Corona

Aerosole, Partikel und die Außenbereiche

In den sozialen Netzwerken und in den Medien wird gerade eine sogenannte „Studie“ aus Irland diskutiert, die belegen soll, dass nur 0,1% aller Corona-Infektionen im Außenbereich geschehen. Diese Zahl wird dann gerne genutzt, um gegen Einschränkungen im Außenbereich (in Deutschland geht’s bei der Diskussion hauptsächlich um Ausgangssperren) zu argumentieren. So etwas sieht dann beispielsweise so aus:

Quelle: Twitter

Dummerweise wird dabei aber nicht auf eine Studie verwiesen, sondern auf einen Zeitungs-Artikel aus dem britischen Evening Standard vom 9. April 2021, der sich wiederum auf ein paar Zahlen des irischen HPSC (Health Protection Surveillance Centre) aus einem Bericht der Irish Times vom 5. April 2021 bezieht.

Ebenso dummerweise werden diese Zahlen dann vom Evening Standard falsch interpretiert, was dann letztlich zu der ebenfalls völlig falschen Schlagzeile „Only 1 in 1,000 Covid cases caught outdoors, study shows“ geführt hat, die seitdem nicht wieder aus den Medien und sozialen Netzwerken verschwindet.

Deswegen möchte ich Ihnen in diesem Artikel einmal kurz erklären, wie es zu dieser falschen Interpretation gekommen ist und was es mit der Aerosol-Übertragung im Außenbereich denn nun eigentlich tatsächlich auf sich hat.

Die falsche Interpretation der Zahlen

Der Evening Standard hat aus dem Bericht der Irish Times entnommen, dass es bis zum 24. März in Irland 232.164 Infektionen gegeben hat, von denen 262 dem Außenbereich zuzuordnen waren. Soweit war das auch alles völlig richtig. Aber daraus hat dann blöderweise irgendein Redakteur ohne allzu viel Kenntnis der Sachlage messerscharf (und völlig falsch) geschlossen, dass alle anderen Infektionen dann ja wohl in Innenräumen passiert sein müssen. Daraus wurden dann per einfachem Dreisatz oder grober Schätzung die oben erwähnten 0,1% (oder in der Schlagzeile eben 1 von 1.000) der Infektionen.

Dass diese Interpretation falsch sein dürfte, hätte besagter Redakteur bereits festgestellt, wenn er den Artikel der Irish Times wenigstens bis zum Ende gelesen hätte. Denn dann wäre ihm aufgefallen, dass:

  1. man bei 20% der Infektionen die Quelle nicht genau bestimmen konnte (was international gesehen übrigens eher wenig ist, in Deutschland und Luxemburg beispielsweise können regelmäßig zwischen 35 und 50% der Infektionen keiner eindeutigen Quelle zugeordnet werden),
  2. man aus recht vielen internationalen Studien bereits ziemlich sicher weiß, dass das Infektions-Risiko im Außenbereich 19- bis 20-Mal geringer als in Innenräumen ist,
  3. und man in Studien den wahrscheinlichsten Ansteckungsort angibt und nicht unbedingt den tatsächlichen (bei einem Kind, dass sich beim Spielen draußen ansteckt, würde man mangels Wissen wohl eher von einer Ansteckung im Innenbereich ausgehen und das dann auch so in der Studie vermerken).

Das hat mittlerweile auch das irische National Public Health Emergency Team (NPHET) in mehreren Statements klargestellt, darüber haben beispielsweise die Irish Times und das irische The Journal (übrigens schon am 6. April, also noch vor Erscheinen des Artikels des Evening Herald) berichtet.

