Corona

Interessiert sich eigentlich noch irgendjemand für die Zahlen?

Dieser Meinungs-Beitrag ist ursprünglich hier auf Twitter erschienen, ich veröffentliche ihn hier im Blog mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die in diesem Artikel gemachten Berechnungen und Annahmen stammen von der Autorin selbst und sind von mir nicht überprüft worden. Sie können (und sollten) der Autorin auf Twitter unter https://twitter.com/FrauStahlhut folgen.

Anmerkung: Dieser Artikel bezieht sich auf die Situation in Deutschland. Nachdem aber das SARS-CoV-2-Virus überall dasselbe ist und auch die in Umlauf befindlichen Varianten in allen europäischen Ländern dieselben sind, ist die Einschätzung der Autorin auch für Luxemburg relevant. In Luxemburg stellt sich die Situation durch die erheblich höhere Anzahl an tests zwar kontrollierbarer, aber nicht unbedingt anders dar.

Während Kanzlerkandidat Olaf Scholz „Impffreiheiten“ fordert, Armin Laschet „AlleNichtGanzDicht“ feiert und Annalena Baerbock sich immer noch nicht eindeutig zu „ProtectTheKids“ äußert, frage ich mich, wer von denen sich noch ernsthaft mit den Zahlen auseinandersetzt?

Interessiert sich irgendeine*r von den 3 dafür, was in der jüngeren Generation an Infektionen durchläuft? Dass auf den Intensivstationen stagnierend die Hütte brennt? Dass es in einzelnen Gegenden noch immer immer schlimmer wird? Dass wir noch immer mitten in der Pandemie sind?

In diesem Thread wird es sehr ausführlich gehen um:

  • Hospitalisierungen nach Altersgruppen
  • ITS nach Regionen
  • Infektionsgeschehen nach Altersklassen
  • das leidige Thema „Positivrate“ nach Altersklassen

immer wieder sowohl akut als auch längerfristig.

Schauen wir uns die Lage in den Krankenhäusern an. Das Robert-Koch-Institut (RKI) berichtet wöchentlich zur Lage in den „Normal- und Intensivstationen“. Die Behandlungen werden immer nach dem Datum des Bekanntwerdens der Infektion zugeordnet, es liegt also in der Natur des Krankheitsverlaufs, dass die letzten 2 Wochen unvollständig sind.

0-14 Jahre:

Es sind in der dritten Welle mehr Kleinkinder im Krankenhaus als je zuvor – bei den älteren Kindern in etwa entsprechend dem Wintermaximum. Trotz flächendeckendem Wechselunterricht bei Hochinzidenz: Mehr Krankenhaus-Aufenthalte trotz mehr Schutz.

0-14 Jahre: Summe Krankenhaus:

Obwohl kleinere Altersgruppe sind 0-4 Jahre deutlich häufiger im Krankenhaus gewesen als 5-14 Jahre. In beiden Altersklassen rund ein Drittel der Krankenhaus-Behandlungen in letzten acht Wochen – in denen man Inzidenzgrenzen hoch verhandelt hat.

15-34 Jahre:

Krankenhausbehandlungen pro Meldewoche höher als das Herbst-Nicht-Handeln-Plateau.

  • Ältere Schüler
  • Azubis
  • Berufsanfänger
  • junge Eltern

im Krankenhaus wegen Covid-19.

In Summe sind es bei den 15-34-Jährigen 14.228 Krankenhausbehandlungen – bis jetzt. Mehr als ein Viertel in den letzten zwei Monaten, in denen nichts für Schutz getan wurde.

Auch bei den „mitten im Leben stehenden“ 35-59-Jährigen sind mehr Personen hospitalisierungspflichtig geworden, als während des Herbst-Plateaus. Vielleicht helfen Berufs-Impfungen schon ein wenig… (Vgl. Quote später)

Diese bevölkerungsreichste Altersklasse bedurfte in Summe schon 42.322 KH-Behandlungen. ZWEIUNDVIERZIGTAUSEND bei den „Ach so ungefährdeten“, von denen Tausende, die zur Zeit im Rahmen der Kontaktbeschränkungen zuhause sind, nach Olaf Scholz‘ Plan demnächst wieder „losdürfen“.

