Corona

Die „indische“ Mutante B.1.617, die Medien und die Politik

Ehrlich, eigentlich wollte ich gar nicht über diese Mutante schreiben, weil ich keinen großen Sinn darin sehe, bevor nicht halbwegs aussagefähige Daten oder Studienergebnisse zur Verfügung stehen.

Aber dank diverser Presseberichte, die die Situation in Indien beleuchten und in denen ziemlich einhellig zu lesen ist, dass die B.1.617-Mutante dafür verantwortlich sei, habe ich mich jetzt dazu entschlossen, doch ein paar Worte darüber zu sagen. Denn hier wird momentan aufgrund nicht sonderlich verlässlicher Informationen Panik verbreitet, und dass muss ja nun auch nicht sein.

Die Mutante B.1.617 ist übrigens bisher (auch da liegen die Medien manchmal etwas schief) nicht als „variant of concern“ (besorgniserregende Variante) deklariert worden, sondern wird als „variant of interest“ (zu beobachtende Variante) behandelt. Auch das liegt daran, das wir noch nicht so ganz viel darüber wissen.,

Wohlgemerkt, dass bedeutet jetzt weder, dass B.1.617 gefährlicher oder ungefährlicher als andere Varianten wäre. Es bedeutet genau das, was weiter oben steht: wir wissen es derzeit nicht.

Also sehen wir uns doch einfach einmal gemeinsam an, was wir bisher über diese Mutante so wissen und was nicht.

Die Mutationen von B.1.617

Ganz grundsätzlich hat die Variante B.1.617 13 Mutationen, von denen drei als besonders wichtig in Bezug auf ein eventuelles Ausweichen vor dem Immunsystem und eine bessere Zellbindungs-Fähigkeit angesehen werden.

  • Eine Mutation an der Position 484 im Virus-Genom, nämlich die Mutation E484K, hat bei den Mutanten B.1.351 (die „südafrikanische“) und P.1 (die „brasilianische“) dafür gesorgt, dass das Virus unempfindlicher gegen bereits gebildete neutralisierende Antikörper geworden ist (Immun-Escape). Nun befindet sich bei B.1.617 zwar eine Veränderung an dieser Position, aber es ist eine andere Mutation namens E484Q, deren Auswirkungen wir nicht genau kennen.
  • Die zweite wichtige Mutation in B.1.617 nennt sich L452R, wir kennen sie bereits aus der Mutante B.1.429 (die „kalifornische“) und wir wissen aus Laborexperimenten, dass auch diese Mutation die Wirkung von Antikörpern abschwächt.
  • Die dritte wichtige Mutation wird als P681R bezeichnet. Diese Mutation ist aus der „britischen“ Mutante B.1.1.7 bekannt und dürfte einer der Gründe für die höhere Infektiösität sein.

Der B.1.617-Mutante fehlt hingegen die N501Y-Mutation, die vermutlich für die höhere Infektiösität der Mutanten B.1.1.7, B.1.351 und P.1 zumindest mitverantwortlich ist.

Anmerkung: In den Medien wird gerne der Begriff der „doppelten Virusmutation“ benutzt, wohl um auf die besondere Gefährlichkeit dieser Mutante durch den Immun-Escape und die höhere Infektiösität hinzuweisen. Dieser Begriff sagt allerdings wenig aus, denn alleine die Anzahl der Mutationen gibt keinen Hinweis auf eine höhere oder geringere Gefährlichkeit der jeweiligen Mutante. Es ist richtig, dass diese B.1.617-Mutante mehrere Mutationen in sich vereint (wie beispielsweise auch die Mutanten B.1.351 oder P.1), daraus lässt sich aber sicherlich keine „doppelte“ Gefährlichkeit ableiten.

Das hier nur kurz als Überblick, viel detaillierter lässt sich das beispielsweise hier im Ärzteblatt oder hier in der ZEIT nachlesen.

Die bisherigen Nachweise

Die Mutante B.1.617 wurde bisher in gerade einmal 852 Sequenzierungen weltweit nachgewiesen, davon entfallen 412 auf Indien und 205 auf Großbritannien. Gerade in Indien stellt sich das Problem, dass dort relativ wenig sequenziert wird und wir deswegen schlicht nicht wissen, wie hoch der tatsächliche Anteil ist.

