CoronaGesellschaft

Die Situation nach dem Lockdown

Nachdem die Gefahr durch das SARS-CoV-2-Virus im Frühjahr dieses Jahres endlich in den Köpfen verantwortungsvoller Politiker angekommen war, wurde sehr abrupt ein großer Teil der Menschen in vielen Ländern der Welt in eine Zwangs-Quarantäne geschickt und infolgedessen die Weltwirtschaft von einem Moment auf den anderen gestoppt.

Dass dieser Lockdown die richtige Maßnahme war, zeigen uns heute die Länder, deren Regierungen die Gefahr fahrlässig oder aus politischen Gründen entweder zu spät erkannt oder schlicht ignoriert haben, allen voran die USA, Großbritannien, Brasilien und Russland. Alle diese Länder befinden sich gerade auf dem Weg in eine medizinische und soziale Katastrophe und riskieren eine sehr lang anhaltende wirtschaftliche Rezession.

In diesem Artikel möchte ich die aktuelle Situation nach dem Lockdown in Luxemburg, Europa und weltweit beleuchten und gleichzeitig auf die Folgen der Lockerungen hinweisen.

Die aktuelle Lage

Luxemburg

In Luxemburg ist die Anzahl der Neu-Infektionen in den letzten Tagen wieder leicht angestiegen. Da aber gleichzeitig auch die Anzahl der durchgeführten Tests deutlich zugenommen hat (hauptsächlich aufgrund des Programms „Large-Scale-Testing“) und sehr viele asymptomatische Personen getestet werden, ist die zunehmende Anzahl der Neu-Infektionen nicht unbedingt auf ein zunehmendes Infektionsgeschehen zurückzuführen.

Sicherlich sollten die Lockerungen einen Einfluss auf das künftige Infektionsgeschehen haben, beziffern lässt sich dieser Einfluss derzeit aber nicht. Die Anzahl der mit Corona-Patienten belegten Betten in den Kliniken ist mit fünfzehn Normal- und einem Intensiv-Patienten (Stand: 14.06.2020) jedenfalls erfreulich gering.

In Luxemburg werden übrigens momentan fast ausschließlich PCR-Tests durchgeführt. Großflächige Antikörper-Tests, mit denen sich die Höhe der Dunkelziffer der Infizierten besser bestimmen ließe, gibt es derzeit nicht. Außerdem dürfte sich in Luxemburg die Nachverfolgung eventueller Superspreader-Ereignisse aufgrund des Verzichts auf Anwesenheitslisten in Bewirtungsbetrieben eher schwierig gestalten.

Europa

In Mittel-Europa sieht es dank der harten Eindämmungs-Maßnahmen momentan so aus, als hätten die meisten Länder die Lage einigermaßen im Griff. Die Fallzahlen bleiben in fast allen europäischen Ländern relativ stabil, Ausnahmen stellen nur die folgenden Länder dar:

  • In Großbritannien sind die reinen Fallzahlen zwar fallend, aufgrund der spät ergriffenen Maßnahmen allerdings auf einem derart hohen Niveau, dass das Gesundheits-System nach wie vor am Rande eines Kollapses arbeitet.
  • In Schweden wird das Infektionsgeschehen immer problematischer, allerdings sinkt mittlerweile, wohl auch auf Grund zunehmender Tests, zumindest die Todesrate.
  • In Portugal entsteht offenbar gerade eine zweite Infektionswelle, die Fallzahlen nehmen jedenfalls nach einer Abkühlung wieder stark zu.
  • Im Osten von Frankreich scheinen die Neu-Infektionen in den letzten Tagen ebenfalls wieder zuzunehmen, für eine endgültige Aussage über einen Trend ist es hier allerdings noch etwas zu früh.

Etwas anders sieht es leider in den osteuropäischen Ländern aus, hier sehen wir nur in Ungarn und Rumänien ungefähr gleichbleibende Fallzahlen, die restlichen Länder kämpfen mit einem mehr oder weniger starken Zuwachs an Fällen.

Diese Karte der New York Times, deren ständig aktualisierte Version Sie hier finden können, zeigt die aktuelle Situation (Stand: 13. Juni 2020) in Europa.

