Corona

Etwas Querdenken über die Querdenker in Luxemburg – ein offener Brief an die 120 Enseignanten

Zuletzt aktualisiert am 16. April 2021 von Claus Nehring

Offene Briefe scheinen ja offenbar mehr und mehr in Mode zu kommen, das letzte Beispiel war der „OPPENE BRÉIF VUN 120 ENSEIGNANTEN“, der in den letzten Tagen in Luxemburg für etwas mediale Unruhe gesorgt hat.

Ich möchte da nicht zurückstehen und deswegen hier und heute mit einem offenen (und nicht anonymen) Brief an die 120 (anonymen) Unterzeichner des oben genannten offenen Briefes antworten, weil sich bei der Lektüre doch einige zusätzliche Fragen aufdrängen.

Disclaimer: beim Folgenden sollte es sich ursprünglich um einen ironischen oder sogar sarkastischen Beitrag handeln, aus dem dann unversehens eine Real-Satire geworden ist. Falls Sie also Satire nicht mögen oder über keinerlei Humor verfügen, von dem Sie wüssten, dann würde ich von der weiteren Lektüre abraten. In jedem Fall weise ich darauf hin, dass das Weiterlesen auf eigene Gefahr erfolgt.

Selbstverständlich (schließlich steht in der Headline ja etwas von Querdenken) werde ich dazu eine in Querdenker-Kreisen beliebte und auch in dem infrage stehenden offenen Brief benutzte Methodik anwenden. Ich werde also einfach einmal aufschreiben, was ich so sagen möchte, und das Ganze mit einer Sammlung von Quellenangaben versehen, aus denen Sie, verehrte Leserin und verehrter Leser, dann mit etwas Recherche die hinter meinen Worten stehenden Fakten ersehen mögen.

Ich möchte Sie daher (auch da schließe ich mich der Taktik der Querdenker an) darum bitten, mich von Nachfragen zu den in den Quellen genannten Faktensammlungen zu verschonen, bevor Sie nicht alle (ja, wirklich alle!) Anlagen dazu gelesen haben.

Offener Brief an die Urheber und Unterzeichner des „OPPENE BRÉIF VUN 120 ENSEIGNANTEN“

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Querdenker und Querdenkerinnen,

ich bin erstaunt. Bislang bin ich eigentlich davon ausgegangen, dass es sowohl bis in die heiligen Hallen des Bildungswesens als auch in die erleuchteten Gefilde der Rechtswissenschaften vorgedrungen ist, dass Masken gegen die Ausbreitung eines respiratorischen Virus nützlich sind und dass sie dem kindlichen Wohlergehen allen Expertenmeinungen nach nicht im Wege stehen. Offenbar habe ich mich getäuscht und etwas als Allgemeinwissen vorausgesetzt, das es ganz offensichtlich nicht zu sein scheint.

Natürlich ist mir bewusst, dass es obskure Quellen für die in Ihrem offenen Brief genannten Annahmen gibt, einige davon haben Sie ja auch in den Anlagen erwähnt. Nicht bewusst war mir hingegen, dass es offenbar sogar unter Leuten, denen die Weitergabe von Wissen an unsere Kinder und ein Teil der Erziehung anvertraut ist, einige gibt, die an diese obskuren Quellen glauben. Auch in dieser Hinsicht hat mich Ihr Brief leider eines Besseren belehrt.

Des Weiteren bin ich etwas erstaunt darüber, dass Sie sich zur Veröffentlichung Ihres doch etwas irritierenden offenen Briefes ausgerechnet die Blogs von Guy Kaiser (hier) und Mario Dichter (hier) ausgesucht haben, die beide offenbar bereits als Leugner des Klimawandels in Erscheinung getreten sind (siehe beispielsweise hier bei Woxx.lu). Darf ich aus dieser Medien-Wahl entnehmen, dass Sie, liebe Unterzeichner und Unterzeichnerinnen, die in diesen Blogs veröffentlichen Thesen ebenfalls unterstützen oder gutheißen?

In den Anlagen zu Ihrem offenen Brief ist an erster Stelle der Anlagen eine Stellungnahme der deutschen „Stiftung Corona-Ausschuss“ enthalten, deren Mitbegründer RA Dr. Fuellmich auch Initiator der beabsichtigten Sammelklage gegen Prof. Drosten und Dr. Wieler ist. Über diese Angelegenheit finden Sie in den folgenden Links einige Informationen.

