Corona

Warum Lockerungen jetzt voreilig sind

Beginnen wir diesen Artikel doch einmal mit ein paar guten Neuigkeiten. Denn wir sehen im Moment in ganz Europa eine eher nachlassende Inzidenz, ganz im Gegensatz zu den eher negativen Prognosen (auch meiner eigenen, übrigens) der letzten Wochen. Aber woran liegt das eigentlich?

Grundsätzlich gibt es dafür wohl mehrere Faktoren.

  • In den meisten europäischen Ländern werden derzeit um die 5 Prozent der Bevölkerung pro Woche geimpft (bezogen auf die Gesamtzahl der Impfdosen). Viele dieser Geimpften haben zwar erst eine Impfdosis bekommen und sind noch nicht komplett geschützt, aber selbst der teilweise Impfschutz (dazu unten mehr) von sehr vielen Menschen dürfte das Infektions-Geschehen bereits deutlich bremsen.
  • Dazu kommen immer mehr Antigen-Schnelltests, die zwar nicht perfekt sind, aber mit zunehmender Nutzung immer mehr zur Unterbrechung von Infektionsketten beitragen (mehr dazu finden Sie im Artikel Antigen-Schnelltests und die Illusion der Sicherheit)
  • Auch das Wetter spielt eine Rolle. Die höheren Temperaturen und das Mehr an UV-Licht bremsen das SARS-CoV-2-Virus zwar weniger als ursprünglich angenommen (mehr darüber finden Sie beispielsweise hier beim ORF), aber dafür sorgt das wärmere Wetter für vermehrte soziale Interaktion im Außenbereich, was wiederum die Infektions-Gefahr mindert.
  • Dazu kommt das Verhalten der Menschen, das dafür gesorgt hat, dass die von einigen Modellrechnungen vorhergesagten explosiven Entwicklungen nicht eingetreten sind. Das scheint daran zu liegen, dass ein großer Teil der Bevölkerung eben doch bewusst oder unbewusst auf solche warnenden Modellrechnungen reagiert und die sozialen Kontakte einschränkt.

Unsere Voraussetzungen zur nachhaltigen Absenkung der Neu-Infektionen sind also gerade denkbar gut. Aber dummerweise werden genau diese rückläufigen Inzidenzen dann auch gleich wieder als Argument gebraucht, warum es jetzt sofort Lockerungen geben müsse. Und diese Diskussion ist verfrüht und kann uns in eine erneute Steigerung hineinlaufen lassen. Es hängt jetzt ziemlich stark davon ab, was die Politik aus dieser Situation macht.

Denn die Situation ist nicht so rosig, wie sie sich in der fallenden Inzidenz darstellt. Woran das liegt, möchte ich Ihnen in diesem Artikel erklären.

Bei den Impfungen schauen wir auf die falsche Zahl

Ich höre und lese in der Diskussion um eventuelle Lockerungen immer wieder, dass man sich mit mehr als 25 Prozent geimpften Menschen in der Bevölkerung doch wohl ein paar Lockerungen erlauben könne. Aber die Wirklichkeit sieht leider nicht ganz so perfekt aus.

Klar, in Europa haben in den meisten Ländern zwischen 20 und 30 Prozent der Menschen ihre erste Impfdosis erhalten. Und diese erste Impfdosis bietet nach ein paar Wochen auch tatsächlich einen gewissen Schutz. Aber der vollständige Impfschutz, den wir zur Eindämmung der Pandemie benötigen, ist erst zwei bis drei Wochen nach der zweiten Impfdosis gewährleistet (mehr dazu weiter unten).

Und da sehen die Zahlen logischerweise um einiges weniger positiv aus, weil wir halt leider auf die zweite Dosis (je nach Land und Impfstoff unterschiedlich) zwischen 4 und 13 Wochen warten müssen. Deswegen sind wir bei der Quote der vollständig geimpften Menschen in denselben Ländern erst zwischen gut 7 und knapp 12 Prozent.

Mittlerweile gibt es aus einigen Ländern schon recht verlässliche Studien zu diesem Thema, wir können uns das also in den folgenden Absätzen anhand dieser Studienergebnisse einmal ansehen.