Weltweit

In der ganzen Welt haben sich mittlerweile mehr als 7,9 Millionen Menschen mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert, mehr als 430.000 von ihnen sind verstorben. Nach einer von der New York Times veröffentlichten Analyse der Übersterblichkeit ist die Zahl der Todesfälle vermutlich noch um gut 100.000 höher. Seit mehr als zwei Wochen werden täglich mehr als 100.000 Neu-Infektionen gemeldet und die Zahl steigt beständig an. In dieser Grafik der Johns Hopkins University sieht man deutlich, dass die weltweiten Neu-Infektionen eher ansteigen.

Die New York Times veröffentlicht ständig aktualisierte Statistiken, aus denen sich ersehen lässt, in welchen Ländern sich die Fallzahlen besonders stark nach oben bewegen, wo die Fallanzahl mehr oder weniger gleichbleibt und wo sie sinkt.

Auf der Karte lässt sich unschwer erkennen, dass das Infektionsgeschehen in den Ländern, die schnell mit harten Maßnahmen reagiert haben, mehr oder weniger kontrollierbar geworden ist. In Europa zeigt gerade das Beispiel von Schweden sehr deutlich, was ohne diese strikten Maßnahmen wohl auch in anderen europäischen Ländern passiert wäre.

Am stärksten von der Pandemie betroffen sind derzeit die USA mit mehr als 2 Millionen Infizierten und mehr als 115.000 Todesfällen und Brasilien mit über 850.000 Infizierten und knapp 43.000 Todesfällen. In Europa ist Großbritannien mit über 295.000 Infizierten und mehr als 41.000 Todesfällen am stärksten betroffen.

Die Gefahr einer zweiten Welle

Mittlerweile weiß die Wissenschaft aus vielen aktuellen Studien erheblich mehr über die Verbreitungswege des SARS-CoV-2-Virus, als das noch vor wenigen Wochen der Fall war. Und dieses neue Wissen stimmt durchaus optimistisch und lässt die Annahme zu, dass einige Länder eventuell eine zweite Pandemie-Welle vermeiden können.

Infektionswege

Wir können heute davon ausgehen, dass bei der Übertragung des SARS-CoV-2-Virus die Aerosol-Übertragung eine erheblich größere Rolle spielt als ursprünglich angenommen (mehr dazu finden Sie auch im Artikel Die Übertragungswege und ihre Folgen in diesem Blog).

Solche Aerosol-Wolken bilden sich in der Hauptsache in eher schlecht durchlüfteten Innenräumen, allein dadurch ist die Infektions-Wahrscheinlichkeit im Freien bereits relativ begrenzt. Hinzu kommt, dass durch das mittlerweile in vielen Ländern vorgeschrieben Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes und durch Abstands-Regeln auch die Möglichkeit einer Tröpfchen-Infektion erheblich eingeschränkt wird.

Daher lässt sich mit dem heutigen Wissensstand davon ausgehen, dass im Außenbereich wohl nur ein geringes Infektionsrisiko besteht. Zumindest dann, wenn bei größeren Ansammlungen von Menschen auf etwas Abstand und das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes geachtet wird.

Anders sieht es in Innenräumen, besonders bei wenig Luftdurchzug, aus. Fast alle neu entstandenen Cluster nach den Lockerungen sind in Innenräumen entstanden, sei es nun in Kirchengemeinden wie in Bremerhaven oder Frankfurt, in Restaurants wie in Leer, nach privaten Feiern wie in Göttingen oder in Großmärkten wie gerade in Peking.

Superspreader und Superspreading-Events

Nachdem es zunächst eher danach aussah, als sei jeder mit dem neuen Corona-Virus Infizierte hoch ansteckend, legen einige aktuelle Studien nahe, dass viele Ansteckungen auf recht wenige hoch infektiöse Personen und Orte zurückgehen.

Superspreading-Events können (und werden) immer dann entstehen, wenn viele Menschen auf engem Raum über einen längeren Zeitraum zusammenkommen und sich unter ihnen eine oder mehrere infizierte Personen befinden. Aufgrund der Bildung von Aerosol-Wolken sind Innenräume besonders gefährdet, besonders dann, wenn die anwesenden Personen (wie in Restaurants oder Kneipen) keinen Mund-Nasen-Schutz tragen.

Mehr über die Bedeutung von Superspreading-Events im Infektionsgeschehen finden Sie auch im Artikel Die zukünftigen Superspreader in diesem Blog.

Die Rolle von Kindern und Jugendlichen

Momentan scheint mehr oder weniger klar, dass sich Kinder von unter 12 Jahren deutlich seltener anstecken. Ältere Kinder und Jugendliche infizieren sich offenbar ähnlich häufig wie Erwachsene, haben allerdings kaum jemals einen schweren Krankheitsverlauf.

