CoronaGesellschaft

Lockerungs-Maßnahmen und ihre Gefahren

Dieser Tage öffnen in vielen Ländern Europas wieder die ersten Geschäfte. Manche Länder wie Luxemburg beschränken das auf ganz wenige Branchen, andere wie Deutschland gehen deutlich weiter. Aber besonders die Öffnung der Geschäfte in Fußgängerzonen und Einkaufszentren birgt dabei enorme Gefahren für eine neue Ansteckungswelle.

Das liegt hauptsächlich daran, dass die Wiedereröffnung von Geschäften einen nicht vorhersagbaren Einfluss auf das Verhalten der Bevölkerung hat.

Dieser Artikel befasst sich mit den möglichen Folgen der Wiedereröffnung der Geschäfte und öffentlichen Einrichtungen und zeigt mögliche Gefahrenpunkte auf.

Handwerks- und Bausektor

Luxemburg hat sich dazu entschlossen, zunächst einmal Baustellen, Baumärkte und Baumschulen zu eröffnen. Vor einer weiteren Lockerung sollen zunächst einmal die Ergebnisse dieser Lockerungen überprüft werden.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Entscheidung sinnvoll. Die Öffnung der Baustellen könnte bis zu 45.000 Menschen (Quelle: Luxemburg in Zahlen 2019, Statec, Seite 14) aus der Kurzarbeit herausnehmen. Hier wird es zwar zu mehr Bewegungen dieser Arbeitnehmer für den Weg zur Arbeit und zurück kommen. Aber die Öffnung der Baustellen hat kaum das Potential, weitere Kunden anzuziehen, die Maßnahme betrifft also nahezu ausschließlich die betroffenen Arbeitnehmer.

Und, ohne boshaft formulieren zu wollen, statistisch gesehen handelt es sich hier um eine recht genau definierte Kontrollgruppe, anhand der sich die Folgen einer Lockerungs-Maßnahme mit hinreichender Genauigkeit betrachten lassen.

Baumärkte, Baumschulen, Recyclingcenter

Daneben hat Luxemburg Baumärkte, Baumschulen und Recycling-Centren wieder öffnen lassen. Dadurch wird es natürlich zu weiteren Bewegungen der Menschen kommen, um diese Geschäfte und Centren zu erreichen. Aber zum einen dürfte es sich hauptsächlich um einmalige Besuche zur Deckung eines Bedarfs handeln, zum zweiten befinden sich diese Geschäfte und Centren meist außerhalb der Ortskerne und verfügen über relativ viel Platz.

Insofern dürften diese Maßnahme kaum dafür sorgen, dass sehr viel mehr Menschen deswegen ihr Zuhause verlassen. Deswegen ist auch diese Entscheidung als sinnvoll zu bewerten.

Restaurants und Cafés

Auf den Besuch von Restaurants und Cafés werden wir in Luxemburg wohl noch eine Weile verzichten müssen. Wirtschaftlich gesehen dürfte das Probleme verursachen. Nicht so sehr bei den Angestellten, das lässt sich im Rahmen der Maßnahmen zur Kurzarbeit auffangen. Aber bei den Eigentümern, die keine Einnahmen und weiterlaufende Kosten haben. Manche von ihnen werden sich das vermutlich leisten können, andere eher nicht.

Hier müsste meiner Meinung nach der Staat mit nicht rückzahlbaren Hilfen mehr einspringen, als das bisher der Fall ist. Allerdings sollte ein Missbrauch dieser Hilfen ausgeschlossen werden und daher sollte eine Auszahlung erst nach einer Einzelfallprüfung erfolgen.

Aus wissenschaftlicher Sicht wäre eine Öffnung von Restaurants in absehbarer Zeit vermutlich möglich, wenn die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden können. Allerdings dürften hier Kontrollen notwendig werden, um ein Unterlaufen der Regeln zu vermeiden. Zur Durchführung solcher Kontrollen wird allerdings Personal benötigt, das derzeit wahrscheinlich nicht zur Verfügung steht.