Quelle: outbreak.info

Die Lage in Indien ist tragisch und prekär, das ist überhaupt keine Frage, der explosionsartige Anstieg der Fälle und der Zusammenbruch des Gesundheitswesens sind traurige Realitäten. Ob dieser Anstieg nun tatsächlich auf die „neue“ Mutante B.1.617 zurückzuführen ist oder ob wir da gerade eine exponentielle Ausbreitung der Mutante B.1.1.7 beobachten können, lässt sich aufgrund der vorliegenden Daten allerdings kaum sagen.

Ähnlich sieht das im Rest der Welt (speziell in Großbritannien) aus, die Zahlen lassen sich bisher kaum korrekt einordnen. Denn die Mehrzahl dieser Fälle wurden durch Reisende eingetragen; ob es irgendwo außerhalb Indiens tatsächlich ein nennenswertes Infektions-Geschehen mit dieser neuen Mutante gibt, ist momentan eher unwahrscheinlich.

Die tatsächliche Gefährlichkeit

Bisher gibt es keine Daten, die irgendetwas über den Einfluss der B.1.617-Mutante auf Impfschutz, Infektiösität oder Krankheitsverlauf aussagen. Es lässt sich aber durchaus begründet vermuten, dass die Mutanten B.1.351, P.1 und auch B.1.617 durch den teilweisen Immun-Escape mitverantwortlich für die weltweit ansteigenden Infektionszahlen sind.

Wir wissen bereits, dass der Impfschutz von BioNTech und AstraZeneca gegen Infektionen mit den Mutanten B.1.351 und P.1 etwas geringer ausfällt (humorale Immunantwort), dass die Effizienz der Antikörper gegen schwere Verläufe (zellulare Immunantwort) aber auf einem sehr hohen Niveau bleibt. Es ist anzunehmen, dass das auch auf die Mutante B.1.617 zutrifft.

Mehr über die humorale und zellulare Immunantwort finden Sie bei Interesse auch im Artikel Das sollten Sie unbedingt über Impfungen und Immunität wissen vom 1. März 2021 in diesem Blog, Aktuelle Studien zur Wirksamkeit der Impfstoffe gegenüber den Mutanten finden Sie beispielsweise hier im New England Journal of Medicine oder hier bei bioRxiv.

Wir können belegen, dass sich eine Mutante wie B.1.1.7 durch ihre höhere Infektiösität gegenüber dem Wild-Virus weltweit sehr schnell hat durchsetzen können. Und wir wissen auch (gerade am Beispiel von Luxemburg wird das sehr deutlich), dass sich Mutanten wie B.1.351 und P.1 in einer nur teilweise immunen Population gegenüber B.1.1.7 bisher nicht haben durchsetzen können.

Quelle: LNS.LU

Wir sollten allerdings davon ausgehen, dass sich Mutanten, die der Immunantwort teilweise ausweichen (wie B.1.351, P.1 oder B.1.617), in einer zunehmend geimpften Bevölkerung vermutlich besser werden durchsetzen können. Denn diese Mutanten haben sich in Gebieten mit sehr hohem Infektions-Geschehen (und dementsprechend bereits vorhandener Teil-Immunität der Bevölkerung) entwickelt und konnten sich dort durchsetzen, genau dort liegt ihr evolutionärer Vorteil.

Momentan sieht es allerdings so aus, als würden die vorhandenen Impfstoffe auch bei diesen Mutanten schwere Verläufe zuverlässig verhindern, insofern ist eine Panik derzeit sicherlich nicht angebracht.

Fazit

Ich hoffe, dass ich Ihnen erklären konnte, warum wir uns derzeit wegen der Mutante B.1.617 keine allzu großen Sorgen machen sollten. Im Moment ist noch keine Mutante aufgetaucht, die durch die bisher in der EU zugelassenen Impfstoffe ausgelöste Immunantwort wirklich aushebeln könnte. Die Impfung reduziert auch bei den Mutanten die Infektiösität (auch wenn Infektionen weiterhin möglich sind) und schwere Verläufe werden zuverlässig verhindert.