Wie stellt sich die SPD es vor:

  • Wer arbeitet im Museum?
  • Wer bedient im Biergarten?
  • Wo soll man überhaupt auf Toilette? Innenräume? Oder Verstoß gegen „offene Getränke = kostenloses WC anbieten“?
  • Oder Pinkelrinne und nur Männer im Biergarten?
  • Wie klappt es mit „viel Abstand/wenig Auslastung im ÖPNV“, wenn wieder so viel mehr Mobilität herrscht? Setzt sich dann jeder Geimpfte neben einen Ungeimpften?
  • Oder sitzen 2 Senioren nebeneinander, und notgedrungen müssen 2 junge, ungeimpfte Menschen auf einer Zweierbank sitzen?

Zurück zu den Hospitalisierungen:

60-79 Jahre:

Weniger als Herbst / Winter — aber mehr als im Februar!! Mensch!! So kurz vor der Impfung noch so ein Leid!

In Summe 71.329 Krankenhausbehandlungen BISHER bei 60-79-Jährigen. Die Grafik zeigt, dass dies immer noch mehr werden. Auch hier: Es dauert noch, bis alle überhaupt einmal oder gar vollgeimpft sind.

Jeder 252. Mensch dieser Altersklasse musste schon wegen Covid ins Krankenhaus.

Und nein, wir können daraus nicht mehr durch Anstrengung machen „jeder 300.te“ ins Krankenhaus. Gelle, Herr Jens Spahn?

Eher sorge ich mich, dass es noch jeder 200. wird (aus gegebenem Anlass: Keine Prognose, eine Sorge).

Bei den über 80-Jährigen sieht man natürlich den stärksten Impf-Effekt.

Aber: Weiterhin jede Woche mehr als 1.000 Krankenhausbehandlungen. Vergleicht man mit KW 37-42 – ganz ohne Impfung oder Schnelltests aber mit Niedrig-Inzidenz, dann..#SchwereSchuld

In Summe 68.486 Krankenhausbehandlungen bisher – davon knapp Zehntausend in den letzten acht Wochen. Man stelle sich vor, die Politik hätte auf Niedrig-Inzidenz statt auf „Auf-Zu-Auf-Zu-Auf“ gesetzt…

In Zusammenfassung zeigt sich: Selbst wenn die Inzidenz auf diesem hohen Niveau minimal sinkt, bei Verlagerung der Inzidenz zu Ungeimpften steigt deren Risiko immer weiter an.

Für die jüngsten ist gerade die gefährlichste Zeit, auch für Krankenhaus.

Nun, das waren alles absolute Zahlen – da mag man sich fragen, wie es im Verhältnis zu den (gemeldeten) Infektionen aussieht?

Auch diese steigen ganz besonders deutlich in den jüngeren Altersklassen an – aber eben auch in der Gruppe von 60 – 79 Jahren.

Und nein, bei den Kindern nicht wenig, das fällt nur oben wenig auf, weil es die bevölkerungskleinsten Altersgruppen sind (typischer PLURV-Trick).

Beziehungsweise, wenn man nur den gleichen Zeitraum betrachtet, wie den, für die es die RKI-Hospitalisierungs-Altersklassen-Daten gibt:

Interessant ist auch der Blick ab Anfang Februar, dem Zeitpunkt als sich erste Schulöffnungen erster Bundesländer begannen auszuwirken:

Von 5-35 Jahre schießt die Inzidenz förmlich nach oben, beide Altersklassen im Bundesschnitt deutlich über 225, über dem Maximum des Winters.

Die Inzidenz bei den jüngsten (0-4) hat sich in acht Wochen fast vervierfacht (38 vs.141), das ist fast doppelt so hoch wie das Maximum im Winter (78).

Setzt man dieses (bekannte) Infektionsgeschehen ins Verhältnis zu den nötig gewordenen Krankenhausbehandlungen, so erhält man jeweils die altersbezogene Hospitalisierungsquote.

Bei den Älteren sieht man:

  • Kleine Spitze bei KW 53/1 (Dunkelziffer, wenig Tests)
  • Kontinuierlicher Anstieg ab KW 2 bis 8 bzw. 10 (Höhere Gefahr durch B.1.1.7??)
  • Absinken in den letzten Wochen (Impfung??)

Zunächst: Ja, die Quote für Hospitalisierungen ist bei den jüngeren niedriger – aber nicht Null.

Auch hier:

  • Untertestungs-Buckel zum Jahreswechsel
  • Bei 15 – 34 und 35 – 59 ebenfalls ein (nicht ganz so deutlicher) Anstieg Ende Januar / Anfang Februar
  • Beide wieder rückläufig, aber unterschiedlich stark

Ob das schon die Wirkung von berufsbedingten Impfungen ist, kann ich nicht einschätzen. Aber immerhin erinnere ich mich (hoffentlich richtig), irgendwo gelesen zu haben, dass der Effekt von AstraZeneca nach Erstdosis stärker sei als der der mRNA-Impfstoffe, die bis zum 31.3. nur Jüngere bekamen.

