Corona

Teststrategien sind keine Entschuldigung für Nichthandeln

Teststrategien sind ein wichtiger Baustein der Pandemie-Bekämpfung, weil nur durch sie das Infektions-Geschehen überhaupt erkannt und bewertet werden kann. Deswegen werden die Regierungen vieler Länder auch nicht müde, die Qualität der jeweiligen Teststrategie anzupreisen und als Garant für die Pandemie-Kontrolle darzustellen. Aber leider reicht auch die beste Teststrategie alleine nicht zur Kontrolle einer Pandemie aus, man muss zu hohe Inzidenzen auch mit Maßnahmen bekämpfen. Und zum zweiten gibt es enorm viele verschiedene Teststrategien, die alle ihre Vor- und Nachteile haben. Also möchte ich diesen ganzen Themenkomplex in diesem Artikel einmal etwas näher beleuchten.

Grundsätzlich geht es bei Infektions-Krankheiten immer darum, dass man infizierte Menschen entdeckt und verhindert, dass sie andere Menschen anstecken. Bei SARS-CoV-2 ist das ziemlich problematisch, weil ein Infizierter schon vor Symptombeginn andere Menschen anstecken kann, zu einem Zeitpunkt also, zu dem er überhaupt noch keine Erkrankung bemerken kann.

Eine sinnvolle Teststrategie muss also dafür sorgen, dass die Dunkelziffer der unerkannt infizierten Menschen in der Bevölkerung (mehr dazu finden Sie auch im Artikel Die Bedeutung der Dunkelziffer) so gering wie möglich bleibt. Dazu gibt es verschiedene Lösungsansätze, die ich Ihnen in den folgenden Absätzen kurz erklären möchte.

Vorab noch eine kurze Erklärung zur Positivrate, die in diesem Artikel häufiger erwähnt wird (falls Sie’s schon wissen, lesen Sie bitte einfach im nächsten Absatz weiter): die Positivrate gibt den Anteil der positiv getesteten Menschen an der Gesamtzahl der durchgeführten Tests an. Würden also beispielsweise an einem bestimmten Tag 100 Tests durchgeführt, von denen 10 positiv ausfielen, dann läge die Positivrate bei 10%.

Teststrategien und ihre Auswirkungen

Sehen wir uns doch einmal die verschiedenen denkbaren Teststrategien und ihre Auswirkungen auf das Infektions-Geschehen an:

Tests aufgrund von Symptomen

Das sind eigentlich die klassischen Tests. Jemand fühlt sich krank, geht zum Arzt oder in ein Testzentrum und lässt sich einen Test verschreiben. Manche Länder (beispielsweise Luxemburg) haben genügend hohe Testkapazitäten und können deswegen jeden Testwunsch erfüllen, die meisten anderen Länder testen nur bei Symptomen ab einer gewissen Schwere.

Alleine dadurch ergeben sich sogar bei diesen Tests bei symptomatischen Patienten erhebliche Unterschiede in der Positivrate, denn natürlich fallen Tests häufiger positiv aus, wenn nur Menschen mit schwereren Symptomen überhaupt getestet werden.

Schlimmer sind allerdings die Auswirkungen auf das Infektions-Geschehen. Denn schon bei einem Test beim allerersten Auftreten von Symptomen hat man mindestens die ersten zwei infektiösen Tage verpasst, umso länger man auf das Auftreten schwererer Symptome wartet, desto länger wird diese infektiöse Phase, in der der Patient nicht positiv getestet wurde.

Die einzige vernünftige Lösung besteht daher darin, dass man jeden Testwilligen tatsächlich möglichst zeitnah testet (was natürlich nur dann funktionieren kann, wenn man auch tatsächlich über genügend Tests verfügt). Sehen wir uns das einmal an einem Beispiel an.