Bei Cafés hingegen sehe ich in absehbarer Zeit kaum Möglichkeiten für eine Lockerung. Eventuell könnte eine Öffnung der Terrassen der Cafés möglich sein, hier sind die Abstandsregeln noch am ehesten einhaltbar. Innerhalb von Cafés lassen sich die Regeln kaum einhalten und auch kaum kontrollieren.

Geschäfte in Innenstädten und Einkaufszentren

Gerade Einzelhandelsgeschäfte in Fußgängerzonen und Einkaufszentren stellen ein erhebliches Problem dar. Und zwar nicht wegen der Geschäfte selbst, in denen sich Abstands- und Hygieneregeln durchaus durchsetzen ließen.

Das eigentliche Problem wird dadurch verursacht, dass die Öffnung dieser Geschäfte zu deutlich erhöhten Bewegungen der Menschen führen wird. Man kann das derzeit in deutschen Fußgängerzonen recht gut beobachten. Die Öffnung der Geschäfte sorgt dafür, dass der typische „Einkaufsbummel“ in die Realität zurückkehrt.

Aus wirtschaftlicher und politischer Sicht ist das auch durchaus sinnvoll.

Für viele ist Shopping der größte Ausdruck von Normalität. Und die Herstellung von Normalität, darin sind sich Ökonomen wie Soziologen einig, ist immer noch die beste Strategie zur Krisenbewältigung.

Aber aus virologischer Sicht ist dieses Verhalten ein Alptraum.

Das Verhalten der Menschen innerhalb der Geschäfte mag sich noch kontrollieren lassen, außerhalb der Geschäfte und auf den Transportwegen ist eine solche Kontrolle kaum machbar. Und das Gefühl der „Normalität“ wird bei vielen dazu führen, dass sie es mit den Regeln dann doch eher nicht so genau nehmen.

Eine solche Lockerung wird die Infizierten-Anzahl mit ziemlicher Sicherheit wieder stärker ansteigen lassen. Und zwar, und das ist noch schlimmer, wahrscheinlich quer durch alle Altersgruppen hindurch.

Über eine solche Wiederöffnung sollte man also sehr gründlich nachdenken und sie so langsam wie möglich in Angriff nehmen.

Schulen, Kindergärten und Universitäten

Die Öffnung der Schulen in Luxemburg ab dem 4. Mai ist mittlerweile hierzulande zu einem Politikum geworden, und das völlig zu recht. Denn diese Maßnahme betrifft genau jene jungen Menschen, bei der eine Ansteckung mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit folgenlos bleibt.

Für die betroffenen jungen Menschen ist das natürlich eine gute Nachricht. Weniger gut ist allerdings, dass diese Schüler sich natürlich trotzdem infizieren (und trotz aller Regeln auch werden) und andere Menschen anstecken können. Und zwar ohne überhaupt zu merken, dass sie bereits infiziert sind.

Die Schüler könnten also relativ unbemerkt das Virus in ihre Familien und auch in das schulische Personal hinein tragen. Also zu genau den Menschen, die die ganzen bisherigen Maßnahmen ja eigentlich vor einer Ansteckung schützen sollten. Und ungeachtet aller positiven Meldungen kann auch bis heute nicht sicher ausgeschlossen werden, dass einige Kinder eben doch schwer an Covid-19 erkranken könnten.

Information: Laut einem Bericht des Spiegel vom 20. April sind übrigens in Deutschland nachweislich 3.904 Kinder im Alter bis zu 14 Jahren mit SARS-CoV-2 infiziert. Immerhin 11 Prozent der Kinder im Krankenhaus mussten intensivmedizinisch behandelt werden.

Eine Wiedereröffnung der Schulen hat damit das Potential, das Virus sehr schnell in die eigentlich abgeschotteten Familien und in das schulische Personal zu tragen. Einmal ganz abgesehen von der Gefahr für die Schüler selbst. Und zwar, man kann es kaum oft genug wiederholen, trotz aller Sicherheits-, Abstands- und Hygiene-Bestimmungen.