Die Impfung schützt nahezu perfekt – nach der 2. Dosis

Aus Katar kommt eine im New England Journal of Medicine erschienene Studie mit sehr positiven Zahlen. Dort wurde anhand von mehr als 380.000 realen Fällen die Wirksamkeit des BioNTech/Pfizer-Impfstoffs untersucht. Die Wirksamkeit der Impfung (14 Tage nach der zweiten Impfdosis) gegenüber schweren Verläufen bei B.1.1.7 (die „britische“ Mutante) und B.1.351 (die „südafrikanische“ Mutante) betrug dabei unfassbar gute 100 Prozent, gegenüber allen Varianten lag sie bei immer noch fantastischen 97,4 Prozent.

Wenn man nun allerdings nur die Studienergebnisse nach der ersten Dosis betrachtet, dann sehen die Zahlen deutlich schlechter aus. Gegen die B.1.1.7-Mutante waren es immerhin noch 54,1 Prozent, gegen die B.1.351-Mutante bestand allerdings nach der ersten Impfdosis überhaupt kein nachweisbarer Schutz vor einem schweren Verlauf.

Eine andere Studie aus Israel, die am 5. Mai bei The Lancet erschienen ist und sich ebenfalls auf den BioNTech/Pfizer-Impfstoff bezieht, zeigt eine ähnlich fantastische Schutzwirkung nach der zweiten Impfdosis. Die Effektivität nach der ersten Impfdosis wurde in dieser Studie nicht erfasst.

Für den Impfstoff von AstraZeneca liegen derzeit keine aussagefähigen Studienergebnisse bezüglich der Effektivität nach der zweiten Impfdosis vor, weil hier die Zeitspanne zwischen erster und zweiter Dosis viel länger ist und viele Menschen deswegen bisher nur die erste Dosis erhalten haben. Laut einem Bericht von Reuters hat sich in Südkorea in einer Studie (die sich allerdings nur auf Personen ab 60 Jahren bezieht) eine Effektivität gegen schwere Verläufe zwei Wochen nach der ersten Dosis von 86% bei AstraZeneca und von 87,7% bei BioNTech/Pfizer gezeigt.

Aber geimpft bedeutet nicht „nicht infektiös“

Wir wissen außerdem aus Studienergebnissen, dass die in der EU zugelassenen Impfstoffe auch gegen eine Infektion schützen. Wie stark dieser Schutz tatsächlich ausfällt, wissen wir noch nicht. Aber aus der oben genannten Studie aus Katar für BioNTech/Pfizer ergibt sich nach der zweiten Impfdosis ein Schutz von rund 90 Prozent gegenüber der B.1.1.7-Mutante und von immerhin noch 75 Prozent gegenüber der B.1.351-Mutante. Nach der ersten Impfdosis beträgt dieser Schutz vor Infektionen allerdings nur 29,5% gegenüber B.1.1.7 und 16,9% gegenüber B.1.351.

Wir können also durchaus davon ausgehen, dass nach der zweiten Impfdosis auch ein sehr effektiver Schutz gegen eine Infektion und damit logischerweise auch gegen die Weitergabe des SARS-CoV-2-Virus besteht. Aber wir sollten eher nicht davon ausgehen, dass dieser Schutz (obwohl durchaus vorhanden) bereits nach der ersten Dosis effektiv genug für sichere Lockerungen ausfällt.

Um das noch einmal ganz klar zu sagen: nach der ersten Impfstoffdosis besteht ein gewisser Schutz gegen Infektionen und damit gegen die Weitergabe des Virus (Public Health England beziffert die Verringerung des Weitergabe-Risikos in einem Bericht vom 28. April 2021 auf 38 bis 49 Prozent). Dieser Schutz dürfte ausreichend hoch sein, damit wir in den nächsten Wochen bei gleichbleibenden Maßnahmen eine sinkende Inzidenz sehen werden. Aber er ist nicht ausreichend hoch, um jetzt größere Lockerungen zu riskieren, einen dazu ausreichenden Schutz wird es erst geben können, wenn viel mehr Menschen die zweite Impfdosis erhalten haben.

Also bitte jetzt keine übereilten Öffnungen

Ja, die Fallzahlen sinken und sie werden wohl auch noch ein Weilchen langsam weiter sinken. Und das bedeutet, dass wir uns in absehbarer Zeit und mit zunehmendem Impffortschritt in vielen Ländern Europas langsam israelischen Verhältnissen mit geöffneten Schulen, vollen Bars und pulsierendem Leben ohne Corona-Tote annähern könnten.