Nehmen wir einmal an, wir hätten 100 Personen, die sich alle an einem Tag X, nennen wir ihn Tag 1, infizieren. Bei einer Inkubationszeit von 3 Tagen wären unsere 100 Personen dann ab dem Tag 4 infektiös. Ungefähr 25 von ihnen würden von ihrer Infektion nicht das Mindeste bemerken, diese 25 infektiösen Personen fallen vollständig durch unser Testraster.

Rund 65 Personen würden ab dem Tag 6 leichte Symptome verspüren, die bei ungefähr 15 von ihnen in den nächsten Tagen etwas stärker werden würden. Genügend Testwillen und -kapazität vorausgesetzt könnte man mit etwas Glück einen großen Teil dieser infizierten Personen irgendwann zwischen dem Tag 6 und dem Tag 10 identifizieren und isolieren. Testet man hingegen nur Menschen mit schweren Symptomen, dann wird man rund 50 dieser Infizierten niemals entdecken.

Die restlichen 10 Personen würden relativ schnell schwere Symptome aufweisen und würden in einem solchen Szenario mit ziemlicher Sicherheit entdeckt werden.

Bei einem Szenario mit ausreichender Testkapazität würde man also rund 60 von 100 Infizierten ziemlich schnell identifizieren und aus dem Infektions-Geschehen herausnehmen können. Wenn die Tests auf stark symptomatische Patienten beschränkt bleiben wären es nur zwischen 10 und 25 von 100.

Allerdings würde man im Szenario mit genügend Tests ziemlich viele Menschen mit Symptomen einer leichten Erkältung oder ähnlichem testen, die Positivrate wäre also vermutlich relativ gering (läge allerdings recht nahe am tatsächlichen Infektions-Geschehen). Im Szenario mit eingeschränkter Testkapazität würde man nur Menschen mit relativ schweren Symptomen überhaupt testen, bei denen die „Chance“ auf eine SARS-CoV-2-Infektion dementsprechend größer ist und hätte als Resultat vermutlich eine relativ hohe Positivrate (und wäre vom tatsächlichen Infektions-Geschehen weit entfernt).

Luxemburg ist bei dieser Teststrategie ganz weit vorne mit dabei, hierzulande kann man sich tatsächlich immer testen lassen, wenn man das möchte. Dementsprechend niedrig liegt die hiesige Positivrate bei den Tests auf Rezept, die Positivrate unserer europäischen Nachbarn liegt deutlich höher, ist allerdings auch weniger aussagekräftig.

Tests aufgrund einer Kontakt-Nachverfolgung

Auch diese Teststrategie gibt es in allen europäischen Ländern. Bei allen positiv getesteten Personen bemühen sich die Gesundheitsämter und/oder spezielle Teams darum, möglichst lückenlos die Kontakte dieser Person nachzuvollziehen, denn bei diesen Kontakten besteht ein großes Risiko einer Infektion (das mit dem Auftauchen von hochinfektiösen Mutanten wie B.1.17 noch einem erheblich größer geworden ist).

Mit dieser Strategie sucht und testet man also ganz gezielt Menschen, bei denen ein hohes Risiko einer Infektion im gesuchten Zeitraum (das SARS-CoV-2-Virus lässt sich per PCR-Tests aus dem Rachenraum nur für rund 14 Tage nachweisen) angenommen werden kann. Das funktioniert in den meisten Ländern recht gut, die Trefferquote (oder eben die Positivrate) ist deswegen bei diesen Programmen sehr hoch und in den europäischen Ländern auch sehr ähnlich. Änderungen ergeben sich hauptsächlich durch das zur Verfügung stehende Personal, denn die Kontakt-Nachverfolgung ist enorm zeitaufwändig und muss schnell erfolgen.

