CoronaGesellschaft

Der Segen des späten Pandemie-Beginns

In letzter Zeit mehren sich die Anzeichen dafür, dass das SARS-CoV-2-Virus möglicherweise schon seit Ende letzten Jahres in Europa aktiv ist. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat ihre Mitgliedsländer bereits dazu aufgefordert, diesbezügliche Nachforschungen anzustellen.

Falls sich diese Indizien als wahr herausstellen sollten, würde das eine Erklärung dafür liefern, warum manche Länder von Corona viel härter getroffen wurden als andere. Einiges könnte sogar darauf hindeuten, dass das Virus bereits vor dem ersten registrierten Fall in Wuhan am 17. November 2019 in Europa aktiv gewesen sein könnte.

Wohlgemerkt, dieser Artikel ist fiktiv. Er baut auf der Annahme auf, dass das SARS-CoV-2-Virus bereits länger in Europa aktiv ist, als dies bisher angenommen wurde. Bisher gibt es einige Indizien dafür, dass das möglich sein könnte, Beweise dafür gibt es nicht.

Der Artikel geht der Frage nach, wie sich die Corona-Epidemie in Europa aus heutiger Sicht entwickelt hat und erklärt, was wir daraus für die Zukunft lernen können.

Der Beginn der Pandemie

Mittlerweile mehren sich die Hinweise darauf, dass das Corona-Virus bereits lange vor Februar 2020 in Europa aktiv war.

In Italien kommt eine epidemiologische Studie („The early phase of the COVID-19 outbreak in Lombardy, Italy”) nach der Untersuchung von 6.000 bestätigten Corona-Fällen in der Lombardei zu der Schlussfolgerung, dass das SARS-CoV-2-Virus bereits seit mindestens Anfang Januar 2020 in der Lombardei aufgetaucht ist.

Ein anderer Epidemiologe der Universität Mailand, Prof. Adriano Decarli, geht als Datum für das erste Auftauchen des Virus in Italien sogar vom Oktober 2019 aus. Er bezieht sich damit auf eine ansonsten schwer erklärbare medizinische Auffälligkeit, nämlich eine signifikant höhere Zahl von Lungenentzündungen mit Todesfällen in der Lombardei von Oktober bis Dezember 2019. Tatsächlich zeigt auch der Vergleich von Sterberegistern norditalienischer Städte eine deutlich höhere Anzahl von Todesfällen als im gleichen Zeitraum der Vorjahre.

Auf Basis der vorliegenden Daten lassen sich diese Thesen und Studien weder belegen noch widerlegen. Ein Auftreten des SARS-CoV-2-Virus in Italien bereits im Oktober letzten Jahres könnte darüber hinaus bedeuten, dass das Virus bereits vor dem ersten Auftreten in Wuhan in Europa aktiv gewesen wäre. Für diese These gibt keine haltbaren Belege, und sie stößt bei vielen anderen Medizinern und Epidemiologen auf deutlichen Widerspruch.

In Spanien ist bei nachträglichen Untersuchungen der erste bestätigte Corona-Todesfall bereits am 13. Februar in Valencia aufgetreten. Auch das spricht dafür, dass das neue Corona-Virus mindestens seit Januar 2020 in Spanien in Umlauf ist.

In Frankreich wurde bisher vom ersten Auftreten des SARS-CoV-2-Virus zwischen Mitte und Ende Januar 2020 ausgegangen. In einer aktuellen Studie vom 3. Mai 2020 wird allerdings von einem Patienten vom 27. Dezember 2019 berichtet, der bei einer nachträglichen PCR-Untersuchung (anhand von gespeichertem Abstrichmaterial) positiv auf das SARS-CoV-2-Virus getestet wurde. Unter der Annahme, dass dieser nachträgliche Test korrekt durchgeführt wurde und keine Kreuzkontamination der Abstrichproben aufgetreten ist, würde dieses Resultat ebenfalls auf ein Auftreten des Virus in Frankreich bereits Ende November bzw. Anfang Dezember 2019 hinweisen.