Fuellmich gesteht versehentlich: Es gibt noch gar keine Sammelklage gegen Drosten
Seit einem halben Jahr sammelt Pandemie-Leugner Fuellmich Geld für eine Sammelklage. In seiner Verteidigung auf die Vorwürfe, dass die bisher eingereichten Klagen u.a. gegen die Queen und den Papst gingen erklärte er, er habe nie behauptet, das das die Sammelklagen gegen Drosten seien. Die gibt es noch gar nicht.
Quatsch-Corona-Sammelklage: Werden naive "Querdenker" einfach abgezockt?
"Querdenker" wollen eine Sammelklage gegen Drosten und Co. auf die Wege bringen. In den USA. Die Anwälte dahinter wollen aber von jedem 800€ für die aussichtslose Klage. Ohne Rückgabegarantie. Werden naive Querdenker einfach abgezockt?
Corona-Sammelklage: Sinnvoll oder Abzocke? (Faktencheck)
Wie sinnig ist eine Klage vor einem US-Gericht?

An zweiter Stelle folgt ein Video der österreichischen Psychologin Elisabeth Mayerweck, die in Österreich häufig zusammen mit anderen Verschwörungstheoretikern zu sehen ist (siehe beispielsweise hier oder hier).

Danach folgt ein Verweis auf eine rund 15 Jahre alte Doktorarbeit von der Technischen Universität München, die schon häufig falsch zitiert wurde und deren unsachliche Verwendung bereits mehrfach richtig gestellt wurde (beispielsweise hier).

Die restlichen Verweise dürfen Sie gerne selbst überprüfen, ich möchte Ihnen hier nicht die ganze Arbeit abnehmen, die Sie als Unterzeichner oder Unterzeichnerin sich eigentlich im Vorfeld hätten machen sollen. Aber vielleicht sollten Sie (nach erfolgter Überprüfung selbstverständlich) einmal darüber nachdenken, ob Sie mit einer derart einseitig erstellten Sammlung von Querverweisen in Verbindung gebracht werden möchten.

Auf Facebook existiert eine Gruppe namens „Elteren, Enseignanten an Educateuren stinn op“, unter deren Mitgliedern nach eigener Aussage auch einige der Urheber(innen) des oben genannten offenen Briefes zu finden sind. Daneben gibt es in der Gruppe auch noch eine Anzahl anderer Aussagen zu anderen Themen, die nicht unbedingt mit der gängigen Wissenschafts-Meinung übereinstimmen. Daneben werden Berichte von Websites wie beispielsweise Russia Today verbreitet, die für Desinformations-Kampagnen hinlänglich bekannt sind. Auch hier stellt sich naturgemäß die Frage, ob Sie als Unterzeichner(in) des offenen Briefes mit solchen Aussagen und Verweisen in Verbindung gebracht werden möchten.

Administrator der oben genannten Facebook-Gruppe ist ein Facebook-Nutzer mit dem Nutzernamen Pierre Obertin (siehe Mitgliederliste hier), der neben dieser Facebook-Gruppe über eine luxemburgische ASBL namens „Expressis Verbis“ auch eine gleichnamige Website (www.expressis-verbis.lu und Impressum hier) betreibt. Über diese Website werden sachlich ähnlich unvollständige Informationen wie im offenen Brief, beispielsweise über Masken (hier) und Impfstoffe (hier), verbreitet. Sind Sie als Unterzeichner(in) des offenen Briefes mit dieser Sichtweise ebenfalls einverstanden?

Anmerkung: Die Expressis Verbis ASBL ist übrigens im Handelsregister von Luxemburg am 26. Januar 2021 unter der Nummer F13136 eingetragen worden, die Statuten der Gesellschaft mit allen Informationen über die Gründer(innen) sind hier abrufbar, die Gründungsakte ist auch über die Luxembourg Business Registers (lbr.lu) abrufbar.

Anstelle einer Liste mit Studien und Quellen möchte ich Ihnen an dieser Stelle die Lektüre dieses Artikels in meinem Blog ans Herz legen, in dem Sie sehr viele weitere Verweise auf diverse Faktenchecks zu unterschiedlichen Themen rund um Corona finden. Allerdings stammt dieses Material, auch darauf möchte ich hinweisen, hauptsächlich aus Webseiten von Organisationen, die in Querdenker-Kreisen gerne einmal als „regierungshörig“ oder „wirtschaftsfinanziert“ diskreditiert werden. Trotzdem würde ich Ihnen eine tiefergreifende Beschäftigung mit diesen Themen ans Herz legen wollen.

Auch die deutsche taz die tageszeitung, die ja nun eher selten mit Begriffen wie „regierungshörig“ oder „wirtschaftsfinanziert“ in Zusammenhang gebracht wird, hat sich übrigens des Themas angenommen und in einem Special vom 17. Dezember 2020 diverse Thesen widerlegt, die in dem von Ihnen unterzeichneten offenen Brief enthalten sind. Sie können sich diese Sonderbeilage der taz bei Interesse hier im PDF-Format herunterladen.