Die Positivrate für diese Teststrategie dürfte in allen europäischen Ländern ähnlich hoch ausfallen. Der Einfluss auf das Infektions-Geschehen hängt von der Effizienz der oben beschriebenen Tests aufgrund von Symptomen ab. Denn man muss natürlich zunächst einmal die infizierte Person finden, bevor man ihre Kontakte nachverfolgen kann. Umso höher die Dunkelziffer (mehr dazu finden Sie auch im Artikel Die Bedeutung der Dunkelziffer) also ausfällt, desto geringer ist der Einfluss der Kontakt-Nachverfolgung auf das Infektions-Geschehen.

Luxemburg findet bei den Tests aufgrund von Symptomen relativ viele Infizierte (s.o.), deswegen ist auch die personell ziemlich gut aufgestellte Kontakt-Nachverfolgung hierzulande ein sehr effizientes Mittel zur Kontrolle des Infektions-Geschehens.

Ansatzlose Tests in der Breite der Bevölkerung

Die Massentestung von symptomlosen Personen kann ebenfalls zur Kontrolle des Infektions-Geschehens beitragen, wenn man eine genügend hohe Testfrequenz aufrechterhalten kann. Denn wir wissen ja, dass sich das SARS-CoV-2-Virus im Rachenraum mit einem PCR-Test nur für einen Zeitraum von ungefähr 14 Tagen nachweisen lässt.

Wenn man also mit einem solchen Testprogramm eine echte Kontrolle über das Infektions-Geschehen erreichen möchte, dann muss man die Risikogruppen in der Bevölkerung (das sind hauptsächlich Menschen mit ständigem Kontakt zu vielen anderen Personen, also beispielsweise Personal aus dem Gesundheits- oder Bildungs-Bereich) eigentlich wenigstens jede Woche testen.

Die Positivrate bei einem solchen Programm wird umso niedriger ausfallen, umso höher die Zeitspanne zwischen den Tests wird. Das liegt ganz einfach daran, dass mit zunehmender Zeit zwischen den Tests die Chance auf einen „Treffer“ im möglichen Detektions-Zeitraum immer weiter abnimmt.

Noch wichtiger ist die Zeitspanne zwischen den Tests für die Kontrolle des Infektions-Geschehens. Denn hier kommt es nicht nur darauf an, eventuell infizierte Personen zu identifizieren, man muss sie auch in der infektiösen Phase (von ungefähr 2 Tagen vor Symptombeginn bis rund 7 Tage danach) finden und isolieren, damit sie möglichst wenig andere Menschen anstecken können. Und umso mehr Zeit man zwischen zwei Tests verstreichen lässt, desto geringer sind die Chancen auf einen „Treffer“ in dieser hochinfektiösen Phase.

In Luxemburg gibt es (im Gegensatz zu den europäischen Nachbarn) ein solches Testprogramm, es nennt sich Large-Scale-Testing. In den Risikogruppen (hauptsächlich Personal aus dem Gesundheitswesen) liegt die Testfrequenz bei ungefähr zwei Wochen, beim Rest der Bevölkerung ist der Abstand zwischen den einzelnen Tests deutlich größer. Aber immerhin wurden dabei bislang mit 1.355.003 durchgeführten Tests immerhin 7.685 Infizierte entdeckt (was einer Positivrate von 0,57% entspricht). Das ist zwar nicht sehr viel, aber es hat wahrscheinlich einen positiven Einfluss auf die Dunkelziffer gehabt und die Situation in Luxemburg damit kontrollierbarer als bei den europäischen Nachbarn gemacht.

Allerdings hat das Auftreten der infektiöseren SARS-CoV-2-Mutanten (allen voran die Mutante B.1.17) ab dem Dezember letzten Jahres einen enormen Einfluss auf die Wichtigkeit der Testfrequenz. Man hätte dieses Testprogramm damals um den hochfrequenten Einsatz von Antigen-Schnelltests für die breite Bevölkerung ergänzen müssen, besonders in den Bildungs-Einrichtungen des Landes wäre das ein sehr wichtiger Schritt zur Kontrolle des Infektions-Geschehens gewesen. Mehr zum Einfluss der Mutanten auf die Teststrategien finden Sie weiter unten in diesem Artikel.