Inwiefern Kinder und Jugendliche wiederum andere Personen anstecken, ist nicht eindeutig geklärt (hauptsächlich deswegen, weil aufgrund des Lockdowns kaum belastbare Zahlen für das Infektionsverhalten vorliegen). Nach einer Studie der Charité in Berlin scheinen Kinder und Jugendliche allerdings ähnlich ansteckend wie Erwachsene zu sein.

Welchen Einfluss das auf das künftige Infektionsgeschehen haben kann, lässt sich derzeit kaum verlässlich vorhersagen. Mehr Informationen zu einem möglichen Einfluss der Schulöffnungen auf das Infektionsgeschehen finden Sie im Artikel Warum die Schulen geschlossen bleiben sollten in diesem Blog.

Der Mund-Nasen-Schutz

Lange Zeit sahen Experten (und auch die WHO) das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes als nicht notwendig an. Mittlerweile hat sich aufgrund aktueller Studien diese Empfehlung geändert, das Tragen eines solchen Schutzes trägt offenbar durchaus zur Verlangsamung des Infektionsgeschehens bei.

Eine Studie dazu gibt es beispielsweise hier von der Uni Mainz, andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Auch die WHO empfiehlt mittlerweile das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes als ein Mittel zur Vermeidung einer zweiten Pandemie-Welle.

Ansteckung vor Symptombeginn

Ein großes Problem des neuen Corona-Virus SARS-CoV-2 liegt darin, dass offenbar die größte Ansteckungsgefahr anderer Menschen noch vor dem Auftreten von Symptomen besteht. In fast allen analysierten Clustern beruht ein Großteil der Ansteckungen auf Personen, die zum Zeitpunkt der Ansteckung keinerlei Symptome aufwiesen.

Entsprechende Studien finden sich beispielsweise hier zum Münchner Cluster, hier zum Infektionsgeschehen in einer Berghütte in Frankreich oder hier zu sieben Clustern in Singapur. Die Bedeutung für das bisherige und künftige Infektionsgeschehen ist groß, denn dieser Faktor bedeutet, dass das Virus von Personen weitergegeben wird, die zu diesem Zeitpunkt nicht wissen können, dass sie überhaupt infiziert sind.

Eine Studie aus Österreich kommt zu dem Schluss, dass der Zeitraum von der eigenen Ansteckung bis zur Infektiösität zwischen 2 und 6 Tagen beträgt. Die Infektion anderer Menschen ist vermutlich am Tag vor dem Eintreten der ersten Symptome am höchsten. Dieses Verhalten erschwert die Arbeit der Gesundheitsämter erheblich, weil die Zeitspanne zum Auffinden eventueller Kontakte, bevor diese infektiös werden, sehr kurz ist.

Mögliche Folgen der Lockerungen

Inwiefern sich die Lockerungen in verschiedenen Ländern auf das Infektionsgeschehen auswirken werden, ist weiterhin ungewiss. Einzelne Ausbrüche in verschiedenen Ländern zeigen deutlich, dass die Gefahr einer zweiten Pandemie-Welle nicht gebannt ist. Aber trotzdem sieht es im Moment danach aus, als sei das SARS-CoV-2-Virus in der Breite mehr oder weniger unter Kontrolle.

In einzelnen Ländern, die relativ früh mit Lockerungen begonnen haben, zeichnet sich bereits der Anfang einer zweiten Pandemie-Welle ab, beispielsweise in Bulgarien, Iran, Israel, Portugal und Griechenland. In Israel zeichnet sich überdies ab, dass gerade die Schulen als neue Infektionsherde in Erscheinung treten, mittlerweile (Stand: 12.06.2020, Jerusalem Post) sind mehr als 160 Schulen wieder geschlossen und mehr als 25.000 Schüler und Lehrkräfte in Quarantäne.