Aber wir könnten uns ganz genauso gut auch wieder einem erneuten Anstieg an Neu-Infektionen und Krankenhauseinweisungen gegenübersehen, wenn wir uns jetzt zu weitreichenden Lockerungen (besonders für ungeimpfte Menschen) hinreißen lassen. Dann könnten sehr schnell neue Maßnahmenverschärfungen drohen und wir könnten uns auch dem Risiko des Auftauchens neuer Mutationen aussetzen.

Ich weiß, dass Sie das nicht gerne hören werden (so wie ich es übrigens auch nicht gerne schreibe), aber die Gefahr ist noch nicht vorbei. Wir werden noch ein wenig Geduld haben müssen, denn voreilige Lockerungen werden jetzt dafür sorgen, dass wir doch noch einmal eine Steigerung der Fallzahlen erleben könnten und unversehens in eine weitere Welle hineinschlittern.

Stattdessen sollten wir die Gelegenheit jetzt nutzen, um die Fallzahlen möglichst weit abzusenken. Das war noch nie so leicht wie heute, Wetter, Impffortschritt und Schnelltests spielen uns in die Hände und eröffnen uns Möglichkeiten. Dazu müssen wir nur noch ein klein wenig mehr Geduld haben und uns weiterhin soweit wie möglich von Innenräumen mit ihrem höheren Übertragungsrisiko fernhalten.

Die Situation in Luxemburg

Die Situation hierzulande ist mit der in anderen europäischen Ländern nur bedingt vergleichbar. Zwar hat es hier seit Januar vergleichsweise wenige Einschränkungen gegeben (Unternehmen, Einzelhandel und Schulen geöffnet, aber Horesca-Sektor bis vor ein paar Wochen komplett geschlossen, Terrassen seit dem 7. April wieder geöffnet), andererseits wird erheblich mehr als in den Nachbarländern getestet (durchschnittlich rund 10% der Bevölkerung pro Woche).

Durch die Öffnungen (wohl besonders der Schulen) konnte sich zwar das SARS-CoV-2-Virus leicht bis in die Familien hinein ausbreiten, die Infektions-Lage ist aber aufgrund der frühen Erkennung von Infektionen (durch die hohe Testanzahl) auf einem hohen Niveau stabil geblieben. Deswegen dürfte die Wochen-Inzidenz hierzulande erheblich näher am reellen Infektions-Geschehen liegen als das bei unseren Nachbarn der Fall ist (bei denen zu der Inzidenz noch eine ziemlich hohe Dunkelziffer hinzugerechnet werden müsste).

Man kann recht gut an der in Luxemburg ziemlich konstant und niedrig bleibenden Fallsterblichkeit erkennen, dass sich die Dunkelziffer auf einem recht geringen Niveau bewegen dürfte (speziell auch im Vergleich zu Israel). Mehr zur Bedeutung dieser Dunkelziffer finden Sie übrigens auch im Artikel Die Bedeutung der Dunkelziffer hier im Blog.

Leider gibt’s aber in dieser an sich guten Strategie zwei Schwachpunkte, von denen der eine wohl billigend in Kauf genommen wurde, während der andere eine eher unerwünschte Folge der Strategie gewesen sein dürfte.

Der erste (und wohl billigend in Kauf genommene) dieser Schwachpunkte lässt sich recht einfach in Zahlen darstellen. Seit der Öffnung der Schulen am 11. Januar 2021 hat es (bis zum 2. Mai 2021) laut den Wochenberichten des Bildungsministeriums und des Gesundheitsministeriums insgesamt 19.523 Neu-Infektionen gegeben (davon 13.514 in den Nicht-Ferienzeiten), von denen 3.476 in den Bildungseinrichtungen des Landes festgestellt worden sind. Daraus ergibt sich ein Anteil von 17,80% (bzw. 25,72% bezogen auf die Nicht-Ferienzeiten) am gesamten Infektions-Geschehen.

Wenn man nun davon ausgeht, dass auf jede in den Schulen festgestellte Infektion nur noch eine einzige weitere im Privatbereich kommt, dann könnte durchaus mehr als die Hälfte des gesamten Infektions-Geschehen auf die Bildungseinrichtungen als Multiplikator zurückzuführen sein. Bei 19.523 Neu-Infektionen und 267 Todesfällen im genannten Zeitraum lässt sich der Preis der Schulöffnungen relativ leicht errechnen (und recht schwer verdauen).