Tests bei der Einreise

Gerade die Verbreitung der SARS-CoV-2-Mutanten in den letzten Monaten hat uns gezeigt, dass Tests bei der Einreise ziemlich wünschenswert wären, wenn man eine solche Verbreitung stoppen möchte. Zumindest bei Fernreisen mit dem Flugzeug wäre eine solche Kontrolle eigentlich unabdingbar gewesen.

Das Mindeste wären verpflichtende PCR-Tests bei der Einreise für jeden Flugreisenden gewesen, noch zielführender wäre eine Quarantäne von mindestens 7 Tage für alle Einreisenden gewesen (ja, das geht, Länder wie Kanada haben uns das gezeigt). Man hätte mit solchen Maßnahmen die Einschleppung von Mutanten kaum verhindern, aber zumindest verlangsamen können.

Die Chance auf einen „Treffer“ (bzw. eine hohe Positivrate) bei solchen Tests direkt bei der Einreise ist relativ gering (und steigt mit 7 Tagen Wartezeit deutlich an, deswegen ist eine Quarantäne sinnvoll), aber der Einfluss auf das Infektions-Geschehen kann sehr hoch sein, wenn damit die Einschleppung von Mutanten verhindert oder verlangsamt werden kann.

Luxemburg hat sich bei diesen Tests für eine ziemlich halbherzige Lösung entschieden. Es gibt zwar die Möglichkeit zu Antigen-Schnelltests und PCR-Tests bei der Einreise am Flughafen und das ist durchaus positiv zu bewerten. Weniger positiv ist es allerdings, dass die Tests nicht verpflichtend sind und dass die getesteten Personen den Flughafen vor Vorliegen des Ergebnisses verlassen dürfen. Das klingt auf dem Papier gut und mag ein wenig zur Kontrolle beitragen, eine ernstzunehmende Eindämmungs-Maßnahme ist es nicht.

Spätestens das Auftauchen der infektiöseren Mutanten und die Erkennungs-Lücke der Antigen-Schnelltests in den zwei ersten infektiösen Tagen, haben die Benutzung eines Flugzeugs auf Basis eines negativen Schnelltest-Resultats nicht unbedingt sicherer gemacht (mehr dazu finden Sie auch im Artikel Antigen-Schnelltests und die Illusion der Sicherheit vom 18. April 2021).

Anmerkung: Ich erinnere diesbezüglich an den ersten Lufthansa-Sonderflug nach China nach dem Lockdown der ersten Welle am 30. Mai 2020. Bei diesem Flug wurden alle 200 Passagiere vor Abflug in Frankfurt mittels PCR-Test (die viel genauer als die derzeit benutzten Schnelltests reagieren) auf SARS-CoV-2 getestet, alle Resultate waren negativ. Bei der Ankunft in China wurde bei einem erneuten Test ein 34-jähriger Ingenieur positiv getestet. Durch die infektiöseren SARS-CoV-2-Mutanten und die Detektions-Lücke der Antigen-Schnelltests (s.o.) hat sich die Situation seitdem eher verschlechtert.

Antigen-Schnelltests

Noch vor ein paar Monaten haben viele Menschen (auch ich, siehe hier im Artikel Antigen-Schnelltests – Game-Changer oder trügerische Hoffnung? vom 25. Dezember 2020) gehofft, dass Antigen-Schnelltests uns wieder ein nahezu normales Leben ermöglichen könnten. Nachdem wir wissen, dass diese Tests eine Detektions-Lücke in den ersten infektiösen Tagen haben, stellt sich die Nützlichkeit als etwas eingeschränkt heraus (mehr dazu im Artikel Antigen-Schnelltests und die Illusion der Sicherheit vom 18. April 2021).