Ich hätte Sie, liebe Unterzeichner(innen), lieber direkt kontaktiert. Leider ist mir das nicht möglich, weil Sie ja offenbar, zumindest nach den Worten Ihres Anwalts, die Anonymität vorziehen. Ich persönlich finde das schade, weil ich es immer vorgezogen habe, mich mit meiner Meinung nicht hinter einer Mauer zu verstecken. Aber das müssen Sie, verehrte Unterzeichnerinnen und Unterzeichner, natürlich selbst für sich entscheiden. Jedenfalls habe ich mich deswegen zur Veröffentlichung dieser Absätze in Form eines offenen Briefes entschlossen.

Ich würde mich über Antworten auf meine Fragen freuen und verbleibe mit leicht irritierten Grüßen

Claus Nehring, Esch-sur-Alzette am 31. Januar 2021

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu diesem Thema, aus verschiedenen anderen Wissenschafts-Bereichen und aus dem Bereich Internet & Gesellschaft,

3 Kommentare

  1. Dein offene Brief spricht mir aus der Seele und auch die offenen Fragen die gestellt werden! Fühle dich mit deinen Gedanken nicht allein, ich würde direkt mit unterschreiben! Als Mutter einer 11 jährigen Tochter hat mich dieser offene Brief an Herrn Meisch eigentlich nicht nur erschrocken, sondern auch noch beängstigt! In diesem Schreiben behaupten also die anonymen Unterzeichner(innen), dass Sie nicht mehr die Kinder dazu aufrufen werden ihre Masken zu tragen?! Und dies gerade jetzt, wo wir doch alle in den Medien mitbekommen, dass die mutierte Covid19 Variante sich verbreitet? In meinen Augen nicht nur eine Unverschämtheit, sondern auch noch unverantwortlich wenn nicht sogar kriminell!

    Hier den Abschnitt des offenen Briefes um den es geht:

    “Au vu des développements qui précèdent, mes mandants ne sont plus en mesure d’obliger les élèves à porter un masque, jusqu’à ce que la situation de pandémie et l’avantage sanitaire du port d’un masque soient scientifiquement et clairement prouvés (*) et que la question de la responsabilité en cas de dommage physique et mental soit clarifiée.”

    Hier noch einmal die Übersetzung (dank Deepl)

    “ In Anbetracht der obigen Entwicklungen sieht sich mein Wahlkreis nicht mehr in der Lage, Schüler zum Tragen von Masken zu verpflichten, solange die Pandemie-Situation und der gesundheitliche Nutzen des Tragens einer Maske nicht wissenschaftlich und eindeutig bewiesen sind (*) und die Frage der Haftung für körperliche und seelische Schäden geklärt ist.”

  2. Herr Nehring,
    Danke für Ihren offenen Brief. Wie sagte schon Manfred Lütz: „Wenn man als Psychiater und Psychotherapeut abends Nachrichten sieht, ist man regelmäßig irritiert. Wir behandeln die Falschen! Unser Problem sind die ‚Normalen‘.“
    Anbei meine Antwort an die pseudowissenschaftlichen Schwurbler: “Ich glaube, dass die meisten Leute in der Gesellschaft vernünftig sind. Die Unvernünftigen sind relativ laut, das heißt, man liest viel von den Unvernünftigen, man sieht sie auf der Strasse weil sie demonstrieren, aber wenn sie kucken was für ein Prozentsatz der Gesellschaft das ist, dann ist das eigentlich klein. Die sozialen Medien haben dazu geführt, dass sie sich finden, dass dann auch Gruppierungen entstehen, die in einer Internetblase miteinander kommunizieren und sich gegenseitig bestätigen, aber glücklicherweise ist das nicht der Großteil der Bevölkerung. Der Großteil der Bevölkerung ist in den Augen dieser Menschen ‘ruhig’, sagt nichts. Wir werden ja auch alle ‘Schlafschafe’ genannt von dieser Gruppe. Wir sind keine Schlafschafe, wir sind Leute die sich informieren, und auch gelernt haben zu differenzieren zwischen Fehlinformationen und richtigen Informationen, und ich brauche keine Philosophin die mir 44 ‘Studien’ schickt die sie auf Französisch übersetzt hat aus dem Englischen. Ich kann selbst Englisch, und ich weiß auch welche Datenbasen ich besuchen muss als Arzt um mich richtig zu informieren mit richtigen Studien und nicht einfach nur ein paar Informationen raussammeln die mir in den Kram passen.” (Minute 47:40, https://www.100komma7.lu/program/episode/334938/202101311103-202101311200)
    Mit freundlichen Grüssen,
    Dr. Jean-Marc Cloos, Psychiater

    1. Sehr geehrter Herr Dr. Cloos,
      vielen Dank für den ausführlichen Kommentar und den Link zu dem Interview. Ich kann Ihnen da nur aus vollem Herzen beipflichten.
      Mit freundlichen Grüßen
      Claus Nehring

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