Der zweite (und wohl eher nicht vorhergesehene) Schwachpunkt liegt in der Rolle der „südafrikanischen“ Mutante B.1.351. Von dieser Mutante wissen wir, dass sie in einem Gebiet mit einer sehr jungen Bevölkerung entstanden ist und dort offenbar einen Fitness-Vorteil hatte (was sich ganz einfach daraus ergibt, dass sie sich durchsetzen konnte). Das könnte darauf hinweisen, dass sich diese Mutante in einer jüngeren Population gegenüber der hierzulande vorherrschenden Mutante B.1.1.7 eventuell besser durchsetzen könnte.

Sicher lässt sich das zum jetzigen Zeitpunkt kaum sagen, aber die grafische Darstellung der Fallzahlen in den Schulen und der Entwicklung der beiden Mutanten hierzulande weist darauf hin, dass es da möglicherweise einen Zusammenhang geben könnte. Dafür spricht auch, dass sich diese Mutante gerade in Luxemburg erheblich stärker als in den europäischen Nachbarländern durchsetzen konnte.

Der erste Zusammenhang lässt sich anhand von vorliegenden Zahlen nachweisen (wenn auch nicht der genauen Höhe nach), der zweite ist im Moment noch pure Spekulation. Aber beiden gemeinsam ist jedenfalls, dass wir die Situation jetzt nicht mehr ändern können. Die Erkrankten sind nun mal erkrankt und die Toten sind bereits gestorben und daran lässt sich jetzt auch nichts mehr ändern. Schuldzuweisungen machen deswegen momentan keinen großen Sinn, die Frage nach der politischen Verantwortlichkeit wird man hingegen irgendwann später einmal stellen (und beantworten!) müssen.

Die Frage, die man sich jetzt allerdings stellen sollte, ist die nach der Sinnhaftigkeit weiterer Lockerungen auf dieser Basis. Meiner persönlichen Meinung nach wäre jetzt eher der Moment gekommen, um das Projekt „Durchseuchung der jüngeren Bevölkerung“ einmal für ein paar Wochen auf Eis zu legen und stattdessen die Zahlen zu senken.

Die luxemburgische Regierung sieht das leider etwas anders. Denn hierzulande sollen ab dem 16. Mai 2021 die Innenräume der Gastronomie wieder öffnen dürfen, die Kontaktbeschränkungen werden gelockert und einiges mehr (das komplette Ausmaß der vorgesehenen Lockerungen finden Sie beispielsweise hier im Luxemburger Wort). Für die Schulen ab der Sekundarstufe sollen ab dem Ende der Pfingstferien zudem die A-/B-Reglungen entfallen und die Klassen wieder in voller Stärke in den Präsenzunterricht zurückkehren.

Positiv zu bewerten ist allenfalls, dass der luxemburgische Bildungsminister offenbar mittlerweile (mit nur 5 Monaten Verspätung!) Schnelltests als sinnvolles Mittel zur Aufdeckung von Infektionen in den Schulen für sich entdeckt hat. Interessanterweise geht derselbe Bildungsminister davon aus, dass durch den Einsatz der Schnelltests die Inzidenz in den Schulen ansteigen wird. Damit wäre dann zumindest einmal klargestellt, dass dem Minister ein verdecktes Infektions-Geschehen in den Schulen bewusst ist und er es billigend in Kauf nimmt (siehe auch hier im Tageblatt).

Mehr zum Thema „Durchseuchung der jüngeren Bevölkerung“ finden Sie bei Interesse auch in den Artikeln Durchseuchung – Dummheit, Arroganz oder Vorsatz? vom 11. April 2021 und Junge Menschen, der Spielball der Politik in der Pandemie vom 3. Mai 2021 hier im Blog.

Die Situation in den Nachbarländern

Bei unseren europäischen Nachbarn sieht es nicht so sehr viel besser aus. Die Niederlande wollten eigentlich (trotz Wochen-Inzidenzen von 300 und darüber) ab dem 11. Mai 2021 ziemlich umfassende Lockerungen in Kraft treten lassen. Jetzt hat die niederländische Regierung angesichts des Infektions-Geschehens aber doch die Notbremse ziehen müssen, jetzt wird über den 18. Mai als Termin für die Lockerungen diskutiert. Nachlesen lässt sich das beispielsweise hier bei der NRZ oder hier bei der Tagesschau.