Auch wenn die Idee mit den Antigen-Schnelltests als „Game-Changer“ damit kaum noch sinnvoll sein dürfte (sie können wegen der Lücke in der Erkennung nicht zum „Freitesten“ genutzt werden), haben sie doch trotzdem drei unbestreitbare Vorteil, nämlich ihren geringen Preis, ihre große Verfügbarkeit und ihre Schnelligkeit.

Denn im Gegensatz zu einem PCR-Test liegt das Ergebnis eines Schnelltests bereits nach einigen Minuten vor. Und damit bieten diese Tests bei entsprechend häufiger Anwendung immer noch die Chance, eine ziemlich große Anzahl von infizierten Personen relativ schnell zu finden. Diese Vorteile kommen gerade in typischen Cluster-Situationen (also überall dort, wo immer die gleichen Menschen zusammen sind, beispielsweise in Schulen oder in Unternehmen) zum Tragen, dort können Schnelltests eine erhebliche Rolle spielen. Näheres dazu lesen Sie im oben verlinkten Artikel.

Luxemburg hat das Thema Schnelltests übrigens (wie auch die anderen europäischen Länder) ziemlich verschlafen. Das ist hauptsächlich deswegen schlecht, weil eine auf Antigen-Schnelltests basierende Strategie hierzulande aufgrund der geringen Größe des Landes und der geringen Einwohnerzahl tatsächlich hätte funktionieren können.

Die jetzt endlich begonnenen Schnelltests in den Schulen sind sicherlich besser als gar nichts und können ein Baustein für etwas mehr Sicherheit sein. Stark bremsen werden sie das Infektions-Geschehen nicht, dazu ist die Inzidenz in der Gesamtbevölkerung zu hoch und die Testfrequenz mit einem Test pro Woche zu niedrig.

Die Positivrate und das Infektions-Geschehen

Man liest ab und zu in den Medien und in den sozialen Netzwerken, dass die Positivrate einen Aufschluss über das Infektions-Geschehen geben könnte. Da stehen dann beispielsweise Dinge wie „Bei einer Positivrate unter 5% gibt es nur ein geringes Infektions-Geschehen“. Solche Aussagen sind mit Vorsicht zu genießen, weil sie die dahinterstehende Teststrategie im Allgemeinen nicht aufgreifen.

Betrachten wir das einmal am Beispiel von Luxemburg. Hierzulande gibt es vier verschiedene Teststrategien, alle mit unterschiedlicher Ausrichtung und unterschiedlicher Positivrate.

  1. Tests auf Rezept – dies sind die Tests, die meist aufgrund von Symptomen verschrieben werden, sie sind mit den entsprechenden Programmen in anderen Ländern vergleichbar. Hier wurden bisher durch 709.832 Tests 39.196 infizierte Personen entdeckt, das entspricht einer Positivrate von 5,52%.
  2. Tests aufgrund von Kontakt-Nachverfolgung – auch diese Tests finden vergleichbar in anderen europäischen Ländern statt, hier werden die Kontakte einer infizierten Person nachverfolgt und ebenfalls getestet. In diesem Programm wurden in den bisherigen 160.333 Tests 14.001 Infizierte gefunden, das entspricht einer Positivrate von 8,73%.
  3. Large-Scale-Testing – hier werden Personen aus der Bevölkerung semi-zufällig ausgewählt und erhalten eine (nicht verpflichtende Einladung zum Testen). Die Auswahl ist semi-zufällig, weil hier gezielt bestimmte Berufsgruppen (Gesundheitswesen, Lehrpersonal usw.) bevorzugt werden, die ständig in engerem Kontakt mit einem größeren Personenkreis sind. Bisher wurden mit diesem Programm mit 1.394.792 Tests 7.768 Infektionen aufgespürt, das entspricht einer Positivrate von 0,56%.
  4. Einreise-Tests – diese Tests werden bei der Einreise über den luxemburgischen Flughafen auf freiwilliger Basis angeboten (zwischen dem 1. Februar und dem 12. April 2021 wurden sie gar nicht angeboten). Inwiefern es Sinn macht, solche Tests auf nicht verpflichtender Basis anzubieten, sei hier einmal dahingestellt. Bisher wurden mit diesem Programm mit 75.732 Tests 740 Infektionen aufgespürt, das entspricht einer Positivrate von 0,98%.