Aus virologischer Sicht ist die Öffnung von Schulen daher eine eher schlechte Idee. Das potentielle Infektionsrisiko ist bei dieser Lockerungsmaßnahme einfach zu groß. Und die Rechtfertigung einer solchen Öffnung mit der psychologischen Situation mancher Kinder sollte keinen Vorrang vor dem Schutz der körperlichen Gesundheit haben.

Vielleicht gäbe es die Möglichkeit, die Prüfungen in Form von Online-Projekten oder Online-Tests stattfinden zu lassen? In diesem Fall könnte die Wiedereröffnung der Schulen für das Ende der Sommerferien, also zum 15. September, ins Auge gefasst werden.

Dieser Termin hätte den Vorteil, dass bis dahin viel mehr Informationen über die tatsächliche Verbreitung des Virus in der Bevölkerung vorliegen sollten. Möglicherweise sind bis dahin auch Medikamente oder Behandlungen gegen die schlimmsten Auswirkungen der Covid-19-Erkrankung verfügbar. Und gleichzeitig würde diese Entscheidung für Eltern und Schulen eine gewisse Planungssicherheit bedeuten.

Information: Neben dem oben erwähnten Artikel aus dem Spiegel hat Prof. Dr. Thomas Götz von der Universität Koblenz-Landau gemeinsam mit Mathematikern in Trier, Kaiserslautern und Breslau den Verlauf der Corona-Pandemie simuliert und eine Studie dazu veröffentlicht. Ein Interview dazu finden Sie hier auf der Website der Universität.

Fazit

Die Politik ist momentan nicht zu beneiden. Die jetzige Krise zwingt Politiker zu Entscheidungen unter sehr hohem Zeitdruck und ohne das Vorliegen verlässlicher Informationen. Weder die Auswirkungen auf die (physische und psychische) Gesundheit noch auf die Wirtschaft lassen sich abschätzen, weil es eine solche Situation noch nie gegeben hat.

Trotzdem müssen Entscheidungen getroffen werden, ein Lockdown über mehrere Monate hinweg scheint kaum durchsetzbar. Im Moment sind wir in der Phase der ersten Lockerungen und müssen abwarten, wie sich die Zahlen jetzt entwickeln. Bei stark ansteigenden Zahlen ist die Diskussion eigentlich unnötig, in diesem Fall würde es bis auf Weiteres keine zweite Lockerungsphase geben können. Und in dem Fall wäre das Verständnis der Bevölkerung wohl auch gegeben.

Aber bei einem nur leichten Anstieg der Neu-Infektionen werden weitere Lockerungs-Maßnahmen folgen. Diese sollten aber nach dem potentiellen Risiko ausgewählt werden und idealerweise keine zu große Bevölkerungsgruppe betreffen. Für die Politik dürfte das ein schwieriger Spagat werden, denn natürlich möchten aus wirtschaftlichen Gründen alle Geschäfte so schnell wie möglich wieder öffnen können. Wobei sich dann natürlich alle die Geschäfte lautstark beschweren werden, die nicht zur „auserwählten“ Gruppe gehören.

Im Sinne eines möglichst geringen potentiellen Risikos sollten solange wie möglich diejenigen Lockerungen vermieden werden, die sehr große Teile der Bevölkerung betreffen. Dazu gehört neben der großflächigen Öffnung von Geschäften hauptsächlich auch die Öffnung von Bildungseinrichtungen und Kindergärten. Denn die potentiellen Risiken dieser Öffnungen sind einfach zu groß.

Wie stehen Sie dazu? Haben Sie Anmerkungen, andere Ideen oder eine gänzlich andere Meinung? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Der Autor ist freiberuflicher Autor, Texter und Web-Entwickler mit Sitz in Luxemburg. Er ist diplomierter Informatiker und Statistiker und verfügt über jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Er publiziert Artikel zu Themen rund um Gesellschaft, Internet und verschiedene Wissenschaftsgebiete in seinem eigenen Blog und in verschiedenen Foren.

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