In Deutschland hat ganz offensichtlich der beginnende Wahlkampf dafür gesorgt, dass sich Politiker aus den einzelnen Bundesländern bei den Lockerungen gegenseitig zu übertreffen suchen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen da gerade geht, aber ich habe mittlerweile den Überblick verloren. Zum Thema Bundes-Notbremse finden Sie alles Wissenswerte bei der Bundesregierung, allerdings scheinen einige Bundesländer diese Regeln nur widerwillig umzusetzen. Zum Thema Reisen in Deutschland und Europa finden Sie einiges bei der Süddeutschen Zeitung und bei der Deutschen Welle.

In Frankreich sieht die Situation ähnlich chaotisch aus. Eine recht gute Zusammenfassung in deutscher Sprache findet sich hier auf meinfrankreich.com. Auch in Belgien ist die Lage zur Zeit nicht sonderlich übersichtlich, einige Informationen finden sich hier auf BelgienInfo und hier auf FlandernInfo.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es in nahezu allen europäischen Ländern derzeit einen deutlichen politischen Willen zu Lockerungen gibt, die aus epidemiologischer Sicht größtenteils wohl eher unterbleiben sollten.

Welche Lockerungen überhaupt möglich sind

Momentan sieht es danach aus, dass wir auf jede erreichte Absenkung der Inzidenz sofort mit Lockerungen reagieren und dadurch die Fallzahlen auf einem hohen Stand stabil halten. Das ist eine ziemlich kurzsichtige und populistische Politik, die in der Hauptsache für zweierlei sorgt: zum einen erkranken und sterben dadurch Menschen, die bei einer niedrigeren Inzidenz nicht betroffen gewesen wären, zum zweiten reicht schon ein kleiner Fehler in der Lagebeurteilung aus, um die Zahlen sofort wieder stark ansteigen zu lassen.

Wir können durchaus maßvoll lockern. Aber wenn wir nicht noch mehr Menschen verseuchen und umbringen wollen, dann sollten wir uns jetzt daran erinnern, dass sich SARS-CoV-2 hauptsächlich per Aerosol und Tröpfchen überträgt und dass diese Art der Übertragung in Innenräumen nun einmal am besten funktioniert.

Daraus ergibt sich dann folgerichtig, dass wir momentan auf jede Lockerung verzichten sollten, die dazu führen könnte, dass mehr Menschen über längere Zeiträume in Innenräumen zusammenkommen.

Bildungs- und Betreuungseinrichtungen: wir wissen, dass es in diesen Einrichtungen Infektionen gibt und wir wissen, dass diese Einrichtungen zur Verbreitung des Virus beitragen. Deswegen wissen wir auch, dass ein Präsenz-Unterricht bei hohen Inzidenzen vielleicht aus wirtschafts- oder bildungspolitischer Sicht sinnvoll sein mag, epidemiologisch gesehen ist er völliger Wahnsinn. Jede Lockerung in diesem Bereich, sei es nun mit oder ohne Einsatz von Schnelltests, wird zu mehr Erkrankungen und Todesfällen in der Gesamtbevölkerung führen.

Horesca-Bereich: die Öffnung des Außenbereichs (Terrassen, Biergärten usw.) ist sinnvoll, allerdings mit ein paar Beschränkungen (Sitzpflicht, maximale Personenzahl an einem Tisch, Begrenzung der Öffnungszeiten). Eine Öffnung der Innenbereiche sollte aus epidemiologischer Sicht vermieden werden, weder Plexiglasabtrennungen noch Tischabstände stellen ein ernsthaftes Übertragungshindernis für das Virus dar, ein solche Öffnung wird zwangsläufig zu zusätzlichen Infektionen führen. Schnelltests können das Risiko verkleinern, beseitigen werden sie es nicht.

Einzelhandel: mit Maskenpflicht und einer Begrenzung der maximal möglichen Personenanzahl in den Geschäften und aufgrund der eher geringen Aufenthaltsdauer und der ständigen Bewegung der Kunden im Raum sehe ich aus epidemiologischer Sicht keine allzu großen Risiken in der Öffnung von Einzelhandelsgeschäften.