Anmerkung: alle hier genannten Zahlen beruhen auf den Wochenberichten des luxemburgischen Gesundheitsministeriums und decken den Zeitraum vom 30. Juli 2020 bis zum 18. April 2021 ab.

Errechnet man aus allen diesen 2.340.689 Tests mit ihren 61.705 aufgefundenen infizierten Menschen eine Positivrate, dann kommt man auf einen Wert von 2,64%. Aber dieser Wert hat letztlich keine besondere Aussagekraft, weil er stark schwankt (weil man halt das Glück braucht, dass man Menschen im richtigen Moment testet) und unter den europäischen Ländern aufgrund der unterschiedlichen Teststrategien kaum eine Basis für einen Vergleich liefert.

Unter den europäischen Ländern eher vergleichbar sind die Tests auf Rezept und aus der Kontakt-Nachverfolgung, weil diese Strategien in allen Ländern ähnlich funktionieren. Damit käme man auf 870.165 bisher durchgeführte Tests mit 53.197 aufgespürten Infektionen und damit auf eine Positivrate von 6.11% (diese kombinierte Zahl wird übrigens aus genau diesem Grunde auch in den Wochenberichten des luxemburgischen Gesundheits-Ministeriums ausgewiesen).

Aber selbst dieser Wert ist kaum vergleichbar, weil in Luxemburg bei den Tests auf Rezept erheblich mehr leicht symptomatische Patienten als bei unseren europäischen Nachbarn getestet werden. Deswegen fällt auch diese Positivrate hierzulande geringer aus und ist nur schwer vergleichbar.

Man kann daher sicherlich sagen, dass Luxemburg aufgrund der diversifizierten Teststrategie einen deutlich besseren Überblick über das Infektions-Geschehen als seine Nachbarn haben dürfte. Aber quantifizieren lässt sich das nicht, deswegen sind Aussagen im Stil von „Eine Wochen-Inzidenz von 200 in Luxemburg entspricht einer Wochen-Inzidenz von 100 in Deutschland“ nicht richtig.

Die Fallsterblichkeit als Vergleichs-Ansatz

Wenn man ganz grob rechnen möchte, dann könnte man die Fallsterblichkeit als Ansatz für einen Vergleich benutzen. Da es sich in allen europäischen Ländern um das gleiche Virus handelt, sollte auch die Sterblichkeitsrate ähnlich ausfallen (wobei sich natürlich trotzdem Unterschiede aufgrund von Altersstruktur, Gesundheitsversorgung u.ä. ergeben können).

Aber man kann trotzdem davon ausgehen, dass eine niedrige Fallsterblichkeit in einem bestimmten Land einen Hinweis darauf geben könnte, dass die Dunkelziffer in diesem Land geringer als in einem Land mit hoher Fallsterblichkeit ist. Ich habe den Denkansatz übrigens Mitte Dezember 2020 im Artikel Ein Vorschlag zur europäischen Vergleichbarkeit der Wochen-Inzidenz schon einmal beschrieben.

Was diese Fallsterblichkeit betrifft, steht Luxemburg im internationalen Vergleich seit Beginn der Corona-Pandemie ziemlich gut da und liefert damit den Beweis dafür, dass eine umfassende Teststrategie in erheblichem Masse zur Pandemie-Kontrolle beitragen kann.

Der Einfluss der Mutanten

Leider hat das Auftauchen der infektiöseren Mutanten im November/Dezember letzten Jahres dafür gesorgt, dass die Teststrategien der europäischen Länder auf einmal deutlich schlechter funktioniert haben, die Fallzahlen steigen seitdem wieder an. Die letzte Pandemie-Welle konnte nur von einigen Ländern wie Portugal mit sehr harten Maßnahmen gebremst werden, die meisten Länder haben die Welle bis heute nicht bremsen können.

