Corona

Das Problem mit den neuen Varianten

Dies ist eine Übersetzung eines englischsprachigen Artikels von Deepti Gurdasani, die ich mit ihrer freundlichen Genehmigung hier im Blog veröffentliche. Sie können (und sollten) ihr auf Twitter unter https://twitter.com/dgurdasani1 folgen. Etwaige Übersetzungsfehler und Ungereimtheiten in der Übersetzung gehen allein auf mein Konto.

Wohlgemerkt, dieser Artikel bezieht sich auf die Verhältnisse in Großbritannien. Jede Ähnlichkeit der Situation oder der handelnden Politiker mit Luxemburg wäre rein zufällig.

Zum besseren Verständnis: Matt Hancock ist der der britische Gesundheitsminister, die Abkürzung JVT steht für Jonathan Stafford Nguyen Van-Tam, den stellvertretenden Chief Medical Officer für England.

Wir gehen mit neuen Varianten um, indem wir auf sie reagieren, sobald sie entstehen. Die erste Verteidigungslinie besteht darin, die Ausbreitung zu identifizieren und zu stoppen.

Matt Hancock

Dieses Denken fasst alles zusammen, was mit der britischen Strategie falsch läuft. Denn die erste Verteidigungslinie besteht darin, das Entstehen dieser Varianten zu verhindern.

Neue Varianten waren nicht unvorhersehbar. Die D641G-Variante entstand im Februar 2020, war im Vergleich zum ursprünglichen Virus um 20 bis 30% übertragbarer und wurde im Mai/Juni weltweit dominant. Wir sehen, dass sich das Virus in Regionen mit hoher Übertragung immer wieder weiterentwickelt.

In Großbritannien zirkulieren mehrere Virusvarianten einschließlich der sogenannten Südafrika-Variante B.1.351 und der britischen B.1.1.7-Variante, die mittlerweile auch die bedenkliche E484K-Mutation entwickelt, die schon von den Varianten B.1.351 und P.1 bekannt ist.

Die Befürchtungen über eine geringere Wirksamkeit des Impfstoffs gegen Varianten mit dieser E484K-Mutation aufgrund einer geringeren Neutralisation durch Antikörper gegen frühere Varianten wurden leider mittlerweile durch Impfstoffstudien für Johnson & Johnson, Novavax und AstraZeneca bestätigt, die in Südafrika durchgeführt wurden (Anm. des Übers.: Südafrika hat daraufhin die Verteilung des AstraZeneca-Impfstoffes gestoppt).

Die Wirksamkeit des Impfstoffs scheint bei der Verhinderung einer symptomatischen Infektion verringert zu sein, die Wirksamkeit gegen schwere Krankheiten ist vermutlich nicht beeinträchtigt. Allerdings ist es sehr wahrscheinlich , dass die bei früheren Varianten gegebene Wirksamkeit gegen eine Übertragung geringer ist.

Natürlich hat sich die Rhetorik der Regierung jetzt eher auf die Prävention schwerer Krankheiten als auf das Erreichen der Herdenimmunität verlagert (Verringerung der Übertragung). Die Auswirkungen dieser Verschiebung auf die Gesundheit der Bevölkerung werden überhaupt nicht diskutiert. Trotzdem werden Impfstoffe immer noch als „Silberkugel“ gefeiert.

Trotz der Bedenken hinsichtlich der Wirksamkeit des Impfstoffs gegen diese Variante, die von Wissenschaftlern im Dezember geäußert wurde, verfolgte unsere Regierung einen laxen Ansatz in Bezug auf Grenzbeschränkungen und Quarantäne. Die Ergebnisse waren vollständig vorhersehbar. Selbst als wir die B.1.351-Variante in Großbritannien identifizierten, antworteten wir immer noch nicht.

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Und jetzt lautet die Rhetorik, dass wir diese Varianten identifizieren und eindämmen können, weil wir eine gute Überwachung haben. Dies ist leider nicht unbedingt der Fall. Die B.1.351-Variante ist in der Gesellschaft etabliert, Fälle ohne Verbindung zu Auslandsreisen wurden identifiziert.

Sobald eine solche Variante einmal in der Gesellschaft etabliert ist, ist es sehr schwer, sie wieder einzudämmen. Die Regierung muss dies wissen, angesichts der Tür-zu-Tür-Tests, die jetzt in dem verzweifelten Versuch durchgeführt werden, die Ausbreitung einzudämmen. Leider ist dies wieder zu wenig und zu spät.

JVT heute: Die Variante ist in Großbritannien nicht dominant und wird das wahrscheinlich auch in den nächsten Monate nicht sein (also kein Grund zur Sorge?). Der Gedanke dahinter ist, dass diese Variante nicht übertragbarer ist als B.1.1.7. Aber die Wahrheit ist schlicht, dass wir die Übertragungsdynamik dieser konkurrierenden Varianten nicht vollständig verstehen.

Angesichts der Evolution von B.1.1.7 hin zur Entwicklung von Flucht-Mutationen ist es durchaus möglich, dass solche Mutanten sich durchsetzen können. Gerade in einer Umgebung, in der Impfstoffe eingesetzt werden, die zwar gegen B.1.1.7, nicht jedoch gegen Varianten mit der E484K-Mutation wirken.

Es ist auch sehr gut möglich, dass neue Varianten mit zusätzlichen Flucht-Mutationen auftreten können, wenn die Übertragung hoch bleiben oder wenn parallel zu den Impfbemühungen frühzeitige Lockerungen durchgesetzt werden – insbesondere dann, wenn gleichzeitig der Evolutions-Druck durch Impfstoffe zunimmt.

Der Weg, um mit dem Chaos umzugehen, in dem wir uns jetzt befinden, ist NICHT zu denken:

  1. Nur weil wir eine gute Überwachung haben, müssen wir keine besonderen Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass Varianten ins Land gelangen oder in Großbritannien auftauchen,
  2. und dass Impfstoffe allein uns aus dieser Situation herausbringen könnten.

JVT sprach über Impfstoffe gegen die neue Variante, die möglicherweise später in diesem Jahr erhältlich sein werden. Das Problem ist, dass wir ständig hinter der Kurve herlaufen, wenn wir dem Virus eine ständige Anpassung erlauben. Denn was passiert, wenn auf einmal neue Varianten auftauchen, gegen die unsere Impfstoffe nicht wirksam sind?

Die einzige Strategie zum Schutz der öffentlichen Gesundheit besteht darin, die Übertragung und die Anpassung von Viren einzudämmen. Wir haben dabei mehrere „Glücksspiele“ hinter uns, die alle fehlgeschlagen sind. Es ist Zeit aufzuhören, immer wieder dieselben Fehler zu machen.

Den Original-Thread mit allen Kommentaren gibt’s übrigens hier :

Deepti Gurdasani

Senior Lecturer at Queen Mary University of London Epidemiology, statistical genetics, machine learning

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