Unternehmen/Kultur/Sport/Veranstaltungen: in allen diesen Bereichen kommt es im Prinzip auf die Anzahl der Personen in einem Raum und auf die Aufenthaltsdauer an. Sie können sich das individuelle Risiko für einen bestimmten Raum hier im Onlinerechner der ZEIT visualisieren lassen.

Grundsätzlich hat sich die Situation (und damit die notwendigen Maßnahmen und möglichen Lockerungen) seit Januar nicht großartig geändert, daher verweise ich hier noch einmal auf den Artikel Corona und die Strategie für die nächsten Monate vom 26. Januar 2021, in dem ich eine aus epidemiologischer Sicht sinnvolle Strategie schon einmal beschrieben habe.

Lockerungen und neue Mutationen

Ich lese häufig Spekulationen darüber, ob Lockerungen und die damit einhergehende Steigerung der Neu-Infektionen zur Bildung neuer Flucht-Mutationen führen könnten, die dann wiederum den Impfschutz in Frage stellen würden. Ich teile diese Sorge im Moment eher nicht und möchte Ihnen in den folgenden Absätzen kurz erklären, warum ich da optimistisch bin.

Die Mutanten, die uns momentan so große Sorgen bereiten, sind infektiöser (B.1.1.7) und/oder entgehen teilweise der Immunantwort (B.1.351 und P.1). In der derzeitigen Situation liegt der größere Fitness-Vorteil in der höheren Infektiösität, wir sehen das an der rasanten Verbreitung der Mutante B.1.1.7.

Wir werden vermutlich mit zunehmendem Impffortschritt (und damit zunehmender Immunität) eine verstärkte Verbreitung der Mutanten mit Escape-Mutationen wie B.1.351 und P.1 erleben, weil sich diese Mutanten in einer stärker immunisierten Population besser verbreiten können. Das ist auch nicht weiter tragisch, weil die bereits zugelassenen Impfstoffe schwere Krankheits-Verläufe auch hier zuverlässig verhindern können.

Aber die Impfstoffe verhindern nicht in allen Fällen die Infektion mit den Mutanten (besonders bei B.1.351, etwas weniger bei P.1) und die Weitergabe des Virus an andere Menschen. Und das muss nicht unbedingt schlecht sein, weil es dem Virus etwas Evolutionsdruck nimmt, der sonst vielleicht zu schädlicheren Mutationen führen könnte.

Es könnte also durchaus passieren, dass sich Mutanten wie B.1.351 letztlich durchsetzen und sich auch nicht allzu sehr verändern, weil sich das Virus auch in einer größtenteils immunisierten Population immer noch verbreiten kann und deshalb keinem großen Evolutionsdruck ausgesetzt ist.

Für diesen eher optimistischen Denkansatz sprechen auch zwei andere Faktoren. Zum einen sehen wir bei den derzeit vorkommenden Mutanten in verschiedenen Teilen der Welt immer wieder die gleichen Mutationen in unterschiedlichen Kombinationen auftauchen. Das könnte eventuell (und wenn wir viel Glück haben) darauf hindeuten, dass dieses SARS-CoV-2-Virus gar nicht so viele Mutationsmöglichkeiten hat. Und zum anderen mutiert dieses neue Corona-Virus im Gegensatz zu anderen Viren relativ langsam.

Wie gesagt, das hier ist weder eine Vorhersage noch eine wissenschaftlich begründete Meinung, sondern eher ein leicht optimistischer Gedankengang, den ich mit Ihnen teilen möchte. Denn erstens bin ich kein Virologe und zweitens geschieht Evolution zufällig und lässt sich deswegen nicht vorhersehen.

Wenn Sie mehr über das Thema lesen möchten, dann finden Sie im Artikel Wie evolvieren eigentlich Viren? hier im Blog mehr Informationen, eine gute Übersicht über die verschiedenen Mutanten, die Grund zur Sorge bereiten, finden Sie auch hier bei netdoktor.de.

Fazit

Die Situation ist für Politik und Gesellschaft nicht ganz einfach. Wir sind alle pandemiemüde und sehnen das Ende der Einschränkungen herbei. Auch das langsam besser werdende Wetter sorgt dafür, dass wir endlich unser altes soziales Leben zurückhaben möchten. Und die überall sinkenden Fallzahlen sorgen noch zusätzlich für Erleichterung in den Köpfen.