Diese Entwicklung ist keineswegs besonders überraschend gekommen, Wissenschaftler warnen seit Dezember letzten Jahres davor. Denn für einen Wissenschaftler ist völlig klar, dass eine Mutante mit einer um 30% höheren Infektiösität natürlich auch für ein Ansteigen der Reproduktionszahl um ebendiese 30% sorgen wird. Diese Prognosen der Wissenschaft sind deswegen ziemlich exakt eingetroffen, weil ein Virus ein paar einfachen Naturgesetzen folgt. Aus meinen Artikeln Die weitreichenden Folgen der neuen SARS-CoV-2-Varianten vom 28. Dezember 2020 und Es wird schlimmer werden, bevor es besser werden kann vom 2. Januar 2021 können Sie entnehmen, was damals schon bekannt war.

Genau so klar war der Wissenschaft im Dezember 2020, dass gerade die Öffnung der Schulen ein ernstzunehmendes Risiko darstellen würde. Ich habe am 7. Januar 2021 im Artikel Sind die Lockerungen und die Schulöffnung in Luxemburg verantwortungslos? alles Wissenswerte darüber zusammengefasst und am 26. Januar 2021 im Artikel Corona und die Strategie für die nächsten Monate noch einmal dargelegt, was man damals gegen die Ausbreitung der Pandemie hätte tun können.

Für einen Politiker scheint das allerdings zu bedeuten, dass man doch bitteschön jetzt erstmal abwarten möge, ob es denn wirklich so schlimm käme. Nun ja, es kam so schlimm, und reagiert hat die Politik trotzdem nicht. Offenbar hat im Januar 2021 kein Politiker ernsthaft daran geglaubt, dass die neu entdeckten Mutanten tatsächlich so heftige Folgen für das Infektions-Geschehen haben könnten.

In Luxemburg wurde die Mutante B.1.1.7 erstmals in einer Probe vom 19. Dezember 2020 nachgewiesen, spätestens seit dem Wochen-Bericht des Laboratoire National de Santé vom 5. Januar 2021 wissen wir zweifelsfrei, dass die Mutante B.1.1.7 hierzulande nachgewiesen wurde. Am 11. Januar 2021 hat die luxemburgische Regierung dann mit der Öffnung der Schulen das Projekt „Durchseuchung der jüngeren Bevölkerung“ gestartet, zunächst vermutlich aufgrund einer (übrigens durchaus nachvollziehbaren) Unterschätzung des Einflusses der Mutanten.

Das Projekt läuft bis heute, weil die luxemburgische Regierung offenbar bis heute damit zufrieden ist, die Fallzahlen bei einer Wochen-Inzidenz um die 200 stabil zu halten. Und dabei ignoriert, dass das SARS-CoV-2-Virus anstelle der älteren (jetzt zu einem Großteil geimpften) jetzt eben den jüngeren (bisher meist nicht geimpften) Teil der Bevölkerung angreift und in die Kliniken bringt.

Eine Wochen-Inzidenz von 200 bedeutet in Luxemburg rund 1.250 infizierte Menschen pro Woche. Von diesen Menschen werden nach derzeitigem Stand rund 100 im Krankenhaus landen und um die 15 davon werden versterben! PRO WOCHE!! Weil wir eine stabile Wochen-Inzidenz von 200 mit einer kontrollierbaren Lage verwechseln!!!

Dazu kommen übrigens noch mögliche Langzeit-Folgen einer Covid-19-Erkrankung, die wir bis heute nicht einmal ansatzweise überblicken können. Einiges dazu finden Sie im Artikel Long-Covid und was wir darüber wissen in diesem Blog, einige interessante Informationen können Sie auch diesem ZEIT-Interview mit der Ärztin Carmen Scheibenbogen, die an der Berliner Charité mit einer Arbeitsgruppe das Chronische Fatigue Syndrom erforscht, entnehmen.