Erster Test auf SARS-CoV-2

Diese Ausbreitung des SARS-CoV-2-Virus konnte solange unentdeckt bleiben, weil das Virus zum Zeitpunkt des Auftretens dieser Fälle noch gar nicht bekannt war. Der erste Test wurde von einem Team der Berliner Charité um Prof. Christian Drosten entwickelt und am 16. Januar 2020 veröffentlicht. Einen Tag später, am 17. Januar 2020 wurde dieser Test auch von der WHO als erster Test auf das neue Corona-Virus weltweit empfohlen.

An dieser Stelle noch ein kleiner Hinweis für die Verschwörungs-Theoretiker unter uns. Weder die Charité noch eine der unterstützenden Organisationen verdient an diesen Tests Geld, das RNA-Material für die Tests wird kostenlos an Labore in der ganzen Welt abgegeben. Die für die Tests und den Versand benötigten Gelder stammen aus Forschungsmitteln der Europäischen Union und von der zu Unrecht viel kritisierten Bill & Melinda Gates Foundation.

Bevor diese Tests auf das neue Corona-Virus verfügbar waren, wurde ein eventuelles Auftreten von SARS-CoV-2 (auch bei Todesfällen) eher als Lungenentzündung bewertet. Untersuchungen auf ein eventuelles neues Virus wurden bis zum Bekanntwerden von SARS-CoV-2 nicht durchgeführt.

Die Wichtigkeit des ersten Auftretens von SARS-CoV-2

Wenn das SARS-CoV-2-Virus tatsächlich bereits seit November/Dezember 2019 in einigen Ländern im Umlauf gewesen sein sollte, dann würde sich daraus eine Erklärung dafür ergeben, warum die Corona-Pandemie in einigen Ländern zu katastrophalen Verhältnissen und enorm vielen Todesfällen geführt hat, während andere Länder (wie beispielsweise Luxemburg und Deutschland) bislang von den schlimmsten Auswirkungen verschont geblieben sind.

Falls sich nämlich das Virus in diesen besonders stark betroffenen Ländern bereits über einen längeren Zeitraum unerkannt ausbreiten konnte, dann hätte die eigentliche Corona-Pandemie in diesen Ländern mit einer weitaus höheren Zahl von Infizierten begonnen, als dies bisher den Anschein hatte. Und wäre dann auch mit sehr schnell getroffenen Maßnahmen zum Zeitpunkt des Erkennens der Pandemie kaum noch einzudämmen gewesen.

An einem Beispiel lässt sich der Effekt dieser höheren Basis-Anzahl der Infizierten auf den Verlauf der Pandemie recht gut erklären. Der Verlauf einer Pandemie hängt von der sogenannten Basisreproduktionszahl (R0) ab, die angibt, wie viele Menschen von einer infektiösen Person durchschnittlich angesteckt werden. Dieser Wert ist von Virus zu Virus verschieden, bei SARS-CoV-2 liegt er vermutlich bei ungefähr 3.

Und hier spielt jetzt die Anzahl der zum Ausbruch der Pandemie in einem bestimmten Land infizierten Personen auf einmal eine ganz erhebliche Rolle. Bei einer Reproduktionszahl von 3 werden nämlich innerhalb von 10 Tagen:

  • aus 10 Basis-Infizierten werden 640, also 630 mehr
  • aus 50 Basis-Infizierten werden 3.200, also 3.150 mehr
  • aus 500 Basis-Infizierte werden 32.000, also 31.500 mehr
  • aus 2.000 Basis-Infizierten werden 128.000, also 126.000 mehr

Von diesen Neu-Infizierten werden in der Anfangsphase einer Pandemie um die 15 % in Krankenhäuser eingeliefert. Ab welchem Punkt das Gesundheits-System eines Landes unter der Belastung zusammenbricht, lässt sich anhand dieser Zahlen relativ leicht ermessen.

Letztlich kommt die eigentliche Katastrophe also gar nicht durch die Ausbreitungs-Geschwindigkeit zustande, die in allen Ländern ja mehr oder weniger gleich ist. Viel wichtiger ist die Anzahl der zu Beginn der Pandemie bereits Infizierten, denn von ihr hängt die Anzahl der Neu-Infizierten in einem bestimmten Land maßgeblich ab.

