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Über den Unterschied zwischen Grippe und Corona

Gerade in den sozialen Netzwerken liest man häufiger, dass das SARS-CoV-2-Virus ja eigentlich gar nicht gefährlicher als eine Grippe sei. Dabei werden dann gerne die bisherigen Todesfälle der jetzigen Corona-Pandemie mit denen der Grippe verglichen. Kaum jemals ist hingegen davon die Rede, dass man zwischen verschiedenen Erscheinungsformen der Grippe unterscheiden sollte.

Auch Vergleiche der der Todesfälle sind in diesem Kontext durchaus üblich. Diese Vergleich sind aber leider ein bisschen wie der sprichwörtliche Vergleich „zwischen Äpfeln und Birnen“, ebenso wie viele andere Angaben über die Unterschiede zwischen den beiden Viren-Erkrankungen eher irreführend sind.

Dieser Artikel geht auf die Unterschiede zwischen dem Influenza-Virus und dem SARS-CoV-2-Virus ein und erklärt, warum Corona deutlich gefährlicher als die jährliche Grippe ist.

Die Grippe

Es ist leicht einmal gesagt, dass jemand die „Grippe“ habe. Aber in den meisten Fällen handelt es sich dabei nicht um eine echte Grippe, sondern um eine der ebenfalls durch Viren ausgelösten Erkältungs-Krankheiten.

Die leichten Erkältungs-Krankheiten

Eine Erkältung beziehungsweise ein viraler Infekt ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für eine Infektionskrankheit der Schleimhaut von Nase, Rachen oder Bronchien. Diese Erkrankungen werden zwar gerne einmal als „leichte Grippe“ bezeichnet, haben aber mit der „echten“ Grippe (Influenza) nichts zu tun.

Mittlerweile kennen wir über 200 verschiedene Viren, die diese Erkältungskrankheiten auslösen können, dazu gehören auch vier verschiedene und bereits seit längerem bekannte Corona-Viren.

Die Grippe oder Influenza

Die sogenannte Influenza ist eine durch Viren (Influenza-Virus mit vier Subtypen) ausgelöste Infektionskrankheit, die zu hohem Fieber, schweren Kopf- und Gliederschmerzen und einem trockenen Reizhusten führt. Im Unterschied zu einer der oben beschriebenen Erkältungs-Krankheiten sind bei einer „echten“ Grippe nicht nur die Atemwege, sondern der ganze Körper betroffen.

Die saisonale Grippe

Influenza-Viren sind weltweit verbreitet und mutieren relativ schnell. In den Wintermonaten (bei uns meistens zwischen Dezember und März) kommt es jedes Jahr zu mehr oder weniger schweren Grippewellen. Die Schwere dieser Grippewellen hängt davon ab, wie sehr sich der Erreger von Jahr zu Jahr verändert hat und wie gut die jährlich neu angepassten Impfstoffe auf den jeweiligen Erreger reagieren.

Die Influenza wird hauptsächlich durch eine Tröpfchen-Infektion, also durch ausgestoßene Tröpfchen beim Sprechen, Husten oder Niesen, übertragen.

Die jährlichen Grippewellen verschulden weltweit jeweils ungefähr 500 Millionen Erkrankungsfälle und sind für 250.000 bis 600.000 Todesfälle verantwortlich (je nachdem, welcher Studie man Glauben schenken möchte).

Die pandemische Grippe

Eine Grippe-Pandemie entsteht dann, wenn ein neuartiges, dem menschlichen Immunsystem noch unbekanntes Influenza-Virus auftritt, das leicht von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Solche Viren sind im letzten Jahrhundert für einige der schwersten aufgetretenen Pandemien verantwortlich gewesen.

  • Die Spanische Grippe forderte zwischen 1918 und 1920 zwischen zwanzig und fünfzig Millionen Todesopfer
  • Die Asiatische Grippe forderte zwischen 1957 und 1958 zwischen einer und vier Millionen Todesopfer
  • Die Hongkong-Grippe forderte 1968 ebenfalls zwischen einer und vier Millionen Todesopfer

Die Weltgesundheitsorganisation teilt die jährlich auftretenden Influenza-Erreger nach ihrem Risiko für eine weltweite Verbreitung in sechs Stufen ein und gibt damit eine Einschätzung der Gefährlichkeit des Erregers ab.

SARS-CoV-2

Das neu aufgetretene SARS-CoV-2-Virus unterscheidet sich von den bisherigen Influenza-Viren gerade bezüglich seiner Infektiösität erheblich. Denn im Gegensatz zu den bekannten Influenza-Viren ist es erheblich leichter über Aerosol-Wolken übertragbar, was die Ansteckungsgefahr gerade in geschlossenen Räumen deutlich erhöht.

Außerdem scheint das SARS-CoV-2-Virus deutlich resistenter gegen hohe Außentemperaturen zu sein, als dies beim Influenza-Virus der Fall ist. Anders lassen sich die gerade sichtbaren Infektionsverläufe gerade in den heißen Ländern dieser Erde kaum erklären. Trotzdem dürfte das warme Sommerwetter aber einen gewissen Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben, weil sich die Menschen im Sommer eher draußen aufhalten und damit das Risiko für Aerosol-Übertragungen ganz automatisch sinkt.

Ein weiteres Risiko stellt die Tatsache dar, dass gegen das neue Corona-Virus weder eine Grundimmunität in der Bevölkerung besteht noch ein effektiver Impfstoff absehbar ist. Die Weltgesundheitsorganisation geht derzeit davon aus, dass selbst im besten Fall bis zur Verfügbarkeit eines Impfstoffes noch ein Jahr vergehen könnte.