Mehr zum Thema Durchseuchung finden Sie auch im Artikel Durchseuchung – Dummheit, Arroganz oder Vorsatz? vom 11. April 2021 in diesem Blog.

Fazit

Wir wissen, dass in ganz Europa die Impfung der älteren Bevölkerung nicht dafür sorgt, dass das SARS-CoV-2-Virus verschwindet, sondern dass es sich vermehrt unter der jüngeren Bevölkerung ausbreitet. Wir wissen auch, dass wir deswegen vermehrt jüngere Menschen in den Kliniken und auf den Intensiv-Stationen sehen. Und wir wissen, dass die Dauer des Aufenthalts auf den Intensiv-Stationen zunimmt, weil jüngere Menschen da nun einmal länger liegen, als das bei älteren der Fall ist.

Wir wissen, dass wir in Luxemburg seit dem 11. Januar 2021 jede Woche durchschnittlich knapp 100 Neuzugänge mit einer Covid-19-Erkrankung in den Kliniken gesehen haben. Wir wissen auch, dass hierzulande seitdem Woche für Woche durchschnittlich 18 Menschen an den Folgen dieser Erkrankung gestorben sind. Und wir wissen, dass die Pandemie-Lage nicht ganz so stabil ist, wie die luxemburgische Regierung uns das gerne glauben machen möchte.

Wir wissen, dass sich bei den Neu-Infektionen seit dem Ende der Weihnachtsferien am 11. Januar 2021 ein Trend zu immer höheren Zahlen entwickelt. Und wir wissen, dass ein Großteil der Ansteckungen im privaten Bereich erfolgt. Aber wir wissen auch, dass diese Infektionen im privaten Bereich darauf beruhen, dass das Virus von außen her in den privaten Bereich eingeschleppt worden ist und dass dafür in der Hauptsache die Schulen und die Arbeitswelt verantwortlich sind. Ob das jetzt tatsächlich ursächlich am Infektions-Geschehen in den Schulen und der Arbeitswelt liegt oder ob dort ein bereits existierendes Infektions-Geschehen verstärkt wird, ist dabei letzten Endes relativ gleichgültig.

Wir wissen, dass wir die Wochen-Inzidenz drücken können, wenn wir auf den Präsenz-Unterricht zumindest eine Weile verzichten und in der Arbeitswelt noch mehr als bisher auf Tele-Arbeit setzen. Und wir wissen auch, dass die luxemburgische Regierung (wie viele andere europäische Regierungen auch) genau das nicht tun möchte.

Wir wissen also, dass das Nichthandeln unserer Regierungen Konsequenzen haben wird und wir kennen den dafür zu zahlenden Preis in Form von Erkrankten und Toten. Auch unsere Politiker wissen das alles, so viele Warnungen kann niemand überhört haben. Die Durchseuchung der jüngeren Bevölkerung wird nur billigend in Kauf genommen, um die wirtschaftlichen Interessen zu schützen.

Vielleicht hat die Politik recht und die Strategie der Durchseuchung wird funktionieren. Vielleicht hat die Wissenschaft recht und die Strategie wird Konsequenzen in Form von Todesfällen und Langzeitfolgen in der jüngeren Bevölkerung haben. Wir wissen es heute nicht. Aber wenn die Wissenschaft wieder einmal recht behält, dann sollte die Politik ihre Entscheidungen später gegenüber den (chronisch) kranken Kindern und Eltern gut begründen können.

In eigener Sache: Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, dann können Sie mir das Schreiben und Recherchieren gerne mit einem Kaffee oder einer kleinen Spende versüßen. Eine Möglichkeit dazu finden Sie auf der Seite Buy me a coffee.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu diesem Thema, aus verschiedenen anderen Wissenschafts-Bereichen und aus dem Bereich Internet & Gesellschaft,

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