In der folgenden Grafik lässt sich recht gut erkennen, dass die Entwicklung der täglichen Zuwachsrate in den 5 genannten Ländern abgesehen vom zeitlichen Rahmen mehr oder weniger identisch verläuft. Nach einem steilen Anstieg zu Beginn verringert sich die Zuwachsrate durch die ständig abnehmenden Kontakte immer weiter.

Die Rolle der Hotspots

In allen Ländern mit besonders schwerem Verlauf spielten besondere Punkte mit sehr hohem Infektionsrisiko, die sogenannten Hotspots (im englischen auch „Superspreading Events“), eine wichtige Rolle im Verlauf der Pandemie. Solche Hotspots entstehen überall dort, wo viele Leute zusammenkommen, über einen längeren Zeitraum zusammenbleiben und danach andere Leute an verschiedenen Orten treffen. Typische Hotspots sind beispielsweise Veranstaltungen oder größere Sportereignisse, aber auch Cafés, Kneipen, Restaurants oder Schulen.

Umso höher der Anteil der mit einem Virus infizierten Personen in einer bestimmten Region ist, umso höher ist logischerweise auch das Risiko, dass eine infizierte Person an einem solchen Hotspot auftaucht. Und dem Virus damit eine ideale Chance zur schnellen Weiterverbreitung bietet.

Solche Hotspots gibt es natürlich immer und zu jeder Zeit in allen Ländern dieser Welt. Aber in den Ländern, in denen das neue Corona-Virus erst relativ spät aufgetaucht ist, gab es zu Beginn der Eindämmungs-Maßnahme schlicht nicht genügend Infizierte, als dass die Hotspots eine wichtige Rolle bei der Weiterverbreitung des Virus hätten spielen können.

Aufgrund der hohen Anzahl an bereits infizierten Personen in der Bevölkerung in den stark betroffenen Ländern kamen selbst sehr schnelle Eindämmungs-Maßnahmen zu spät, um die explosionsartige Ausbreitung des Virus noch verhindern zu können.

Die Länder mit späteren Infektionen

Aus dieser Argumentation heraus erscheint es nachvollziehbar, dass sich die Corona-Pandemie in Europa aus einigen dieser Hotspots heraus entwickelt hat. Solche Hotspots könnten beispielsweise Wintersportorte, Karnevals-Hochburgen oder Groß-Veranstaltungen mit Besuchern aus vielen verschiedenen Ländern gewesen sein, die das Virus dann bei der Rückkehr in ihre Heimatländer eingeschleppt und dort weiterverbreitet haben.

In den Ländern, in denen das SARS-CoV-2-Virus bereits über einen längeren Zeitraum hinweg unerkannt aktiv war, entstanden daraus dann sehr schnell extrem hohe Zahlen von Neu-Infektionen. Während in den Ländern, in die das Virus später hineingetragen wurde, aufgrund der geringeren Anzahl an Infizierten eine weitaus geringere Anzahl an Neu-Infektionen auftrat. Nur aufgrund dieser geringeren Anzahl an ursprünglich infizierten Personen zu Beginn der Eindämmungs-Maßnahmen konnten die Gesundheits-Systeme dieser Länder der Belastung standhalten.

Die Resultate eines zögerlichen Umgangs

Eine Ausnahme davon stellen ein paar Länder wie beispielsweise die USA oder Großbritannien dar, deren Regierungen aufgrund einer kompletten Ignoranz gegenüber der Gefährlichkeit der Pandemie mit der Verhängung einschneidender Maßnahmen viel zu lang gezögert haben.

Damit haben wir dann auch ein schönes Beispiel vor Augen, was eine exponentielle Fallsteigerung ohne das Ergreifen von Maßnahmen eigentlich bedeutet. Denjenigen, die nach wie vor von „übertriebenen Maßnahmen“ reden, kann ich daher nur einen Blick auf die Entwicklung in den USA oder Großbritannien empfehlen. Genau so hätte es auch bei uns ausgesehen, wenn die Eindämmungs-Maßnahmen nicht so schnell ergriffen worden wären.

Die Regierungen der betreffenden Länder werden sich jetzt allerdings der Frage stellen müssen, aus welchem Grund sie alle Hinweise auf die Gefahr ignoriert und ihre Bevölkerung aus taktischen Gründen einem dramatisch erhöhten Risiko ausgesetzt haben.