Das tatsächliche Risiko im Außenbereich

Wie oben schon erwähnt, wissen wir aus internationalen Studien, dass das Infektions-Risiko im Außenbereich ungefähr 19- bis 20-Mal geringer als in Innenräumen ist. Das liegt ganz einfach daran, dass sich im Außenbereich aufgrund des meist vorhandenen Luftzuges erheblich weniger Aerosol-Wolken bilden können bzw. sich ziemlich schnell wieder auflösen. Damit ist eines ganz klar und soll auch nicht in Frage gestellt werden: draußen ist man vor Virus-Übertragungen per Aerosol sicherer als drinnen.

Allerdings heißt ein um 19- bis 20-Mal geringeres Infektions-Risiko nun eben nicht, dass nun draußen überhaupt kein oder nur ein verschwindend geringes Risiko vorhanden sei (so wie das die Schlagzeile des Evening Herald mit den 1 von 1.000 nahelegt).

Gerade auf Terrassen, auf denen man sich mit mehreren Leuten über eine längere Zeit aufhält, kann es durchaus zu Übertragungen kommen. Und zwar besonders dann, wenn keine größeren Luftbewegungen vorhanden sind (bei annähernder Windstille) oder wenn der Luftzug z.B. durch Terrassenzelte eingeschränkt wird (deswegen sind die mancherorts von Restaurants gerne genutzten gut abgedichteten Terrassenzelte mit Heizung in der jetzigen Situation keine besonders tolle Idee).

Mit einer einfachen Faustregel können Sie sich das recht gut klarmachen: wenn Sie irgendwelche Gerüche von Ihrem Sitznachbarn wahrnehmen (Parfüm, Rauch, Mundgeruch o.ä.), dann werden gerade Aerosole von diesem Sitznachbarn zu Ihnen übertragen (denn die dabei übertragenen Geruchspartikel sind nichts anderes als Aerosole).

Eine kleine Anekdote am Rande: genau so wird übrigens in Studien der korrekte Sitz einer FFP-2-Maske geprüft. Der Träger der Maske bekommt eine Art Eimer über den Kopf gestülpt, in den dann Geruchs-Stoffe (z.B. Parfüm) eingeleitet werden. Wenn der Träger den Geruch wahrnimmt, dann ist entweder die Maske fehlerhaft oder sie sitzt nicht richtig (meist übrigens nicht stramm genug).

Das bedeutet nicht, dass Sie jetzt in Panik verfallen sollten, weil Sie den Rauch Ihres Sitznachbarn wahrnehmen. Denn selbst wenn dieser Sitznachbar nun zufällig gerade mit SARS-CoV-2 infiziert und infektiös sein sollte, bedarf es doch einer gewissen Anzahl an Viruspartikeln, damit Sie sich überhaupt anstecken können (wie viele das sind und wie viele Ihr Sitznachbar eventuell gerade ausstößt, wissen wir leider nicht genau). Aber Sie dürfen durchaus davon ausgehen, dass bei einer kurzen Begegnung eher nicht genügend Viren-Partikel für eine Infektion übertragen werden (anders sähe das übrigens bei Tröpfchen aus, wenn Sie also beispielsweise jemand anhusten würde). Aber umso länger Sie sich diesen von Ihrem Sitznachbarn übertragenen Aerosolen aussetzen, desto höher wird im Falle des Falles dann eben auch das Risiko einer Infektion.

Das soll nun übrigens keinesfalls heißen, dass wir in Luxemburg die Terrassen wieder schließen sollten. Aber es soll heißen, dass wir trotz des Aufenthalts im Außenbereich etwas aufpassen sollten. Und es soll vor allem heißen, dass wir uns von gut isolierten und geheizten Terrassenzelten für den Moment eher fernhalten sollten.

Noch ein paar Worte über den Sinn von Ausgangssperren

Ich möchte an dieser Stelle noch ein paar Worte zum Sinn von Ausgangssperren sagen, weil das von der Politik manchmal nicht so sehr klar kommuniziert wird und weil ich ständig unklare Äußerungen zum Thema in den Medien und den sozialen Netzwerken sehe.