Was mir zu wenig kommuniziert wird:

  • Hospitalisierungsrisiko bei Kleinkindern (0-4-Jährige) zwischen dem von 15-34-Jährigen und 35-59-Jährigen
  • Dreimal so hoch wie bei den 5-14-Jährigen

Und selbst bei den 5-14-Jährigen müssen im Schnitt 0,74% im Krankenhaus behandelt werden. Das ist jedes 135. Kind!!

An einer vier-zügigen Grundschule in jedem Jahrgang eines, wenn wir auf Durchseuchung setzen!!

Und ja, ich kenne die Stellungnahme(n), die mit freiwilligen Teil-Daten von manchen Krankenhäusern hantiert – und auch erst Daten annimmt, wenn der Fall abgeschlossen ist — ebenso wie die enthaltenen Ertrinkens- uns Verkehrsvergleiche (siehe auch meine Stellungnahme zur Stellungnahme von DGPI und DGKH im Artikel Wieso ist Peer-Review eigentlich so verlernt worden?? hier im Blog oder hier auf Twitter).

Ich denke immer: Daraus eine Aufhebung des Infektionsschutzes für Kinder zu machen, ist wie:

  • Gurte und Verkehrsregeln abschaffen, stirbt doch fast keiner mehr. Verkehrserziehung ist auch nur verplemperte Unterrichtszeit.
  • Schwimmunterricht? Ins Wasser werfen!

Zurück zu den Zahlen, nicht dass ich wieder vom bayerischen Grünen-Landeslistenplatz-4 als Schwurbler und Blockwart beschimpft werde…

In Summe kommt einiges an Infektionen zusammen.

Der Großteil der Infektionen liegt mit zusammen 2,2 Millionen (von 3,4 Millionen) in den Altersklassen 15 – 34 (1 Million) und 35 – 59 (1,2 Millionen).

Schön zu sehen: Nix Sigmoid, Triple-S-to-be-seen.

Natürlich auch hier normiert auf Einwohner sinnvoller:

Deutlich zu erkennen: Irgendwie hat die Eindämmung im Frühjahr und Sommer 2020 besser geklappt – trotz Öffnungen / „Freiheiten“. Problematisch wurde es erst ab Herbst, als die Niedrig-Inzidenz verlassen wurde.

Betrachtet man erst ab KW 37/20 (vgl. KH-Daten), wird bei der Gesamtzahl der Infektionen fast nichts abgeschnitten (weniger als ein Zehntel).

  • 15-34 Jahre „überholt“ 80+
  • 5-14 Jahre überragt nun (wieder) die Summe der Infektionen bei 60-79 Jahren.

Aktuelle Zahlen mal „auf der Zunge zergehen lassen“:

  • 15-34 Jährige: Gesamtinzidenz über 5.200/100k
    Das sind > 5,2% (FÜNF PROZENT!!)
    Jeder 19.te!
  • Bei 80+ jeder 20.te
  • Bei 35-59 jeder 22.te
  • Durchschnitt jeder 24.te
  • Bei 5-14 jeder 32.te
  • Bei 60-79 jeder 36.te
  • Bei 0-4 jeder 48.te

Wenn ich jetzt darauf hinweise, dass man in der letzten Abbildung gut sieht, dass es bei den Kindern aktuell ziemlich steil ist, dann kommt jemand und sagt „Aber so viel mehr Tests, erst jetzt Positivrate parallel zu Erwachsenen“

Vgl. @ProfDTSchneider:

(War es auch schon vor drei Wochen nicht)

Zurück zur Sachlichkeit:

Die Positivrate der 5-14-Jährigen liegt bei fast 20%, das heißt jeder fünfte PCR-Test ist positiv (**).

Andere Altersklassen stagnieren auf hohem Niveau, bis auf 60-80+ alle auf jeweiliger Höhe zum Jahreswechsel.

Quelle: https://ars.rki.de/Docs/SARS_CoV2/Wochenberichte/20210427_wochenbericht.pdf

#Reminder: Dort hieß es immer, dass wir uns auf die Inzidenz nicht verlassen können, weil zu wenig getestet wird.

Anzahl der Tests aktuell?

Und im Vergleich, der auch den Jahreswechsel beinhaltet?

5-14 Jahre: Mehr getestet als in KW 52/20 bis 10/21, trotzdem Positivrate 50% höher als das damalige Maximum, Testungen etwa auf Niedrig-Inzidenzzeit-Niveau im Spätsommer…

Ja, ich weiß.. Die Schnelltests..