Besonders gefährlich ist die Situation auch deswegen, weil sich das Infektionsgeschehen immer mehr auf die jüngeren Altersgruppen (ungefähr 15 bis 40 Jahre) verlagert. Diese Personen weisen in den allermeisten Fällen selbst keine oder kaum Symptome auf, können aber durchaus andere Menschen anstecken, ohne selbst überhaupt etwas von ihrer Erkrankung zu bemerken.

Deswegen kann sich dieses Virus weitaus leichter als eines der Influenza-Viren völlig unbemerkt in weiten Teilen der Bevölkerung ausbreiten. Merkbar wird das erst einige Wochen später, wenn auf einmal großflächig Symptome auftreten und Menschen in hoher Zahl in Kliniken eingewiesen werden. Zu diesem Zeitpunkt ist es aber aufgrund der langen Inkubationszeit für eine Rückverfolgung der Kontakte längst viel zu spät.

Mehr Information zur Weiterverbreitung des Virus gerade durch jüngere Menschen finden Sie bei Interesse auch im Artikel Schulen und Feiern – Mögliche Treiber der zweiten Welle in diesem Blog.

Der Vergleich der Todeszahlen

Zum Schluss noch ein paar Worte zum gerne bemühten Vergleich der Todesfall-Zahlen des SARS-CoV-2-Virus mit denen der Influenza-Viren. Was viele bei diesen Vergleichen nicht beherzigen ist die Tatsache, dass die Influenza-Todeszahlen keine exakten Zahlen sind, sondern anhand der sogenannten Übersterblichkeit geschätzt werden.

Übersterblichkeit bedeutet, dass man die Differenz zwischen der normalerweise für den Zeitraum einer Grippewelle erwarteten Todesfällen und den tatsächlich eingetretenen Todesfällen für diesen Zeitraum berechnet. Die Differenz zwischen diesen beiden Zahlen wird dann als Todesfälle für die jeweilige Grippewelle angenommen, Laborbefunde gibt es dazu nur in den seltensten Fällen.

Bisher sind in der Corona-Pandemie in gut drei Monaten knapp eine halbe Million Menschen verstorben. Diese Todesfälle sind im Gegensatz zu den jeweiligen Todesfällen der Grippe-Epidemie laborbestätigt und liegen bereits jetzt (nach drei Monaten!) am oberen Ende der typischen Zahlen einer saisonalen Grippe. Rechnet man die Übersterblichkeit hinein (wie es zum Beispiel die New York Times hier tut) kommt man bereits jetzt auf eine Zahl von deutlich mehr als 600.000 Todesfällen weltweit. Und diese Corona-Pandemie ist keineswegs bereits zu Ende, das sagt schon ein Blick auf die täglichen Neu-Infektionen.

Vielleicht sollten also alle diejenigen, die dieses neue Corona-Virus als „harmloser als eine Grippe“ bezeichnen, noch einmal innehalten und nachdenken. Natürlich bleibt der Vergleich mit einer Grippe erlaubt und sogar erwünscht, aber der Maßstab sollte dann eher eine der großen Grippe-Pandemien der letzten Jahrhunderte (siehe oben) sein.

Mehr Information zum Thema finden Sie übrigens auch im Artikel Die Bedeutung der Übersterblichkeit in diesem Blog.

Fazit

Selbstverständlich hat niemand etwas gegen die Lockerungen der doch recht strikten Eindämmungs-Maßnahmen. Die Lockerungen sind notwendig, es tut sowohl der Wirtschaft wie auch uns allen mehr als gut, dass das „normale“ Leben so langsam wieder seinen Lauf nimmt.

Aber trotzdem sollten wir sehr vorsichtig mit unseren zurückgewonnenen Freiheiten umgehen, wenn wir sie behalten möchten. Denn das Virus ist nach wie vor unter uns, und es wartet nur darauf, dass wir ihm wieder die Möglichkeit zur Verbreitung geben. Ein Blick auf die neuen Infektionsherde in Deutschland oder Israel zeigt das recht eindringlich. Und auch in Luxemburg sehen wir in den Infektionszahlen der letzten Tage eine deutliche Steigerung.

Deswegen ist es so wichtig, dass wir nach wie vor wachsam sind. Halten Sie also ein wenig Distanz zu anderen Menschen, meiden Sie größere Menschenansammlungen (besonders in Innenräumen) und tragen Sie weiterhin einen Mund-Nasen-Schutz. Und beschränken Sie bitte den Kreis der Menschen, zu denen Sie engen Kontakt haben möchten, auf ein Minimum.

Und bitte bedenken Sie eines: Sie tun das nicht für sich. Sie tun das für uns alle, denn nur gemeinsam werden wir diese Pandemie so einigermaßen unter Kontrolle halten können. Denn nur dann kann jeder Einzelne von uns einen Teil zur Lösung dieser Pandemie beitragen, anstelle selbst zu einem Teil des Problems zu werden.

Aber, und auch das ist wichtig, gemeinsam können wir es schaffen, diese Pandemie unter Kontrolle zu halten und erneute Einschränkungen unserer persönlichen Freiheit zu verhindern.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Der Autor ist freiberuflicher Autor, Texter und Web-Entwickler mit Sitz in Luxemburg. Er ist diplomierter Informatiker und Statistiker und verfügt über jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Er publiziert Artikel zu Themen rund um Gesellschaft, Internet und verschiedene Wissenschaftsgebiete in seinem eigenen Blog und in verschiedenen Foren.

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