Ausgangssperren dienen nicht dazu, Treffen von Menschen im Außenbereich nach einer bestimmten Uhrzeit zu verhindern (in Luxemburg beispielsweise ab 23 Uhr), sie dienen einzig und allein der Verminderung der Mobilität.

Man möchte damit erreichen:

  • dass sich Menschen nicht die ganze Nacht hindurch von einem „Drinnen“ in eine anderes „Drinnen“ bewegen, um sich dort mit anderen Menschen zu treffen,
  • dass gemütliche Abende im privaten Bereich abgekürzt werden müssen, weil man eben vor 23 Uhr wieder zuhause sein muss,
  • und dass sich Menschen (nur hier geht es tatsächlich um den Außenbereich) nicht in Gruppen draußen zum Feiern versammeln können.

Letztlich geht es also darum, dass mit diesen Maßnahmen private Feierlichkeiten mit dem dazugehörigen Alkoholkonsum (und wir wissen wohl alle, dass mit zunehmendem Alkoholkonsum das Einhalten der Abstandsregeln zunehmend schwieriger wird) eingeschränkt werden sollen.

Das alles sorgt übrigens auch dafür, dass eine Ausgangssperre kontraproduktiv wird, wenn sie zu früh beginnt (bei unseren französischen Nachbarn teilweise schon ab 19 Uhr). Denn dann kann die Maßnahme genau das Gegenteil erreichen, dann treffen sich Menschen in Privatwohnungen und bleiben die ganze Nacht, anstelle zusammen zu Essen und dann nach Hause zu gehen. Und dann gibt es doch wieder viel Alkohol und schon beinahe eine Garantie einer Infektion, wenn unter den Gästen eine infizierte Person gewesen sein sollte.

Einen guten Kommentar zum Thema Ausgangs-Sperren finden Sie übrigens hier bei N-TV.

Fazit

Ich hoffe, ich konnte Ihnen in diesem Artikel etwas über Aerosole und Ausgangssperren erzählen, dass Sie bisher vielleicht noch nicht wussten. Und ich hoffe, dass dieser Artikel gleichzeitig erklären konnte, wie schnell es zu Falschmeldungen kommen kann, weil ein Redakteur irgendwo nicht so richtig aufgepasst oder nicht vernünftig recherchiert hat.

Wie Sie aus all dem entnehmen können, ist eine Öffnung der Terrassen wie in Luxemburg mit einem relativ geringen Risiko verbunden (nach Studienlage um die 20-Mal geringer als beim Aufenthalt in Innenräumen). Bei entsprechenden Temperaturen wäre wohl auch eine Öffnung nach 18 Uhr sinnvoll, weil es einen Teil der privaten Abendessen nach draußen verlagern könnte (und solange man auf zu sehr geschlossene Terrassenzelte verzichtet). Auch mit der Ausgangssperre ab 23 Uhr hat man in Luxemburg einen durchaus vernünftigen Weg gefunden.

Genießen Sie also Ihren Aufenthalt auf den wieder geöffneten Terrassen und achten Sie ein wenig darauf, sich von gut geheizten Terrassenzelten fernzuhalten.

In eigener Sache: Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, dann können Sie mir das Schreiben und Recherchieren gerne mit einem Kaffee oder einer kleinen Spende versüßen. Eine Möglichkeit dazu finden Sie auf der Seite Buy me a coffee.

Wie denken Sie darüber? Haben Sie Anmerkungen oder andere Ideen zu diesem Thema? Oder sehen Sie es ganz anders? Schreiben Sie es mir in den Kommentaren.

Claus Nehring

Ich bin freiberuflicher Autor, Journalist und Texter (aka "Schreiberling") aus Luxemburg. Als Informatiker und Statistiker habe ich jahrelange Erfahrung in der Visualisierung und Modellierung großer Datenmengen. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Infektionskrankheiten und publiziere Artikel zu diesem Thema, aus verschiedenen anderen Wissenschafts-Bereichen und aus dem Bereich Internet & Gesellschaft,

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