Und in dieser Situation kommen auf einmal Wissenschaftler daher und behaupten, dass Lockerungen vielleicht gerade keine so tolle Idee sind. Zu allem Überfluss erscheinen dann auch noch Menschen wie ich und schreiben Artikel über diese Einschätzung der Wissenschaft. Schwer erträglich, oder?

Aber leider wird eine unangenehme Wahrheit nicht weniger wahr, nur weil sie unangenehm ist. Und es ist nun einmal so, dass wir uns immer noch mitten in einer Pandemie-Welle befinden, die uns jederzeit neue und unangenehme Überraschungen bereiten kann, wenn wir nicht auf unser Verhalten achten. Wir haben das in dieser Corona-Pandemie schon mehrfach erlebt und möchten es vermutlich alle nicht noch einmal erleben müssen.

Wir sind im Moment in einer Lage, in der wir in absehbarer Zeit von einer Beherrschung der Pandemie ausgehen können. Corona wird uns noch bis weit ins nächste Jahr hinein begleiten, aber wir werden in einigen Monaten wieder relativ normal leben können.

Dabei bleiben zwei Fragen, nämlich „Wie viele Monate dauert das noch?“ und „Wie hoch ist der Preis für Lockerungen?“. Beides liegt ganz in unserer Hand. Wir müssen jetzt trotz aller Lockerungen zu einer wöchentlichen Abnahme der Neu-Infektionen kommen. Denn weniger Neu-Infektionen bedeuten:

  • weniger Kranke,
  • weniger Todesfälle,
  • weniger von Long-Covid Betroffene,
  • weniger Belastung für das Gesundheitswesen,
  • leichtere Nachverfolgung von Infektionsketten und
  • weniger Möglichkeiten zur Bildung neuer Virusvarianten.

Umso weniger Neu-Infektionen wir haben, desto mehr verstärkt sich die Pandemieeindämmung von selbst, desto mehr Zeit gewinnen wir, um auf neue Entwicklungen zu reagieren.

Deswegen wird sich die Politik jetzt entscheiden müssen, ob sie auf dauerhafte Unwägbarkeiten oder einen klaren Weg hin zu mehr Stabilität setzen möchte. Und wir alle werden uns entscheiden müssen, ob wir jetzt schnelle Öffnungen mit allen dazugehörigen Risiken haben möchten oder ob wir noch etwas Geduld aufbringen wollen.

Das Ziel der Pandemie-Kontrolle werden wir erreichen, so viel steht mittlerweile fest. Wie viele Monate das noch dauern wird, wissen wir auch so ungefähr. Momentan erhält in den europäischen Ländern rund 1% der Bevölkerung pro Woche die zweite Impfdosis. Bei der absehbar steigenden Tendenz durch die immer größere Verfügbarkeit von Impfstoffen erscheint eine Impfquote von 70-75% vollständig Geimpften irgendwann im Spätherbst als realistische Möglichkeit. Vielleicht geht es sogar noch etwas schneller, aber sehr viel früher werden wir das Ziel aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erreichen können.

Und der fortlaufende Impffortschritt dürfte schon in den nächsten Wochen dafür sorgen, dass wir uns wieder viel mehr Freiheiten zugestehen und unseren Sommer genießen können – jedenfalls sofern wir das im Außenbereich tun. Nehmen wir die Innenbereiche dazu, werden wir den Preis in Form von höheren Inzidenzen und allen ihren Folgen zu zahlen haben.

Anmerkung: Ich höre manchmal, dass die hohe Zahl von Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, das Erreichen dieser Ziele in Frage stellen würden. Das stimmt nicht, denn auch ohne Impfung wird es früher oder später zu einer Immunität kommen, nur in diesem Fall dann eben auf natürlichem Wege durch eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus (und allen dazugehörigen Risiken). Und auch diese natürliche Immunität trägt natürlich zur Herdenimmunität bei. Im angelsächsischen Bereich drückt man das übrigens kurz und prägnant mit dem Spruch „If you don’t like the cure, try the disease!“ aus.

In eigener Sache: Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, dann können Sie mir das Schreiben und Recherchieren gerne mit einem Kaffee oder einer kleinen Spende versüßen. Eine Möglichkeit dazu finden Sie auf der Seite Buy me a coffee.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu diesem Thema, aus verschiedenen anderen Wissenschafts-Bereichen und aus dem Bereich Internet & Gesellschaft,

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