Was wir aus der Vergangenheit lernen sollten

In einigen Ländern, unter anderem in Italien, Spanien und Frankreich, scheint das neue Corona-Virus also bereits seit November/Dezember 2019 in Umlauf zu sein. Deswegen konnte sich in diesen Ländern unbemerkt eine sehr große Anzahl von infizierten Personen entwickeln, erst dadurch konnten die oben beschriebenen Hotspots entstehen.

Die Länder hingegen, in die das SARS-CoV-2-Virus erst durch die Rückkehr von Auslandsreisenden eingeschleppt wurde (dazu gehören unter anderem Luxemburg und Deutschland), blieben von dieser unerkannten Ausbreitung von Infektionen in der Bevölkerung verschont.

Deswegen war für die Schwere des Ausbruchs in den einzelnen Ländern weniger die Ausbreitungs-Geschwindigkeit der Pandemie verantwortlich, sondern eher die zu diesem Zeitpunkt vorhandene Anzahl der Infizierten im Land.

Am Beispiel von Luxemburg lässt sich das auch leicht an Zahlen nachvollziehen. Vom 29. Februar bis zum 28. März, also im ersten Monat der Pandemie, stieg die Anzahl der Infizierten von 1 auf 1.831, am Ende dieser Phase waren hierzulande 181 Klinikbetten (davon 29 Intensivbetten) belegt. Hätte die Anzahl der ursprünglich Infizierten auch nur 3-mal so hoch gelegen, wäre das Kliniksystem hierzulande bereits Ende März an seine Grenzen gestoßen, bei einer 6- oder 7-fachen Anzahl an ursprünglich Infizierten wären wir von den aus Italien bekannten Verhältnissen nicht weit entfernt gewesen.

Und dazu hat hierzulande nicht viel gefehlt. Hätten die ersten Infektionen auch nur eine Woche früher stattgefunden, hätte das bereits zu der 4- bis 8-fachen Anzahl an ursprünglich Infizierten geführt. Wir sind also, das kann man aufgrund der vorliegenden Zahlen so sagen, nur um eine gute Woche an einer Katastrophe vorbeigeschliddert.

Genau diese Zahlen sollten wir im Kopf behalten, wenn wir jetzt an die Zukunft denken. Denn die für eine neuerliche explosionsartige Entwicklung der Corona-Pandemie nötige Anzahl an infizierten Personen ist jetzt vorhanden (übrigens nicht nur in Luxemburg, sondern überall). Deswegen warnen Wissenschaftler überall auf der Welt, dass eine eventuelle zweite Welle der Corona-Pandemie sehr schnell zu katastrophalen Verhältnissen führen kann.

Eine vollständige Aufhebung der Maßnahmen würde ein Land wie Luxemburg deswegen in sehr wenigen Wochen direkt in eine Katastrophe führen. Selbst eine Lockerung der Maßnahmen, wie sie jetzt in Luxemburg geplant ist, könnte man durchaus als eine Art von Hochrisiko-Experiment bezeichnen, weil sich die Reaktion der Bevölkerung auf die Lockerungen kaum absehen lässt.

Eine zweite Welle der Corona-Pandemie wird kommen. Deswegen ist jetzt die Eigenverantwortung jedes Einzelnen gefragt, um diese zweite Welle so niedrig wie möglich zu halten. Ansonsten werden wir die Vorteile, die wir durch den späteren Beginn der Pandemie hatten, sehr schnell wieder verspielen.

Mehr zum Thema der aktuellen Lockerungen der Eindämmungs-Maßnahmen in Luxemburg finden Sie auch in den Artikeln Lockerungen – Der Beginn des Tanzes, Corona-Tests als Basis für eine Exit-Strategie und Warum die Schulen geschlossen bleiben sollten in diesem Blog.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Weiterführende Links

Claus Nehring

Der Autor ist freiberuflicher Autor, Texter und Web-Entwickler mit Sitz in Luxemburg. Er ist diplomierter Informatiker und Statistiker und verfügt über jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Er publiziert Artikel zu Themen rund um Gesellschaft, Internet und verschiedene Wissenschaftsgebiete in seinem eigenen Blog und in verschiedenen Foren.

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