Nein: In Kombi zu allerhöchster Inzidenz jemals ever, scheinen die Schnelltests eben nicht auszureichen, das Geschehen einzudämmen. Sie helfen nur, dass es nicht noch viel schlimmer ist (so wie auch die Ferien ein bisschen halfen).

Besonders deutlich wird die „aktuelle“ Situation, wenn man mal pro Altersklasse nur das zusammenaddiert, was seit Öffnung (Schule) bzw. Ankündigung (vieles andere) im Februar zusammenkommt:

Wochenlang Inzidenz 165+ heißt dann auch: in acht Wochen schafft man knapp 2% Durchseuchung.

Beziehungsweise genauer: 8 Wochen =

  • 15-34 Jahre: 1,93% durchseucht
  • 35-59 Jahre: 1,68% durchseucht
  • 5-14 Jahre: 1,51% durchseucht +Dunkelziffer (vgl. Positivrate)
  • Gesamt: 1,51% durchseucht -trotz Impfkampagne
  • 0-4 Jahe: 1,14% durchseucht
  • 80+ Jahre: 1,12% durchseucht – ja immer noch!!
  • 60-79 Jahre: 0,99% durchseucht

Hätten wir uns bloß im Februar für Niedrig-Inzidenz entschieden!! Dann sähe die Situation auf den Intensivstationen auch nicht so aus:

  • Stagnation bei 5.000 ITS-Patienten
  • Minimalster Wochenvergleich Rückgang

Regional ist dies sehr unterschiedlich:

In 13,5 von 16 Bundesländer sinkt die Belastung der Intensivstationen minimal bis etwas deutlicher, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen „gleichen das aber aus“ mit Wachstum auf den Intensivstationen trotz hoher Belegung/Belastung.

Das Kleeblatt Südwest (Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und das Saarland) stagniert in der Summe der Intensiv-Patienten dann auch nur knapp unter Anzahl von vor vier Monaten.

In Nordrhein-Westfalen wächst die Anzahl an Intensiv-Patienten zwar nun langsamer, aber sie wächst weiterhin. Im Kleeblatt-Verlegungssystem (eine Erklärung dazu gibt es hier) sollte Nordrhein-Westfalen aufgrund der Größe „mit sich selbst zurechtkommen“ – bei immer höher werdenden Patientenzahlen mindestens anstrengend für alle Beteiligten.

Auch Bayern ist bei den Planungen als eigenständige Verlegungsregion für Intensiv-Patienten bedacht worden. Das Wachstum wurde massiv ausgebremst – ein Rückgang ist das aber auch noch nicht. Das reicht (so) nicht! Auf dem Level kann das Personal nicht noch Monate weiterackern.

Auch sollten wir bei all den Zahlen nicht vergessen: Das sind 5.000 Menschen, die aufs Schärfste um ihr Leben ringen! Knapp 800 in Bayern, knapp 1.200 in Nordrhein-Westfalen, 1.300 im Südwesten, 500 im Norden (kurz richtig rückläufig – und jetzt??) sowie 1.200 im Osten.

Ums Leben kämpfend, unklar ob überlebend. Vielleicht ohne Angehörige sterbend, vielleicht mit massivem REHA-Bedarf überlebend.

Und währenddessen denken manche nur an Biergarten, andere an „man muss auch mal sagen können, dass… Es ist wichtig diese Diskussion zu führen.“ und wieder andere reden zwar von Niedrig-Inzidenz-Strategie, setzen sie aber in den Bundesländern mit Regierungsbeteiligung auch nicht um…

Für mich gilt dieses Jahr in jedem Fall:

Für jeden von uns ist das Risiko Krankenhaus größer als die Chance auf den 4er im Lotto!!

Addendum – auch wenn es den runden Schluss zerstört und aus persönlicher Betroffenheit:

Niedersachsen

  • Kurze deutliche Reduzierung
  • Trend jetzt aber unklarer
  • Dritte Woche Intensiv-Patienten immer noch über dem Maximum der zweiten Welle, die niedersächsische Landes-Regierung hat das natürlich gar nicht kommen sehen..

Den Original-Thread mit allen Kommentaren gibt’s übrigens hier :

Isabell Stahlhut

Isabell Stahlhut ist Lehrerin an einem Gymnasium in Niedersachsen. Neben den Fächern Mathematik und Chemie ist ihr Unterrichtsschwerpunkt Informatik und Robotik. Weiterhin ist sie als Medienpädagogische Beraterin tätig.

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