Im Moment wirken sich mehrere Punkte negativ aus und können zum Entstehen einer zweiten Pandemie-Welle beitragen:

  1. Viele Menschen werden wieder sehr viel leichtsinniger im Umgang miteinander, weil sie denken, dass das Corona-Virus verschwunden sei. Gerade ein kurzer Blick in Restaurationsbetriebe (auch in Luxemburg) zeigt deutlich, dass das Tragen von Masken abnimmt und Distanzen immer weniger eingehalten werden.
  2. Die Öffnung von Innenräumen für das Publikum (gerade von Restaurants, Kneipen und Schulen) kann aufgrund der Aerosol-Übertragung des SARS-CoV-2-Virus sehr schnell zu neuen Superspreader-Ereignissen führen.
  3. Wirtschaftliche Zwänge haben die Politik in sehr vielen Ländern zu Lockerungen gezwungen, die aus epidemiologischer Sicht eigentlich nicht vertretbar gewesen wären. Während beispielsweise in Luxemburg und Deutschland das Infektionsgeschehen recht kontrollierbar geworden ist, trifft dies auf andere Länder (z:B. Großbritannien, Schweden, USA, Iran, Israel usw.) eher nicht zu.
  4. Ebenfalls aufgrund wirtschaftlicher Zwänge werden die Reiseverbote vielfach gelockert, um die Wiederaufnahme des Tourismus zu ermöglichen. Durch Flugreisen kann das Virus sich wieder schneller verbreiten, mehr oder minder viele Tests an Flughäfen werden daran nur wenig ändern.
    Ein Beispiel dafür mag der erste Lufthansa-Sonderflug nach China am 30. Mai 2020 liefern. Bei diesem Flug wurden alle 200 Passagiere vor Abflug in Frankfurt negativ auf SARS-CoV-2 getestet, bei Ankunft in China wurde bei einem erneuten Test ein 34-jähriger Ingenieur positiv auf das neue Corona-Virus getestet (siehe beispielsweise hier in der Frankfurter Neuen Presse).

Selbst großangelegte Testprogramme wie das in Luxemburg werden an der grundsätzlichen Problematik nicht sehr viel ändern können, weil dazu das Infektionsgeschehen viel zu schnell ablaufen kann. Mehr zu dieser Problematik finden Sie bei Interesse auch im Artikel Corona-Tests als Basis für eine Exit-Strategie in diesem Blog.

Ob und inwieweit sich die hier angesprochenen Problempunkte letztlich auf das tatsächliche Infektionsgeschehen auswirken werden, wird sich erst in einigen Wochen absehen lassen.

Fazit

Viren wie SARS-CoV-2 lassen sich weder durch Beschlüsse noch durch politische Spielchen oder Zweckoptimismus bremsen. Wissenschaftlern ist das klar, manche Politiker (siehe beispielsweise die Herren Trump, Bolsonaro und Putin) scheinen mit dieser Tatsache so ihre Schwierigkeiten zu haben.

Mittlerweile lässt sich absehen, dass manche Länder wie Luxemburg und Deutschland gut aufgestellt sind, um eine zweite heftige Pandemie-Welle zu vermeiden. In vielen anderen Ländern der Welt sieht es da leider deutlich weniger rosig aus.

Aber letztlich wird es an jedem Einzelnen liegen. Solange wir alle die Gefahr einer zweiten Welle sehen, akzeptieren, dass dieses Virus sehr schnell wieder zuschlagen kann und uns dementsprechend nach wie vor an die Maßnahmen zum Social Distancing halten, könnten wir einer zweiten Pandemie-Welle mit etwas Glück entgehen.

Denn, so sehr wir uns das auch wünschen mögen, das neue Corona-Virus ist nicht verschwunden. Es wartet irgendwo im Hintergrund der Bevölkerung darauf, dass wir wieder leichtsinnig werden. Und es lässt sich weder durch Landesgrenzen noch durch politische Entscheidungen aufhalten, sondern nur durch unser Verhalten. Solange wir das beherzigen, werden wir eine zweite Welle vielleicht vermeiden können.

Denn eines ist sicher: die derzeitige weltweite Entwicklung gibt keinerlei Anlass für eine Entwarnung. Selbst Zweckoptimisten sollten vielleicht einmal über die Landesgrenzen (und ihren Horizont) hinausschauen und sich die Frage stellen, ob 100.000 bis 150.000 Neu-Infektionen pro Tag nun wirklich dafürsprechen, dass keine Gefahr mehr besteht.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Der Autor ist freiberuflicher Autor, Texter und Web-Entwickler mit Sitz in Luxemburg. Er ist diplomierter Informatiker und Statistiker und verfügt über jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Er publiziert Artikel zu Themen rund um Gesellschaft, Internet und verschiedene Wissenschaftsgebiete in seinem eigenen Blog und in verschiedenen Foren.

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