Das gilt übrigens nicht unbedingt für bereits überstandene Covid-19-Erkrankungen. Denn eine Infektion löst offenbar tatsächlich eine weniger differenzierte Immunantwort als die Impfung aus. Deswegen ist und bleibt es enorm wichtig, sich auch nach einer überstandenen Infektion trotzdem impfen zu lassen.

Wegen etwas Anderem sollten wir uns allerdings erhebliche Sorgen machen, und zwar wegen dem anhaltend hohen Infektions-Geschehen. Denn viele europäische Regierungen (auch die luxemburgische) nehmen gerade eine Durchseuchung der jüngeren Bevölkerung hin, um die Wirtschaft zu schützen. Die ständig geforderten und durchgesetzten Schulöffnungen haben wenig mit dem Wohl der Schüler*innen zu tun, es geht eher darum, dass die Eltern dieser Schüler*innen möglichst ungestört arbeiten können (ich habe vor zwei Wochen im Artikel Durchseuchung – Dummheit, Arroganz oder Vorsatz? schon einmal beschrieben, warum das eine sehr kurzfristige Politik ist).

Im Zusammenhang mit Mutanten kommt zu den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen dieser Politik noch ein biologischer Effekt hinzu, den wir nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten. Denn das „Durchlaufenlassen“ einer Pandemie in der jüngeren Bevölkerung sorgt für ein beständig hohes Infektions-Geschehen. Und umso höher dieses Infektions-Geschehen ist, desto öfter repliziert sich das Virus und desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit zur Bildung neuer Mutanten (weil es nun einmal bei jeder einzelnen Replikation des Virus zur Bildung einer Mutation kommen kann).

Wie schnell so etwas passieren kann, können wir übrigens möglicherweise gerade in Tirol beobachten. Dort breitet sich eine neue Variante von B.1.1.7 aus, die außerdem über die E484K-Mutation (der Immun-Escape, s.o.) verfügt. Diese neue Variante (teilweise ist auch von der Zillertal-Variante die Rede) zeigt eine erhöhte Infektiosität und deutlich schwerere Krankheitsverläufe als die ursprüngliche B.1.1.7-Mutante und wird in Tirol vermehrt nachgewiesen. In einem Artikel dazu auf studium.at wird das vermehrte Auftreten dieser neuen Variante mit „der hohen regionalen Mobilität, der vermutlich schon recht hohen Durchseuchungsrate, die neue Varianten begünstigt, aber andererseits offenbar auch mit einer gewissen politischen Sorglosigkeit“ begründet.

Umso mehr Infektions-Geschehen wir also zulassen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit des Auftauchens neuer Mutanten, die dann vielleicht auch die Impfung unterlaufen, doch wieder schwere Verläufe auslösen oder noch infektiöser sein könnten.

Und das gilt durchaus weltweit. Denn solange wir es zulassen, dass Menschen zum Beispiel in den Osterferien nach Mallorca fliegen und bei der Wieder-Einreise auf eine verpflichtende Quarantäne (und nein, weder freiwillige noch verpflichtende Tests sind ausreichend) verzichten, solange werden wir neuen Mutanten die schnelle internationale Verbreitung ermöglichen (zumindest das hätten wir eigentlich aus der explosiven Verbreitung von B.1.1.7 und B.1.351 lernen sollen).

Um es kurz, prägnant und etwas sarkastisch auszudrücken: wenn ich den Job hätte, eine möglichst schnelle, unauffällige und umfassende Verbreitung eines Virus zu garantieren, dann würde ich’s so machen, wie’s viele Regierungen gerade tun:

  • die Schulen als Multiplikator auflassen, damit sich das Virus gut in den Familien verbreiten kann,
  • zwischendurch Ferien und die Möglichkeit zu Urlaubsreisen einbauen und die Einreise möglichst lasch kontrollieren, damit sich neue Varianten weltweit verbreiten können,
  • daneben ständig mit Zahlen den Eindruck aufrechterhalten, dass eine stabile Lage (auch bei viel zu hohen Inzidenzen) eine gute und kontrollierbare Lage sei.

