung existiert bisher leider nur auf dem Papier. Eigentlich sollten alle Staaten der Welt in einen Covax genannten Fonds einzahlen, der dann gebündelt Impfstoff für alle einkaufen sollte. Bisher allerdings scheren sich die reichen Industriestaaten wenig um ihre Versprechen, sichern sich lieber über bilaterale Verträge einen Großteil der verfügbaren Impfstoffe und treiben dabei noch zusätzlich die Preise in die Höhe (ein gutes Beispiel dafür liefert Israel).

More than 39 million doses of vaccine have now been administered in at least 49 higher-income countries. Just 25 doses have been given in one lowest-income country. Not 25 million; not 25 thousand; 25.

Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO

Dieses Problem werden wir entweder möglichst zeitnah lösen müssen oder wir werden diese Pandemie durch unseren Egoismus und unsere Untätigkeit noch einmal verlängern. Mehr zu diesem Thema finden Sie beispielsweise hier beim Deutschlandfunk, hier in der Ärztezeitung oder hier in der ZEIT.

Fazit

Sie sehen also, dass diese Pandemie zu einem guten Ende kommen kann. Und Sie sehen auch, dass es bis zu diesem guten Ende gar nicht mehr so lange dauern muss. Aber Sie sehen eben auch, dass es an unserem Verhalten liegt, wie schmerzhaft der Weg bis zu diesem Ende sein wird.

Deswegen möchte ich Sie darum bitten, dass Sie auch weiterhin ein Teil der Lösung bleiben. Richten Sie sich nach den Regeln, vermeiden Sie unnötige Kontakte und unnötige Reisen und lassen Sie sich testen und impfen, wann immer Sie die Möglichkeit dazu bekommen. Damit wir dann gemeinsam die kommenden Monate so richtig genießen können.

In eigener Sache: Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, dann können Sie mir das Schreiben und Recherchieren gerne mit einem Kaffee oder einer kleinen Spende versüßen. Eine Möglichkeit dazu finden Sie auf der Seite Buy me a coffee.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu diesem Thema, aus verschiedenen anderen Wissenschafts-Bereichen und aus dem Bereich Internet & Gesellschaft,

2 Kommentare

  1. Guter Artikel. Schade dass gerade Leute denen man diese Gedankengänge aufzeigen muss, ihn wahrscheinlich aus desinteresse nicht lesen werden. Ich teile aber ganz ihre Meinung. Ich denke wenn alle schwachen geimpft sind, könnte man den Rest der Herdenimunität auf natürliche Weise kommen lassen. Es wär ja jedem freigestellt sich doch auch impfen zu lassen. Es wär jedoch ein Kompromiss zwischen dem Lager der Vernünftigen und dem der Covidioten. (N.B. Der moderne Mensch hat sich nicht aus dem Neandertaler endwickelt. Schreiben Sie lieber Homo erectus.)

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