Genau deswegen ist es eigentlich unerlässlich, dass wir uns zunächst einmal um ein Absenken der Infektions-Zahlen bemühen. Denn nur so werden wir die Situation ohne langfristige Folgen unter Kontrolle bringen können. Mit unserem derzeitigen Weg riskieren wir nicht nur das Auftauchen von Mutanten, die die Impfung unterlaufen und unsere Strategie der Eindämmung durch Impfung empfindlich zurückwerfen können, wir riskieren auch schwere gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen.

Oder, um es ein weiteres Mal mit den Worten von Isabella Eckerle zu beschreiben:

Um es ganz klar zu sagen: Die Verlierer hier sind Altersgruppen < 45 & Kinder. Nicht nur tragen Sie sowieso schon den Großteil der Kollateralschäden einer schlechten Pandemie-Politik, sondern haben nun noch hohes Risiko, sich doch noch zu infizieren.

Isabella Eckerle auf Twitter am 23. April 2021

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Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu diesem Thema, aus verschiedenen anderen Wissenschafts-Bereichen und aus dem Bereich Internet & Gesellschaft,

2 Kommentare

  1. Danke, für Ihre schnelle Aufklärung bezüglich des Wissenstandes zur Mutante B. 1.617

    Die abschliessende Bemerkung von Frau Eckerle kann Ich zum Teil nachvollziehen.
    Gleichzeitig frage Ich mich ob das für Kinder und unter 45- jährige Personen von privater Relevanz ist. Oder anders formuliert, geht es bei den Gegenmassnahmen noch um die Eindämmung der Übersterblichkeit, Vermeidung des Zusammenbruchs der Gesundheitssysteme oder um die Vermeidung jeder möglichen Infektion? Die Weltbvölkerung gleichtaktend dazu zubewegen sich einzuschränken um die Entstehung von Mutationen zu vermeiden sehe Ich als unereichbares Ziel. Oder habe ich die letzte Bemerkung falsch interpretiert?

    Die impliziete Forderung zu weiteren Einschränkung verstehe Ich nicht wenn der Schaden der direkt durch den Virus verursacht wird (viele Infizierte und weniger schwer Erkrankte/Tote) geringer wird und gleichzeitig die andauernd wachsenden psychische, wirtschaftliche und sozialen Schäden den die Einschränkungen mit sich bringen zu überwiegen scheinen.

    Dieses Virus stellt auch unser transgenerationelles Zusammenleben auf den Kopf aber jegliche Vergleiche ( Verlierer- Gewinner? … Opfer-Täter) unter Altersgruppen trägt nur zur weiteren Spaltung bei. Die Pandemie ist eine Naturkatastrophe und es gibt unterschiedlich stark betroffene Gruppen und Regionen, Ziel der Massnahmen muss es sein den gesamtgesellschafftlichen Verlust so gering wie möglich zu halten!
    Wir sollten aufhören über Sinn- und Unsinn der Massnahmen zu diskutieren und in einen Dialogue über mögliche Ziele, zu vermeidenden Verluste und zu rettende “Güter” kommen. Diese gesellschafftliche Auseinandersetzung ist wesentlich relevanter und zukunftsführender für Kinder, Jugendliche und die kommenden Genrationen als die Ausarbeitung sicherer Massnahmen zur Vermeidung jeglicher Infektionen mit SARS Cov 2. Wenn wir diesen Weg gehen gibt es Hoffnung dass keine Altersgruppe sich als Verlierer sieht!

    1. Hallo und danke für Ihren ausführlichen Kommentar 

      Grundsätzlich kann es nicht um die Vermeidung jeglicher Infektion gehen, das ist ein unerreichbares Ziel. Es geht letztlich um die Vermeidung so vieler Infektionen wie möglich, bis wir durch die Impfungen eine gewisse Herdenimmunität (eben auch für die unter 50-jährigen) erreichen können. Die Eindämmung der Übersterblichkeit und die Vermeidung des Zusammenbruchs der Gesundheitssysteme wird dadurch ganz automatisch mit erreicht.

      Es geht nicht darum, möglichst viel einzuschränken, sondern eher intelligent einzuschränken und die hauptsächlichen Gefahrenpunkte zu vermeiden. Das minimiert dann auch die psychischen, wirtschaftlichen und sozialen Schäden.

      Liebe Grüße

      Claus Nehring

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